Tanzperformance »Liliths Schwestern«
Artikel - Lebenskunst/Weisheit

Liliths Schwestern
Der Tanz der Göttinnen
Als ich am 24. April über eine Freundin im Internet von dem Frühlingsfest des Connection-Verlags erfuhr, war mir sofort klar, dass ich unbedingt daran teilnehmen möchte. Das gebotene vielschichtige Programm und das Feuer-Ritual in der Walpurgisnacht, all´ das war so wunderbar im Einklang mit meinem Gefühl des ganz persönlichen Aufbruchs in einen neuen Zeit- und Lebensabschnitt. Doch meine hohen Erwartungen, die ich mit diesem Ereignis verband, sollten noch übertroffen werden. Es gab einen Programmpunkt, der für mich und für viele andere Zuschauer zum eigentlichen Höhepunkt des Beltane-Festes wurde, dargeboten direkt vor dem Übergang in den 1. Mai.
Einblick in das Innerste
Franz Lang choreographierte mit fünf Tänzerinnen aus dem oberösterreichischen Freistadt, die sich in dieser Formation erstmalig zusammengefunden haben, und drei Live-Musikern den »Tanz der Göttinnen – Liliths Schwestern«, eine für mich bisher nie da gewesene Hommage an die Frau als göttliches Wesen. Die Geschichte erzählt über alle Aspekte des »Weiblichen«, untergliedert in fünf Szenen, von dem Urknall als Moment der Schöpfung bis hin zur Wiedervereinigung mit dem »Männlichen«. In seiner kurzen Einleitung, bevor die Protagonistinnen die Bühne in Besitz nahmen, verriet der Regisseur Franz Lang das Geheimnis des Zaubers, der später die Zuschauer in ihren Bann ziehen sollte, nämlich dass die Tänzerinnen nicht nur eine Aufführung darbieten würden, sondern einen Einblick in ihr Innerstes, ihre Seele, gewähren würden. Und genau das taten sie, mit einer solchen Intensität, dass beim Betrachter, als unmittelbarem Zeugen dieser ungezügelten weiblichen Energien, ein Feuerwerk von unterschiedlichsten Emotionen gezündet wurde.

