Humor ist Freiheit und Weite
Artikel - Lebenskunst/Weisheit

© Hans-Georg Pflümer pixelio.de
Humor ist Freiheit und Weite
Alaaf und Helau unter Karnevalsmützen. Tschunkel-Schlager auf dem Münchner Oktoberfest. Comedy-Boom in Fernsehen. Schmalspur-Sketche am Fließband. Fäkalhumor in den Hollywood-Komödien mit Benn Stiller und Adam Sandler. Der gängige Flachsinn im Humor-Business hat nicht nur dem Ruf einzelner Komiker und Comedy-Sendungen, sondern dem Nimbus des Komischen überhaupt geschadet. Lachen ist so betrachtet nichts als ein Ventil der Volksbelustigung, geschaffen für diejenigen, die nicht feinfühlig genug sind, die Plattheit der populären Witzkultur zu hinterfragen. Kennzeichen des Weisen und Intelligenten wäre demnach ein klarsichtiger »heiliger« Ernst. Oder?
1. Teil: Humor und Gesundheit
Schon Aristoteles wusste, dass die Fähigkeit zu lachen von allen Lebewesen allein dem Menschen zukommt, dass es also das Lachen ist, das ihn eigentlich erst zum Menschen macht. Ähnlich wie die Liebe gehört das Lachen zu den scheinbar »gewöhnlichsten« und populärsten Phänomenen der Welt, während es auf der anderen Seite die Sphäre des Heiligen und Göttlichen berührt. »Lachend taucht der Mensch in ein Gefühl von Zeitlosigkeit ein und erfährt die Freude der Gegenwart im Augen-Blick«, heißt es auf einer Webseite der Lachbewegung Deutschland. Lachen erzeugt schon körperlich eine bioenergetisch wirksame Vibration, die Blockaden auflöst und Energieströme befreit. Lachen untergräbt die einseitige Identifikation mit dem Ego und seinem auf würdevollen Ernst programmierten Charakterpanzer.
In allen diesen Punkten ähnelt das Lachen wiederum der Liebe. Daher unterliegen das Lachen wie die Liebe besonders der Gefahr, von moralischen und politischen Zwangssystemen verfolgt zu werden. Wer lacht (und wer liebt), ist weitgehend immun gegen die hypnotische Wirkung der gesellschaftlich erwünschten Leitbilder Erfolg, Leistung, Disziplin und Macht. Es gibt keine psychosomatische Gesundheit ohne Freiheit in einem ganzheitlichen Sinn: als emotionale und sexuelle, als geistige und politische Freiheit. Und es gibt in diesem umfassenden Sinn nichts Befreienderes als das Lachen.
»Lachen ist gesund« lautet eine inzwischen auch wissenschaftlich untermauerte Binsenweisheit. Doch was, wenn man im eigenen Leben offenkundig nichts zu lachen hat? Kann man dann auch einfach so, ohne erkennbaren Grund lachen? Man kann, und man sollte sogar, meinen Anhänger der Lachyoga-Bewegung. 1995 gründete der indische Arzt Dr. Madan Kataria den ersten Lachclub in Bombay. Die Leute sind so gestresst, dass sie vergessen haben, richtig zu lachen«, sagte Dr. Kataria. Heute gibt es außerhalb Indiens ca. 150 Lachclubs Die Lachbewegung in Deutschland, die von Gudula Steiner-Juker begründet wurde, hat bisher 31 Clubs allein in Deutschland hervorgebracht. Das Lachyoga basiert auf dem Hasya Yoga, hat seine Ursprünge also überraschenderweise in einer traditionellen, spirituell ausgerichteten Lehre.

© K. Weyermann-Bötschi pixelio.de
Lachyoga ist eine Gruppentherapie, die ganz ohne Witze auskommt. Gruppen von Menschen treffen sich in Lachclubs, um bewusst, ohne erkennbaren Grund und quasi auf Kommando zu lachen. Begonnen wird mit aufwärmenden »Hoho-Haha«-Rufen, Atemübungen, Dehn- und Streckübungen, wodurch Körper und Geist in einen Zustand gebracht werden, in dem sich das Lachen verselbständigt. Dabei setzen die Gruppenleiter auf die ansteckende Wirkung des Lachens. Die Effekte auf Gesundheit und Lebensgefühl sollen verblüffend sein. Ein gestresster indischer Ex-Manager gibt z.B. an, er habe durch vier Monate täglicher Anwendung des Hasya Yoga seinen Blutdruck gesenkt und sei von regelmäßigen Kopfschmerzen und Herzrasen geheilt worden. »Wir lachen nicht, weil wir glücklich sind wir sind glücklich, weil wir lachen«, behauptet Madan Kataria.
