Polyamorie im Internet
Artikel - Lebenskunst/Weisheit

Wenn man mehr als einen liebt
Polyamorie breitet sich auch über das Internet aus
Die moderne Form der »Vielliebe« (Polyamorie) wird viel geliebt und es werden immer mehr, die davon wissen wollen und die so lieben wollen. Die meisten starten ihre Reise voller Neugier und Sehnsucht im Internet und werden dort auch fündig. Connection-Autorin Melanie Horvath hat sich für uns umgesehen und kam von ihrer Tour durchs weltweite Netz mit reicher Beute zurück
Kontakte in der virtuellen Welt
Polyamorie meint die Kunst oder Fähigkeit, zur selben Zeit mehrere Menschen
zu lieben. Und zwar nicht nur abstrakt, geistig oder »platonisch«,
wie in den klassisch-griechischen Begriff der »agape« (obwohl gerade
Platon unter Liebe auch etwas sehr körperliches verstand), sondern auch
körperlich und emotional intim. Das Wissen und Vertrauen aller Beteiligten
betrachten Polys dabei als Voraussetzung, mit der viel geschmähten »Promiskuität«
wollen sie nicht in einen Topf geworden werden. Und sie meinen natürlich
auch nicht das weit verbreitete, meist heimliche »Fremdgehen« der
Monogamen und nicht die vornehmlich sexuell motivierte Swingerszene.
Heutzutage wird Polyamorie (kurz: Poly) in Deutschland längst nicht mehr
nur in ausgewählten Lebensgemeinschaften wie dem ZEGG, dem Ökodorf
Sieben Linden oder der Noyana-Gemeinschaft gelebt. Die Lust an der so genannten
»Viel-Liebe« oder »Mehr-Liebe« breitet sich bereits
seit mehreren Jahren in den urbanen Zentren aus. Dabei finden Poly-Anhänger
ihre Kontakte zunächst vor allem in der virtuellen Welt. Hier informieren
sie sich und tauschen sich aus, hier organisieren sie sich über Chats und
Foren, hier werden die Stammtische angekündigt, wo man sich dann »real«
treffen kann. Wer die Begriffe »Polyamorie« und »Polyamory« googelt,
erhält auf Deutsch immerhin 6.000 und 12.000 Treffer.
Erweitert um die Englischen Treffer sind es fast 800.000!
Das enorme Interesse an diesen alternativen Liebesmodellen wird auch durch aktuelle
Medienberichte belegt. In den letzten zwei Jahren war Polyamorie Thema von mehreren
Artikeln im Stern, der taz, der Süddeutschen, der Frankfurter Allgemeinen
und sogar der Bild-Zeitung. Darüber hinaus war der Thread zum Thema »Poly«
im Online-Forum des Trendblattes Neon der meistbesuchte des Jahres 2007.

Die Polyamorie-Flagge: Blau steht für Offenheit und
Ehrlichkeit zwischen den Partnern in einer Poly-Beziehung,
rot steht für Liebe und Leidenschaft,
schwarz zeigt Solidarität mit jenen Menschen,
die polyamor empfinden,
es aber aufgrund von sozialem Druck nicht leben können.
Wie viele sind es?
Doch wer gehört zu der Community der Poly-Begeisterten und wer zu dem,
vermutlich etwas kleineren Kreis, der so Lebenden? Insgesamt lassen sich genaue
Zahlen schlecht einschätzen, da heute ein Großteil der Poly-Kommunikation
und Vernetzung über relativ anonyme elektronische Medien verläuft
und zudem eine große Anzahl der polyamorös lebenden Menschen sich
damit nicht outen möchten und daher auch kaum erfasst werden können.
Auf seiner Website www.polyamorie.de berichtet der Tantra-Lehrer
Silvio Wirth
jedoch, dass amerikanischen Schätzungen zu Folge sich die polyamore Subkultur
2003 in den USA auf circa 100.000 Menschen belaufen habe. In Deutschland belief
sich diese Zahl seiner Einschätzung nach im selben Jahr auf etwa 10.000
Polys. Diese Angaben dürften sich bis heute allerdings sehr erhöht,
vielleicht vervielfacht haben.
Des Weiteren hat Silvio Wirth mithilfe unterschiedlicher Quellen auf seiner
Homepage versucht, die Gruppe der Polys zu charakterisieren. Er geht innerhalb
dieser Subkultur von einem relativ hohen bisexuell orientierten Mitgliedsanteil
aus, wenngleich seinen Aussagen zu Folge alle sexuellen Orientierungen vertreten
seien. Zudem schätzt er gemäß der beruflichen Verteilung den
Anteil an Akademikern, Freiberuflern, im Gesundheitsbereich Arbeitenden, Therapeuten,
Lehrern sowie Künstlern enorm hoch ein. Der meisten Polys befinden sich
demnach in der Altersgruppe der 30-50-jährigen, ein kleinerer Teil seien
älter gewordene Hippies und 68er.
