Die polyamoröse Beziehung – kann das funktionieren?
Artikel - Lebenskunst/Weisheit

Ohne Vertrauen geht nichts © Bulyga pixelio.de
Ich liebe dich und dich und dich ...
Anhand der aus Indien stammenden Theorie der sieben Chakras (Energiezentren im Körper), nennt die Heilerin Sabine Orna Schneider hier, was wir ihrer Ansicht nach brauchen, um »den heiligen Raum der Sexualität« zu betreten insbesondere dann, wenn wir mehrere Menschen lieben und mit ihnen intim sein wollen.
Manche Abbildungen hingebungsvoll verschmolzener Paare und sogar mehrerer
Menschen in sexueller Vereinigung aus östlichen Kulturen lassen uns träumen
und fragen: Wie kann das gehen?
Viele von uns im Westen haben die sexuelle Befreiung aus prüder Vergangenheit
erlebt, haben sich Gruppensex erlaubt, offene Beziehungen und manche auch Tantra,
meistens Neo-Tantra. Auch wenn wir uns in einer sexuellen Begegnung der spirituellen
Dimension diese Begegnung bewusst sind, muss uns klar sein, dass wir dabei mit
unseren Triebkräften spielen.
Die Kraft des Wurzelchakras
Unsere Triebkraft, die Kraft des Wurzelchakras, ist die stärkste Kraft in unserem System. Sie kann Leben initiieren, sie kann aber auch töten. Schließlich geht es auf dieser Ebene auch um Fortpflanzung, ums Überleben. Sie aktiviert sofort auch unsere Schattenaspekte wie Neid, Eifersucht, Konkurrenz. Wenn wir also in eine sexuelle Beziehung mit mehr als einer Person gehen, überfordert das leicht den heiligen Raum. Im Raum der heiligen Sexualität müssen die Schattenaspekte ja genauso zugelassen sein, wie die Kraft der Liebe. Wenn wir das unbewusst tun, besteht deshalb dabei eine große Gefahr, einander zu verwunden. In so mancher mehrgleisig gelebten Paarbeziehung geschieht das auch über Jahre hinweg. Meistens werden Hass und Eifersucht dabei vor sich selbst und voreinander geleugnet. Eifersucht wird als unzulässig angesehen oder als moralisch schlecht und deshalb verborgen oder verdrängt und erweist sich dann als schleichendes Gift.

