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Nachruf zum Tod von Ali Akbar Khan

Artikel - Lebenskunst/Weisheit

Ali Akbar Khan
Ali Akbar Khan

Weltweit größter Sarod-Virtuose gestorben

Am 18. Juni 2009 ist der große Sarodvirtuose Ali Akbar Khan im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in der Nähe von San Francisco gestorben. Khansahib, wie er von Freunden und Fans genannt wurde, hatte seit vier Jahren ein schweres Nierenleiden und war auf regelmäßige Dialyse angewiesen. Sein Zustand hatte sich in den letzten Monaten zusehends verschlechtert. In seinen letzten Tagen war Khansahib umgeben von seiner Familie und seinen engsten Schülern. Noch auf dem Sterbebett gab er ihnen am Abend vor seinem Tod singend Unterricht - Raga Durga war seine letzte Lektion. Mit Ali Akbar Khan verliert die Welt der Musik eine ihrer charismatischsten Persönlichkeiten. Nicht nur die indische Presse, sondern auch westliche Leitmedien wie die New York Times oder die Frankfurter Rundschau brachten ausführliche Nachrufe. Eine persönliche Erinnerung von seinem Schüler Yogendra.

»Come to California«

»You play good - come to California.« Diese sechs Worte aus dem Mund von Ali Akbar Khan veränderten mein Leben. Ich hörte sie von ihm im Herbst 1987, im Alter von 22 Jahren, als ich das erste Mal an einem seiner jährlichen einwöchigen Seminare am Ali Akbar College of Music in Basel teilnahm. Ich war zu dieser Zeit noch Schüler von Trina Purohit-Roy am Tagore-Institut Bonn und hatte schon ein paar Jahre lang Sitar gespielt, stand aber in Sachen klassischer Raga-Musik erst ziemlich am Anfang. Ali Akbar Khan hatte ich einmal live in der Stuttgarter Liederhalle gehört und war schwer beeindruckt gewesen. Als ich erfuhr, dass er in Europa unterrichtet, wollte ich die Gelegenheit unbedingt nutzen. Frau Purohit-Roy hatte mich ermuntert, am Baseler Seminar teilzunehmen, und mir Grüße an Ali Akbar mitgegeben, den sie aus früheren Zeiten in Kalkutta kannte.

Im Seminar saß der große Meister in einem hellen Saal mit großen Fenstern in der Baseler Musikakademie auf einer kleinen Bühne hinter einem Harmonium und führte die bunt gemischte Gruppe von vielleicht 30 bis 40 Teilnehmern mit seiner rauhen, aber perfekt intonierenden Stimme knapp zwei Stunden durch Gesangsübungen und Vokalkompositionen und anschließend nach kurzer Pause noch einmal knapp zwei Stunden durch Instrumentalstücke. Sein Stil war Neuland für mich, aber ich konnte einigermaßen folgen, hatte Freude an der Musik und war entsprechend inspiriert.

Geschockt war ich allerdings von Ali Akbars Rauchverhalten: Nicht nur in den Pausen zwischen Vokal- und Instrumentalgruppe, sondern auch während des Unterrichts saß er mit qualmender Kippe. Ich sah indische Musik damals als eine durch und durch spirituelle Kunst, lebte selbst nach yogischen Prinzipien und hielt die großen Raga-Meister für wahre Heilige. Konnte eine Heiliger gleichzeitig Kettenraucher sein? Die Irritation hielt an, und es dauerte noch einige Jahre, bis meine reichlich naiven Idealvorstellungen in den Hintergrund traten und mein Blick freier wurde für die komplexe Vielfalt der Wirklichkeit.

Nach einigen Tagen nahm ich schließlich meinen Mut zusammen und machte Ali Akbar meine Aufwartung. Er verbrachte die Pausen zwischen Vokal- und Instrumentalunterricht immer am Kopfende des Saales sitzend mit einer kleinen Gruppe enger Schüler oder Freunde um sich. Wer nicht dazu gehörte, hielt gewöhnlich respektvollen Abstand oder war noch damit beschäftigt, den Stoff der Gesangsstunde zu notieren. Man konnte sich aber genausogut einfach zu Ali Akbars Gruppe gesellen - und das tat ich an diesem Tag. Nach kurzer Begrüßung überbrachte ich meine Grüße von Frau Purohit-Roy - mein Vorwand, mich dem großen Meister überhaupt zu nähern. Er nahm sie ohne besonderes Interesse zur Kenntnis, und nach kurzem Smalltalk war ich schon im Begriff, mich wieder zurückzuziehen, aber dann fiel plötzlich der anfangs zitierte Satz, der sich in mein Gedächtnis brannte...

