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Die Arbeit an der Selbsterkenntnis

Artikel - Spiritualität/Mystik

Die Arbeit an der Selbsterkenntnis
© Burghardt Kiegeland

Die zwei Arten des Erfahrens

Wie gelangt der Mensch zu mehr Selbsterkenntnis, innerer Freiheit und Autonomie? Aufgrund der eingeschliffenen Erfahrungsbahnen, in denen man sich meist bewegt, ist dies nicht so leicht umzusetzen. Es läuft eben doch vieles noch ganz automatisch ab, bevor man schließlich zu einem geerdeten und vollständigeren Selbstbewusstsein gelangt. Wie sich der innere Horizont weiten kann, erklärt Burkhardt Kiegeland...

Wir können zwei Arten des Erfahrens unterscheiden. Die eine haben wir in unserer frühen Biografie erworben, sie besteht weitgehend aus reflexhaften Reaktionen auf der Grundlage unserer Prägungen. Das sind die Ängste und negativen Glaubenssätze ebenso wie unsere Hoffnungen und Wünsche und jene Eigenschaften, die wir als unsere Stärken verstehen. Hinzu kommen die in der Gesellschaft herrschenden Gebote und Verbote, die wir so verinnerlicht haben, dass wir sie gar nicht mehr merken. Alles zusammen kann man den Rucksack nennen, den wir durch den Alltag tragen und dessen Inhalt zu großen Teilen der erkennenden Wahrnehmung entzogen ist. Wir kennen uns nicht wirklich, und entsprechend eingeschränkt ist die Qualität der Erfahrung.

Zugespitzt lässt sich sagen, dass wir hier gar nicht wirklich erfahren, sondern das, was uns begegnet, in »gefällt mir« oder »gefällt mir nicht« einteilen ohne wirklich zu verstehen, warum wir so urteilen. Wir merken die Begrenztheit unseres persönlichen Horizonts zunächst selber nicht, und wenn uns andere drauf ansprechen, reagieren wir gewöhnlich verletzt.

Die andere Art des Erfahrens entwickelt sich, bemühen wir uns um mehr Selbsterkenntnis. Dies im Verlauf eben jenes Prozesses, wo wir unseren Rucksack durchsortieren, uns auf diese Weise vollständiger kennen lernen und zu einer umfassenden Versöhnung mit uns selber, mit unserer Herkunft, mit dem Leben überhaupt gelangen.

Die Arbeit an der Selbsterkenntnis galt schon immer als spiritueller Weg. »Erkenne dich selbst«, dieser dem griechischen Gott Apollo zugeschriebene Satz gilt in allen spirituellen Traditionen. Erkenne dein Selbst, dein wahres Wesen, wer du wirklich bist. Denn indem man der eigenen inneren Ausstattung, also seiner selber bewusster wird, weitet sich nicht nur der innere, sondern auch der äußere Horizont. Die Grenzen der Person werden durchlässiger. Man öffnet sich für andere Sichtweisen, Gefühle und Empfindungen. An die Stelle von »gefällt mir« oder »gefällt mir nicht«, tritt ein unmittelbares Erleben von Vielfalt.

Die Urteile werden weniger – vor allem aber verlagert sich die Perspektive, aus der heraus beurteilt wird. Entscheidend sind nicht mehr Meinungen oder austauschbare Vorstellungen von Sitte und Moral, sondern ob Werte des Herzens geachtet oder verletzt werden. Es sind die Schritte vom Ich zum Du und zum Wir.

Ein trauriges Beispiel

Ein unverheiratetes Paar mit einem Säugling kam einmal zu einem Krisengespräch. Der Mann erklärte sogleich, wie wichtig ihm der gegenseitige Respekt sei, wie respektvoll man an sei ner Arbeitsstelle miteinander sei. Dann wandte er sich an seine Partnerin und beschuldigte sie, mit seinen Geschenken nicht respektvoll umzugehen. Am Tag zuvor habe er ihr von seinem Geld ein Buch gekauft, das sie aber nicht sorgsam genug behandele. Auch sei die Mutter der Frau kürzlich zu Besuch da gewesen und habe beim Putzen Kratzer auf dem Küchenboden verursacht, wofür er mit seinem Geld vor dem Vermieter der Wohnung gerade stehen müsse. Der Mann redete sich regelrecht in Rage und fuhr fort mit den Krümeln, mit denen Kinder die Autositze verschmutzten, wo er doch immer teure Autos von seinem Geld gekauft habe, mit denen man unbedingt sorgsam umgehen müsse.

