Die Transcent-Methode
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© Ilse Dunkel, pixelio.de
Über sichtbare und unsichtbare Folgen der Gewalt
Der bekannte Friedensforscher Johann Galtung untersucht in diesem Essay die sichtbaren und vor allem die unsichtbaren Auswirklungen von Gewalt und Krieg auf die menschliche Psyche und die Gesellschaft. Er unterscheidet zwische direkter Gewalt, die sichtbar ist, und struktureller Gewalt, die unsichtbar ist. Die unsichtbare Gewalt wirkt sich in den sechs Dimensionen Natur, Mensch, Gesellschaft, Welt, Zeit und Kultur aus. Er hofft, dass seine Transcend-Methode zu einem tieferen und besseren Veständnis über die Auswirkungen von Krieg und Gewalt beiträgt und hilft, diese eines Tages zu überwinden.
Gewalt ist ausgeübt worden, und zwar in der kollektiven Form eines Krieges,
an dem eine oder mehrere Regierungen beteiligt waren, oder in der Familie oder
auf der Straße. Sichtbarer Schaden in materieller und somatischer Hinsicht
häuft sich. Die teilnehmenden Parteien und auch die Außenstehenden
beklagen dies. Doch dann lässt die Gewaltanwendung nach: Den Krieg führenden
Parteien sind die materiellen und nichtmateriellen Ressourcen ausgegangen; die
Parteien nähern sich in ihrer Einschätzung des endgültigen Resultates
einander an, man hält weitere Gewaltanwendung für leichtfertig und
sinnlos; oder es intervenieren außenstehende Parteien, um die Gewaltanwendung
zu stoppen, um, aus welchen Gründen auch immer, den Frieden zu erhalten;
vielleicht wollen sie einen Sieg der Partei verhindern, der ihre Sympathie nicht
gehört. Ein Waffenstillstand (armistice, cease-fire, cese al fuego) wird
geschlossen, eine Vereinbarung entworfen und unterzeichnet.
Das Wort »Frieden« wird sowohl von den Naiven in den Mund genommen,
die die Abwesenheit direkter Gewaltanwendung mit Frieden verwechseln und die
nicht verstehen, dass die Arbeit am Auf- und Ausbau des Friedens gerade erst
beginnt, und bei den weniger Naiven, die dies zwar wissen, eine solche Arbeit
jedoch nicht in Angriff nehmen. So wird also das Wort »Frieden«
zu einem sehr wirksamen Friedensverhinderer.
Mit unserer Untersuchung wollen wir zu den weltweiten Bemühungen beitragen,
den Friedensprozess, der über einen Waffenstillstand hinausgeht, in Schwung
zu bringen, so dass »nach der Gewalt« nicht mehr so einfach »vor
der Gewalt« wird. Die erste Aufgabe nach der Gewalt ist, ihre Formation
zu erfassen, um besser zu verstehen, wie der Meta-Konflikt seinen teuflischen
Kurs genommen hat, unter und zwischen den Menschen, Gruppen, Gesellschaften
gewütet und vom Krieg zerrissene Leute und Gesellschaften, ein vom Krieg
zerrissene Welt hervorgebracht hat. Krieg ist eine menschengemachte Katastrophe.
Um die Formation der Gewalt zu erfassen, mag das folgende Dreieck von Nutzen sein:

Das Dreieck der Gewalt
Die direkte Gewalt, ob physisch und/oder verbal, ist als Verhalten sichtbar.
Doch menschliche Handlungen kommen nicht aus dem Nichts; sie haben ihre Wurzeln.
Zwei davon wollen wir andeuten: eine auf Gewalt basierende Kultur (heroisch,
patriotisch, patriarchalisch, etc.) und eine Struktur, die selbst gewaltsam
ist, indem sie zu repressiv, ausbeuterisch oder entfremdend oder aber auch zu
eng oder zu lose für die Menschen ist.
Das weit verbreitete Missverständnis, dass Gewalt der menschlichen Natur
inhärent sei, lehnen wir ab. Ein Potential für Gewalt ist, ebenso
wie ein solches für Liebe, in der menschlichen Natur enthalten; Umstände
bedingen die Verwirklichung solcher Potentiale. Gewalt ist nicht etwas wie Essen
oder Sex, die man mit kleinen Unterschieden auf der ganzen Welt verbreitet findet.
Die großen Unterschiede bezüglich Gewalt(anwendung) kann man mit
den Aspekten der Kultur und der Struktur erklären: Strukturelle und kulturelle
Gewalt sind die Ursachen direkter Gewalt, mittels gewalttätiger Akteure,
die gegen die Strukturen revoltieren, und einer Kultur zur Legitimation ihres
Gebrauchs von Gewalt als Mittel. Der Friedensprozess muss auf dieser Ebene in
Gang gesetzt und ausgebaut werden, nicht nur im »Kopf« des Menschen.
Strukturelle und kulturelle Gewalt sind die Ursachen direkter Gewalt. Direkte
Gewalt verstärkt strukturelle und kulturelle Gewalt.
Allerdings ist im Dreieck der Gewalt ein Teufelskreis enthalten. Die sichtbaren
Auswirkungen direkter Gewalt sind bekannt: die Getöteten, die Verwundeten,
der materielle Schaden, alle zunehmend im Zivilbereich. Doch die unsichtbaren
Auswirkungen sind möglicherweise noch schlimmer: Direkte Gewalt verstärkt
strukturelle und kulturelle Gewalt. Die wesentlichsten Faktoren sind der Hass
und die Rachsucht, die sich unter den Verlierern breitmachen, und die Sucht
der Gewinner nach mehr Siegen und weiterem Ruhm; und auch die Macht, die von
den Gewaltanwendern ausgeht. Die Menschen spüren das und sind »militärischen
Lösungen« gegenüber skeptisch, sie suchen nach »politischen
Lösungen«. Letztere konzentrieren sich oft auf strukturelle Probleme
wie geographische Grenzziehungen. Unberücksichtigt bleibt der kulturelle
Aspekt, einschließlich der Möglichkeit, dass das Ziehen von Grenzen
in der Geographie Grenzen im Geist bedingt und auch verstärkt. Solche Grenzen
legitimieren wiederum direkte Gewaltanwendung in der Zukunft.
Außerdem kann es möglich sein, dass die geographische Fragmentierung
die vertikale strukturelle Gewalt der Unterdrückung und Ausbeutung der
Minderheiten innerhalb eines Nationalstaates durch die horizontale strukturelle
Gewalt eines »zu lose« ersetzt. Auch wenn wir uns jetzt in einer
Phase interner Nachfolge- und Revolutionskriege befinden, könnte diese
lose Nebeneinander bald zu einem neuen Abschnitt externer Kriege zwischen neu
geschaffenen Staaten führen.
