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Das Wesentliche

Artikel - Spiritualität/Mystik

Das Wesentliche
© Burkhardt Kiegeland

Worauf es ankommt im Leben

Stress, Hektik und Leistungsdenken sind die Faktoren, die den meisten Menschen das Leben zur Hölle auf Erden machen. Aber wie kann der Mensch sich den Himmel auf Erden schaffen? Ganz einfach, indem er zu sich selbst kommt, erklärt uns Burghardt Kiegeland…

Worauf ich die Aufmerksamkeit lenken möchte, ist die Haltung von Erwartung, von Hoffnung auf eine irgendwann eintretende Erfüllung, die das Leben aller in unserer Zivilisation prägt. Diese Erlösungserwartung, aus der heraus man immer auf das Morgen schaut, auf eine Zukunft, in der endlich alles so sein möge, wie man es sich erhofft. Und natürlich auch darauf, wie sich in unseren verrückten Zeiten das Fragen nach dem Sinn nahezu vollends auf jenes nach dem Zweck verschoben hat. Nicht also auf das, was sinnvoll ist, sondern »was Sinn macht«. Die Prägung auf das Erwarten einer Zukunft, in der man machen kann, was gegenwärtig (noch) nicht möglich ist, beginnt in der Kindheit. Und zwar schon sehr früh und noch unbewusst mit der Wertfrage verknüpft. Wenn ich größer bin und wie Nachbars Julia in den Kindergarten gehe, bin ich auch mehr wert als jetzt. Denn das ist eine Eigentümlichkeit besagter christlich-abendländischer Zivilisation: sie vermittelt ihren Angehörigen von Anbeginn auf mehr oder weniger subtile Weise und ist darin sehr erfolgreich, dass Selbstwert, dass Liebe nur gegen Leistung und Status zu haben sind.

Wenn-dann-Dynamik

Der kindliche Entfaltungsdrang wird also sehr früh schon ausgerichtet auf Zukünftiges und eingefärbt mit der »Wenn-dann-Dynamik«: Wenn ich erst groß bin, dann... Bin ich erst ein Schulkind, wird alles besser. Habe ich erst das Abitur, ist das Gröbste geschafft. Wenn ich Abteilungsleiter geworden bin, kann ich stolz sein... Im Juni habe ich Urlaub, dann kann ich endlich mal entspannen... Wenn ich erst den richtigen Partner gefunden habe, dann... Na ja, noch ein paar Jahre, dann sind die Kinder groß und ich kann mich mehr um mich selber kümmern... Bald gehe ich den Ruhestand, dann werde ich endlich die Zeit haben, die ich mir schon immer für die wesentlichen Fragen gewünscht hatte... Und wie geht es im Ruhestand weiter? Dann kommt, hat man mit vielen »Wenn-dann« das, worum es geht, immer wieder auf später verschoben, die Angst. Oder man hofft, glaubt, spekuliert auf ein besseres nächstes Leben. Der tibetische Lehrer Sogyal Rinpoche hat über die Faulheit der Menschen im Westen gesprochen und sie so charakterisiert: sie besteht darin, den Tag derart mit ablenkenden Aktivitäten voll zu stopfen, dass für die wesentlichen Dinge des Lebens keine Zeit mehr bleibt. Man kann also eine Menge Dinge tun und ist dennoch faul. Man kann, voller Erwartung auf ein besseres Später, sich total stressen und befindet sich doch bloß in einem, wenn auch rasenden, Stillstand, in einem von Hektik geprägten Wartestand.

