Aikido - ein Weg jenseits des körperlichen Aktivismus
Artikel - Lebenskunst/Weisheit

Zen: Liebesfähigkeit, Gesundheit und festen Boden unter den Füßen
© Barbara Eckholdt pixelio.de
Glück heißt, im Flow zu sein
»Die Samurai gehören der Vergangenheit an«, meint der Aikido- und Zen-Lehrer
Gerhard Walter. Doch ist die von ihnen praktizierte Kunst des Wettkampfs für Westler, die unlebbare Trennungen und Widersprüchlichkeiten in ihrem Leben aufheben wollen, sehr attraktiv geworden. Die Besinnung auf unsere ursprüngliche Ganzheit, auf unsere Integrität und auf unser auf den Augenblick bezogenes, zeitloses Dasein kann durch diese Bewegungskunst wieder entdeckt werden. Es geht dabei also nicht primär um das Erlernen von Kampftechniken, sondern darum »Liebesfähigkeit, Gesundheit und festen Boden unter den Füßen zu haben«. Es geht nicht darum, sich unverwundbar und unbesiegbar zu machen, sondern darum, die uneingeschränkte Fülle des eigenen Selbst und jedes einzelnen Lebensaugenblicks zu erfahren.
Bewegung führt nicht nur zur Beweglichkeit, sondern im Idealfall zu einem optimalen Zustand, den man als Flow bezeichnet. Dieser wird in etwa so beschrieben. Man fühlt sich vollkommen eins mit seinem Tun. Immer mehr Menschen suchen die unwirtlichsten Plätze unseres Planeten auf, sie springen – nur an Gummibändern hängend – von Brücken, stürzen sich in bodenlose Gletscherspalten, irren in unterirdischen Tunnellabyrinthen umher, nur um sich selbst zu finden. Sie agieren außen, um die trennenden Barrieren innen zu überwinden.
Seit einiger Zeit weisen Psychologie und Neurophysiologie vehement darauf hin, dass dieser mentale Zustand des Flow, ein weicher und fließender Geist, auch unseren Alltag berührt, dass er identisch ist mit dem Erleben von Glück. Die Bedeutung derartiger Erfahrungen zeigt der Neurophysiologe und Erkenntnistheoretiker Maturana, wenn er in »Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers« schreibt: »Der Mensch ist fähig zu erkennen, diese Fähigkeit setzt jedoch seine biologische Integrität voraus«. Und der sich selbst als Grenzgänger bezeichnende Reinhold Messner schreibt: »Ich habe nie so weit und so klar denken können wie beim Marsch durch die Antarktis. Viel weiter als in der Stadt, wo meine Gedankenwelt von Häusern umstellt ist, von Regeln, Paragraphen, Konventionen. Das Gehen, das Leben in der Eiswildnis entspricht der Meditation. Es macht leer. Die Gedanken werden klar. Plötzlich strömen mir von außen Energien zu, Ideen, Kraft. Ich betrachte mich aus Distanz. Und Distanz zu sich selbst ist Grundvoraussetzung für starke Entscheidungen.«
Der Augenblick als »Medizin«
Messner spricht auch von der Begeisterung und davon, »die daraus resultierende Begabung der Selbstmotivation, mit der bestimmenden Dimension, Seele, Geist und Körper in der Erfahrung vollkommener Präsenz zusammenzuführen«. Das klingt nur auf den ersten Blick gut, denn es zeigt die Abhängigkeit von den Umständen. Die Umstände sind Schuld, wenn wir nicht klar und offen sind. Hinzu kommt der fatale Irrtum, dass wir etwas zu integrieren haben.
Tatsächlich aber leiden wir nicht an einer realen Trennung oder Gegensätzlichkeit, denn Trennung und Gegensätzlichkeit gibt es nur in unserer Vorstellung. Die Wirklichkeit, das heißt: der Augenblick – ist fähig, alle unsere Vorstellungen zu relativieren. Deshalb sagt man im Zen, dass der Augenblick Medizin ist. Richtig verstanden meint dies nicht eine Annäherung an die Ganzheit, sondern ein Überwinden der Illusion von Getrenntheit.
Das universelle Bewusstsein
Es gibt Denken und Nichtdenken. Ein und derselbe Mensch denkt oder denkt nicht, wie Wasser, das sich mal bewegt und das mal still ist. Unser Bewusstsein sollte im Idealfall gleichermaßen die Erfahrung des Denkens wie des Nichtdenkens umfassen. Nur stilles Wasser spiegelt die Wirklichkeit, wie sie ist, nur in der Stille erkennen wir unser Einssein mit dem Gespiegelten. Dank des Denkens können wir unterscheiden, dank des Nichtdenkens bleiben wir verankert in der sinnlichen Wirklichkeit. Ein Bewusstsein, das weder im Denken noch im Nichtdenken zentriert ist, ist universell. Wäre es zentriert im Nichtdenken, wäre es dumpf und lebensunfähig, zentriert im Denken aber ist es verloren in jene Gegensätzlichkeit, die Sprache ausmacht. Es geht also weder um Denken, noch um Nichtdenken, sondern um die Wiedererlangung unserer ursprünglichen Identität, die unterhalb unseres Empfindens von Gegensätzlichkeit unverlierbar existiert.