»You play good« - der Meister hatte mich anscheinend schon wahrgenommen! Ein persönliches Kompliment aus so berufenem Munde - wow! Zucker für mein Ego! Und dann noch das: »Come to California!« Ich war in eher kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, im niedersächsischen Zonenrandgebiet an der innerdeutschen Grenze, und noch nie aus Europa herausgekommen. Und dann plötzlich eine Einladung, ja eine Aufforderung, nach Kalifornien zu kommen, ins gelobte Land der Alternativkultur, der Heilkunst, Spiritualität und Esoterik, ins Land von Ali Akbars College of Music in der Nähe von San Francisco, wo er die meiste Zeit des Jahres lebte und kontinuierlich unterrichtete! Das war zu viel, das konnte nicht sein, dafür war ich noch nicht bereit. Ich war doch noch Schüler von Frau Purohit-Roy, zudem mittelloser Student an der Stuttgarter Musikhochschule!

Aber die Saat war gelegt. Die Idee ließ mich nicht mehr los. Immer enthusiastischer besuchte ich im Herbst Ali Akbars Seminare in Basel. Die Beziehung mit Frau Purohit-Roy brach im Streit auseinander, und mehr und mehr sah ich mich als Schüler von Ali Akbar Khan. Mehr und mehr fand ich mich in seinen Stil ein, das Lernen wurde leichter und seine gelegentlichen spontanen musikalischen Höhenflüge während des Unterrichts konnte ich immer besser mitvollziehen und genießen. Er wurde für mich zu Khansahib, wie alle regelmäßigen Schüler ihn nannten, und nach jeder Seminarstunde ging ich zu ihm, berührte nach indischer Sitte seine Füße und erhielt seinen Segen.

Ali Akbar Khan

San Rafael

1990 war es endlich so weit. Mein Studium war abgeschlossen, genug Geld verdient, keine andere Verpflichtung eingegangen - zwei Monate Zeit zum Lernen am Ali Akbar College of Music in San Rafael, Kalifornien. Zwei Monate Musik pur, direkt aus der Quelle, von einem der größten Meister der indischen Raga-Tradition, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Auch in seinem College saß Khansahib auf einer kleinen Bühne hinter seinem Harmonium vor einer Gruppe von 10, 20, 30, manchmal 40 Schülern - aber was für ein Unterschied im Niveau gegenüber Basel! Zwar gab es auch in San Rafael Anfängerstunden, aber ansonsten ging hier für meine Ohren richtig die Post ab. Zu Khansahibs Füßen saßen Sarodspieler und Sitaristen, die selber international konzertierten und teilweise schon Jahrzehnte bei ihm gelernt hatten. Sicher, auch das war Unterricht, aber musikalisch bewegte sich alles auf einer Ebene, die ich sonst nur von Schallplatten oder großartigen Konzerten kannte. Und ich mitten drin, bemüht mitzukommen, das, was ich noch nicht spielen konnte, zumindest zu verstehen, und so viel wie möglich zu absorbieren. Fantastisch!

Da es keinen spezifischen Unterricht zur Instrumentaltechnik für Sitar gab, wies Khansahib einen erfahrenen Sitaristen aus Kalkutta, der gerade auch zum ersten Mal zum Lernen bei ihm in Kalifornien war, an, mich unter seine Fittiche zu nehmen. Es war Partha Chatterjee, Vater des heute bekannten jungen Virtuosen Purbayan Chatterjee, Schüler des 1986 verstorbenen legendären Sitarmeisters Nikhil Banerjee, der in Sachen Sitar inzwischen mein absolutes Idol war. Parha und ich kannten beide zunächst niemanden aus der lokalen Szene und hatten außer Musik nichts weiter zu tun. So ergab es sich, dass ich ganze Tage mit ihm verbrachte, von ihm Sitartechnik lernte, mit ihm übte, kochte und schwatzte. Aus dieser ersten Begegnung entstand eine tiefe Verbindung, die bis heute trägt, die mich musikalisch entscheidend geprägt hat, und der auch India Instruments viel zu verdanken hat - aber das ist eine andere Geschichte, ebenso wie die vielen anderen Kontakte mit wunderbaren Menschen und Musikern, die sich am Ali Akbar College für mich ergaben...