Nicht lange nach dem Start dieser Anklagerede begann der Säugling zu weinen, die Frau ging mit ihm hinaus. Ich nutzte ihre Abwesenheit, um dem Mann ins Gewissen zu reden. In seiner Forderung nach Respekt sei er doch selber sehr respektlos und verletzend. Das kam indessen nicht gut an. Der Mann bestand auf seinem Recht, den Respekt zu fordern, wie er ihn wolle, und dass ich sein Verhalten beurteilte, sei ein klares Zeichen meiner Inkompetenz. Man dürfe nicht werten.

Würde man in den Rucksack des Mannes schauen, fände man einen verletzten und gedemütigten kleinen Jungen vor. Der Erwachsene aber will an die Schmerzen des kleinen Jungen nicht erinnert werden und nie wieder Kritik ertragen müssen. Er ist unversöhnt mit seiner Geschichte, was seinen Erfahrungs-Horizont derart auf Selbstverteidigung verengt, dass er seine eigene Aggressivität, seinen Mangel an Achtung und Respekt nicht bemerkt. Er nimmt nicht die Welt wahr wie sie ist, sondern seine eigene Verletztheit, wie sie sich in den Erscheinungen und Vorgängen spiegelt.

Wäre er mit sich versöhnt, müsste er nicht kontrollieren, ob die Frau das geschenkte Buch aufgeschlagen liegen lässt, wäre entspannt angesichts der Kratzer im Küchenfußboden, und die Krümel auf den Autopolstern würde er hinnehmen als fröhliches Lebenszeichen, wenn man mit Kindern im Auto unterwegs ist. Es gibt ja auch Staubsauger... Eine Menge Energie würde für ihn frei werden, die Beziehung wäre von Konfliktstoff entlastet, und er wäre offen, neues zu erfahren.

Die Arbeit an der Selbsterkenntnis
© Burkhardt Kiegeland

Erfahren üben

Bringe dein ganzes Selbst in die Erfahrung ein. Das heißt: sei ganz dabei, bringe deine ganze Wahrnehmung ins Spiel, sei in jeder Situation ganz anwesend, in der du dich befindest. Spüre dich, beobachte, welche Gefühle entstehen, wie der Verstand reagiert. Und nimm dir die Zeit für ein paar Atemzüge ins Herz. Auch erinnere dich an diese Geschichte:

Einem Bauer lief das einzige Pferd weg. Am Abend versammelten sich die Nachbarn und bemitleideten ihn, weil er solches Pech hatte. Der Bauer sagte: »Kann sein«. Am nächsten Tag kehrte das Pferd zurück und brachte noch sechs Wildpferde mit. Die Nachbarn versammelten sich wieder bei ihm und riefen, welches Glück er habe. Der Bauer sagte: »Kann sein«. Am folgenden Tag versuchte sein Sohn, eines der wilden Pferde zu satteln und zu reiten – er wurde abgeworfen und brach sich ein Bein. Erneut kamen die Nachbarn zusammen und bekundeten ihr Mitleid wegen seines Unglücks. Der Bauer sagte: »Kann sein«. Den nächsten Tag kamen Offiziere ins Dorf und zogen junge Männer als Rekruten für die Armee ein, und der Sohn des Bauern wurde aufgrund seines gebrochenen Beins zurückgestellt. Als die Nachbarn hereinkamen und ihm gratulieren wollten, weil sich alles so glücklich gewendet hatte, sagte er: »Kann sein«.