Paradise now
Wir streben nach Glück, Präsenz, Offenheit, ohne jedoch jemals das Gefühl zu haben, endgültig angekommen zu sein. Wir sehen uns zwar ständig auf dem Weg der Annäherung, doch letztlich bleiben diese Ziele getrennt von diesem Augenblick. Im Gegenteil – »angekommen« oder »fertig« zu sein, kommen uns wie Anmaßungen vor, und die Behauptung, dass es in dieser Angelegenheit nichts zu tun geben soll, bleibt vollkommen unverständlich. Tatsächlich aber sind wir vom Ursprung her offen, selbstbewusst, sinnlich, effektiv, und so weiter. Ein verspannter Mensch ist ein entspannter Mensch, der sich verspannt. Ein ineffektiver Mensch ist ein effektiver Mensch, der sich selbst im Weg ist. Wir müssen uns also nicht öffnen, sondern nur damit aufhören, uns zu verschließen. Es ist unsinnig, Stärke anzustreben, wenn wir nicht damit aufhören, uns selbst zu schwächen, sonst ist unser Handeln wie ein Schwimmen gegen den Strom. Diese Widersprüchlichkeit ist jedoch weitgehend unsichtbar, weil sie normal ist.
Eigentlich ist es unspektakulär, dass wir mit dem Kraftaufwand, mit dem wir mit einem Taschentuch winken, einen starken Menschen umwerfen können. Wir sind reine Energie, reine Intuition. Das Normale, das was wir kennen, ist das Potenzial von Menschen, die sich selbst im Weg sind. Das schließt ausdrücklich die rationalen Fähigkeiten mit ein. Ratio und Intuition bilden nur im Denken Gegensätze.
Ein Karate-Meister nannte »richtiges Stehen«, »richtiges Gehen«, »richtiges Atmen« als Geheimnis des Karate. Morihei Ueshiba, der Begründer des Aikido, bezeichnete natürliche Bewegung als das Geheimnis der Effektivität. Richtiges Stehen ist schon eine großartige Sache, doch noch besser ist es, eins zu sein mit sich selbst und diesem Augenblick. Wer sich selbst realisiert, der ist jenseits von richtig und falsch, wo ist da noch die Gefahr, seinen Mittelpunkt zu verlieren? Jenseits von richtig und falsch ist der negative Zustand aufgehoben, der »positives Denken« nötig erscheinen lässt. Die Frage nach dem Alter oder der Begabung stellt sich damit nicht mehr. Jede Frau, jeder Mann ist fähig zu natürlicher Bewegung. Der mentale Zustand des Flow steht für das Einssein mit sich selbst, für Offenheit und Präsenz.

Zen:Schulung in Kontemplation
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Aikido-Zen
Aikido wird zur Gruppe der japanischen Kriegskünste (Budo) gezählt, deren ursprüngliches Ziel darin bestand, den Samurai zu befähigen, sich selbst am Rande des Abgrunds von Leben und Tod noch frei bewegen zu können. Da hierfür eine Schulung des ganzen Menschen notwendig war, kam es in der Kamakuraperiode (1185-1333) zu einer Annäherung der Samurai an den Zen-Buddhismus, dessen kontemplative Schulung auch eine Auseinandersetzung mit dem Tod beinhaltet. Die absolute Dimension des Aikido, die den Menschen zur Ergründung seiner ursprünglichen Identität führt, hat im Zen ihre Wurzeln. Die Samurai gehören der Vergangenheit an, die Besinnung auf unsere Integrität jedoch ist heute notwendiger denn je. Freiheit, Offenheit und Selbstvertrauen, aber auch Durchsetzungsvermögen, Intuition und Kreativität haben heute einen weitaus höheren Stellenwert als die Idee des Wettkampfes. Liebesfähigkeit, Gesundheit und festen Boden unter den Füßen zu haben, zählen mehr als bloßer körperlicher Aktivismus. Als Morihei Ueshiba (1883-1969) den spirituellen Aspekt zu einem zentralen Anliegen der Verteidigungskunst machte und jegliche Militanz und Gewalt ausgrenzte, entstand ein neues Budo. Der von ihm verwendete Name Aikido spricht demgemäß vom Einssein mit dem Ganzen. Immer wieder warnte Ueshiba vor einem falschen Verständnis des Aikido und bezeichnete das an Macht und Wettkampf sich orientierende Budo als eine Angelegenheit für »verbogene Menschen«. »Budo ist weder ein Werkzeug, die Welt mit Waffen in die Destruktion zu führen, noch dient es dazu, Angreifer niederzuschlagen. Wahres Budo ist es, mit dem Geist des Universums in Einklang zu sein, wahres Budo ist Liebe« (M. Ueshiba). So verstanden, sind die fließenden Bewegungen des Aikido eine beständige Chance für den Übenden, sich selbst im Zentrum der Bewegung zu finden.Körper»beherrschung« bedeutet Scheinsicherheit
