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Die Lehre des Meister Eckhart

Artikel - Spiritualität/Mystik

Die Lehre des Meister Eckart
Meister Eckhard

Hinsetzen und still werden

Im März 1329 rutschte in Avignon Papst Johann XXII. - ein Bürokrat und erfinderischer Steuereintreiber mit despotischen Zügen, der überall Feinde witterte und von mystischer Theologie so wenig verstand wie ein Esel vom Springreiten - unruhig auf seinem Thron hin und her und diktierte dem Schreiber mürrisch eine Bannbulle. »Mit Schmerz tun Wir kund«, knurrte der Papst durch die Zähne, »dass in dieser Zeit einer aus deutschen Landen, Eckhart mit Namen und, wie es heißt, Doktor und Professor der Heiligen Schrift, aus dem Orden der Predigerbrüder, mehr wissen wollte, als nötig war.«

Die Bulle mit dem poetischen Namen »In agro dominico« (»Auf dem Acker des Herrn«) hätte das Todesurteil für Meister Eckhart, den deutschen Dominikanermystiker, bedeuten können. Denn der für ihn zuständige Kirchenfürst, Erzbischof Heinrich II. von Köln, verfolgte die Ketzerbewegungen mit eiserner Härte. Doch Eckhart war schon tot, als das päpstliche Verdammungsurteil eintraf. Wann und wo er gestorben ist, lässt sich nicht mehr genau ermitteln. Es ist auch nicht wichtig, denn er lebt weiter - in den Köpfen und Herzen, vor allem bei denen, die mit kirchlichem Glauben wenig, mit einer in die säkulare Welt zurückgewanderten Mystik aber umso mehr anfangen können.

Wer auf der Suche nach der eigenen Identität ist, stößt unweigerlich auf Eckhart. Wer Ich und Welt in eins bringen will, wird ihm irgendwann begegnen.
Und so erzählt die Legende:

Meister Eckhart sprach zu einem armen Menschen: »Gott gebe dir einen guten Morgen, Bruder!«
»Herr, den behaltet für euch selber, ich habe noch nie einen bösen gehabt!«
Meister Eckhart sagte: »Warum denn, Bruder?«
»Weil ich alles, was Gott mir je zu leiden aufgab, fröhlich um seinetwillen litt und mich seiner unwürdig dünkte, und darum
ward ich nie traurig noch betrübt.«
Er sprach: »Wo fandest du Gott zuallererst?«
»Als ich von allen Kreaturen abließ, da fand ich Gott.«
Er sprach: »Wo hast du denn Gott gelassen, Bruder?«
»In allen lauteren, reinen Herzen.«
Er sprach: »Was für ein Mann bist du, Bruder?«
»Ich bin ein König.«
Er sprach: »Ein König muss ein Königreich haben. Wo ist denn dein Reich, Bruder?«
»In meiner Seele.«

Und so einen friedlichen Legendenerzähler hätte man beinahe verbrannt? Doch man darf sich nicht täuschen lassen: Die Geschichte von der Begegnung mit dem bettelarmen, aber unendlich glücklichen Menschen zeigt auch schon den gefährlichen Radikalen, der zwangsläufig mit der Inquisition in Konflikt geraten musste. Eckhart war ein Mystiker mit jeder Faser seiner Seele. Mystiker aber sind immer Extremisten, unbekümmert um Denkverbote und Normen, die irgendwelche Lehrämter erlassen haben. Sie stürmen den Himmel und scheren sich wenig um die von irdischen Heilsverwaltern zugelassenen Pfade. Ungestüm verlangen sie nach der letzten, großen, ganzen Wahrheit - und vernachlässigen die vielen kleinen Wahrheiten der religiösen Katechismen und politischen Programme.

Die Lehre des Meister Eckart
© Jeger pixelio.de

Aus dir selber in dich selber gehen

Meister Eckhart: zwangsläufig ein Häretiker, weil er über das von der Großkirche gezimmerte Gedankengebäude immer schon weit hinausdachte. Er stellte die existenziellen Fragen, die das Lehramt gern als längst beantwortet abtut: »Warum lebst du eigentlich? - Um zu leben, aber das Warum deines Lebens weißt du dennoch nicht.« Er gab die Antworten, die demselben Lehramt damals wie heute zu freizügig, individuell, beliebig erscheinen: »Du musst aus dir selber in dich selber gehen: Da liegt und wohnt die Wahrheit, die niemand findet, der sie in äußeren Dingen sucht.« Ein armseliges, begrenztes Stäubchen ist der Mensch in den Augen von Meister Eckhart. Und eine ganze Welt ist der Mensch, ein Universum, das Gott in sich trägt. Wenn er aus sich selbst herausgeht, aus seiner blockierten, blinden Existenz, und auf den Grund seiner Seele herabsteigt, dann begreift er alles, entdeckt er Sinn und Ziel des Lebens, wird er eins mit Gott.