Allerdings sinkt mit einem Waffenstillstand häufig die Motivation, etwas
zu unternehmen, dramatisch. Eine These drängt sich auf: Wenn gewalttätige
Kulturen und Strukturen direkte Gewalt hervorbringen, dann reproduzieren solche
Kulturen und Strukturen auch direkte Gewalt. Der Waffenstillstand wird zu nichts
anderem als einer Periode zwischen Kriegen; einer Illusion, die einem Volk,
das zu viel Vertrauen in seine Führer hat, vorgegaukelt wird. Ein Gefühl
der Hoffnungslosigkeit stellt sich im Kielwasser des folgenden Widerspruchs
ein: Gewaltsame Strukturen können nur durch Gewalt verändert werden;
doch führt diese Gewalt zu neuen Gewaltstrukturen und verstärkt zudem
eine Kultur des Kriegeführens.
Ein Weg aus diesem Dilemma könnte darin bestehen, dass man die erste Aussage
bestreitet, dass die (unterdrückende, ausbeuterische) Struktur nur durch
Gewalt verändert werden könne, die selbst ein Teil der Kultur der
Gewalt ist. Ist der Gegensatz nicht zu scharf, dann kann eine demokratische
Politik ausreichen. Ist der Gegensatz sehr scharf d.h. ist der »wohlerworbene
Anspruch« auf den Status quo für einige ein erhebliches Faktum, so
wie es etwa eine leidvolle Existenz hinsichtlich der grundlegendsten Überlebensbedürfnisse,
des Wohlergehens, der Freiheit und der Identität für die Mehrheit
oder die Minderheit ist (in letzterem Fall legitimiert vielleicht die mehrheitliche
Demokratie den Status quo) dann kann eine Politik der Gewaltlosigkeit
im Sinne Gandhis die zutreffende Antwort sein.
Ein wesentliches Problem besteht darin, dass (parlamentarische) Demokratie und
(außerparlamentarische) Gewaltlosigkeitsbestrebungen nur in einigen Teilen
der Welt Teil der politischen Kultur sind für die Demokratie (die
in ihren Konsequenzen auch gewalttätig sein kann) trifft das übrigens
häufiger zu. Jedoch verbreiten sich beide rasch und schließen einander
nicht aus.
»Tugendkreis« der kombinierten Konfliktlösung:
a. Lösung des zugrunde liegenden Konflikts;
b. Rekonstruktion nach der direkten Gewaltanwendung;
c. Versöhnung der Konfliktparteien. In diesem Komplex von Teufelskreisen
können wir nun drei Probleme bestimmen, die nur gelöst werden können,
indem man den Teufelskreis in einen »Tugendkreis« verwandelt:
a. Das Problem der Lösung des zugrunde liegenden Konflikts;
b. das Problem der Rekonstruktion nach der direkten Gewaltanwendung:
c. das Problem der Versöhnung der Konfliktparteien.
Dabei lautet unsere grundlegende These: Rekonstruktion und Versöhnung ohne Lösung des zugrunde liegenden Konflikts ist kontraproduktiv.
Dabei lautet
unsere grundlegende These: Rekonstruktion und Versöhnung ohne Lösung
des zugrunde liegenden Konflikts ist kontraproduktiv. In diesem Sinn kann man
Hegels Position als den Versuch sehen, für eine Versöhnung zwischen
Herrn und Knecht zu argumentieren, ohne eine Konfliktlösung vorzuschlagen;
Marx wiederum steht für eine Konfliktlösung ohne Versöhnung.
Rekonstruktion ohne Lösung der Ursachen für die Gewalt führt
nur zu ihrer Reproduktion. Erforderlich wäre eine kombinierte Theorie und
Praxis aller drei Problempunkte.
Doch was bedeutet »kombiniert«? Es bedeutet, wenn wir davon ausgehen,
dass die Gewaltanwendung bereits stattgefunden hat, eher ein synchronisches
Vorgehen als ein diachronisches, lineares Eines-nach-dem-anderen. Das bringt
zwei Modelle ins Spiel: drei separate Wege für jede Aufgabe; ein gemeinsamer
Weg für alle drei Aufgaben.
Das erste Modell ordnet die Konfliktlösung den Juristen-Diplomaten-Politikern
zu, die Rekonstruktion den »Entwicklern« und die Versöhnung
den Theologen und Psychologen. Das zweite Modell versucht diese Aufgaben zu
einer einzigen zu verschmelzen, die auf der Hypothese basiert: Die Versöhnung
wird am besten gelingen, wenn die Parteien bei der Konfliktlösung und der
Rekonstruktion kooperieren. Dieser Weg führt uns vielleicht zum Frieden,
wenn der Frieden als die Fähigkeit definiert wird, Konflikte mit Empathie,
mit Gewaltlosigkeit und mit Kreativität zu bearbeiten. Die Fähigkeit
zur Konfliktbearbeitung geht in den Kriegen verloren. Sie muss wiederhergestellt
werden.
2. Gewalt und Krieg, Trauma und Schuld
2.1 Wechselseitigkeit und Vergeltung
Am Anfang war die Tat, nicht das Wort; auf Körperbewegungen folgten verbale
Artikulationen. Manche Taten sind konstruktiver Natur, sie können andere
Menschen erhöhen. Mit anderen Taten wird Menschen Schaden zugefügt:
mit einem Schlag mit einem Arm oder der Verlängerung eines Arms, mit Waffen
(arms), Armeen; mit einem Wort, das weh tut, oder der Erweiterung eines üblen
Wortes, einer üblen Rede, Propaganda. Im Prinzip gibt es auch neutrale
Taten; herrscht jedoch Hochspannung, dann bleibt keine Tat farblos. Eine Tat
ist ein kommunikatives Band zwischen einem Sender und einem Empfänger,
die man, wenn die Tat Schaden angerichtet hat, als Täter und Opfer bezeichnet.
Wirkt sich eine Tat günstig aus, mag dieses Band zu einem der Freundschaft
oder sogar der Liebe werden. In jedem Fall ist Wechselseitigkeit die Norm, gefragt
ist eine Ausgewogenheit des Austausches. Im buddhistischen Diskurs bringen nützliche
und konstruktive Taten dem Vollbringer Verdienste, schädliche werden ihm
negativ angerechnet. Die einen wie die anderen haben wichtige Konsequenzen für
die Wiedergeburt. In einigen christlichen Diskursen können gute Taten zur
Erlösung führen und schlechte zur Verdammnis; die Taten haben also
große Auswirkungen für das Leben nach dem Tode, wobei keine Möglichkeit
eines Appells gegeben ist. Es gibt nicht nur eine Beziehung Selbst-Anderer,
sondern auch Selbst-Selbst. Die Norm der Wechselseitigkeit verlangt, dass der
zugefügte Schaden ausgeglichen wird, Trauma für Trauma (du erleidest
mein Leiden), und Schuld für Schuld (wir sind beide gleich schlecht).
Beide Diskurse stimmen jedoch in einem Punkt überein: Eine schädliche
Tat traumatisiert nicht nur das Opfer, sondern der Täter lädt, ob
er es merkt oder nicht, auch Schuld auf sich. Die Norm der Wechselseitigkeit
verlangt, dass der zugefügte Schaden ausgeglichen wird, Trauma für
Trauma (du erleidest mein Leiden), und Schuld für Schuld (wir sind beide
gleich schlecht). X hat Y etwas Schreckliches getan, die Schuld ist genauso
wenig zu ertragen wie das Trauma. Wenn Y Vergeltung übt, werden die beiden
»gleicher«. Man denke daran, wie die Deutschen nach dem Zweiten
Weltkrieg Dresden-Hamburg gegen Auschwitz aufrechneten. Rache und Vergeltung
gleichen beide Seiten aus.
