Shiatsu on Tour

Die radelnde Shiatsu-Praktikerin
Im Sommer 2009 radelte Katja Brudermann von Freiburg aus 5500 Kilometer durch ganz Deutschland. Unterwegs lebte sie von Shiatsu, einer japanischen Massagetechnik. Sie behandelte im Kinderheim und auf dem Musikfestival, im Waschsalon oder auf dem Campingplatz. Aus den zahlreichen Erlebnissen in diesen viereinhalb Monaten ist nun ein Buch geworden. »Von einer, die sich auf den Weg macht« hat die 36-jährige Shiatsu-Praktikerin und Journalistin ihr Reisetagebuch genannt. Hier gibt es eine kleine Kostprobe...
Gott sei Dank. Am Vormittag habe ich Zeit, apathisch im Heinepark zu sitzen und im Stillen über meine müden Beine zu jammern. Die Luft ist schwül, ich fühle mich wie ein Bleikloß in der Kurve. Bis 14 Uhr habe ich Schonfrist. Dann kommen meine »Mitmasseure« und wir beginnen mit dem Aufbau der Massagejurte.
Eine Jurte aufzubauen ist so ähnlich wie Shiatsu zu geben: Man beginnt mit einer sehr groben Vorstellung, wie die Sitzung ablaufen soll. Man hat eine Reihe verschiedener Techniken gelernt und am Anfang noch wenig Ahnung, welche davon man wann und wo brauchen wird. Und dann legt man los - und am Ende ist man erstaunt, wie sich die Sitzung Schritt für Schritt zu einer runden Sache entwickelt hat. In irgend einem Dschinghis-Khan-Film habe ich mal gesehen, wie so eine fertige Jurte aussieht. Ein paar aus der Gruppe haben das Ding letztes Jahr schon einmal hier aufgebaut und erinnern sich mehr oder weniger gut an das Procedere. Ein klarer, durchdachter Bauplan erschließt sich mir nicht, während wir Stangen ineinander stecken und miteinander verhaken, auseinandernehmen und doch anders miteinander verbinden. Und am Ende wird doch - wie beim Shiatsu und im wahrsten Sinn des Wortes - eine runde Sache daraus: das Grundgerüst der Jurte, das jetzt nur noch mit Stoff überzogen werden muss. Leider kommt der Wolkenbruch, bevor das Dach drauf ist. Raphael filmt mit der Videokamera, wie wir im strömenden Regen im Gestänge popeln. Die nasse und am Ende erfolgreiche Aktion schweißt uns und die Jurte zusammen. Am Ende des Tages fühle ich mich schon ganz gut in unsere Kurzzeit-Hippiekommune integriert.
Rudolstadt
Manchmal kommt das Leben anders als man denkt. Von Beginn meiner Reise an war Rudolstadt für mich ein Datum, auf das ich mich sehr lange gefreut habe. Rudolstadt war für mich wie eine Oase. Drei Tage, an denen die Shiatsu-Willigen in Heerscharen von allein zu mir kommen. So habe ich mir das vorgestellt. Es musste wohl so kommen, das ich gerade hier und heute ein waschechtes Formtief habe. Die Gelassenheit, mit der ich an meinen anderen Stationen dankbar die Menschen annahm, die zu mir kamen und die Zeit entspannt anderweitig nutzte, in denen sich keiner behandeln lassen wollte, fehlt mir hier komplett. Es ist schon 15 Uhr, und für meinen Geschmack habe ich entschieden zu wenig gearbeitet. Frustriert sitze ich vor der Jurte, könnte heulen, während meine Kollegen scheinbar strahlend auf jeden zugehen, der vorbeikommt, und mir einen potenziellen Shiatsu-Kunden nach dem anderen vor der Nase wegschnappen.
Das ist nicht meine Baustelle hier. Ich habe mich daran gewöhnt, an absurden Orten zu sein - dafür aber mit meinem Shiatsu-Angebot allein auf weiter Flur. Hier bin ich eine unter vielen, will etwas »loswerden«, was es hier eindeutig im Überangebot gibt. Das mag ich nicht. Meine Bedürfnisse schwanken zwischen, schreien, heulen und wegrennen - oder die vorbei strömenden Heerscharen mit dem Lasso einfangen und zwangsbehandeln. Oder mich einfach apathisch hinlegen. Blues. Ich bin nicht eins mit mir. Auf der einen Seite bin ich frustriert, dass sich niemand von mir behandeln lassen will; auf der anderen Seite habe ich auch gar keine Kraft dazu, fühle mich ausgelutscht und erschöpft. Ein Teil von mir will selbst ausgiebig massiert werden, ein anderer Teil sperrt sich dagegen und sagt: Ich bin nicht hier, um massiert zu werden, sondern um selbst zu arbeiten, verdammt! Aber es hilft ja nix. Was sich ergibt, sind die Massagen von uns Jurten-Bewohnern untereinander. Und die tun mir trotz meiner inneren Unruhe gut. Oder gerade wegen derselben. Wir sitzen also vor der Jurte und kneten abwechselnd aneinander herum. Diese kurzen Massagen haben für mich etwas von Kennenlerngesprächen. "Und Wie geht's euch? Was habt Ihr so erlebt?" fragen mich die Hände meiner Kollegen. So kennen gelernt zu werden, hat was. Am Nachmittag tauchen doch noch ein paar shiatsuwillige Festivalbesucher auf, und am Abend hebt sich meine Stimmung wieder ein wenig.