die Göttliche Hure – liebend, erotisch,
sinnlich, sich vereinigend © Met-Art.com
Vier weibliche Archetypen: Lilith, Mutter, Tochter und Hure
Mit dem Löschen des Lichts beginnt die Vorführung.
Dunkelheit – Stille.Plötzlich ohrenbetäubende Schreie, Symbol des Urknalls. Spätestens jetzt sind alle »hellwach«.
Die Tänzerinnen sind auf der Bühne, liegen im Halbdunkel, kaum zu erkennen.
Ein grünes Wesen, blubbernde, grunzende Laute ausstoßend, bewegt sich, und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Ist das da wirklich ein Mensch? Zweifel, Gedanken an die Figur des Gollum aus dem »Herr der Ringe« stellen sich ein. Evolution, tänzerisch perfekt inszeniert.
Beginnend als Urzelle, dann in Menschengestalt angelangt, bringt die Urmutter sogleich die vier weiblichen Archetypen hervor, Lilith, Mutter, Tochter und Hure.
Gänsehaut erzeugend, die Geburt der Tochter, als Emanation der Mutter! Selbst bei zwei Geburten meiner Ehefrau anwesend, habe ich das Gefühl, ein drittes Mal dieses Erlebnis zu teilen, solche Intimität wird durch die Bewegungen und das Gestöhne - Ausdruck der imaginären Wehen - hervorgerufen, dann entspannt durch das Herausgleiten des kindlichen Körpers, nackt und zart eingehüllt in die nylongewebte Fruchtblase.
Hervorzuheben ist die Besetzung der verschiedenen Rollen mit den exakt passenden Tänzerinnen.
Jede von ihnen das lebende Abbild ihres jeweiligen Elements, Feuer, Erde, Luft und Wasser, unterstrichen von den Farben ihrer Kostüme, oder bei Lilith, die ihre natürliche Freiheit in Nacktheit darstellt, nur durch feuerrotes Bodypainting verziert.
Gemeinsame Ekstase
Dann der zweite große Auftritt der Urmutter, die sich vor den faszinierten Augen der Zuschauer in die Schlange verwandelt. Züngelnd, zischend, anschleichend, hinterhältig, gefährlich. Entsetzt muss man hilflos mit ansehen, wie sie die in sich selbst verlorenen und unbeschwert tanzenden Göttinnen, nach und nach, mit ihrem Biss spaltet und ihnen Scham, Wahnsinn, Schmerz und Trauer injiziert.
Doch die Göttinnen wiederum heilen einander, jede sich besinnend auf ihre ureigene, angeborene Fähigkeit.
Der dritte große Auftritt der als Schlange transformierten Urmutter startet mit einer weiteren Verwandlung, nämlich zur Regenbogenbrücke, Sinnbild für das Opfer und die Hingabe all ihrer Substanz an ihre Töchter, welche diese wieder untereinander zur eigenen Vervollständigung schwesterlich teilen.
Nun soll die Vereinigung mit dem Mann folgen, und ich frage mich bereits, wie in aller Welt mit fünf Frauen auf der Bühne dies wohl dargestellt werden könnte, welcher Kunstgriff dem Regisseur da wohl eingefallen sein möge. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit darüber nachzudenken, als ich unmittelbar gewahr werde, dass sich die verführerische göttliche Hure anscheinend mich dafür auserwählt hat. Sie fixiert mich mit ihren funkelnden Augen, tanzt auf mich zu und beginnt mit mir ihren Liebestanz. Plötzlich bin ich inmitten dieses Rituals, während diese Schönheit mir immer mehr einheizt, mit eindeutigen Gesten und Bewegungen, angetrieben von einer immer ekstatischer werdenden Musik. Mir wird heiß, der Gedanke, dass alle Blicke nun auf uns gerichtet sind, weicht einer Woge der Beglückung über das Geschenk des Einander-Begehrens. Dann ergreift sie meine Hand und - unsere Körper rhythmisch aneinander reibend – so stellen wir die Vereinigung auf der Tanzbühne dar, was für mich unvergesslich bleiben wird. Dann tanzen plötzlich alle auf der Bühne und die Aufführung sowie die Anspannung der Zuschauer löst sich in einem gemeinsamen ekstatischen Tanz auf.
Die Wurzeln der Weiblichkeit
Letztendlich stellt sich die Frage: Was zeichnet eine Frau aus, kann man »Frau« definieren?
Versuchen wir es einmal mit etwas Einfacherem, dem Wasser.
Ist Wasser der Bach, der See, das Meer? Ist Wasser die Wolke, der Regen? Ist es das Eis, die Schneeflocke? Oder aber als Blut und Zellflüssigkeit Hauptbestandteil des Organismus? Niemand würde Wasser auf einen dieser Aspekte reduzieren. Wasser ist alles das, in einem.
Warum sollte diese Reduzierung auf einen Aspekt bei der Frau stattfinden?
Ist die Frau in der heutigen Zeit nur Mutter, nur Hure, ist sie nur Muse oder nur Hüterin des Hauses?
Sicher nicht! Trotzdem werden Frauen oft nur in einer Rolle gesehen, darin festgehalten, oder trauen sich aus Moral und Konventionen oder Verpflichtungen nicht, die anderen weiblichen Aspekte anzunehmen oder auszuleben.
Im »Tanz der Göttinnen« wird offenbar, dass in jeder Frau die Gesamtheit der Göttinnen lebt:
Lilith - anarchisch, frei, natürlich, neugierig;
die Mutter - gebärend, ernährend, pflegend, bewahrend;
die Tochter - unbeschwert, freiheitsliebend, schöpferisch, ewig jung;
die Göttliche Hure – liebend, erotisch, sinnlich, sich vereinigend.
Die Tanzdarbietung ist ein Appell an jede Frau, sich dieser Wurzeln der Weiblichkeit wieder bewusst zu werden und zu versuchen, jeden dieser Aspekt in das eigene Leben zu integrieren, oder zumindest die damit in Verbindung stehenden Gefühle liebevoll anzunehmen.
— Markus Mägel
Hier seht ihr den ersten Teil der Performance auf You Tube







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