Nach dieser Logik gibt es zwei Wege, um in einer gewalttätigen Auseinandersetzung
auf gleich zu kommen: Wenn der Täter ein Trauma (etwa) derselben Größenordnung
erleidet und wenn das Opfer eine Schuld etwa derselben Größenordnung
auf sich lädt. Im Vergeltungsakt vermischen sich diese beiden Vorgänge
zu einem. Keine Frage, warum so häufig Rache geübt wird. »Du
hast mich verletzt, ich habe dich verletzt, wir sind jetzt quitt.« Die
traumatisierte Partei hat einen Trumpf: das Recht, dass dem Täter ein Trauma
zugefügt wird. Und die schuldige Partei hat ein Defizit: »Eines Tages
kann er zurückkommen und mir das antun, was ich ihm angetan habe.«
Die erste Situation kann zu Ketten von Traumata quer durch die Geschichte, die
letztere zu einer Politik der Paranoia führen.
Sowohl Trauma als auch Schuld können in den Welt-Trauma- und Welt-Schuld-Banken
deponiert werden und bringen mit der Zeit Zinsen, doch zehrt auch die Inflation
am Kapital. Amortisation ist in der Tat ein langfristiger Prozess. Dies wiederum
weist uns auf zwei wohlbekannte Szenarien:
Ein anderer wird traumatisiert. Y mag es zu riskant finden, X ein Trauma zuzufügen;
vielleicht ist X einfach zu mächtig. Doch es gibt ja Z, weiter unten in
der Hackordnung positioniert. Damit eröffnet sich die Möglichkeit
einer Kette von Gewalt, die sich durch die Gesellschaft, Zeit und Raum nach
unten zieht.
Eine Traumatisierung wird durch jemand anderen begangen. Wenn X traumatisiert
werden muss, dann kann das auch das stärkere W vollbringen, womit die Möglichkeit
einer Kette von Gewalt, die sich durch den gesellschaftlichen Raum nach oben
zieht, gegeben ist. Ein ganz spezieller Fall ist als »Bestrafung«
bekannt, W ist die »Autorität«, die dazu berechtigt ist, Schmerzen
und Traumata zuzufügen, die jedoch damit die Traumatisierten nicht von
Schuld befreien kann, da im Zusammenhang mit der Autorität die Frage der
Schuld keine Relevanz besitzt. Andere wie V und U können das bezweifeln
und W dasselbe zufügen. Und so weiter.

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2.2 Intention und Irreversibilität
Wir wollen nun zwei weitere Dimensionen der Gewalt in die Diskussion einführen:
Intention und Irreversibilität. War das Leid beabsichtigt? Ist das Leid
irreversibel oder kann es wieder gut gemacht werden? Das Leid liegt in den Augen
(und anderen Sinnen) des Betrachters, des Opfers; ein gewisses Maß an
Leid ist in der normalen gesellschaftlichen Interaktion nicht zu vermeiden.
Doch sind bei dieser Interaktion zwei Richtlinien dienlich:
Schuld = f(Schaden x Absicht x Irreversibilität)
Den letzten Satz könnte man modifizieren, so dass er nur auf schädliche
Handlungen zur Anwendung kommt; das Problem liegt dabei darin, dass es nicht
so einfach ist, zu wissen, ob eine Handlung schädlich ist oder nicht. Es
kann unbekannte Folgen geben und, was wichtiger ist, die Regel »Was du
nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andren zu« ist
problematisch: Geschmäcker können verschieden sein.
Als Faustregel wollen wir annehmen, dass die Schuld eine Funktion von Schaden,
Absicht und Irreversibilität ist:
Schuld = f(Schaden x Absicht x Irreversibilität) Der wesentliche Unterschied
zwischen einer Gewaltanwendung mit Todesfolgen und anderen Gewaltanwendungen
besteht in der Irreversibilität der ersteren. Wir können Leben schaffen,
aber nicht Leben wiedererschaffen. Dies ist ein Grund dafür, warum ein
Kindesmörder in einigen Kulturen als Kompensation sein eigenes Kind hergeben
(oder es töten lassen) musste. Auch Gewaltanwendung ohne tödlichen
Ausgang beinhaltet Elemente von Irreversibilität: Wunden heilen nur selten
völlig aus und Wunden, die dem Geist zugefügt werden, vielleicht niemals,
wie uns die Psychoanalyse lehrt. Sexuelle Gewalt hinterlässt vielleicht
keine Wunden am Körper, aber irreversible Traumata im Geist. Dasselbe gilt
für andere Formen körperlicher Gewaltanwendung, da jede Gewaltanwendung
eine Vergewaltigung ist, ein Eindringen in das Allerheiligste, die Privatheit
des Körpers. In einem geringeren Maß gilt das auch für das Eigentum
(als Extension des Körpers), vielleicht insbesondere für den Einbruch
als ein Eindringen in die familiäre Privatheit.
Die Formel von oben bringt uns zu zwei zusätzlichen Herangehensweisen,
was eine Befreiung von der Schuld betrifft: das Leugnen einer bösen Absicht
und den Schadenersatz. Aus gewissen Gründen hat sich die westliche Rechtssprechung
in die erste Richtung entwickelt, wobei z.B. auf Uninformiertheit über
die Folgen, auf chronische oder akute Geistesverwirrung etc. plädiert wird.
Dies geschieht trotz der Tatsache, dass zwar einerseits der Schaden, der durch
Gewaltverbrechen und sexuelle Gewalt angerichtet wird, praktisch irreversibel
ist, anderseits aber jener, der durch Verbrechen gegen das Eigentum zugefügt
wird, im Prinzip wieder gut zu machen ist. Geld kann verdient und zurückbezahlt
werden, das Haus kann wiederaufgebaut werden. Zerstörte kulturelle Momente
können jedoch keinesfalls wiederhergestellt werden, da der Schaden symbolisch
ist, nicht nur materiell. Die Formel von oben bringt uns zu zwei zusätzlichen
Herangehensweisen, was eine Befreiung von der Schuld betrifft: das Leugnen einer
bösen Absicht und den Schadenersatz.
Was ändert sich, wenn X und Y nicht Individuen, sondern Kollektive im Kriegszustand
sind? Eigentlich behält alles oben erwähnte seine Gültigkeit,
abgesehen von kleinen Unterschieden in der Terminologie: Wenn die Kollektive
Länder sind, wird die Ersatzleistung normalerweise als Reparation bezeichnet.
Einen gewissen Unterschied gibt es aber doch: An der Frage der Gewaltakte können
sich die Geister scheiden, kann es Spaltungstendenzen in einem Kollektiv geben.