Die entscheidende Instanz beim Üben von Erfahrung ist der Beobachter, man kann ihn als die Instanz in uns bezeichnen, die Bewusstsein produziert

Gelassen mitten im Leben

Was hier als Gleichgültigkeit missverstanden werden könnte, ist tatsächlich die Gelassenheit eines Menschen, der mitten in den Wechselfällen des Lebens steht und weiß, dass es im Voraus keine Gewissheiten geben kann, was beim Ausschlag des Pendels nach der einen oder der anderen Seite wirklich heraus kommt.

Die entscheidende Instanz beim Üben von Erfahrung ist der Beobachter, man kann ihn als die Instanz in uns bezeichnen, die Bewusstsein produziert. Denn er ist selbst nicht in die Ereignisse verwickelt – er nimmt sie in all ihren Qualitäten wahr. Bringe dein ganzes Selbst in die Erfahrung ein – hier ist zu wenig Raum, um die verschiedenen Deutungen für den Begriff des Selbst abzuhandeln. Wir können das Selbst als den Geist, das Atma im Herzen des Menschen verstehen, die Quelle reiner Freude, vollkommener Erfüllung und umfassender Liebe. Der Beobachter ist dann sozusagen der Abgesandte des Selbst, der uns in Richtung Herz führen soll. Wir dürfen ihn keinesfalls verwechseln mit dem inneren Polizisten. Der meldet sich um so strenger zu Wort je unversöhnter wir mit uns selber sind. Er ist in seinen Urteilen dann ätzend nach innen wie nach außen. Der Beobachter hingegen spricht klar und freundlich, er vertritt das Herzgewissen. Damit sind natürlich auch Urteile verbunden, nämlich wenn Werte des Herzens verletzt werden. Der Beobachter fordert uns in solchen Situationen zur Reue auf.

Es gehört ja zu den seltsamen Hervorbringungen des Zeitgeistes, dass gar nicht so wenige Menschen der Ansicht sind, ihre Persönlichkeit, das kleine Ich, sei eben so beschaffen wie es ist und niemand sei berechtigt, daran Kritik zu üben. Das ist falsch. Die Rücksichtnahme, die diese Menschen so oft für sich fordern, hat eine leicht zu durchschauende Funktion: Sie dient als Vorwand, die eigene Wichtigkeit vor sich selber und den anderen zu betonen. Doch nur ein unversöhntes kleines Ich braucht Wichtigkeit. Ein versöhntes erkennt man an seiner Natürlichkeit, es muss nicht auf einem besonderen Sessel sitzen. Es gehört zu den kostbarsten Lernerfahrungen, hat man einen Lehrer oder einen Freund, der einem durch seine Kritik hilft, die Grenzen des kleinen Ichs zu erkennen und über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. Das sind wahre Freundschaftsdienste.

Ganz dabei sein, die ganze Wahrnehmung für einen selber und das alltägliche Geschehen ins Spiel bringen: Dies als tägliche Übung erzeugt das echte Selbstbewusstsein und löst allmählich unsere aus dem Aufrechterhalten von Grenzen stammende Spannung. Wir erfahren das Glück, dass es so viele unterschiedliche Anschauungen, Temperamente und Lebensweisen gibt und geben darf, so viele Farben, so viele innere Landschaften, so viele Welten. Das lässt uns freundlicher, liebevoller, friedlicher, mitfühlender werden.

Burghardt Kiegeland

Burghardt Kiegeland, Jg. 42, der »Herz-Meister«, ist seit nun 1980 bekannt für seine »Herz-Eröffnungs-Seminare« und sein »Herz-Projekt«. Er war Schüler von Osho und Michael Barnett. Aus seinem früheren Zentrum »Weisser Lotus« ist er in die Schweiz ins Berner Oberland übersiedelt und hat unter dem Begriff »Eins und Sein« ein neues Zentrum ins Leben gerufen.

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Kommentare  

 
0 # Monas Lustmann 2010-11-30 11:36
Was Burghardt Kiegeland von sich gibt ist einfach, stark und wahr. Hier schreibt die Quelle selbst.
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