Der vielleicht bekannteste Guru des 20. Jahrhunderts, Osho (Bhagwan Shree Rashneesh),
entwarf die »Mystic Rose Meditation«, eine Kursstruktur von sieben
Tagen, bei der täglich drei Stunden lang gelacht, anschließend drei
Stunden geweint und zum Schluss drei Stunden in Ruhe meditiert werden soll.
Zum ersten Teil, dem Lachen, schreibt Osho: Drei Stunden werden die Leute
einfach völlig ohne Grund lachen. Wenn du so drei Stunden lang gräbst
und forschst, wirst du erstaunt sein, was für Staubschichten sich auf deinem
Sein angesammelt haben. Wie ein Schwert wird es sie mit einem Schlag beseitigen.«
Explizit auf Osho beruft sich auch die ehemalige Schauspielerin, Ernährungsberaterin
und Bestsellerautorin
Barbara Rütting, die mit »Lachen wir uns gesund«
einen viel beachteten Lach-Ratgeber vorgelegt hat. Als Fähigkeitsnachweis
hat Rütting eine CD beigelegt, auf der sie minutenlang heftig lacht. Ich
war entsetzt zu erfahren, dass nach Erkenntnissen der Gelotologie, der Wissenschaft
vom Lachen, Kinder 400 Mal am Tag lachen und Erwachsene nur noch 15 Mal, Depressive
so gut wie nie«. In Anlehnung an Osho sagt sie: »Wir haben so viel
ungelachtes Lachen und ungeweinte Tränen in unserem System angestaut.«
Die Erkentnisse der Gelotologie
Die gesundheitsfördernde Wirkung des Lachens ist für Barbara Rütting nicht nur eine Frage des subjektiven Empfindens. Sie fasst die Erkenntnisse der Gelotologie so zusammen: »Lachen steigert die Produktion guter Hormone, wie glücklich machender Endorphine und Neurotransmitter. Lachen verringert die Stresshormone Kortison und Adrenalin, erhöht die Zahl der Antikörper produzierenden Zellen, aktiviert die Viren bekämpfenden T-Zellen und unsere natürliche Killer-Zellen.« Diese mittlerweile auch wissenschaftlich nachgewiesenen Effekte sind auch Grundlage der Humortherapie in Krankenhäusern, wie sie etwas von den Klinikclowns betrieben wird.
Der US-Amerikaner Patch Adams (* 1945) gilt als Begründer der Humormedizin. Sein Leben wurde bereits von Hollywood verfilmt, die Hauptrolle war mit Robin Williams bestens besetzt. Der Arzt und Profi-Clown ist Begründer des Gesundheit! Instituts, einer kostenlosen Klinik, die traditionelle Krankenhausstrukturen mit alternativer Medizin, Ökologie, künstlerischem Ausdruck, Handwerk, Naturerlebnis, Bodenbewirtschaftung und Entspannung verbindet. Außerdem ist der Arzt durch seine Clown-Auftritte in Krankenzimmern bekannt. Lange reiste er mit einer Gruppe freiwilliger Clowns nach Russland, um Waisenhäuser und Krankenhäuser zu besuchen. Adams ist auch als polischer Aktivist hervorgetreten. Er gehört zu den vehementesten Gegnern der von US-Präsident Bush vorgeschlagenen »Neuen Freiheits-Kommission zur mentalen Gesundheit«, die durch massenhafte Gesundheitstests abweichende Verhaltensweisen zu stigmatisieren und verhaltensauffällige Menschen in geschlossene Einrichtungen einzuweisen versuchte. Patch Adams machte daraufhin das satirische Angebot, George Bush selbst zu untersuchen: Er braucht jede Menge Hilfe. Ich werde ihn gratis empfangen.«
Als eigentlicher Begründer der Klinikclown-Bewegung gilt allerdings Michael Christensen, ein Mitbegründer des New Yorker Stadtzirkus. Nachdem ein Auftritt als Clown in einem Kinderkrankenhaus durchschlagenden Erfolg hatte, besuchte Christensen die Stationen regelmäßig als Clown-Doktor. Nachdem die Nachfrage nach diesem Service« in anderen Krankenhäusern immer größer wurde, gründete er die Clown Care Unit, die heute über 90 Clowns beschäftigt. In Deutschland gibt es verschiedene regionale Klinik-Clown-Vereine, die man am besten im Internet, Stichwort: »Klinikclowns«, recherchiert. Natürlich sind die Grenzen zwischen Unterhaltung, Kurzweil und der konkreten medizinischen Wirkung des Lachens (»Witze auf Krankenschein«) fließend.
