Über die Notwendigkeit des Lügens
Artikel - Lebenskunst/Weisheit

Die Lüge macht das Leben einfach und schön
© einfachanders pixelio.de
Die Wahrheit: Wir lügen alle
Lügen? Ich doch nicht! So oder ähnlich reagieren
die meisten von uns, wenn wir mit unserer Auslegung der Wirklichkeit konfrontiert
werden. Doch wir können die Lüge nicht aus unserem Leben eliminieren.
Peter Stiegnitz zeigt: Je mehr wir die Lüge ablehnen, desto mehr lügen
wir.
Was ist eine Lüge?
Spätestens seit den »Zehn Geboten« wissen wir, dass Lüge Sünde ist. Ist sie das wirklich? Fällt der leicht verklärte Blick in den Spiegel (»Ich schaue doch ganz gut aus - und das in aller Herrgottsfrühe ... !«), das scheinheilige Kompliment an den Chef (»Da weiß man, wer sich wirklich auskennt«) und für die Ehefrau (»Du siehst heute wieder großartig aus«) schon unter die Rubrik Sünde? Oder sind Not- und barmherzige Lügen, Flunkern und Komplimente vom Werturteil der »Lüge« befreit?
Was ist also eine Lüge?
Die Antwort ist einfach: Lüge ist die bewusste Abwendung von der Wirklichkeit:
Diese Erklärung definiert bereits den Gegensatz der Lüge, die Wirklichkeit.
In der mentiologischen Forschung (die Bezeichnung stammt aus dem Lateinischen: »mentior« = »lügen« ) unterscheiden wir zwischen:
- Selbstlüge: Hier bekämpfen wir mit Stress und Überaktivität
unsere Angst vor dem Tod, den wir - fälschlich - mit Inaktivität gleichsetzen
- Fremdlüge: Damit belügen sich untreue Ehepartner/innen gegenseitig,
wie Schüler auch und Mitarbeiter ihre Lehrer und Chefs
- Kollektivlüge: Hierher gehören die großen politischen Lügen
des Faschismus, Kommunismus und Kapitalismus ebenso wie Mode-Trends (wann ist
man »in«?).
Lügen - und dafür können wir nicht die Zehn Gebote verantwortlich machen - sind seit Menschengedenken verpönt; trotzdem lügen wir alle, daß sich die (Stütz-) »Balken« unserer Gesellschaft biegen. Daher ist es notwendig - gleichfalls ein Ergebnis der Mentiologie - eine moralische Grenze zu ziehen: Lügen ist erlaubt - und auch nützlich -, soweit man mit ihr einem anderen Menschen bewusst keinen Schaden zufügt. Wir können uns dieser Dynamik gar nicht entziehen: Unsere Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft baut ohnedies - vom Sport bis zur Stellenvermittlung - auf den Nutzen weniger und den Schaden vieler auf -, doch erfolgt hier normalerweise keine bewusste Schädigung.

Wir lügen 200 mal am Tag
© mirco pixelio.de
Lügen ist gesund
Die definierte (Abwendung von der Wirklichkeit) und moralisch eingegrenzte Lüge (ohne Schädigungsabsicht) ist allerdings nicht nur nützlich, sondern auch lebensnotwendig und gesund; sie dient unserer Psychohygiene, da sie das Selbstbewußtsein stärkt, indem sie die seelische »Sprungkraft« erhöht und unseren täglichen »Hürdenlauf« beschleunigt. Darüberhinaus erlaubt uns die Lüge einen pflegeleichten Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wenn wir die Welt so schwarz sehen würden, wie uns das die Zweckpessimisten der Medienbranche, vereint mit umweltzerstörenden Umweltschützern weismachen wollen, versänken wir im Dauerstimmungstief. Da erlügen wir uns doch besser eine heile Welt gegen die Tristesse.Am häufigsten: Selbstlügen
Allerdings: Mit den meisten Lügen täuschen wir, eher unbewußt
als bewusst, uns selbst. Zum Lieblingslügengebiet des Mannes gehört
besonders der als »Job« degradierte Arbeitsplatz; selbst als »kleinstes
Rädchen« in einem großen Betrieb sieht er sich als höchst
wichtig. Männer belügen sich auch - und die anderen - was ihre Freizeitgestaltung
anbelangt: Sie erzählen von großen sportlichen Leistungen, sitzen
aber stattdessen stundenlang vor dem TV-Schirm.