© Carina Döring pixelio.de
Verpflichtung
Wenn wir aber Eifersucht als biologische Programmierung ansehen und sie annehmen
können als das, was sie ist als Eifersucht eben dann ist
in diesem Bewusstsein auch Sexualität mit mehr als einem Partner möglich.
Dann können wir Beziehungen eingehen, die nicht polygam sind (Austauschbarkeit
der Triebenergie), sondern polyamourös (Austauschbarkeit der Liebesenergie).
Voraussetzung hierfür ist, dass wir eine verpflichtende Beziehung eingehen,
bei der wir einen offenen und respektvollen Umgang pflegen. Das Haupt-Augenmerk
ist hier auf die gegenseitige Liebe und Wertschätzung gelegt, dann erst
kommt die sexuelle Intimität. Da wir im Westen in der Regel nicht die »sexuelle
Bildung« haben wie in einem tibetischen Kloster und auch nicht unser Leben
dem Weg der Heiligen Sexualität gewidmet haben, müssen wir hier und
jetzt im modernen Kontext diesen geschützten Raum durch etwas anderes ersetzen.
Meistens ist das die Verpflichtung zur Ausschließlichkeit zwischen den
Partnern. Das heißt, dass keine sexuelle Intimität außerhalb
der Beziehung gelebt wird.
Verbindung auf mindestens vier Ebenen
Wie sehr wir auf dieses Geländer angewiesen sind, habe ich immer wieder
in offenen Tantra-Gruppen erlebt. Wenn etwa bei der Partnerwahl die ewig schwierige
Frage, wer mit wem ein Ritual macht, übergangen und der »Zufälligkeit
in der Pause« überlassen wird. Oder wenn womöglich sogar die
Energie von Gruppensex oder auch Missbrauch durchschlagen.
Hier sind für mich die alten tantrischen Lehren Indiens ein guter Wegweiser,
die besagen, dass eine Verbindung auf mindestens vier der sieben Chakraebenen
nötig ist. Wenn wir den Frequenzen der einzelnen Chakren auch Lebensbereiche
zuordnen, so können wir z.B. sagen, dass ein Paar, welches miteinander
lebt, im ersten Chakra verbunden ist. Ein Paar, das miteinander Sex hat, ist
im zweiten Chakra miteinander verbunden. Ein Paar, das eine klare Verpflichtung
zueinander hat, z.B ein Eheversprechen, ist im dritten verbunden. Wenn sie miteinander
sprechen, im fünften (Kommunikation). Wenn sie sich wahrhaftig lieben im
vierten, dem Herzen, und wenn sie eine gemeinsame spirituelle Praxis haben,
im sechsten . Hier wird schnell deutlich, dass wir, wenn wir heilige Sexualität
leben wollen, zu den aufwühlenden Kräften des ersten und zweiten Chakras
auf jeden Fall die Verbindung auf der Herzensebene brauchen. Und das sind erst
drei! Also ist auf jeden Fall klar, dass es zumindest auch die Verpflichtung
für das Ritual braucht. Es heißt ja auch, man »heiratet«
für das Ritual. Wir begegnen dabei jedem Partner so, als wäre er unser
Lebenspartner und lassen ihm entsprechend unsere Wertschätzung und unseren
Respekt zukommen. Um die wundervolle Versenkung und Verzückung in der Verschmelzung
zu erreichen, die ich eingangs angesprochen habe, müssen wir wohl die Verbindung
auf allen Ebenen anstreben.
Vorsicht vor Verleugnung!
Das bringt uns wieder zurück zur polyamorösen Beziehung. Hier braucht
es also weitere Ebenen der Verbindung. Vor allem die der Kommunikation. Wenn
also hier ein ehrlicher Austausch gelingt, ich mich meinem Partner mit allen
meinen Gefühlen zeigen kann, auch den unangenehmen, dann geschieht tiefe
Nähe. In polyamorösen Beziehungen mit mehreren Personen kann dies
eine Möglichkeit sein, auch sexuell miteinander wirklich intim zu sein.
Wenn hier der Liebe und der Offenheit der hauptsächliche Raum gegeben wird,
kann tatsächlich eine weitere Dimension erschlossen werden: die Intimität
mit einer ganzen Gruppe.
Vorsicht aber vor Verleugnung! Wenn ich denke: »Wenn ich ihm/ihr nur alles
erzähle (was ich so außerhalb alles treibe), dann ist es schon gut.«
Oder: »Sie weiß ja, dass ich zum Tantra gehe, will aber selbst nicht
mit«, dann führt das in die Irre. Meistens ist der Wunsch nach weiteren
Partnern eine Entschuldigung, sich nicht mit dem eigenen Partner auseinanderzusetzen.
Und auch nicht mit den eigenen Schatten!
Die zwei Prinzipien
In den traditionellen östlichen Liebesschulen, wo eine relativ unpersönliche
Austauschbarkeit des Partners praktiziert wird, geht es nicht um persönliche
Begegnung zweier Menschen, sondern zweier Prinzipien: männlich und weiblich,
Yin und Yang, Shiva und Shakti. Dort soll dies Verhaftungen und Ablenkungen
vom eigenen spirituellen Weg vermeiden.
Hier und jetzt bei uns ist die potenzielle Austauschbarkeit wegen dem genauen
Gegenteil wichtig: In jedem Mann suchen und finden wir immer nur das Männliche
an sich; so können wir in der Begegnung mit einem Mann allen Männern
begegnen. Das Gleiche gilt für das Ur-Weibliche, das der Mann in einer
Frau sucht und findet. So können wir also jeden Mann, jede Frau in dem
einen, der einen erkennen. Der Weg in diese hingebungsvolle Einheit ist nach
meiner Erfahrung Präsenz und Achtsamkeit. Die Bereitschaft, auch Trauer,
Wut, Angst oder Scham zu fühlen und zuzugeben. Sich damit zu zeigen und
mitzuteilen. Das ermöglicht erst die Herzensliebe, die sagt: Ich liebe
dich! Nicht weil du schön bist, sondern weil du bist. Weil du Licht und
Schatten bist, so wie ich.
-Sabine Orna Schneider
Sabine Orna Schneider arbeitet im Vertrieb pflanzlicher Arzneimittel in München, darüberhinaus als Heilerin und Leiterin tantrischer Heilseminare.






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