Auf der Suche nach der unernsten Wahrheit Teil 3
Artikel - Lebenskunst/Weisheit

Dr.
Roland Schutzbach auf den Spuren
einer unernsten Spiritualität
Hat die indische Spiritualität ausgedient?
Dr. Roland Schutzbach denkt nach über indische und westliche Spiritualität. Gibt es überhaupt eine westliche Spiritualität? Oder ist der westliche Mensch kollektiv abgestürzt in einseitigen Materialismus?
Erleuchtung im Gefängnis
Ich habe mich bereits in meiner Jugend mit indischer Spiritualität befasst.
Einer meiner großen Inspiratoren war Sri Aurobindo. Er lebte etwa zur
selben Zeit wie Gandhi und studierte wie dieser in England. Nach seiner Rückkehr
nach Indien wurde er zum politischen Revolutionär gegen die Herrschaft
der Engländer. Als einer der führenden Revolutionäre wurde er
für ein Jahr ins Gefängnis geworfen - und dort ereilte ihn die Erleuchtung!
Die Götter Krishna und Shiva erschienen ihm, und Aurobindo erfuhr eine
völlige Umwandlung der Persönlichkeit.
Nach dieser Erfahrung floh Aurobindo nach Pondicherry in Südindien - eine
französische Enklave, in der er vor den Engländern sicher war. Er
gründete seinen Ashram, der später unter dem Namen Auroville berühmt
werden sollte. Aurobindo blieb für 25 Jahre im selben Zimmer und schrieb
seine Bücher. Wir sehen hier eine Verwandtschaft mit Swamiji, der sich
in seine Höhle zurückzog (das Gefängnis und später das Zimmer
Aurobindos).
Später kam die Mutter nach Auroville, aus dem Westen. Sie
leitete zusammen mit Aurobindo den Ashram. Die beiden sind eines der wenigen
Beispiele für ein spirituelles Paar von diesem Kaliber. Nach Aurobindos
Tod führte die Mutter den Ashram noch über 20 Jahre.

Hat Indien als spirituelle Quelle ausgedient?
© Peter Schütz pixelio.de
Nur die Inder haben im letzten Jahrhundert solch herausragende spirituelle
Persönlichkeiten hervorgebracht: Gandhi, Aurobindo, Osho, Tagore und viele
mehr. Sie schöpften einen Teil ihrer Inspiration aus der Auseinandersetzung
mit dem Westen.
Unser Swamiji ist ein weiteres Beispiel der Befruchtung, die von der Begegnung
mit dem Westen ausgeht. Diesmal haben wir das Glück, live dabei zu sein
und heraus zu spüren, was die Essenz von Spiritualität in der Auseinandersetzung
von Ost und West heute sein könnte.
Gibt es eine westliche Spiritualität, verglichen mit diesen indischen Titanen? Ist nicht der Westen seit Jahrhunderten abgestürzt in Materialismus, Profitdenken, Dualismus, Negativität? Sind die Versuche der heutigen westlichen spirituellen Bewegung nicht ohnmächtige Anstrengungen, die zum Scheitern verurteilt sind? Ist der Westen noch zu retten?
Jean Gebser, der bedeutende Kulturphilosoph, hat vor rund 40 Jahren Reisen nach Indien und Japan unternommen, um diesen Fragen nachzugehen. Interessanterweise kommt er zu dem Schluss, dass der nächste Schritt in der Bewusstseinsentwicklung aus dem Westen kommen wird.
Wir äußern in unserem morgendlichen Gespräch ähnliche Vermutungen: Es könnte sein, dass der westliche Geist, unbeschwert und losgelöst von jahrtausende alten Traditionen, den direkten Sprung von der Trennung in die Einheit schafft. Vom sinnlosen Nichts ins erfüllte Nichts, vom dualistischen Denken in die monistische Intuition. Das wäre doch was?
-Dr. Roland Schutzbach






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