Teil 2: Humor als Widerstandsform
In dem erwiesenermaßen Stress lösenden Effekt des Lachens könnte nun auch eine Schnittstelle zu Religion und Politik liegen. So sehr Angst auch ein therapeutisch zu bekämpfendes Übel ist, von Wahrheitsbesitzern jeglicher Couleur ist sie mitunter gewollt und wird als Machtmittel missbraucht. So betont Ian Hislop, Chefredakteur des britischen Satire-Magazins »Private Eye« die Furcht reduzierende Wirkung des Humors: »Wir helfen, Ängste zu reduzieren. Wenn man bin Laden als den Teufel darstellt, ist das Furcht erregend. Wenn man ihn aber als eine Witzfigur darstellt, schrumpft der Schrecken.« Hislop, wie auch der weltbekannte Komiker Rowan Atkinson (»Mr. Bean«), waren vehemente Gegner des Versuches des damaligen britischen Innenministers David Blunkett, »Aufrufe zu religiösem Hass« in Folge der Anschläge des 11. September per Gesetz unter Strafe zu stellen. Sie befürchten Maulkörbe für Kabarettisten und Satiriker.
Witzverbote sind an und für sich kein neues Phänomen. Schon der griechische Philosoph Platon (428-348 v. Chr.) outete sich als vehementer Witzgegner. In seinem Werk »Politeia« schrieb er, das Lachen vertrüge sich nicht mit der Würde des Menschen. Im Mittelalter setzte eine Kooperation der Spaßbremsen aus Staat und Kirche zeitweise Lachverbote in Kraft. Der Kirchenvater Johannes Chrysostomos (40-120) behauptete etwa, Christus habe nie gelacht (was darauf schließen lässt, dass er den Religionsstifter lückenlos überwacht hat). Auch Augustinus und Bernhard von Clairvaux sollen Gegner des Lachens gewesen sein. Als (spärliche) Grundlage diente ihnen die folgende Bibelstelle: »Wehe euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet klagen und weinen.«
Bekannt ist aus dem Mittelalter aber auch die Institution des Hofnarren, die
quasi eine Form staatlich erwünschten Humors repräsentiert. Die Hofnarren
als Offizianten (in einem festen höfischen Amt) sollten ursprünglich
ihren Herrn nicht belustigen, sondern ihn als ernste Figur ständig daran
erinnern, dass auch er in Sünde fallen könne und darin sterben werde;
sie waren also eine soziale Institution zulässiger Kritik (Wikipedia).
Narren als Spaßvögel und witzige Unterhalter waren eher ein Phänomen
des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Schillernde Gestalten
wie der Narr aus Shakespeares »King Lear«, Till Eulenspiegel oder
Simplizius Simplizissimus prägen das Bild des Narren bis heute. Der subversive
Charakter des Humors, gestützt durch die so genannte Narrenfreihei, trat
schon damals zutage. Heute ist das Terrain zulässiger Kritik zwar sehr
weit gesteckt, doch die Zahl der Politiker, die sich durch gelungene Kritik,
Karikatur und Satire in ihrem Handeln tatsächlich beeinflussen lassen,
umso enger begrenzt. Man lässt sich wie beim bayerischen Starkbieranstich
von milder Satire berieseln, die damit verbundene Kritik jedoch an einem
Regenmantel aus Selbstgerechtigkeit abfließen, um dann zur Tagesordnung
überzugehen. Für die Bevölkerung dient populäre Satire als
Ventil. Wenn die da oben mal wieder tüchtig verarscht werden, verschafft
dies den Lachenden ein eingebildetes Überlegenheitsgefühl, das ihre
reale Machtlosigkeit wieder für einige Zeit erträglich macht.