Sehr klar hat sich dies am Ende des Ersten Weltkriegs gezeigt, als sowohl die
deutschen wie auch die französischen Truppen gegen ihre Generäle gemeutert
haben. Einerseits verlangt eine konzertierte Gewaltanwendung, wie sie von den
Armeen ausgeübt wird, einen bedingungslosen Gehorsam mit einer sehr asymmetrischen
Kommandokette (im Gegensatz zu einer Guerillabewegung); anderseits gibt es einen
Unterschied im Risiko, dem die Beteiligten ausgesetzt sind; es ist größer
für die Soldaten in der Kampfeszone als für den höheren Offizier
im Bunker, ganz zu schweigen von den Politikern, die daheim die Parameter für
den Krieg setzen.
3. Aspekte der Gewalt
Werden nur sichtbare Auswirkungen der Gewalt in Betracht gezogen, dann sind weniger »Kosten« zu berücksichtigen; je kompletter ein Bild, umso größer sollten die Bedenken sein, wenn wir von rationalen Überlegungen ausgehen. Um das Denken über die Auswirkungen der Gewalt zu verdeutlichen, benützen wir ein Raster, das in sechs Räumen die materiellen, sichtbaren den nichtmateriellen, unsichtbaren Auswirkungen gegenüberstellt:
| Raum | Materielle, sichtbare Auswirkungen | Nichtmaterielle, unsichtbare Auswirkungen | |
|---|---|---|---|
| Quelle: http://them.polylog.org/5/fgj-de.htm | |||
| Natur | Raubbau und Umweltverschmutzung; Schaden an der Vielfalt und an der Symbiose weniger Respekt für die nicht-menschliche Natur; Verstärkung der Haltung »Mensch über der Natur« | weniger Respekt für die nicht-menschliche Natur; Verstärkung der Haltung »Mensch über der Natur« | |
| Zustand des Menschen |
Somatische Auswirkungen: Anzahl der Getöteten, Anzahl der Verwundeten, Anzahl der Vergewaltigten, Anzahl der Vertriebenen, Anzahl derjenigen in Not, Witwen, Waisen, arbeitslose Soldaten |
Spirituelle Auswirkungen: Anzahl der Hinterbliebenen, Anzahl der Traumatisierten, allgemeine Hassgefühle, allgemeine Depression, allgemeine Apathie, Rachsucht, Siegessucht |
|
| Gesellschaft |
der materielle Schaden an Gebäuden;
der materielle Schaden an der Infrastruktur: Straßen, Bahn, Post, Telekommunikation, Elektrizität, Wasser, Gesundheit, Bildung |
der Schaden für die sozialen Strukturen: für Institutionen, für die Regierungsfähigkeit; der Schaden an der sozialen Kultur: für Recht und Ordnung, für die Menschenrechte |
|
| Welt |
der materielle Schaden für die Infrastruktur: Niedergang des Handels und internationalen Austauschs |
der Schaden für die Weltstrukturen; der Schaden für die Weltkultur | |
| Zeit |
verzögerte Gewalt: Landminen, Blindgänger; übertragene Gewalt: genetischer Schaden für die Nachkommen |
Strukturtransfer zur nächsten Generation; Kulturtransfer zur nächsten Generation; Kairos-Punkte von Trauma und Ruhm | |
| Kultur | irreversibler Schaden am menschlichen Kulturerbe, an heiligen Punkten im Raum | Gewaltkultur von Trauma und Ruhm; Verschlechterung der Konfliktlösungskapazität | |
Es ist bezeichnend für den Materialismus unserer Kultur, dass nur die
erste Spalte, nicht jedoch die zweite Beachtung findet. Dies erinnert an die
Analysen der Mainstream-Ökonomie mit ihrer ausschließlichen Konzentration
auf materielle Faktoren (Natur/Land, Arbeitskräfte, Kapital), die Produktion
von Gütern und Dienstleistungen, was dann auf Netto- und Bruttosozialprodukte
hinausläuft; die enormen Kosten jedoch, die die »Modernisierung«
für die Natur, den menschlichen Geist, die Struktur und Kultur im allgemeinen
mit sich bringt, bleiben unberücksichtigt.
Wir haben es mit einem allgemeinen kulturellen Syndrom zu tun, das den Kampf
um eine ernsthafte Beachtung der unsichtbaren Auswirkungen noch problematischer
macht. Dieses Syndrom erfüllt eine ziemlich offenkundige Funktion: Werden
nur sichtbare Auswirkungen der Gewalt in Betracht gezogen, dann sind weniger
»Kosten« zu berücksichtigen; je kompletter ein Bild, umso größer
sollten die Bedenken sein, wenn wir von rationalen Überlegungen ausgehen.
Dasselbe gilt für ungebremstes Wirtschaftswachstum, das manchmal dem Kriegführen
nicht unähnlich ist; es stellt zwar keine direkte Gewaltanwendung dar,
kann jedoch als in die Struktur eingebaute strukturelle Gewalt betrachtet werden.
Die linke Spalte birgt wenig Überraschungen außer vielleicht einen
Punkt, der in jüngster Zeit in den Kriegsberichten und -bilanzen, die selbstredend
bar jeder Gefühlregung sind, häufig Erwähnung findet: die Anzahl
der Vergewaltigungen. Die Tatsache, dass weibliche Körper Schlachtfelder
für sich bekriegende Männer-Gangs abgeben, ist wohl so alt wie der
Krieg; ihre häufigere Erwähnung in Kriegsberichten der letzten Zeit
hat vielleicht auch etwas mit dem zunehmenden feministischen Einfluss zu tun.
Die rechte Spalte jedoch ist alles andere als selbstverständlich.
3.1 Natur
Der Krieg ist legitimiert, der Schaden, den er anrichtet, wird vielleicht beklagt,
nicht jedoch seine Legitimation. Eine Sache ist der Schaden, der dem Ökosystem
zugefügt wird, eine andere die Verstärkung des allgemeinen kulturellen
Codes der Herrschaft über die Natur, die auch ein Teil des Vergewaltigungssyndroms
ist. Unzählige Millionen von Menschen schauen sich nicht nur an, wie Menschen
getötet und verwundet werden, sondern auch wie die Natur zerstört wird
und in Flammen aufgeht. Der Krieg ist legitimiert, der Schaden, den er anrichtet,
wird vielleicht beklagt, nicht jedoch seine Legitimation. Am schlimmsten sind
natürlich die ABC-Waffen an, die genetischen Schaden anrichten können.
Doch neben in großem Maßstab stattfindenden kinetischen und brandstifterischen
militärischen Angriffen auf die Natur (auch in Friedenszeiten für Manöverzwecke)
wirken zivile Angriffe geradezu unschuldig. Wie eine Mega-Gewaltanwendung gegen
Menschen, z.B. Auschwitz und Hiroshima-Nagasaki, eine Gewaltanwendung auf »konventioneller«
Ebene unschuldig erscheinen lässt, so lässt auch eine Mega-Gewaltanwendung
gegen die Natur, Insulte auf einer alltäglichen Ebene harmlos erscheinen.