Prioritäten

Mit welchen Aktivitäten man sich identifiziert ist eine Sache der Prioritäten. Diese werden bestimmt von der Sicht, die man auf sich selber hat, und diese wiederum hängt davon ab, ob man freier ist oder gefangen in unvollständigen Bildern von sich. Unter frei sein verstehe ich: versöhnt mit sich selber, mit der Herkunft, mit dem Alltag. Gefangen heißt: Ängste haben, unversöhnt sein, im Konflikte mit sich selbst verwickelt, abhängig von begrenzenden Glaubenssätzen. Gäbe es Freie in größerer Zahl, die Welt sähe anders aus. Zugleich wünschen sich sehr viele, freier zu sein. So viele Menschen haben Sehnsucht nach dem wahren Herzen.

Sind wir Gefangen in uns selber, müssen wir viel Energie aufwenden, um uns vor uns selber und anderen zu bestätigen. Das heißt, die Anstrengungen gelten dann vor allem dem Status und seinen vom Zeitgeist bevorzugten Symbolen. Die für diese Ebene existenziellen Fragen lauten zum Beispiel: Was bin ich? Entspricht meine Position meinem Bedürfnis, mich dadurch zu schützen, dass ich andere kontrollieren kann? Bin ich kompetent genug? Bin ich besser als mein Nachbar? Werde ich so geliebt, wie ich das haben will? Entspricht mein Partner meinem Status, oder ist es an der Zeit, mich zu trennen und jemanden zu suchen, der besser zu meiner gesellschaftlichen Stellung passt? Was muss getan werden, damit meine Privilegien auf die nachfolgende Generation übergehen können? Man mag solche Fragen kalt und gemein finden, doch sie sind aus dem real existierenden Leben gegriffen. Sie repräsentieren die Denk- und Fühlweise des dritten Schaltkreises.

Das Wesentliche
© Burkhardt Kiegeland

Die wesentlichen Fragen

Die wesentlichen Fragen beginnt man sich in unseren Zeiten meist erst zu stellen, wenn schicksalhafte Ereignisse die gewohnte Routine über den Haufen geworfen haben und alle Ablenkungen versagen. Zum Beispiel wird der stets für sicher gehaltene Arbeitsplatz wegrationalisiert, wenn man gerade das eigene Haus bezogen hat und noch hohe Belastungen abzuzahlen sind. Auf einmal spürt man am eigenen Leib eine Grundbefindlichkeit des Menschen: Ungewissheit, dass es keine Versicherung gegen die Wechselfälle gibt.

Oder man verlässt einen vorher geliebten Menschen oder wird selbst verlassen. Ein Ereignis, das heute wahrscheinlicher ist als je zuvor. Endet die Beziehung mit einem »Rosenkrieg«, sehen sich die beteiligten Parteien ihren eigenen Schatten gegenüber, der Lieblosigkeit, der Eifersucht und Rachsucht samt allen damit verbundenen Ängsten und Aggressionen. Sie entdecken, dass sie gar nicht so »gute, friedfertige Menschen« sind wie gedacht. Ein anderes Schicksal: man erkrankt plötzlich, es ist ernster als die übliche saisonale Erkältung, und man wird zahlreichen Untersuchungen und Tests unterworfen, muss sich operieren lassen. Das bedeutet die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, sie lässt sich auf einmal nicht mehr verdrängen. Von einem Tag auf den anderen geht es um Leben und Tod. Woher komme ich, wohin gehe ich? Was ist Leben, Was ist Tod? Was ist Liebe? Wer bin ich? Das sind die existenziellen Fragen. Existenziell – damit meine ich, dass sie nicht auf dem Weg des Philosophierens über Bücherwissen beantwortet werden können. Werden sie uns erst angesichts eines schicksalhaften Ereignisses aufgezwungen, drängen sie überfallartig in unser Leben, sind Schock. Man beklagt dann meist sein Schicksal, fühlt sich missverstanden, als Opfer, vom Leben ungerecht behandelt. Man könnte sie sich aber auch rechtzeitig stellen.