© Paul-Georg Meister pixelio.de
Wenn man beobachtet, wie mühelos Satire und Kabarett in unserem System repressiver Toleranz (Marcuse) zur Stabilisierung des politischen Systems eingesetzt werden, kann man die Aufregung mancher totalitärer Regime über den kritischen Witz kaum mehr verstehen. In Diktaturen aller Art waren Witze immer schon die verstohlene Gegenwehr des kleinen Mannes. Man denke z. B. an folgenden DDR-Witz, der durch den Oscar-gekrönten Film »Das Leben der Anderen« weltbekannt wurde: »Honecker schaut am Morgen aus seiner Villa in Wandlitz und sieht die Sonne aufgehen. Er sagt: Guten Morgen, liebe Sonne! Darauf die Sonne: Guten Morgen, Genosse Generalsekretär und Vorsitzender des Staatsrats der Deutschen Demokratischen Republik! Am Abend geht Honecker noch mal an ein Fenster und verabschiedet sich: Guten Abend, liebe Sonne! Darauf die Sonne: Jetzt kannst du mich am Arsch lecken, jetzt bin ich im Westen!« Die Freude über den gelungenen Scherz sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass kritische Karikaturen und Satiren in der DDR verboten waren, also durch Demütigung und Freiheitsverlust sanktioniert werden konnten. Der Kampf um eine sozialistische Zukunft könne niemals eine Quelle der Komik und der Lächerlichkeit sein, hieß es offiziell. Unnötig anzumerken, dass Witze über das NS-Regime während des Dritten Reichs lebensgefährlich waren. Zum Beispiel dieser: »Wer ist der größte Bauer? Adolf Hitler. Er hat 65 Millionen Rindviecher und den größten Saustall.«
Meinungsfreiheit bedeutet Witzfreiheit
Der Blick auf die Geschichte zeigt: Der Prüfstein für die Meinungsfreiheit war und ist immer die Witzfreiheit. Wo man das Lachen einzusperren versucht, sperrt man auch Menschen ein. Umso bedenklicher ist der Vorstoß des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber, »schwere Gotteslästerung« künftig schwerer und härter zu bestrafen.« Es darf nicht alles mit Füßen getreten werden, was anderen heilig ist, meinte Stoiber. Zum Beleg berief er sich auf den ausufernden Karikaturenstreit, der in muslimischen Ländern zu teilweise gewalttätigen Protesten führte. Der Schulterschluss zwischen muslimisch-fundamentalistischer und bayerisch-autoritaristischer Geistesenge beschwört allerdings den Alptraum eines Rückfalls in archaische Glaubensdiktaturen herauf. Die in der Verfassung fest geschriebene Meinungsfreiheit wäre dann de facto auf das für die religiöse und politische Obrigkeit nicht Provozierende begrenzt.
Es ist sicher eine Frage des Ermessens und des Feingefühls, inwieweit man auf Empfindlichkeiten Rücksicht nimmt, die nicht die eigenen sind. Ich persönlich finde Karikaturen, auf denen Mohammed mit einer Bombe dargestellt wird, weder witzig noch angesichts der herrschenden Islamophobie hilfreich. Es ist allerdings nicht Sache des Staates, hier die Grenzen festzulegen oder gar Zensuren für die Qualität von Witze zu erteilen. Freiheit ist immer die Freiheit dessen, der über etwas Anderes lacht. Bis zu drei Jahren Gefängnis in schweren Fällen forderte Stoiber. Wer mit Kanonen auf Karikaturen schießt, zeigt, wes Geistes Kind er ist. Er verkörpert offenbar eine im Nachkriegseuropa ausgestorben geglaubte Angst der Macht vor dem Lachen.
In Umberto Ecos Mittelalter-Roman »Der Name der Rose« dient die
Angst des Klerus vor der zersetzenden Kraft des Lachens als Aufhänger für
eine rätselhafte Serie von Morden im Klostermilieu. Die (in Wahrheit verschollene)
Komödientheorie des Aristoteles ist für den fanatischen Mönch
Jorge die Ausgeburt des Satans, größte Gefahr für den geistlichen
Frieden, der sich auf Angst gründet. »Das Lachen vertreibt dem Bauern
für ein paar Momente die Angst. Doch das Gesetz verschafft sich Geltung
mit Hilfe der Angst, deren wahrer Name Gottesfurcht ist. Und aus diesem Buch
könnte leicht der luziferische Funke aufspringen, der die ganze Welt in
einen neuen Brand steckt. (&) Und was wären wir sündigen Kreaturen
denn ohne die Angst, diese vielleicht wohltätigste und gnädigste aller
Gaben Gottes?« Das probate Gegenmittel ist für Jorge heiliger Ernst.