Auch Frauen belügen sich selbst. Wie schon ihre Mütter und Großmütter
reduzieren sie in Gesprächen schamvoll die Realität von Gewicht und
Alter. Die bereits stadtbekannte und nachgewiesene Untreue des eigenen Ehemannes
wird ebenfalls, so lange es nur geht, weggelogen - genauso wie die schulischen
und beruflichen Schwierigkeiten der »lieben« Kinder.
Unendlich viel wird im Büro gelogen: Für Fehler und Versäumnisse machen wir nur allzugerne Lieferanten, Untergebene und Kollegen, nur nicht uns selbst verantwortlich. Eine beliebte Lüge aus der Arbeitswelt ist die Formulierung: »Wir sind wie eine große Familie!« Abgesehen davon, daß dieser Vergleich heutzutage kaum als Kompliment verstanden werden kann, lügen sich Chefs damit eine meist nicht vorhandene Solidarität und Loyalität ihrer Mitarbeiter vor.
Besonders Menschen, die zu Triebverzicht erzogen werden, richten sich in der Lüge ein und produzieren unentwegt wirklichkeitsferne und realitätsschädigende Illusionen. Auch eine von der Torschlußpanik geplagte Frau fällt nur auf einen Heiratsschwindler herein, weil ihre Sehnsucht nach einer Beziehung größer ist als ihr Wunsch, die Lüge des Mannes zu durchschauen. Zweifel und Warnungen der Freunde und der Familie werden mit dem selbstbelügenden Argument »Ihr seit nur neidisch...!« in den Wind geschlagen.
Die größte Lüge besteht allerdings in der Illusion, ein Leben ohne Lüge führen zu können. Selbst dann, wenn wir bereit sind, die subjektive Zurechtbiegung der Wirklichkeit als ein harmloses »Schwindeln« zu akzeptieren, sind wir nicht in der Lage, den existentiellen Anforderungen ohne Lüge zu entsprechen. Wir brauchen die Lüge Tag und Nacht.
Sehnsucht nach Wahrheit
Und doch sehnen wir uns - mit oder ohne Religion - nach »Wahrheit«
und »Wahrhaftigkeit«. Wir merken dabei allerdings nicht, oder erst
viel zu spät, daß die sogenannte »Wahrheit«- im Gegensatz
zur Wirklichkeit - weder stabil noch ein Gegenpol der Lüge ist. Da die
Wahrheit mobil ist, das heißt, sie deckt sich je nach Blickwinkel mal
mit der Wirklichkeit, ein anderes Mal mit der Lüge, nennen wir sie die
"elastische Schwester der Lüge«.
Auch »Wahrheitsfanatiker« belügen sich. Menschen, die sich
und anderen gegenüber vorgeben, die »Wahrheit gepachtet« zu
haben - ohne sie als die elastische Schwester der Lüge zu akzeptieren -
decken mit dieser unbeweglichen Wahrheit auch ihre Toleranz zu. Sie reagieren
abweisend gegenüber Argumenten, die sich mit der eigenen Auffassung nicht
decken, und leben in der ständigen, wenn auch unausgesprochenen Angst,
die (scheinbare) Selbstsicherheit zu verlieren, die sich ja auf einer Wahrheit
gründet, die in Wirklichkeit nur ihren persönlichen Blickwinkel darstellt.