3.2 Zustand des Menschen
»Süß scheint der Krieg nur dem Unerfahrenen.« Erasmus von Rotterdam
Man kennt nicht einmal die Anzahl der Menschen, die aufgrund von Kriegen Angehörige
verloren haben. Für eine moderne Familie beträgt in zwei bis drei
Generationen die Größenordnung vielleicht 10¹, rechnet man andere
Primärgruppenmitglieder dazu, dann nähert man sich 10². Dazu
kommen die Trauerfälle von Menschen aus der Bekanntschaft, deren Angehörige
dem Krieg zum Opfer fielen, die Beileidsbezeigungen, die Teilnahme an der Trauer,
das kann uns zu einer Größenordnung von 10³ bringen. Schließlich,
wenn es zu einer Natur- oder sozialen Katastrophe kommt, gibt es eine Staatstrauer.
Erasmus von Rotterdam sagte vor langer Zeit: »Süß scheint der
Krieg nur dem Unerfahrenen« ein gewichtiger Einwand gegen den
aus dem deutschen Kulturbereich stammenden naiven und selbstentlastenden Satz
»Der Krieg ist ein Naturgesetz«. Gerade weil der Krieg, wie Sklaverei,
Kolonialismus und Patriarchat, eine gesellschaftliche Einrichtung ist, die sogar
einer gewissen Anzahl von Gesellschaften unbekannt war, ist er vermeidbar. Wenn
sozial = strukturell + kulturell ist, dann haben wir zwei Herangehensweisen,
um den Krieg zu begrenzen. Zu einer Kriegskultur gehört es, die Trauernden
dazu zu bringen, ihre Verluste zu akzeptieren:
das Opfer wurde für eine gerechte, ja sogar heilige Sache erbracht,
im Allgemeinen für Gott (als Instrument für seinen Willen, Deus volt),
für die Geschichte (als Instrument für den Lauf der Geschichte) oder
für die Nation als ein Kollektiv, das kulturell definiert ist durch gemeinsame
(Kairos-)Punkte von Ruhm und Trauma in Zeit und Raum;
3.3 Gesellschaft

© Wolfgang Berer, pixelio.de
Es kann sein, dass der Krieg von Gesellschaften als Mittel zur Wiederherstellung
einer Verbundenheit benutzt wird: Aggression nach außen, Zusammenhalt nach
innen.
Auf der gesellschaftlichen Ebene der Conditio Humana finden wir Struktur und Kultur:
Wie wirkt sich Krieg auf sie aus? Niemand wird in Frage stellen, dass Kriege sowohl
auf der militärischen wie auch auf der zivilen Seite einen gewissen Zusammenhalt
zur Folge haben. Der Grund dafür liegt in der zielstrebigen Hingabe für
eine Sache: zu gewinnen und dem Krieg ein Ende zu bereiten. Es kann also sein,
dass der Krieg von Gesellschaften, die von allgemeiner Atomie, Atomisierung, Fragmentierung
bedroht sind, in diesem Zusammenhang als Mittel zur Wiederherstellung einer Verbundenheit
benutzt wird. Heute sind davon vielleicht insbesondere die fortgeschrittenen Demokratien
betroffen, die unfähig sind, auf andere Art und Weise einen Zusammenhalt
herzustellen: Aggression nach außen, Zusammenhalt nach innen.
Auch ist es keine Frage, dass Kriege solch positive Züge wie Hingabe, Opferbereitschaft,
Solidarität, Disziplin, Teamwork hervorbringen. Denjenigen, die sich in dieser
Hinsicht bewähren, ist es oft möglich, nach dem Krieg hohe gesellschaftliche
Positionen zu erlangen. Doch sind diese Tugenden eingebettet in ein Gehäuse
von Gewalt und Verachtung für das Leben, die sich auf das zivile Leben übertragen
können. Der Krieg bringt eine Mobilität für die Unterdrückten,
ein Grund, warum Soldaten häufig aus den unteren Gesellschaftsklassen kommen
(einschließlich Beschäftigungsloser und solcher, die als Arbeitskräfte
ungeeignet sind). Das Ergebnis kann eine drückende Überbeschäftigung
von Unterqualifizierten sein.
Der Krieg kann eine Gesellschaft von der Anomie heilen, der Abwesenheit verbindlicher
Normen, indem er Normen einsetzt, die in Beziehung zu Gott, der Geschichte, dem
Gesetz, der Nation stehen. Doch wieder stellt sich die Frage: Bedeutet dies nicht,
dass die Nachkriegsgesellschaft dann wie eine Armee organisiert und einer Militärkultur
unterworfen ist? Und wenn wir davon ausgehen, dass sich die Militärkultur
zur Kultur so verhält wie Militärmusik zur Musik, bedeutet dies nicht
eine kriegslustige Vereinfachung mit Freund-Feind-Bildern? Wenn das zutrifft,
so wird die Gesellschaft niemals gänzlich aus dem Kriegszustand in Friedensverhältnisse
überführt, sondern bleibt militarisiert und kriegsanfällig in dem
Sinn, dass sie jederzeit für den Krieg als Alternative bereit ist.
3.4 Welt
Je mehr Kriege wir hatten, desto mehr sehen wir das Ergebnis als normal an.
Wenn wir jetzt die Welt in Ergänzung zu einer Staatengemeinschaft als eine
Nationengemeinschaft definieren, in anderen Worten als ein inter-nationales System
in Ergänzung zu einem inter-staatlichen System, dann wird die Auswirkung
von Kriegen noch klarer. Auf einer oberflächlichen Ebene haben die Menschen,
die einer Nation angehören, eine gemeinsame Religion und Sprache. Auf einer
tieferen Ebene teilen sie Auserwähltheit, Ruhm und Trauma, den ART-Komplex.
Kriege sind ein wesentlicher Anlass für solche Kairos-Punkte. Kontiguität
rund um heilige Plätze und Kontinuität im Gedenken an solche Daten projizieren
die Nation in Geographie und Geschichte, wie man das deutlich an den Namen der
Metro-Stationen und Plätze eines Landes beobachten kann, das sich selbst
la Grande Nation nennt. Auch eine Analyse der Nationalfeiertage und der Hymnen
wird solches an den Tag bringen. 46 Nachdem die Waffen zu schweigen begonnen haben,
ist der Krieg noch immer in den Köpfen der Menschen: Die Dichotomie der Nationen
in zwei Lager, die manichäische Sicht der Lager als gutschlecht, FreundFeind,
als Kampf zwischen Gott und Satan auf Erden, die Schlacht von Armageddon als das
entscheidende Ereignis; kurz gesagt, der DMA-Komplex.
Dieses Muster wird zu einer Self-fulfilling Prophecy. Der DMA-Komplex überlebt
das Ende des Krieges. Jedes Zeichen, das darauf hindeutet, dass der Feind noch
am Leben ist, löst vorgefertigte Reaktionen aus; sind solche Zeichen nicht
vorhanden, dann werden andere Feinde ausgemacht, um die Gestalt, die von diesem
Typus kultureller Gewalt geformt wird, zu vollenden. Das Ende des Kalten Krieges
ist mittlerweile ein klassischer Fall: Die Verflüchtigung des »Ostens«
als Konfliktpartner kam unerwartet; neue Feinde der Nation (oder Super-Nation)
wurden mit der Hilfe Gottes und des Gesetzes aus der Geschichte ausgegraben. Kriege
wirken sich auf Strukturen und Kulturen verheerend aus. Und je mehr Kriege wir
hatten, desto mehr sehen wir das Ergebnis als normal an.