»Wenn das Lachen die Kurzweil des niederen Volkes ist, so muss die Freiheit
des niederen Volkes in engen Grenzen gehalten, muss erniedrigt und eingeschüchtert
werden durch Ernst.«

© Rike pixelio.de
Auffälligerweise zeigen sich gerade diejenigen Kräfte, die am meisten komisches Potenzial besitzen und zu Satire und Witz geradezu herausfordern, am leichtesten beleidigt über kritischen Spott. Der Versuch, Humor zu unterdrücken, scheint eine Art verzweifelter Abwehr gegen die unbewusst gefühlten grotesken Aspekte der eigenen Existenz zu sein. Ich denke hierbei nicht nur an Edmund Stoiber. Man denke nur an das zackige, formalistische Getue der Militärs, den selbstbeweihräuchernden Habitus vieler Gurus und Religionsführer, an brüllende, vor Hass geifernde Gestalten wie Hitler, Goebbels oder Mussolini. Kaum weniger komisch erscheinen die neuen Herrenmenschen des globalen Marktes mit Maßanzug und Krawatte, ihr aufgeblasenes Managementvokabular und ihr technokratische Ideologie der ökonomischen Effizienz. Gerade gegen solche Phänomene ist aber der Widerstand des Witzes notwendig, bevor sie die Macht erlangen, den Narren buchstäblich wegen ihres Närrischseins den Kopf abzuschlagen.
Oft wurde die Frage gestellt, ob man auch über Verbrecher größten Formates, z.B. über Adolf Hitler, lachen dürfe. Die Tatsache, dass das Lächerliche in solchen Fällen ins Grausige umschlagen kann, löst die Komik für mein Gefühl jedoch nicht völlig auf, sie schafft nur ein kreatives Spannungsfeld aus Lachen und Weinen, Entsetzen und der Lust am Subversiven. Komiker wie Charlie Chaplin, Roberto Benigni und Helge Schneider wussten das. Gerade das Lächerliche besitzt die Tendenz, sich selbst den Gläubigen als Fetisch aufzudrängen und von Nichtgläubigen Unterwerfung zu verlangen. Halb debile, militaristische Schwadronierer wie Kaiser Wilhelm II. konnten das freie Wort als Majestätsbeleidigung und Vaterlandsverrat ahnden. Fußballfans schaffen in Stadien eine gewaltträchtige Atmosphäre, in der die Beschmutzung des Fetisches Vereinsfahne nicht ratsam erscheint.
Die Bedeutung von Humor als Stilmittel des Widerstands ist in den letzen 20 Jahren rapide gewachsen. Noch bis vor kurzem galten missmutige Erbitterung und ein entsprechend sauertöpfischer Gesichtsausdruck als Grundausstattung jedes politisch Rebellierenden. Im Juni 2007, beim Gipfel in Heiligendamm, trat dagegen eine Clowns-Armee auf, die sich selbst auch als Spaß-Guerilla bezeichnete. Diese Guerilleros begaben sich mit Perücken, roten Nasen und Wasserspritzen vor die Frontlinien der hochgerüsteten Polizei mit dem erklärten Ziel, zur Entspannung der beiderseits aufgeheizten Situation beizutragen. Vieles spricht dafür, dass die Rechnung aufgegangen ist. Die Staatsmacht fürchtete Pressebilder von Polizisten, die brutal auf Clowns eindreschen. Rebel Clowning soll erstmals 2003 bei einem Besuch von US-Präsident Bush in Großbritannien als Widerstandsform zum Einsatz gekommen sein. Die Clowns parodierten damals u.a. die zackigen Aufmärsche und das steife Herumstehen der Polizisten.
Spätestens durch Naomi Kleins Buch No Logo wurde auch die subversive Praxis des Culture-Jammings bekannt. Damit ist zum Beispiel der Versuch gemeint, Anzeigen so zu übermalen und zu verfremden, dass die ursprüngliche Werbebotschaft in ihr Gegenteil verkehrt wird. Die Technik wurde auch als Adbusting oder Subvertising bezeichnet. Schreibt man z.B. das Wort Kolonialismus mit den bekannten Schriftzügen von Coca Cola, oder übermalt man ein Werbeplakat von Marlboro mit dem Slogan »Cancer-Country«, so werden die aufwändigen Werbekampagnen der Großkonzerne mit ihren eigenen Waffen geschlagen. »Culture-Jamming lehnt die Auffassung rundweg ab, dass die einseitige Information des Marketings passiv akzeptiert werden muss, nur weil es sich in unseren öffentlichen Räume einkauft«, fasst die Chronistin des Widerstands, Naomi Klein, zusammen. Neu an dieser Strategie ist der Einsatz von Humor und Parodie, um auf ein eigentlich ernstes Thema hinzuweisen. Jeder Totalitarismus also auch der Anspruch der Konzerne auf totale Präsenz ihrer Vermarktungsbotschaften im öffentlichen Raum zeigt sich verwundbar, sobald man sein komisches Potenzial zutage fördert.