Jede intolerante Weltanschauung ist wirklichkeitsfremd, da sie die zahlreichen Widersprüche und Fragezeichen der Wirklichkeit ängstlich meidet. Wahrheitsfanatiker, »die wissen, was abgeht«, werden so zum fixen Bestandteil von Kirchen und Parteien, die sich platter Kollektivlügen bedienen. Die Wahrheit ist: Wir lügen alle. Der amerikanische Psychologe John Frazer behauptet, daß der (Durchschnitts-) Mensch täglich rund 200 mal lügt. »Das ist nichts Böses. Schwindler sind glücklicher und haben mehr Freunde." Aber warum lügen und schwindeln wir eigentlich?
- 41 Prozent lügen, um sich Ärger zu ersparen,
- 14 Prozent lügen, um sich das Leben bequemer zu gestalten,
- 8,5 Prozent lügen, um geliebt zu werden,
- 6 Prozent lügen aus Faulheit.
In diesen Ausweichmanövern versteckt sich der Hauptgrund der Lüge: Die Abschiebung der Verantwortung für ein eigenes Gefühl oder eine Handlung. Mit einem Wort: Wir haben Angst, unserer eigenen Wirklichkeit zu begegnen.
Lügen aus Angst
Die Angst, diese typische Verhaltensweise des Menschen, besitzt eine direkte
Seitenverbindung zur Lüge. Die Angst als biologische Abwehr-Reaktion tritt
immer vor neuen Situationen auf; genauer gesagt: als Folge mangelnder Situations-Sicherheit.
Da hilft die Lüge. Zu den psychischen Samariter-Funktionen der Lüge
gehört nämlich auch die Angstbekämpfung. Die Angst wird in ihrem
Anfangsstadium mittels der Lüge erfolgreich verdrängt. Die Selbstberuhigung
(»Ich habe keine Angst!«) ist im Prinzip genauso eine Lüge
wie die Schein-Stärkung (»Mir kann nichts passieren!«). Ist
die Angst jedoch so groß, daß sie mit Lüge und Verdrängung
nicht mehr bewältigbar ist, artet sie in »pathologische Ausprägungen
aus und macht den Betroffenen handlungsunfähig, aggressiv oder destruktiv.«
(Sigrun Roßmanith: »Die Angst vor dem/den Fremden«, in: »Der
Freidenker«,Wien 3/94).
Lügen als Abwehr gegen den Tod
Die Lüge wächst mit der Angst ins Pathologische und bereitet den psychischen
Boden für die Kollektivlüge. Rassistisch-religiöse Parolen über
die »Minderwertigkeit« Andersdenkender und Andersglaubender werden
von den Opfern angst-agressiver Schübe gierig aufgenommen. Auch in diesem
krankhaften Stadium wirken Angst und Lüge gemeinsam und verstärken
sich gegenseitig. Aus der ursprünglichen »Fähigkeit zur Alarmbereitschaft«
(Sigrun Roßmanith), aus dieser biologisch durchaus notwendigen und nützlichen
Reaktion wird eine mörderische Waffe des Hasses geschmiedet.
Die größte, lebenslange und -begleitende Angst der Menschen ist die
vor dem Tod: Hinter jedem (Lebens-) Lachen verkriecht sich, so der Dichter Rilke,
der Tod:
»Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen, mitten in uns.«
Dieses störende »Weinen« des Todes fürchten wir unsagbar und versuchen es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verdrängen. Aus dem schmalen Verdrängungsraum, zwischen »Es« und »Ich« bricht jedoch die Angst vor dem Tod immer wieder empor. Um allerdings unser »Lachen« - synonym für das Leben - nicht ganz zu verlernen, wird die Angst vor dem Tod barmherzig hinter vorgegaukelten »Sicherheiten« versteckt. Diese »Sicherheiten« werden aus dem bunten Stoff der Religionen (von dem »ewigen Leben der unsterblichen Seele« bis zur »Seelenwanderung«) und aus schlichtem Aberglauben (»Gespräche mit Verstorbenen«) gewebt. Diese letzen »Sicherheiten« sind erlogen und gedeihen grenzenlos ohne die Hypothek irgendwelcher Beweislast.
-Peter Stiegnitz






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