Oft vermuten Anfänger, Aikido und Meditation seien Techniken, um Körper und Geist zu kontrollieren oder zu beherrschen, doch das ist ein Irrtum. Auf Körperbeherrschung lässt sich wegen der damit verbundenen Selbstunterdrückung nur eine Scheinsicherheit aufbauen. Angst und Destruktion lassen sich mit den Mitteln der Kontrolle nicht auflösen. Genau wie in der Liebe geht es im Aikido und in der Meditation um die Einheit des Menschen und die Entfaltung seiner physischen wie spirituellen Möglichkeiten. Liebe in die Welt zu bringen, ist unsere göttliche Dimension, Gewalt dagegen ist ein Zeichen von Unfreiheit. Es ist eine Tatsache, dass Gewalt gegen andere sich immer auch gegen uns selbst richtet, und dass Liebe für andere nicht möglich ist ohne Liebe zu uns selbst. Diese Herausforderung ist total. Wir müssen alles geben, um alles zu gewinnen. Alles - das meint höchste Individualität und grenzenlose Identität! Wir sind eins mit jedem Staubkorn im Weltall. Das Göttliche und das Profane berühren sich nicht: Sie sind eins.Glück und Leid, beides gilt es loszulassen
Menschen leiden ebenso an der Verdrängung des Leids wie an den hilflosen Versuchen, Glück festzuhalten. Festhalten wie Verdrängen sind Aktivitäten, die Leid vermehren und Präsenz verhindern. Verdrängung ist das Bemühen, uns in einem Prozess der Rationalisierung von unserem Körper, den Gefühlen und der Sinnlichkeit abzuspalten. Diese Ausgrenzung ist nichts anderes als eine Eingrenzung unseres Geistes in einen Käfig, den wir Verstand nennen. In Folge dieser Einseitigkeit beziehen wir unser Selbstbewusstsein nicht mehr aus der ganzen Fülle unseres Seins, sondern lediglich aus der Reduziertheit des abstrakten Denkens. Dabei verlieren wir die Offenheit für das Neue und für den Augenblick und bemerken nicht, dass Glück weniger in einem bestimmten Umstand seine Ursache hat, als vielmehr in der Tatsache, dass wir für einen begrenzten Zeitraum die immer vorhandene Zeitlosigkeit des Augenblicks erleben. Der adäquate Umgang mit Glück wie mit Leid aber ist der des Loslassens. »Wenn du keine Zeit hast, mache einen Umweg« heißt es im Zen. Dieser Umweg ist im Aikido der, ein vordergründiges Ziel zurückzustellen und stattdessen den ganzen Menschen einzubeziehen. Obwohl Aikido heute ebenso wie zur Zeit der Samurai zur optimalen Verteidigungsfähigkeit führt, muss man doch erkennen, dass Präsenz sich selbst genügt. Wie der Zen-Bogenschütze sich darin schult, auf die Unendlichkeit zu zielen und mit dem Geist der Absichtslosigkeit sicher die Scheibe trifft, so müssen wir im Aikido Selbst und Selbstverteidigung fallen lassen, um zu einer umfassenden Präsenz zu gelangen.Eins sein
Was man im Aikido lernt, ist gleichermaßen eine Technik wie auch die Fähigkeit, ganz und gar eins zu sein mit seinem Tun. In diesem Einssein liegt der Schlüssel zum Alltag, es sprengt die Begrenzung der Übungshalle und macht die ganze Welt zum Dojo (Halle). Eins zu sein mit dem Aikido heißt, die Verteidigungstechniken zu studieren und derart zu verinnerlichen, dass am Ende natürliche Bewegung übrigbleibt. Es geht also weder darum, stärker und besser zu sein als andere, noch um Unverwundbarkeit und Unbesiegbarkeit, sondern allein um das, was man Erleuchtung nennt. Erleuchtung aber ist nicht die letzte und höchste Stufe auf einer Leiter des Fortschritts, sondern das Eintauchen in die Zeitlosigkeit des Augenblicks. Es ist, wie
Lao Tse schrieb: »Weil der Weise sich selbst vergessen kann, wird sein Selbst verwirklicht«.






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