Humor verhält sich auch subversiv gegenüber dem herrschenden Leistungs- und Perfektionsdrang. Der Schauspiellehrer und professionelle Clown Johannes Galli sagte: »Da der unerträgliche Druck, immer das Richtige tun zu müssen, alles Lebendige abtötet, hat der Clown den Käfig des Hochmuts für immer verlassen. Für den Clown markiert das Scheitern nicht das Ende eines Spiels, sondern der Anfang eines neuen. Im Moment seiner tiefsten Niederlage, entdeckt er eine neue Möglichkeit zu einer noch tieferen Niederlage.« So gesehen bedeutet Clown-Sein eine durchaus vernünftige Form heiterer Demut, die Befreiung von Zwang, effizient sein zu müssen. Verglichen mit der Figur des Clowns, so scheint es, ist der immer Selbstbewusste, Trittsichere, den unsere Gesellschaft hofiert, nur zu feige, um sich selbst in seiner kreatürlichen, tragikomischen Unvollkommenheit anzuschauen. Aus dieser Angst heraus perfektioniert er eine Maske angestrengter Seriosität und Makellosigkeit. Gerade dadurch schleicht sich bei seriösen Menschen die durch die Vordertür verjagte Komik oft durch die Hintertür wieder hinein. Schon Loriot sprach von der komischen Wirkung angemaßter Würde, die sich bei älteren, gebildeten und vornehm wirkenden Herren, die der Humorist trefflich darzustellen wusste, am besten entfaltet. Der spanische Maler Salvador Dali soll gesagt haben: »Es gibt so viele Narren, die gescheit sein wollen, warum sollte dann ein Gescheiter nicht auch Narr sein?«
3. Teil: Humor und Spiritualität
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Auch für mich gibt es Dinge, Menschen und Begriffe, die ich ernst nehme und die für mich heilig sind. Die Frage ist nur, ob Heiligkeit die Abwesenheit von Spott und Humor zur Folge haben muss. Als ich einmal für eine andere Zeitschrift eine Satire über Gurus schrieb, die von einer Casting-Agentur nach Marktgesichtpunkten für ihre Rolle ausgewählt wurden, wurde mir per Leserbrief von einer Satsang-Lehrerin vorgeworfen, »die Wahrheit verraten« zu haben. Was aber ist Wahrheit? Umberto Eco hat es in »Der Name der Rose« sehr schön ausgedrückt: »Vielleicht gibt es am Ende nur eins zu tun, wenn man die Menschen liebt: sie über die Wahrheit zum Lachen bringen, die Wahrheit zum Lachen bringen, denn die einzige Wahrheit heißt: lernen, sich von der krankhaften Leidenschaft für die Wahrheit zu befreien.«
Humorlosigkeit ist keineswegs ein geistiges Adelsprädikat.
So ist Humorlosigkeit keineswegs ein geistiges Adelsprädikat. Sie kennzeichnet vielmehr eher das Mittelmaß, während die wirklich Großen sich lockerer geben. Theresa von Avila, die bedeutende spanische Mystikerin, soll sich während einer schweren Krankheit bei Jesus wegen ihres Leidens beschwert haben. »Das ist die Art und Weise, wie ich meine Freunde prüfe«, soll Jesus gesagt haben. Darauf Theresa: »Es wundert mich nicht, dass du so wenig Freunde hast.« Auch große spirituelle Führer wie Laotse und Jesus waren stets witzig nicht im Sinn des Humors einer Bullyparade, wohl aber im Sinn von geist- und pointenreich. Geschichten mit komischem Potenzial kennzeichnen u.a. die Überlieferungen des Zen, des Judentums und der islamischen Sufis. Im arabischen Kulturkreis sind etwas die Geschichten des erleuchteten Narren Mullah Nasruddin bekannt. Eine Kostprobe: »Nasruddin saß am Flussufer, als jemand vom anderen Ufer aus rief: Wie komme ich denn hier auf die andere Seite? Drauf Nasruddin: Du bist auf der anderen Seite!«
Der tibetische Heilige Milarepa lebte lange Zeit nackt im Wald und ernährte
sich nur von Brennnesseln. Als ihn seine Schwester besuchen kam, war sie über
seinen verwahrlosten Zustand entsetzt und bat ihn, sich doch das nächste
Mal anständig zu bekleiden. Daraufhin bastelte sich Milarepa kleine Stoffhütchen,
mit denen er nur seine Finger und Zehenspitzen bedeckte und fragte seine Schwester,
ob er ihr nun besser gefiele. Als der Zen-Begründer
Bodhidharma die vollständige
Erleuchtung erlangt hat, lachte er, so erzählt man sich, tagelang. Offenbar
erschien ihm die Welt infolge seines Erwachens als »kosmischer Witz«.