3.5 Zeit
Einem Kairos für einen Krieg wird man einen Kairos für einen Frieden
entgegenhalten müssen. Doch noch besser ist ein langer von Geduld gekennzeichneter
Khronos einer Arbeit für den Frieden.
Wie erwähnt, dient ein Krieg dazu, Ruhmes- und Traumapunkte, mit denen Nationen
definiert werden, in einen Zeitrahmen zu stellen. Doch sind Struktur und Kultur
auch von einer gewissen Trägheit. Beide treiben durch weite Zeitstrecken
wie in einem ruhig dahinfließenden Strom weitgehend unverändert, zumindest
auf der Ebene der Tiefenstruktur und Tiefenkultur. Es gibt Wasserfälle, die
man in Bezug auf die Struktur »Revolutionen« nennt und in Bezug auf
die Kultur »Epochenübergänge«; sie sind nicht sehr häufig
und tendieren dazu, gemeinsam aufzutreten.
Wir leben in einem inter-staatlichen, inter-nationalen System, das im Großen
und Ganzen durch klar definierte Kriege geformt wurde, mit unzulänglich definierten
Friedensabschnitten als Zwischenkriegsperioden. Jeder neue Krieg verstärkt
das Bild des Krieges als normal und natürlich, als eine Schicht, die in der
nationalen Archäologie über einer anderen abgelagert wird. Die Nationen
stellen Übermittler für Struktur und Kultur dar einschließlich
des Kriegsmusters; manches, wie beispielsweise auch gewalttätiges Verhalten
wird in der Familie vermittelt. Wichtige Vehikel für die Übermittlung
sind Nationalsprache und Religion, die Mythen, die als populäre Kunst ihren
Ausdruck finden, die Stätten in Zeit und Raum; sie werden durch die Familie
und in der Schule weitergegeben, wahrscheinlich weniger am Arbeitsplatz. Schon
die Existenz einer Nationalarmee wie auch die Bemühungen, nationale Waffenarsenale
einschließlich Nuklearwaffen intakt zu halten, zeigen von der Bereitschaft,
sie auch zu benutzen.
Der springende Punkt, was die Zeit betrifft, ist die Trägheit von Struktur
und Kultur; wenn nicht intentional etwas geschieht, um ihr entgegenzuwirken, wird
sie unvermindert weiter bestehen. Einem Kairos für einen Krieg wird man einen
Kairos für einen Frieden entgegenhalten müssen. Doch noch besser ist
ein langer von Geduld gekennzeichneter Khronos einer Arbeit für den Frieden,
bis der Teufelskreis durch den Übergang von Quantität zu Qualität
gebrochen wird.
3.6 Kultur
Hauptkomponenten einer Friedenskultur:
Mit jedem Krieg stirbt die Menschheit ein wenig. Doch sind wir eine widerstandsfähige
Gattung, sonst hätten wir uns schon längst selbst ausgelöscht.
An uns ist mehr dran als nur die traurige Geschichte von Krieg und Gewalt. Wenn
Konflikte im Sinn einer Unvereinbarkeit von Zielen auf allen Ebenen menschlicher
Organisation allgegenwärtig sind, von der intra-personalen zur inter-regionalen,
intra-globalen und auch inter-stellaren, dann müssen wir über einige
Konfliktlösungsfähigkeiten verfügen.
Gewaltlosigkeit, Kreativität und Empathie sind drei Hauptkomponenten einer
Friedenskultur oder eines kulturellen Friedens im Gegensatz zu einer Gewaltkultur.
Kriege und Gewalt auf niedrigeren Ebenen menschlicher Organisation sind Karikaturen
dieser Tugenden und verringern die menschliche Konfliktlösungskapazität.
Dass Kriege nicht gewaltlos sind, ist mehr als nur eine Tautologie. Es kann, auf einer oder mehreren Seiten, selbstauferlegte Zurückhaltung in Kriegen geben, sowohl ad bellum als auch in bello.
Dass Kriege nicht gewaltlos sind, ist mehr als nur eine Tautologie. Es kann,
auf einer oder mehreren Seiten, selbstauferlegte Zurückhaltung in Kriegen
geben, sowohl ad bellum als auch in bello. Doch der springende Punkt bezüglich
Gewaltlosigkeit wäre, auf Gewalt mit Liebe zu reagieren, oder neutraler
ausgedrückt, auf negative Taten mit etwas Positivem. Die Kriege schließen
ein solches Verhalten als Hochverrat aus und etablieren eine Kultur von Geheimnissen
und Täuschungen, von Lügen und Propaganda.
Man kann nicht verleugnen, dass Kriege in ihrer Destruktion auch in hohem Maße
kreativ sind, doch bleibt ihr Fazit Destruktion von Leben und Eigentum. Eine
Kreativität in Richtung Erhöhung des Lebens, indem man andere (einschließlich
»der Anderen«) fördert, wird ebenfalls als Hochverrat ausgeschlossen.
Dasselbe gilt für die dritte Tugend: Empathie, die Fähigkeit andere
von innen her zu verstehen, ist Hochverrat. Wenn man so vorgeht, wird das Verhalten
des anderen als Folge seiner Geschichte gesehen, werden die externen Ursachen
zu guten Gründen und der Wille zu töten kann vielleicht untergraben
werden.
4. Über Bilder von Konflikt, Gewalt und Frieden
4.1 Konflikt als Organismus
Gewalt und Krieg werden als eine Eruption gesehen mit einem Beginn und einem
Ende und keinen anderen Folgen als denen, die am Ende der Gewalttätigkeiten
sichtbar sind: den Toten, den Verwundeten, dem Schaden.
Gewalt muss in einem Kontext gesehen werden, und der Kontext, für den wir
uns entschieden haben, heißt »Konflikt«. Es gibt viele Missverständnisse
und unglückliche Konzeptionen von Konflikt, diesem großen Schöpfer
und großen Zerstörer.
Ein allgemeiner Konfliktdiskurs, wie man ihn in den Medien findet, unter Forschern
und Laien, sieht den Konflikt als einen Organismus mit Geburt und Wachstum bis
zu einem Wendepunkt, dann einem Verfall bis zu seinem letztlichen Aussterben.
Auf der horizontalen Achse des Diskurses haben wir die physikalische Zeit, Khronos,
auf der vertikalen Achse ein gewisses Maß direkter Gewalt vom ersten Anzeichen
von »Schwierigkeiten« bis zum »Waffenstillstand«, dem
Ende offener Feindseligkeiten, weil entweder der Konflikt »ausgebrannt
ist«, die Parteien in ihrer Prognose über das Ergebnis übereinstimmen
und es nutzlos finden, sich gegenseitig weiterhin zu zerstören oder aufgrund
einer Intervention Dritter, die die Parteien zu einem Ende der Feindseligkeiten
zwingt oder ihnen eine entsprechende Zusage abverlangt. Das Ende eines Konflikts
wird oft Frieden genannt.
