Thich Nhat Hanh
Artikel - Lexikon spiritueller Lehrer
Leben in Achtsamkeit
Thich Nhat Hanh ist 1926 in Zentral-Vietnam geboren und ein buddhistischer Mönch, Schriftsteller, Lyriker und Zenmeister.
Neben dem Dalai Lama ist der Autor zahlreicher Bücher einer der profiliertesten zeitgenössischen Meister der buddhistischen Lehre und schon seit seiner Jugend dezidierter Vertreter eines „engagierten Buddhismus“.
Obwohl Thích Nhat Hanh auch auf höchstem Niveau über philosophische Aspekte des Buddhismus schreiben und reden kann, betont er doch immer wieder, dass letztlich nur eine kontinuierliche meditative Praxis zu wirklicher spiritueller Reife führen wird.
Eine unverzichtbare Stütze in der Praxis ist die Sangha, eine Gemeinschaft, wie klein auch immer, deren Mitglieder sich gegenseitig in der Praxis stützen.
Thich Nhat Hanh schlug 1942 als 16-jähriger den Weg des Buddhismus ein, in dem er in ein Zen-Kloster (Tu Hieu Pagode in der Nähe von Hue, einem der größten vietnamesischen Klöster eintrat, um dort Mönch zu werden und wurde dort ordiniert. Er schloss sich bald einer jungen Bewegung unter den buddhistischen Mönchen an, die unter dem Namen "engagierter Buddhismus" bekannt wurde, und die traditionelle meditative Praxis mit gewaltfreien sozialen und politischen Aktionen zugunsten der Linderung menschlichen Leides verbindet.
In den frühen 50igern mitbegründete er in Saigon den buddhistischen Tempel An Quang Pagode (das später das einflussreichste Zentrum für buddhistische Studien in Saigon werden sollte) und begann dort zu lehren.
In den frühen 60igern gründete er dort auch die "School of Youth for Social Services (SYSS)", eine buddhistische peace-corps-ähnliche Organisation, die sich des Wiederaufbaus im Krieg zerstörter Dörfer annahm, Schulen und medizinische Ambulanzen aufbaute, heimatlos gewordenen Menschen bei dem Wiederaufbau einer Existenz und die Organisierung bäuerlicher Kooperativen unterstützte. Zu diesen Aktivitäten gehörte die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift für den Frieden und seine Appelle an die politischen Führer der Welt, Gewaltfreiheit als politisches Mittel einzusetzen.
1964 kehrte er nach Vietnam zurück. In diesem Jahr setzte er seine Auffassung von einem gesellschaftlich engagierten Buddhismus um in die Gründung des Ordens Tiêp Hiên (InterSein, InterBeing).
1967 schlug Martin Luther King Thich Nhat Hanh für den Friedensnobelpreis vor. Das Verfahren schien aussichtsreich; jedoch monierte das Nobelpreiskomittee die öffentliche Ankündigung durch King und sah sich deshalb außerstande, unter diesen Bedingungen den Preis auszurichten aber suspendierte in diesem Jahr die Vergabe gänzlich. Nach dem Ende des Vietnamkrieges und der Vereinigung Vietnams unter der siegreichen nordvietnamesischen Regierung begannen in großer Zahl von politischer Unterdrückung und von Enteignungen bedrohte Südvietnamesen über den Seeweg zu fliehen ("Boat people"). Dies geschah oft unter erbärmlichsten und unzureichendsten Bedingungen, die zudem von Piraterie, Seenot und plattem Verdursten bedroht waren. Thich Nhat Hanh half Rettungsmaßnahmen für diese Flüchtlinge zu organisieren.
1982 gründete er mit seiner Schülerin Sister Chan Khong das buddhistische Kloster "Plum Village" in der Dordogne (Südfrankreich), das heute über 150 Mönche und Nonnen beherbergt und mittlerweile sogar einige Tochterklöster in den USA gegründet hat. Dieses Kloster zieht seitdem als Meditations-Zentrum Besucher aus aller Welt an, die unter seiner spirituellen Leitung lernen und praktizieren. Es lädt ein sowohl als Meditations-Retreat für Mönche und Laien aus aller Welt, als auch als Anlauf-, Ruhe- und Transitpunkt für Flüchtlinge oder als Quelle der Inspiration für Aktivisten.
In über 75 Büchern gibt er tiefe und lebensbezogene Darlegungen und Interpretation des Buddhismus in Prosa, Poesie und Gebeten, der Lebensgeschichte des Buddha, der spirituellen Überlieferung und seine zeitgemäße Ausformung in Ethik, des achtfachen Pfades (5 bzw 14 "Regeln der Achtsamkeit"), und des "Interseins".
Achtsamkeit
"Achtsamkeit", "Bewusstheit im Augenblick" (engl. "mindfulness") sind Begriffe, die eine geistige Haltung mehr oder weniger gut und mehr oder weniger einengend beschreiben. Dem mit buddhistischer Terminologie unvertrauten Leser mag dies wie eine ständige Anforderung und Anspannung erscheinen. Solch eine Haltung der gespannten Beobachtung ist hiermit (übrigens im gesamten Buddhismus) aber nicht gemeint.
Die Vipassana-Anleitung des Buddha, nicht-anhaftend, nicht-wertend, nicht-ablehnend und nicht-begehrend oder -begünstigend den Atem, die Prozesse und Empfindungen des Körpers und des Geistes in der Meditation zu beobachten, zielt auf eine unangespannte Bewusstheit, und ein unangespanntes Eintreten in diese Übung, die im Idealfall sich zu einem Automatismus entwickelt, der die ganze Lebenswahrnehmung und -äußerung durchdringt und umformt. Vielleicht kann man es mit der "freischwebenden Aufmerksamkeit" in der Psychoanalyse vergleichen, die sich der Übertragung und Gegenübertragung - ohne diese zu bedrängen oder zu fördern - gewahr ist.
Im Gegensatz zu solch einer "freischwebenden" Technik enthält die buddhistische Praxis allerdings den Aspekt, dass dies nicht in Bezug auf professionelles Handeln mit einem Patienten sondern in Bezug auf sich selbst und das eigene, existenzielle, Leben entwickelt wird. In der Lehre des Thich Nhat Hanh ist dies (ganz im Sinne des Buddha/ der buddhistischen Überlieferung) in das unaufgeregte, basale Mitgefühl zu Menschen und Lebewesen eingebettet.
Es ist nicht als "kalte" oder distanzierte Bewusstseinstechnik zu verstehen, wenn es auch von der Begrifflichkeit einer solchen sehr nahe scheint. Sie ist auch nicht an besondere intellektuelle Leistungen oder Fähigkeiten gebunden. Thich Nhat Hanh drückt dieses Mitgefühl und die Mitfreude an der Existenz des anderen Lebens durch poetische Sinnsprüche ("Gathas") überall in Plum Village aus, aber auch durch unscheinbare Gewohnheiten, z.B. sich und die Zuhörer eines Dharma-Vortrags durch den Anblick einer kleinen, schönen Blume zu erfreuen.






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