Von Bodhidharma stammt auch ein ziemlich rätselhafter Ausspruch: Gefragt,
was die Essenz seiner Weisheit ausmache, antwortete der Meister: »Offene
Weite, nichts von heilig.« Ein Heiliger, der die Existenz des Heiligen
leugnet? Vielleicht meinte Bodhidharma »Weite« im Gegensatz zur
Klassifizierung menschlichen Verhaltens in heilig und unheilig, korrekt und
unkorrekt. Der evangelische Theologe und Zen-Lehrer
Michael von Brück interpretiert
den Satz so: »Nichts ist heilig, weil alles heilig ist.« Auch die
Trennung zwischen Wahrheitsbesitzern und Ungläubigen wäre damit aufgehoben.
Humor wird schnell blasphemisch, weil er sich gern unbefangen über Grenzen hinwegsetzt, die andere als absolut respektiert wissen wollen.
Als ich einmal versuchte, mit meiner Lebensgefährtin den abgesperrten Altarraum einer alten bayerischen Wallfahrtskirche zu betreten, um eine schöne Statue aus der Nähe anzuschauen, wurden wir von einem erbittert wirkenden Einheimischen zurückgepfiffen: »Sie, des geht fei ned!«. Diese symbolische Grenze zwischen dem betretbaren und dem verbotenen (weil heiligen) Bezirk ist charakteristisch für die künstliche Spaltung, die der humorlos Anbetende typischerweise vornimmt: Der Mensch projiziert seine eigene innerste Heiligkeit, die ihm durch die Verbindung zu Gott bzw. zum Göttlichen zukommt, auf etwas Äußeres um sich dann selbst für unwürdig zu erklären, dieses Äußere zu berühren. So wie unsere dreistes Durchbrechen einer magischen Schranke wirkt auch Humor schnell blasphemisch, weil er sich gern unbefangen über Grenzen hinwegsetzt, die andere als absolut respektiert wissen wollen. Je weniger Heiligkeit künstlich ist, je mehr sie ihrer selbst sicher ist, desto eher duldet sie Ironie und praktiziert Selbstironie. Je mehr das Verehrungswürdige dagegen zum Götzen degeneriert ist, desto weniger duldet es »Entweihung« und versucht diejenigen, die sich den Ritualen seiner Verehrung nicht anschließen, mundtot zu machen.
Humor als Psychotherapie
Der auf unbefangene Weise Humorvolle versucht den Gegenstand seines Witzes nicht »anzuschwärzen«, sondern ihn im Gegenteil zu beleuchten. Alles und jeder ist für ihn auf einer tieferen Ebene zu respektieren, aber nichts ist völlig frei von komischem Potenzial. Humor ist im besten Fall kritisches Mitgefühl, er deckt einen Missstand niemals auf, ohne ihn im gleichen Atemzug zu vergeben. Humor befreit den fehlerhaften Menschen von der Last unbarmherziger Selbstvorwürfe und macht zugleich jene Verdrängungsmechanismen überflüssig, mit denen er heilsame Selbsterkenntnis abzuwehren suchte. Die Wahrheit aufdecken, um sie zu vergeben und dem Menschen von ihren unbewusst destruktiven Wirkungen zu befreien ist das nicht auch eine gute Definition für Psychotherapie?
