Celebrate Life Festival 2009
Artikel - Spiritualität/Mystik

© Angelika Gander, Martin Gerhart
Erwachen in eine neue Kultur
Das »Celebrate Life Festival« im oldenburgischen
Hof Oberlethe konnte mit einem neuen Besucherrekord aufwarten. Über 700
Teilnehmer trafen sich im idyllischen Seminarhof, um zu feiern, und um in das
integrale Bewusstseinsfeld einzutreten. Höhepunkt war ein zweistündiges
Telefon-Interview mit dem integralen Bewusstseinsforscher
Ken Wilber, der in
der Entwicklung eines integralen, weltzentrischen Bewusstseins den einzigen
Weg zur Lösung der drängenden globalen Probleme sieht.
Innere und äußere Veränderung
Im Verlauf der Veranstaltungen wurde deutlich, dass äußere Veränderung
nicht ohne innere Veränderung zu haben ist. Dabei kommt es darauf an, den
eigenen Prozessen wach und aufmerksam gegenüber zu sein, zu erkennen, was
ist, und es zu akzeptieren. Dann gelingt auch die Öffnung zum Gegenüber,
dann ist ein emphatisches Hineinspüren, ein Mitfühlen möglich.
Das ist mal spannend, mal traurig und immer bereichernd. Und indem das Sein,
wie immer es sich ausdrückt, erkannt und wertgeschätzt wird, tut sich
gleichzeitig eine Öffnung auf: eine Öffnung für Veränderung
und Entwicklung. Dieses Thema zog sich durch das ganze Festival. Es hatte den
Untertitel: Bewusstsein und Entwicklung - erwachen in eine neue Kultur. Eine
neue Welt kann nur geschaffen werden, wenn man etwas erkannt hat. Sich selbst
verändert hat.