Für Schüler mit wenig Geld gab es damals auch die Möglichkeit, durch sogenannte Work Scholarships ermäßigte Gebühren für den Unterricht zu bekommen. Man musste dafür bestimmte Arbeitsstunden im Büro des College oder im angegliederten Instrumentenladen leisten und bekam so auch spannende Einblicke hinter die Kulissen. Der Laden mit seinen hohen Qualitätsansprüchen, seinem umfassenden Serviceangebot und dem fundierten dahinter stehenden Knowhow wurde letztlich auch zum Vorbild für India Instruments. Bis heute existiert ein freundschaftlich-kollegialer Austausch zu fachlichen Fragen.

Einige Wochen vergingen, und ich fragte mich, wie eigentlich Khansahibs Schüler Alap und Improvisation lernten - im College-Unterricht wurde nämlich Ton für Ton die Musik genau festgelegt. Nur so war es möglich, in der Gruppe unisono zu spielen und eine angefangene Form über mehrere Unterrichtsstunden kontinuierlich weiter zu entwickeln. Eines Tages bekam ich unverhofft die Antwort - eine Einladung zu einem Abend bei Khansahib zu Hause. Nach Erkundigungen bei älteren Schülern besorgte ich die üblichen Gastgeschenke - ein bestimmtes Parfum und eine bestimmte Sorte Whisky - und machte mich auf den Weg nach San Anselmo, wo Khansahib mit seiner jungen amerikanischen Frau Mary und den kleinen Kindern in einem freundlichen Häuschen lebte. Außer mir waren noch die Sarodspieler Ken Zuckerman und Steve Oda und der Sitarist James Pomerantz eingeladen - allesamt gestandene Musiker, die etwa 10 Jahre älter waren als ich, schon jahrzehntelang bei Khansahib gelernt und teilweise auch mit ihm konzertiert hatten. Anders gesagt: Musiker, zu denen ich ehrfürchtig aufschaute.

Ich war schon vor diesem Abend ziemlich aufgeregt, und als es nach dem gemeinsamen Essen dann in Khansahibs Musikzimmer ging, steigerte sich meine Nervosität noch in ungeahnte Höhen. Jetzt begann die Arbeit am Alap, am Kern des Raga, jetzt ging es wirklich um die Musik und ich konnte nicht mehr einfach in der Gruppe mitschwimmen. Ich spielte so gut ich es eben vermochte, aber mit den versammelten Meisterschülern konnte ich beim besten Willen nicht mithalten. Für mein Gefühl hatte ich mich zwar achtbar gehalten, aber Khansahibs Vorstellungen hatte mein Auftritt wohl nicht ganz entsprochen. Zudem hatte ich mich bei der anschließenden Whisky-Runde zu Khansahibs Füßen prüde gezeigt und nur ein wenig an der hochprozentigen Spezialität genippt, die er so schätzte. Jedenfalls folgten dieser Einladung vorerst keine weiteren, und ich blieb einer von vielen Schülern, die zwar von ihm lernten, aber nicht zum engeren Kreis mit tieferer persönlicher Bindung gehörten.

War ich darüber traurig? Nein. Khansahib blieb für mich als Mensch immer ein Wesen aus einer anderen, fremden Welt. Der Altersunterschied von 43 Jahren, die grundverschiedene kulturelle Konditionierung, die Schwierigkeiten der sprachlichen Verständigung, die riesige Kluft im Status, sein rauchender und trinkender Lebensstil, all das hielt mich innerlich in einer befangenen Distanz, die ich nicht ablegen konnte. Ihn Khansahib zu nennen blieb für mich stimmiger als das familiäre Baba, mit dem seine engeren Schüler ihn anredeten. Zudem war ich von ganzem Herzen Sitarist und im Grunde mehr in den sitarspezifischen Stil von Nikhil Banerjee verliebt als in Khansahibs Musik. Ich lernte von ihm mit Begeisterung, verehrte und bewunderte ihn, aber ich liebte ihn nicht.