Humor ähnelt dem spirituellen Erwachen
Lachen, wenn es nicht aus sarkastischer Verbitterung kommt, ist zweifellos ein Aufleuchten der Seele, das die Welt und die Menschen im Licht eines auch ihre Schwächen heiter erlösenden Mitgefühls erscheinen lässt. Kann Humor aber auch zu Erleuchtung führen oder das Ergebnis von Erleuchtung sein? Zweifellos gibt es Parallelen zwischen Erleuchtung, Aufklärung (engl.: enlightenment) und dem Hellwerden der Seele durch die Kraft eines liebevollen, klarsichtigen Humors. Der Humorvolle distanziert sich von seinem eigenen Schicksal. Er wechselt aus der Position des Mitspielers im Lebensdrama in die Position des Beobachters, des Zeugen. Der Räuberhauptmann Matthias Kneißl soll etwa bei seiner Hinrichtung gesagt haben: »Der Tag fängt schon gut an«. Jeder noch so ernsten Situation kann etwas Heiteres abgewonnen werden; ebenso wie jeder wirklich gute Clown (man denke etwa an Chaplin oder Robin Williams) eine berührende Ernsthaftigkeit ausstrahlt. Damit ähnelt Humor dem spirituellen Erwachen, das häufig als Heraustreten aus der Identifikation und Einnehmen einer Zeugenrolle beschrieben wird. »Da ist niemand, der etwas tut. Alles geschieht einfach« (Ramesh Balsekar).
In Komödien wird oft über das Gefangensein dummer Personen in Illusionen und Täuschungen gelacht. Jemand hält Windmühlen für Riesen, verkleidete Männer für Frauen oder die Königin für ihr eigenes Dienstmädchen. Das wirkt komisch. In herkömmlichen Komödien allerdings ist die Täuschung zeitlich begrenzt und auf bestimmte Personen beschränkt. Außerhalb dieses Raumes der Täuschung wird die Existenz einer ernsthaften Wirklichkeit angenommen, in der Sein und Schein übereinstimmen. Wem jedoch die Grundlagen des menschlichen Leben selbst zur Illusion geworden sind etwa die Illusion, dass es ein getrenntes Ego gibt oder der Todes endgültige Auslöschung bedeutet , der nimmt mitunter alles als Komödie wahr. Nirgendwo stimmen Sein und Schein wirklich überein. Der Erwachende kann dann in ein heiliges Gelächter ausbrechen, das den Ernst des Lebens als Illusion, die oft erbitterte Interaktion zwischen Menschen als Spiel durchschaut. Als »Lila das Heilige Spiel« interpretierten die Hindus die Welt.
Freiheit, Weite, und die Abwesenheit von geistiger Beschränktheit
Ein Gott, der beleidigt ist, weil man Witze über ihn macht, ist nicht der wahre Gott.
Um aber zum Ausgangspunkt, der Lachtherapie zurückzukommen. Der gesund machende Effekt des Lachens ist nicht von seinem politisch befreienden und seinem spirituell erleuchtenden zu trennen. In allen Fällen geht es um Freiheit, um Weite, um die Abwesenheit von geistiger Beschränktheit und verbissener Selbstüberschätzung. Gewiss, es gibt auch einen Humor, der aus der Enge kommt, wenn Minderheiten in ohnehin schwacher sozialer Position z. B. durch einen auf Vorurteilen beruhenden Zynismus in die Enge getrieben werden. Wenn erleuchteter Humor das Aufdecken einer Wahrheit ist, um sie zu vergeben, ist destruktiver Humor der Versuch, jemanden mit Hilfe einer Unwahrheit gnadenlos bloßzustellen. Der Unterschied zwischen einem Humor der geistigen Enge und einem, der aus der Weite kommt, besteht wohl vor allem in der Fähigkeit, über sich selbst und Dinge, die einem selbst heilig sind, ebenso zu lachen wie über die falschen Götzen der anderen. Beachten Sie, wenn Sie jemanden zum Vorbild oder gar zum Guru erwählen wollen, ob der Betreffende über sich selbst lachen kann. Ein Gott, der beleidigt ist, weil man Witze über ihn macht, ist nicht der wahre Gott. Wann immer Sie das Gefühl haben, etwas für Sie Heiliges würde in den Schmutz gezogen, sehen Sie es als Aufforderung zu mehr Toleranz, als Lockruf in die Weite.
Roland Rottenfußer arbeitete jahrelang als connection-Redakteur, ehe es ihn zum Schweizer Magazin "Zeitpunkt" verschlug. Er schreibt auch für das
Konstantin Wecker Projekt www.hinter-den-schlagzeilen.de.






Facebook
MySpace
Twitter




