Behandlungen
Einen Kaffee und ein paar Brötchen lang haben wir alle Zeit, zu uns zu kommen; dann ist Action angesagt: Die Jurte muss nun von einer Schlafhöhle in eine Massagejurte mit vier ansprechenden Kabinen verwandelt werden. Zum Glück haben die anderen Masseure jede Menge Tücher, Felle, Blumen und sonstige Deko-Materialien mitgebracht. So lässt das Innenleben der Jurte um halb zwölf vom nächtlichen Chaos tatsächlich nichts mehr erkennen. Mein Beitrag zur heimeligen Atmosphäre besteht darin, mein Geraffel möglichst klein zusammen zu knautschen und unter Tüchern am Rand der Jurte zu verstecken. Zudem richte ich noch einen Arbeitsplatz aus übrig gebliebenen Decken und Planen im Schatten neben der Jurte ein. Dann strömen die verspannten Festivalgäste in die Jurte und für mich heißt es: Shiatsu in allen Lebenslagen.
Ich behandle einen Mann, der stark humpelt, sehr ungepflegt ist und ein vernarbtes Gesicht hat. Es kostet mich Überwindung, ihn zu berühren. Doch als meine Hände auf seinem Bauch liegen, ist aus der skurrilen Gestalt ein Mensch geworden, dem meine Berührung genauso guttut, wie jedem anderen, vielleicht sogar noch mehr. Ich kann förmlich zugucken, wie sich seine Gesichtszüge immer mehr lösen. Ich blende einen stinkenden Pullover und eine verdreckte Hose aus und treffe einen Menschen, der mir länger als viele andere im Gedächtnis bleibt. Shiatsu ist für mich eine Methode, die besonderen und die liebenswerten Seiten meiner Klienten wahrzunehmen und zu berühren. Mein Gefühl sagt mir, dass dieser Mensch viel zu oft als verlottert abgestempelt und entschieden zu selten so wahrgenommen wird, wie meine Hände es in dieser Stunde tun. Umso intensiver erleben wir beide diese Stunde.
Ich behandle eine Frau auf einer Decke, auf der Wiese unter einem Baum im Schatten. Was ich nicht registriert habe: Direkt neben meiner Decke sind ein paar Parkbänke. Kaum beginne ich die Sitzung, mischt sich zu den drei verschiedenen Konzerten aus drei Richtungen ein Gespräch über die Qualität von Butterstullen im Allgemeinen, in deftigem, sächsischem Tonfall, direkt von den Parkbänken neben mir. Dazu Kauen und Schmatzen. Ich fühlte mich wie das Fernsehprogramm im Wohnzimmer einer Familie. Heute live-Shiatsu, während Mama, Papa und Kinder ihre Butterstullen kauen. Ich muss eine Weile schmunzeln, bis auch das Butterstullengekaue seinen Platz im allgemeinen Geräuschpegel findet und ich mich wieder auf mein Tun konzentrieren kann.
Steffen vom Nachbarstand meldet sich für eine Stunde an. Er verkauft selbst gemachte Obstweine. Er erzählt, dass er auf Hof Töpferberge lebt - einem Wwoof Hof in Brandenburg, gemeinsam mit ein paar anderen Leuten. Ich werde hellhörig - Brandenburg? Da werde ich doch auch noch lang radeln! Vorsichtig frage ich, wie es dann bei ihm auf dem Hof Töpferberge mit Shiatsu-willigen Menschen und Gästematratzen aussehe? »Komm vorbei!« sagt Steffen, »Ruf nur ein paar Tage vorher an, wann du kommst.« Cool, eine neue Station auf meiner bislang noch recht ungeplanten Route durch den Norden Deutschlands!