Eine Liste der wichtigeren Unzulänglichkeiten dieses Diskurses schließt
folgende Punkte ein:
So werden also Gewalt und Krieg als eine Eruption gesehen mit einem Beginn und
einem Ende und keinen anderen Folgen als denen, die am Ende der Gewalttätigkeiten
sichtbar sind: den Toten, den Verwundeten, dem Schaden. Natürlich ist niemand
ganz so naiv; es existiert eine beträchtliche Literatur über »Kriegsursachen«
und »Kriegsfolgen«. Doch das darin entworfene Bild ist sowohl für
die Kriegsverhütung als auch für den Umgang mit den Nachwirkungen
kontraproduktiv.
4.2 Gewalt als Krankheit
Schlüsselursachen können von den Symptomen weit entfernt sein.
Bevor wir ein alternatives Bild entwickeln, möchten wir die Gewalt mit
einer Krankheit vergleichen, sagen wir der Tuberkulose, TBC. Ein zielführender
Weg, menschliche Pathologien zu begreifen, wäre, sie unter dem Aspekt der
Wechselwirkung zwischen dem Ausgesetztsein des Menschen und seiner Widerstandsfähigkeit
zu sehen; in unserem Fall zwischen den Mikroorganismen, die unter (für
sie) günstigen Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen wirksam sind, und
dem Grad der Immunität des Körpers, der wiederum mit dem Immunsystem,
der Ernährung und dem Lebensstandard, dem emotiven und reflektierenden
Geist (mind und spirit) zu tun hat. All das spielt in holistischer und synergetischer
Weise zusammen. Natürlich ist es möglich, einige Allgemeinheiten abzuleiten,
doch kann damit niemals zur Gänze ein individueller Fall abgedeckt werden,
es bleibt Platz für Empathie mit dem individuellen Patienten, seiner Umwelt
und Geschichte, wobei man das Generalisierende und Individualisierende kombinieren
kann.
Durch Untersuchungen wurde belegt, dass verbesserte Lebensbedingungen (Ernährung,
Unterkunft, Bekleidung) einen deutlicheren Rückgang der TBC-Raten zur Folge
hatten als eine künstliche Stärkung des Immunsystems durch Impfung
und frühe Diagnose (Röntgenstrahlen). Man kann eine Krankheit nicht
losgelöst von Patient und Kontext als eine abstrakte Entität mit einem
eigenen Lebenszyklus sehen und eine allgemeine Prävention, Therapie und
Rehabilitation verlangen. Schlüsseldimensionen des Ausgesetztseins und
der Widerstandsfähigkeit können in einem umfassenden Sinn im Kontext
liegen, nicht an der Nahtstelle von Krankheit und Patient. Bei kausalen Zyklen
sind sowohl Körper wie auch Geist (body, mind und spirit) involviert, nicht
nur der Körper. Schlüsselursachen können von den Symptomen weit
entfernt sein. Wenn wir den gesamten Kontext einbeziehen, können die Zyklen
sogar global (AIDS) und makrohistorisch (Grippe) sein.
4.3 Konfliktformation und Konfliktgeschichte
Es ist nicht möglich, Gewalt von ihrem Raum-Zeit-Kontext zu trennen.
Auch ist es nicht möglich, Gewalt von ihrem Raum-Zeit-Kontext zu trennen. Der Kontext im Raum ist die Konfliktformation, die alle involvierten Parteien, die nahe liegenden und die entfernten, mit allen Zielen, die für den Konflikt relevant sind und den bewusst vertretenen Werten wie auch den positionellen Interessen einschließt. Ein erster Fehler in der Konfliktpraxis besteht darin, nur Parteien in einem örtlich beschränkten Gebiet, in dem Gewalt herrscht, zu berücksichtigen; dabei werden Symptome mit Ursachen verwechselt, wie wenn beispielsweise ein Arzt einen geschwollenen Knöchel als »kranken Knöchel« betrachtet und nicht als mögliches Symptom eines Herzleidens oder wenn Hunger als »ungenügende Nahrungsaufnahme« gesehen wird und nicht als soziales Problem. Entfernte, hinter den Kulissen agierende Parteien können eine entscheidende Rolle spielen.

© Joujou, pixelio.de
Der Kontext in der Zeit ist die Konfliktgeschichte, einschließlich der
Geschichte der Zukunft. Ein zweiter Fehler in der Konfliktpraxis besteht darin,
die Konfliktgeschichte mit einem Anfang und einem Ende auszustatten, sie als
eine beschränkte Zeitspanne, in der Gewalt herrscht, zu sehen, die vom
ersten Gewaltausbruch bis zu dem mit einem Frieden verwechselten Waffenstillstand
dauert.
Ein räumlich und zeitlich definiertes Auftreten von Gewalthandlungen wird
dann losgelöst von der Konfliktformation und der Geschichte zu einem »Mandschurischen
Zwischenfall«, dem »Golfkrieg«, dem »jugoslawischen
Debakel«, »Ruanda« und wird dann in einer Forschung tabellarisiert,
die durch eine Vielzahl von Daten und durch mangelndes Verständnis charakterisiert
ist.
Einer der Gründe dafür ist ohne Zweifel ein epistemologischer, der
im Empirismus und in der Verhaltensforschung wurzelt: Gewalt ist ein Verhalten
und kann beobachtet werden, Daten kann man erzeugen. Ein weiterer Grund ist
politischer Natur: Gewalt kann eskalieren und zwar nicht nur innerhalb eines,
sondern auch aus einem »räumlich und zeitlich definierten Auftreten
von Gewalthandlungen« heraus und kann für andere gefährlich,
ansteckend werden wie eine ansteckende Krankheit. Daher die Konzentration darauf,
die Träger von Gewalt, »die Terroristen«, wie Bazillenträger
auszurotten. Kausalzyklen außerhalb von räumlich und zeitlich definiertem
Gewaltvorkommen könnten sehr mächtige Akteure einschließen,
die es vorziehen, unerwähnt zu bleiben. Massenmedien neigen dazu, in all
diese Fallen zu gehen.
4.4 Ein alternatives Bild von Gewalt
Welche Art von Diskurs empfehlen wir, als Ergebnis dieser Überlegungen?
Er dürfte sich nicht nur auf die Ätiologie eines bestimmten Ausbruchs
von Gewalt und Krieg und sinnvolle Intervention konzentrieren, sondern müsste
auch die Nachwirkungen eines Krieges berücksichtigen. Hier ist eine vorläufige
Antwort:
Direkte (offene) Gewaltanwendung wird unter dem Aspekt ihrer Vor-, Seiten-,
und Nachgeschichte gesehen, die weder räumlich noch zeitlich begrenzt sind.