»Who played Hem-Bihag?«

1991 bis 1994 verbrachte ich noch regelmäßig ein bis zwei Monate pro Jahr am Ali Akbar College of Music in San Rafael. Nach der Geburt meiner Tochter 1995 gab es aber andere Prioritäten. Ab da blieben nur noch Khansahibs Seminare in Basel, an denen ich bis 2000 weiter jedes Jahr teilnahm. Im Jahr darauf kam Khansahib nicht mehr nach Basel und meine Zeit mit ihm ging zu Ende. Eine ganz spezielle individuelle Unterrichtsstunde hatte ich zuvor aber noch von ihm bekommen...

In einem der letzten Baseler Seminare hatte ich, wie schon etliche Male davor, beim Student Recital gespielt - diesmal Raga Hem-Bihag, eine Spezialität aus Khansahibs Familientradition. Khansahib selbst hörte sich diese Studentenvorspiele nie an, aber einige engere Schüler waren immer dabei und an diesem Abend auch sein Sohn Alam. Am Tag darauf begann Khansahib seinen Unterricht im Seminar ungewohnterweise mit einer Frage: »Who played Hem-Bihag last night?« Das klang gefährlich für mich, denn ich hatte oft genug miterlebt, wie Khansahib das Spiel seiner Schüler mit drastischsten Worten herabwürdigte - Sätze wie »You all play like shit« waren in San Rafael häufiger von ihm zu hören. Aber es gab nichts zu leugnen, ich war schuldig und hob zögernd die Hand. »Who taught you?« war seine nächste Frage, und darauf hatte ich keine rechte Antwort parat, denn ich hatte den Raga nie »offiziell« gelernt, sondern nur aus Aufnahmen anderer Künstler abgehört. Was dann ohne weiteren Kommentar folgte, war eine Unterweisung in Hem-Bihag, die meine Ohren öffnete und mir den Raga in ganz neuer Klarheit offenbarte, viel tiefer und reicher, als ich ihn zuvor verstanden hatte. Und all das ging ohne jede Zurechtweisung über die Bühne, sondern mit der Haltung eines echten Meisters, der seine Weisheit an einen noch sehr unbedarften Schüler weitergibt und sie so auch für kommende Generationen lebendig hält. Für diese unvergessliche Lektion bin ich bis heute besonders dankbar.

Auch wenn Khansahibs Tod abzusehen war, betrübt er mich doch tief. Die Größe seines musikalischen Genies kann ich noch kaum ermessen - erst allmählich dämmert mir, was er mir alles gegeben hat. Und ich glaube, ich habe ihn - ohne es selbst recht zu wissen - doch auch geliebt.

 

-Yogendra

Ali Akbar Khan wurde am 14. April 1922 in Shibpur im heutigen Bangladesh geboren. Von frühester Kindheit an erhielt er Musikunterricht von seinem legendären Vater Allauddin Khan, dem Gründer der Maihar-Gharana. Sein erstes öffentliches Konzert gab er 1936, die erste Rundfunksendung folgte 1938. 1943 wurde er Hofmusiker des Maharajas von Jodhpur. 1945 machte er erste Schallplattenaufnahmen für HMV. 1953 entstand seine erste Filmmusik, 1955 gab er erste Konzerte in den USA und 1956 gründete er das Ali Akbar College of Music in Kalkutta. In den nächsten Jahrzehnten folgten zahllose Konzerte, Aufnahmen, Rundfunksendungen und Filmmusiken auf der ganzen Welt. 1967 ließ Ali Akbar Khan sich dauerhaft in der Nähe von San Francisco nieder, etablierte dort ein neues Ali Akbar College of Music und unterrichtete dort in über 40 Jahren unermüdlicher Arbeit mehr als 10.000 Studenten aus aller Welt. 1989 erhielt er den Padma Vibhushan, den zweithöchsten zivilen Orden in Indien, 1991 die MacArthur Foundation Fellowship in den USA und 1997 aus den Händen der damaligen Präsidentengattin Hillary Clinton die National Heritage Fellowship des National Endowment of the Arts, die höchste Auszeichnung für traditionelle Künste der USA. Sein Vater Alluddin Khan gab ihm den Titel Swara Samrat, Kaiser der Melodie. Er war einer der bedeutendsten Künstler in der Welt der klassischen indischen Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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