© Angelika Gander, Martin Gerhart
Die ganze Welt ist in Aufruhr
Thomas Hübl ist Initiator des Festivals und gleichzeitig als spiritueller
Lehrer der Anbieter eines Großteils der stattfindenden Seminare. »Die
ganze Welt ist im Augenblick in Aufruhr,« sagte Thomas zur Eröffnung.
»Um die globalen Probleme zu lösen, brauchen wir mehr Intensität.
Und das ist, was wir uns hier schenken können.«
Oft beginnen die Seminare von Thomas mit einem Thema, welches er einige Zeit
ausführt. Oft geht es um Veränderung. Danach stellen die Teilnehmer
Fragen, meist zu ihrem eigenen Leben. Thomas beherrscht die Kunst, bei diesen
Fragen in die Fragenden hineinzuspüren, oft tiefere Ebenen zu erkennen,
die die Ursache des jeweiligen Konflikts sind, aus dem die Frage resultiert.
Und was er erkennt, gibt er den Teilnehmern und Teilnehmerinnen zurück.
Das können auch dunkle, schmerzhafte und unangenehme Dinge sein. Aber trotzdem
sagt Thomas dieses auf eine Weise, die den Fragenden hilft, diese Dinge ansehen
zu können. Gleichzeitig haben die Fragen der Teilnehmer eine Ebene, die
über ihr Individuum hinauszeigt, in einen Kontext, der alle angeht. Damit
spricht Thomas gleichzeitig mit dem Einzelnen und mit allen.
Wer kann den CO2-Anstieg spüren?
Einen ebenso unterhaltsamen wie provokanten Stempel drückte Johannes Heimrath dem Festival auf. Seinem Vortrag »World Shift« zu Strategien für die Gesellschaft nach dem Kollaps verdanken wir nicht zuletzt die Erkenntnis, dass in jedem von uns rund sechs Milliarden Bakterien (ein Kilo) leben. Er referierte, in welchem Zustand sich unsere Welt befindet, in welchen großen politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Zusammenhängen und Entwicklungen sie gerade steckt, und wie beschränkt unsere Wahrnehmung ist, diesen Zustand zu erfassen. Den CO2-Anstieg spüren? Wer kann das? Und letztlich setzen wir uns erst mit vollem Herzen ein, wenn wir wirklich berührt sind. Es war bereichernd, auf einem spirituellen Festival auch über solche Themen zu sprechen. Zu einem integralen Leben, was immer das ist, gehören auch diese Themen. Bisher habe ich es so empfunden, dass die spirituelle Szene zur Innerlichkeit neigt. Das war hier nicht so.
Schamanische Trommelreise
Die beiden Lehrer Norman Blanchard und Roman Leitner kommen aus der schamanischen Tradition, wobei Atemarbeit bei ihnen eine zentrale Rolle spielt. Die Teilnehmer lagen am Boden und wurden auf eine kleine Trommelreise eingeladen. Zu den Gefühlen oder Bildern, die durch die Reise hochkamen, konnten die Teilnehmer Fragen stellen. Norman hat eine Fähigkeit, auch unausgesprochene Dinge in den Menschen zu sehen, die er zurückmeldet. Eine liebevolle Atmosphäre.
Integrale Spiritualität
Höhepunkt war ein zweistündiges Telefoninterview mit dem großen amerikanischen Philosophen und Begründer der integralen Spiritualität Ken Wilber. Er versucht, verschiedene Ansätze aus Philosophie, Politik und Spiritualität zu integrieren und in einer Weltsicht zusammenzufassen. Die Teilnehmer und Thomas Hübl hatten im Vorfeld Fragen zusammengestellt, auf die Ken Wilber mit längeren englischen Monologen, die dann übersetzt wurden, antwortete. »Integrales Denken ist für uns nicht länger ein Luxus, sondern unabdingbar für das Überleben der Menschheit«, sagte Wilber. »Die alte Form des fragmentierten, egozentrischen und ethnozentrischen Denkens bringt uns um. Etwas anderes als eine integrale Lösung auf allen Ebenen kann schlichtweg nicht funktionieren.« Ein solches neues Bewusstsein sei tendenziell beim neuen US-Präsidenten Barrack Obama auszumachen, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger George W. Bush. Die Mehrheit der Menschheit ist nach Wilbers Einschätzung allerdings noch nicht in der Lage, integral zu denken. Bei aller Wahrheit, die die Ausführungen von Ken Wilber hatten, ging durch diese Form doch etwas Wesentliches verloren: die unmittelbare Präsenz, der direkte Kontakt.
Musik, Bewegung und Tanz
Es gab noch viele Veranstaltungen, die andere Teilnehmer beeindruckt und berührt haben: Die Kraft und die Intensität von Barbara Marx Hubbard, einer spirituellen Zukunftsforscherin, die Friedensarbeit von Scilla Elworthy, die bei vielen einen tiefen Eindruck hinterlassen hat, Byron Katie, die eine Methode zum persönlichen Wachstum entwickelt hat, die sie »The Work« nennt und die per Skype-Übertragung vorgeführt wurde. Einen Überblick über die integrale Landkarte der Psychologie von Ken Wilber gab der frühere Wirtschaftsingenieur und heutige Musiker Michael Habecker. Sein komplexer Vortrag führte ausgehend vom Wesen einer nicht-dualen Wirklichkeit durch die vielfältigen Dimensionen von Spiritualität.
Begleitet wurde das Festival durch ein Assistententeam, welches die Teilnehmer in ihren Prozessen begleitete. Bei der großen Zahl der Teilnehmer war es eine große Hilfe, dass es Kleingruppen gab, die sich trafen und austauschten. So konnte die integrale Bewusstseinsarbeit gleich praktisch eingeübt werden. Abgerundet wurde das Festival durch ein Programm aus Theater-, Tai Chi-, Tanz-, Akrobatik- und Gesangveranstaltungen, die die Abende ausklingen ließen. Viel Abwechslung boten die unzähligen weiteren kleinen und großen Events wie die Disco-Night mit DJ Shanti, ein Konzert mit Soul- und Herzenssongs von Amy aus der Timeless Wisdom Training Gruppe oder eine nächtliche Feuerperformance am Teezelt.
-Michael Praetorius






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