Diese Geschichten können in sechs Bereichen aufgespürt werden:
- Natur: als ökologische Verschlechterung als ökologische Verbesserung;
- Gesamtzustand des Menschen (body, mind, spirit): als Traumata, Hass als Freude, Liebe;
- Gesellschaft: als Vertiefung des Konflikts als Heilung des Konflikts;
- Welt: als Vedrtiefung des Konflikts als Heilung des Konflikts;
- Zeit: als Kairos von Trauma oder Ruhm als Khronos des Friedens;
- Kultur: als Ablagerungen von Trauma oder Ruhm als Ablagerungen von Frieden.
- direkte Gewalt: Frieden gegenüber der Natur und dem Menschen (Körper und Geist);
- strukturelle Gewalt: struktureller Frieden im gesellschaftlichen Raum, in der Welt, als:
- kulturelle Gewalt: kultureller Frieden Gewalt ist legitimiert bzw. nicht legitimiert.
- Johan Galtung: Konflikte & Konfliktlösungen. Eine Einführung in die Transcend-Methode. 256 S., geb., Homilius-Verlag, € 19.90
- Johan Galtung: Frieden mit friedlichen Mitteln. Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur. 437 S., brosch., Agenda-Verlag, € 36.00
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Man kann diese sechs Bereiche in drei zusammenfassen:
" vertikale strukturelle Gewalt: Unterdrückung und Ausbeutung;
" horizontale strukturelle Gewalt: die Parteien sind sich zu nah bzw. zu entfernt voneinander;
" struktureller Frieden: Freiheit und Gerechtigkeit, adäquate Distanz;
Dazu kommt die Zeit als das Medium, in dem sich all dies entwickelt. Doch während
direkte Gewalt üblicherweise als Prozess mit Kairos-Punkten gesehen wird,
gleichen strukturelle und kulturelle Gewalt wie auch struktureller und kultureller
Frieden eher Stufenfunktionen an diesen Kairos-Punkten. Es gibt einen Vorfall,
der ein niedrigeres oder höheres Niveau hervorbringt, der sich in der Folge
auf eine relativ permanente Höhe einpendelt. Da etwas Permanentes schwierig
zu erkennen ist (es gibt keine Kontraste) und der Vorfall nicht leicht zu erfassen
ist (er ereignet sich zu plötzlich), kann es leicht vorkommen, dass beide
Phänomene unbemerkt bleiben. Gewalt ist leichter zu verstehen und wird
gewöhnlich mit Konflikt verwechselt.
Wie würden wir nun einen Konfliktprozess beschreiben? Es ist nicht zu leugnen,
dass der Aspekt der Gewalt eine Zeitkomponente hat (wie ein Organismus mit Geburt,
Reife und Tod), auch wenn eine Sicht der Dinge, dass Prozesse mehrere Höhepunkte
haben und nicht nur einen, wahrscheinlich der Realität näher kommt.
Doch gibt es hier drei Probleme:
Diese Vorstellung repräsentiert die Gewalt als eine Variable und die Abwesenheit
von Gewalt als einen Punkt, als Null Gewalt, »Waffenstillstand«.
Auch Frieden sollte als graduelle Angelegenheit gesehen werden, als eine Variable,
die sich im Grad positiver, kooperativer Interaktion widerspiegelt.
Zudem ist nur ein Typus von Gewalt inkludiert; nämlich direkte Gewalt,
nicht die zugrunde liegende strukturelle und kulturelle Gewalt.
Ein weiterer Punkt, der mehr psychologisch als logisch ist: »oben«
und »unten« haben wertende Konnotationen. Warum situieren wir also
nicht den Frieden auf der positiven Seite der Y-Achse und die Gewalt auf der
negativen? Mit drei Typen von Gewalt bzw. Frieden ergibt dies drei Y-Achsen.
Eine adäquatere Konfliktanalyse würde von einer sozialen Formation
ausgehen und die Levels struktureller und kultureller Gewalt, strukturellen
und kulturellen Friedens veranschlagen. Sind diese positiv und hoch, besteht
kein Anlass zur Beunruhigung. Sind jedoch beide niedrig, dann sollte dies als
eine frühe, sehr frühe Warnung verstanden werden. Beiden ist ein beträchtliches
Ausmaß an Trägheit eigen, sie sind für lange Zeit gleichmäßig,
permanent, wie das Niveau der Unterdrückung und Ausbeutung eingeborener
Völker in Verbindung mit westlicher bzw. christlicher Verachtung und Machismo,
die direkte Gewaltanwendung als Katharsis interpretieren.
Strukturelle Gewalt ist wie direkte Gewalt relational; frühe Warnungen
basieren nicht auf einer mangelhaften Anwendung der Menschenrechte, auf Elend
oder Ungleichheit, sondern auf Ungerechtigkeit: Freiheit und Wohlergehen für
X stehen Freiheit und Wohlergehen für Y im Weg. Und kulturelle Gewalt mag
genau das legitimieren.
Struktureller und kultureller Frieden entsprechen der Immunität bei einer
Krankenanalyse. Bei einer Analyse der Gewalt mag diese Widerstandskraft nicht
nur beunruhigend niedrig sein, sondern sogar negativ, da strukturelle und kulturelle
Gewalt selbst Wurzeln für Gewalt darstellen.
Dann kommt das Ausgesetztsein, das man üblicherweise als einen Vorfall
sieht, obwohl der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt,
vielleicht ein besseres Bild abgibt. Eine letztendliche Provokation, ein zusätzlicher
Akt der Repression, Elend und Hunger in unerträglichem Ausmaß. Die
Gewalt hat ihre Ursachen vielleicht eher in Verzweiflung und tiefer Frustration
und muss nicht ein berechnender, auf einen grundsätzlichen Wandel gerichteter
Akt sein. Doch Gewalt existiert, also wird es wahrscheinlich Gegengewalt geben,
der Prozess entfaltet sich, bewegt sich in diesem Bild nach unten, bis die Kurve
sich wieder nach oben wendet, die Gewalt nimmt ab, der Nullpunkt ist erreicht.
Und dann kommt der springende Punkt: Nach dem Waffenstillstand könnte die
Situation schlimmer sein, als vor dem Ausbruch der Gewalt. Die direkte Gewalt
mag, zumindest auf lange Sicht, das kleinere Übel sein als der strukturelle
und kulturelle Schaden. Man könnte das mit der Art und Weise vergleichen,
wie in manchen Gesellschaften die Hospitalisierung gesehen wird, nämlich
einer Marktsituation nicht unähnlich: Der Patient bringt eine Krankheit
ein und wird dafür mit zwei oder drei iatrogenen Krankheiten bedient: einem
chirurgischen Fehler, einer Infektion und »Hospitalitis«, wenn auch
nur in der Form dauernder Rückenschmerzen.
Allgemein gesagt kann die direkte, konkret sichtbare Gewaltanwendung zu einem
rühmlichen Ende kommen, anderseits nehmen jedoch strukturelle und kulturelle
Gewalt in dem Prozess zu. Gewalt-Therapie muss von der Krankheitstherapie lernen:
einschließlich der Prävention man baue am strukturellen und
kulturellen Frieden und schließe Rehabilitation ein, d.h. man
baue von neuem am strukturellen und kulturellen Frieden. Und immer wieder von
neuem.
-Johan Galtung







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