Was dem Informationssuchenden auf den zahlreichen Poly-Seiten im Internet sofort
ins Auge sticht, sind die immer wiederkehrenden Symbole und Erkennungszeichen.
Am häufigsten trifft man dort auf die sogenannte Poly-Flagge oder Schleife
(ähnlich der roten HIV-Schleife), auf ein rotes Herz mit einem blauen Unendlichkeits-Symbol
oder aber auf den englisch sogenannten »Polly«-Papageien. Alle diese
Zeichen haben die Farbkombination rot-blau-schwarz gemein. Die Farbe Rot steht
dabei für Liebe und Leidenschaft, Blau für Offenheit, Ehrlichkeit
und Bedingungslosigkeit und Schwarz soll Solidarität mit den Menschen ausdrücken,
die poly empfinden, es aber aufgrund von sozialem Druck nicht leben können.
Tipps für Suchende
Ganz vorne unter den Suchmaschinentreffern zum Thema »Polyamorie« findet man die bereits erwähnte Homepage www.polyamorie.de des Tantra-Lehrers Silvio Wirth. Hier gibt es jede Menge ausführliche Texte zum Thema, nützliche Tipps für Paare, Ratschläge zur Eifersuchtsbewältigung, Veranstaltungs- und Buchtipps sowie ein Forum für Diskussionswillige. Die Seite ist insgesamt übersichtlich und informativ gestaltet. Als kleines Schmankerl kann man dort sogar an einer Umfrage zum polyamorösen Leben teilnehmen. Jede Menge Informationen zum Thema findet man ebenfalls auf www.polyamory.org. Das ist eine englischsprachige Homepage der Newsgroup alt.polyamory. Sie bietet außerdem Mailinglisten an und Antworten auf häufig gestellte Fragen. Etwas andere Tipps hält auch die Website www.art-dangereux.de/t3art/index.php?id=64 bereit. Dort findet man neben interessanten Artikeln Tipps für das erste Polydate, und es gibt sogar Poly-Singlebörsen. Die Seite stellt darüber hinaus einen Radiobeitrag über die Liebe zu mehreren Partnern zur Verfügung.
Sommercamp
Unter www.polyamorie.ch trifft man auf
eine Seite, die nicht nur für Schweizer polyamorös lebende Menschen
hilfreich ist. Auch Deutsche finden dort gute Zusammenfassungen, Kalendertermine
und eine Übersicht über die Polystammtische in ganz Deutschland. Die
Seite erscheint auf den ersten Blick ein wenig chaotisch und unübersichtlich,
bietet aber nach einigem Recherchieren gute Texte, Buch-, Film- und Musiktipps,
eine Mailingliste und eine große Linksammlung. Eine gut ausgebaute Community
ist ebenfalls vorhanden.
Die Verantwortlichen der Schweizer Seite organisieren sogar ein regelmäßiges
internationales Poly-Sommercamp. 2009 findet es vom 13. bis 19. Juli auf dem
Rankenhof am Zemminsee bei Berlin statt. Den circa 150 möglichen Teilnehmern
des Camps wird ein umfangreiches Programm geboten, bei dem jeder Einzelne Vorschläge
machen und mitwirken kann. Das genaue Programm war bei Anfertigung dieses Artikels
noch nicht bekannt, jedoch stehen auf jeden Fall Parties und ein Liebeslager
bzw. eine Spielwiese auf dem Programm. Um rechtzeitige Anmeldung online unter
https://spreadsheets.google.com/viewform?key=plGHoXhUw644PTPz4nl5HWg
wird dringend gebeten.
Auf der Seite der Schweizer findet man verlinkt auch eine Ankündigung eines
Poly-Treffens im Herbst 2009, vom 22. bis 25. Oktober. Es findet im Schloss
Buchenau in Hessen statt. Geplant sind eine AUM-Meditation, Workshops wie zum
Beispiel ein Flirt-Workshop, Diskussionsrunden und Parties. Mehr auf der Seite
http://poly-netz.de/wiki/Polytreffen_Herbst_2009.
Regionale Kontaktstellen
Wer jedoch nicht bis zum Sommercamp warten möchte und interessiert an
Poly-Treffen in seiner Nähe ist, kann sich auf den einzelnen Homepages
über die nächsten regionalen Poly-Stammtische informieren. Insgesamt
stößt man in Deutschland auf dreizehn regionale Poly-Internetseiten,
die allesamt eigene regelmäßige Stammtische organisieren und im Netz
teilweise Auskunft über sich selbst sowie ihre Geschichte geben. In Berlin
finden beispielsweise mehrmals im Monat Poly-Treffen zu unterschiedlichen Themen
statt. Hier gibt es den PolyTreff, eine moderierte Gesprächsrunde, sowie
den Poly-Plausch, eine eher lockere Kneipenrunde nach Bedarf (weitere Infos
unter: http://www.poly-berlin.de/,
Kontakt und Anmeldung:
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).