Ich komme nach einem kurzen Ausflug ins wilde Festivalleben aus dem Tanzzelt zurück zur Jurte, weil ich schlafen will. Vor der Tür lauert mir ein rückenschmerzgeplagter Mann auf, der unbedingt eine Massage haben will. Eine volle Stunde bitte, mindestens. Ja, ist der noch ganz bei Trost??? Ich gebe ihm ein zehnminütiges Notfall-Shiatsu und schicke ihn nach Hause. Ein unangenehmer Mensch, der nicht aufhören kann mich darauf hinzuweisen, dass mir gerade das Geschäft meines Lebens durch die Lappen geht. Er hätte mir ja auch mehr bezahlt. »Idiot! Denke ich. Mein Schlaf ist zumindest nachts um zwei unbezahlbar!« sage ich. Sei's drum, nach einer viertel Stunde verlässt er den Ort des Geschehens, und ich habe meine Ruhe. Gute Nacht.
Hof Töpferberge
Ich bin in einem kleinen Paradies gelandet. Der Hof liegt am Ende der Welt; genauer gesagt am Ende der leidigen Kopfsteinpflasterstraße, über die ich gestern noch geflucht habe. Hof Töpferberge ist ein altes Gutshaus, dem man nicht mehr ansieht, dass es vor sechs Jahren, als seine heutigen Bewohner es übernommen haben, noch ziemlich baufällig aussah. Heute ist das Hauptgebäude strahlend orangerot angestrichen. Nur die Scheune lässt vermuten, dass noch so einige Bauarbeiten anstehen. Auf dem Hof leben drei Familien, Künstler und Handwerker in wechselnder Besetzung. Mein Zuhause ist ein Tipi etwas abseits vom Hof.
Am Nachmittag gehe ich für zwei Stunden mit ins Kräuterbeet. Ich helfe beim Unkrauthacken und beim Aufsammeln von Kartoffelkäfern im Tollkirschenfeld. Die Arbeit mit der Hacke ist für mich als Agraringenieurin ziemlich vertraut, und doch ist mir klar: In diesem Sommer bin ich nicht zum Unkrauthacken, sondern zum Shiatsu-Geben unterwegs. Mir scheint, im Shiatsu habe ich das gefunden, was ich eigentlich auch schon in der Landwirtschaft gesucht habe: Die Arbeit mit den Händen. Doch Unkrauthacken hat doch etwas Mechanisches im Vergleich zum Shiatsu. Beim Hacken erwische ich mich dabei, immer nachzusehen: Ist die Reihe bald zu Ende? Wie spät es wohl ist? Beim Shiatsu muss ich nur auf die Uhr gucken, um das Gefühl für Raum und Zeit nicht völlig zu verlieren. Shiatsu ist eine Arbeit mit den Händen, die ich mir nicht abwechslungsreicher, interessanter, erfüllender vorstellen kann. Es geht nicht darum, etwas schnell fertig zu kriegen, sondern zu spielen, zu entdecken, etwas wie einen Tanz zu kreieren und zu staunen, wie jeder Tanz seine eigene Dynamik entwickelt. Hacken ist für mich so eine Tätigkeit, die tendenziell immer langweiliger wird, je länger ich sie tue. Ich kann mich dabei unterhalten oder meinen Gedanken nachgehen. Ich bin draußen an der frischen Luft und bewege mich. Doch meine Faszination für die Tätigkeit als solche hat im Verlauf meiner Karriere als Agraringenieurin doch eher abgenommen. Beim Shiatsu ist es genau andersrum. Je länger ich praktiziere, umso mehr Feinheiten nehme ich wahr, die sich zwischen mir und meinen Klienten abspielen. Das Behandeln wird von Mal zu Mal interessanter.
Shiatsu ist für mich ein Weg, auf dem ich Schritt für Schritt mehr begreife, was das Leben für mich eigentlich ausmacht. Shiatsu dient der Entspannung und kann zugleich heilend sein. Es ist eine Kunst, und zugleich geht es darum, absichtslos zu sein. Beim Behandeln sind meine Hände verspielt und fragen nicht nach dem Sinn dessen, was ich tue - und vielleicht habe ich gerade deshalb das Gefühl, mich dem eigentlichen Sinn des Lebens anzunähern. Im Shiatsu sehe ich eine Möglichkeit, die Vielseitigkeit und die Widersprüchlichkeit des Lebens doch irgendwie unter einen Hut zu kriegen.
Katja Brudermann
Das Buch
- »Von einer die sich auf den Weg macht. Ein Reisetagebuch« 276 S. + 16 S. Farbfotos, erschienen im Eigenverlag,
Freiburg 2010, für 13,50 € erhältlich bei der Autorin: Tel: 0160-90232885,
Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
Internet: www.shiatsu-ontour.de
In einigen Shiatsuschulen liegt das Buch aus.





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