Intelligent auf das Leben antworten

Nicht warten lautet darum eine der Empfehlungen der spirituellen Lehrer. Sich nicht ablenken lassen, sondern die wesentlichen Fragen jetzt zu ständigen Begleitern im Alltag werden lassen. Jetzt ganz leben, mit wachen Sinnen und einem offenen Herzen. Sich jetzt um die rechte Weise bemühen. Das mag auf den ersten Blick wieder wie ein weiteres »Wenn-dann« wirken, wie ein Zielen auf ein möglichst schnell zu erreichendes Resultat. »Wenn ich jetzt noch dieses Seminar besuche, bin ich bald erleuchtet« – so tickten vor 30 Jahren viele der von Seminar zu Seminar eilenden Erleuchtungstouristen. Es geht jedoch nicht um ein Wenn-dann. Sondern darum zu begreifen, dass dieses Leben das einzige ist, von dem wir wissen, dass wir es jetzt tatsächlich haben und das in eben diesem Augenblick gelebt wird. Es geht um Bewusstheit im Jetzt dieses Lebens. Wer bin ich jetzt, in dieser Situation, in dieser Begegnung? Bin ich ganz anwesend bei dem, was ich jetzt fühle, mitteile, tue? Merke ich meine Bedingungen, meine Konzepte, meine Urteile? Kenne ich sie und ihren Hintergrund? Merke ich meine Begrenzungen? Warum ich je nach Lage auf- und zumache? Kann ich mich von meinen Bedingungen lösen und weiter gehen?

Notwendig ist da die grundsätzliche Bereitschaft, mich allem zu stellen, was mir das Leben ins Haus stellt sowie die Dynamik zwischen meinem Innen und dem Außen bewusst wahrnehmen zu wollen. Wobei es für das Handeln natürlich auch eine Richtschnur gibt: die Ethik des Herzens. Wie lautet diese? Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Oder, um dasselbe in der buddhistischen Tradition auszudrücken: Mitgefühl mit allen Wesen. Wir wollen eine auf die Ereignisse im Hier und Jetzt intelligent antwortende (anstatt automatisch reagierende) Haltung erlernen. Wir wollen ganz anwesend sein in unserem Leben, mit Herz und Verstand. Wir wollen nicht warten, uns nicht ablenken lassen von dem, was es zu lernen gibt: Was ist Leben, Was ist Tod? Was ist Liebe? Wer bin ich? Es sind die Lektionen, die zu lernen man ein ganzes Leben braucht.

Alltag und Spiritualität

Einer verbreiteten Meinung zufolge sind die Alltagsexistenz in dieser so verstörten Gegenwart und ein spirituelles Leben zwei getrennte Welten, die nicht zueinander gebracht werden können. Diese Vorstellung stellt schon darum ein Stück Ablenkung dar, weil sie das als Hindernis sieht, was den eigentlichen Wachstumsreiz ausmacht. Denn tatsächlich ist es ja gerade der Alltag in dieser dem Herzen oft so fernen Zeit, der für jene Reibungen sorgt, durch die wir innerlich frei werden können. Oder, aufs Persönliche bezogen: Indem wir unsere Grenzen erkennen, gewinnen wir den Antrieb, frei werden zu wollen. Aus der Enge wächst der Drang in die Weite, aus der erlebten Kälte die Kraft, für Wärme zu sorgen. Aus der Erfahrung von Lieblosigkeit das Verlangen zu lieben. Es ist ein ständiges Wachsen und Lernen, an dem wir umso mehr Freude finden, je versöhnter wir mit uns selber werden, mit unserer Herkunft, mit dem in dieser Schöpfung zu sein.

Burkhardt Kiegeland

Burkhardt Kiegeland ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, lebte lange in Österreich und ist jetzt in der Schweiz zu Hause. Er war Schüler von Osho und Michael Barnett, hat in Salzburg das Meditationzentrum Weisser Lotus gegründet und hat unter dem Begriff Eins und Sein ein neues Zentrum in der Schweiz eröffnet, wo er in Herz-Seminaren die Menschen von der Grund-Angst befreit.

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