In Hamburg findet jeden vierten Samstag im Monat ein solches Treffen im Café
Variable statt (http://polyhamburg.blogspot.com/).
Sowohl in Flensburg als auch in Oldenburg trifft sich der Poly-Stammtisch in
der Regel jeden dritten Donnerstag im Monat (http://polyflensburg.blogspot.com
und
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). Darüber
hinaus trifft sich die Bremer Bi-Gruppe, bei der ein Teil der Mitglieder polyamor
orientiert ist und auch Transgender-Themen zur Sprache kommen, jeden 2. Donnerstag
im Monat (http://www.ratundtat-bremen.de/popups/bigruppe.html
).
Im Ruhrgebiet werden jeden vierten Samstag im Monat Stammtische in Düsseldorf,
Dortmund und Köln organisiert (http://free-creatives.net/polywiki/index.php/Rhein-Ruhr-Treff).
In Kaiserslautern finden alle zwei bis vier Wochen Treffen zum Thema »Freie
Liebe, Offene Beziehungen und Polyamorie« statt (Infos unter:
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).
Ferner treffen sich in Heidelberg jeden zweiten und vierten Mittwoch des Monats
die Mitglieder des Verbandes »Offene Beziehungen Heidelberg« (OBHD)
(http://www.obhd.de/).
Im Herzen Stuttgarts findet jeden zweiten Samstag im Monat ein Poly-Stammtisch
statt, eine Anmeldung ist hier jedoch nicht erforderlich (weitere Infos unter:
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).
Auch im Freistaat Bayern stößt man auf polyamoröse Stammtische.
In München z. B. einmal im Monat freitags an wechselnden Orten (Infos:
http://www.polyamorie-muc.de/) und
in Nürnberg in unregelmäßigen Abständen, etwa alle drei
bis vier Wochen (Anfrage:
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).
Auch über Stammtische im nahen Ausland, also in der Schweiz uns Österreich,
gibt die Seite www.polyamory.ch Auskunft.
Anonymer Austausch in Foren
Über persönliche Treffen hinaus bietet das Internet Poly-Interessierten gerade auch den anonymen Austausch über das brisante Thema. Forenfans finden hier etwa unter www.polyamore.de oder www.beziehungsgarten.net Gleichgesinnte für interessante Diskussionen. In diesen Foren werden dann Fragen und Gedanken rund um das Thema »nicht-traditionelle Beziehungen« behandelt. Zudem wendet sich das deutschsprachige Forum für Polyamorie (http://planetpoly.org/Deutschsprachiges Forum zu Polyamorie/) auch tagesaktuellen politischen Themen rund um das Thema zu. Momentan kann man auf der dazugehörigen Startseite etwa einen Bericht zur »Initiative für Mehrfachehen in den Niederlanden« vom 18.04.2009 nachlesen. Auch zahlreiche private Polyamorie-Blogger tummeln sich im Netz. Auf www.polyamor.de stößt man beispielsweise auf mehrere Blogprojekte mit wöchentlich aktualisierten Beiträgen, die teilweise sehr detailliert, jedoch auch interessant sind.
Polyamorie im Trend
Doch nicht nur in den speziellen Polyamorie-Foren kommt das Thema ausgiebig
zur Sprache, auffällig ist, dass sich auch die User in anderen Internetforen
immer häufiger mit der Polyamorie beschäftigen. Da wird zum Beispiel
in einem Philosophieforum (www.advanced-thinking.de),
in Studentenforen (www.unicum.de) oder in
zahlreichen Esoterikforen (www.esoterikforum.at)
von allen Seiten leidenschaftlich über die Vor-und Nachteile von Polyamorie
diskutiert.
Schließlich stößt man auch in den bekannten virtuellen social
networks wie lokalisten.de, facebook oder studivz auf Polyamorie-Gruppen. Bei
studivz gibt es vier regionale Gruppengründungen zum Poly-Thema: in München,
Rhein und Ruhr, Hessen und der Schweiz. Darüber hinaus erfreut sich eine
allgemeine Gruppe zur Polyamorie im Studentenverzeichnis mit knapp 500 Mitgliedern
reger Beteiligung. Auffallend ist hier jedoch, dass für die meisten Gruppen
ein Zugangsschlüssel benötigt wird, der vom Gründer erteilt werden
muss.
Fazit: Egal wonach das polyamore Herz also auf der Suche ist, im Internet wird
es garantiert fündig und mit dieser kleinen Vorauswahl hoffentlich noch
schneller und zielsicherer.
Dich alle liebe ich!
Der Trend zur Polyamorie und die ewige Frage: solo, mono oder poly, was macht am glücklichsten?
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