»Der Mensch«, mahnt Eckhart, »soll Gott nicht als etwas betrachten, das außerhalb von ihm ist, sondern als sein Eigentum und als das, was in ihm ist. Denn das Reich Gottes ist in uns. Und was ist das Reich Gottes? Das ist Gott selbst mit seinem ganzen Reichtum.« Meister Eckhart: »Du musst aus dir selber in dich selber gehen: Da liegt und wohnt die Wahrheit, die niemand findet, der sie in äußeren Dingen sucht«

Religion als Mysterium der Liebe

Es ist ein Gott, der den Menschen nicht kleinhalten muss, um die eigene Majestät zu bewahren. Groß und schön hat er ihn gemacht, um in ihm wohnen zu können: »Als Gott alle Kreaturen erschaffen hatte, da waren sie so geringwertig und so eng, dass er sich in ihnen nicht regen konnte. Die Seele jedoch machte er sich so gleich und so ebenbildlich, damit er sich der Seele geben könne.« - »Warum ist Gott Mensch geworden? Damit ich Gott werde.« Religion als Mysterium der Liebe. Menschsein als unstillbar starke Sehnsucht. Gott als die Kraft, die alles beseelt und auf die alles hin lebt - es ist ein zeitloser Weltentwurf, der den rätselhaftesten Denker des Mittelalters bis heute so aufregend interessant macht. Tiefenpsychologen wie Erich Fromm zitieren Meister Eckhart als Kronzeugen dafür, dass das Sein wichtiger ist als das Haben und Machen. Dass es darauf ankommt, was der Mensch ist, weniger darauf, was er tut. Buddhisten schätzen seinen Verzicht auf die »Begierde«: eine selbst gewählte Armut, die frei macht. Damals brachten ihn seine kühnen Ideen allerdings bei der Inquisition in Verdacht.

»Gott wird dann in uns geboren, wenn alle Kräfte unserer Seele, die vorher durch Gedanken, Bilder und was es auch sei, gebunden und gefangen waren, ledig und frei werden und in uns alle Absicht zum Schweigen kommt.«

Um 1260 ist er in Thüringen geboren, vielleicht bei Erfurt, vielleicht bei Gotha, vielleicht als Sohn eines Landedelmanns. Er tritt bei den Dominikanern ein. 1277, Eckhart ist etwa siebzehn Jahre alt, folgt die erste urkundliche Erwähnung: als Student der »freien Künste« in Paris. Bald darauf wird er Magister in Erfurt und bekommt die geistliche Aufsicht über die sieben Thüringer Dominikanerklöster übertragen. 1302 und dann wieder von 1311 bis 1313 lehrt er an der angesehensten Universität des Abendlandes, in Paris. Zwischen den beiden Paris-Aufenthalten wieder ein Fulltime-Job in Deutschland: Als Provinzial der neu errichteten norddeutschen Ordensprovinz hat sich Eckhart um 56 Niederlassungen zu kümmern, er ist ständig auf Reisen. Aus Paris wieder zurückgekehrt, sehnt sich Meister Eckhart, wie man ihn nun wohl schon nennt, vergeblich nach der stillen Gelehrtenklause. Für den Ordensgeneral muss er von Straßburg aus mehr als zwei Dutzend Frauenklöster am Hoch- und Oberrhein beaufsichtigen und seelsorgerisch betreuen. Rund zehn Jahre später überträgt man ihm die Leitung der Kölner Ordenshochschule - das ist der Lehrstuhl des legendären Albertus Magnus und bedeutet eine Riesenverantwortung. Hier in Köln vollendet der Magister Eckhart jenes Gedankengebäude, das seinen Namen unsterblich gemacht hat. Wobei das Wort »Gebäude« eigentlich nicht ganz trifft. Was Eckhart hinterlassen hat, ist eben kein Gerüst von Thesen und Begriffen, kein System aus Lehrsätzen und Formeln, wie es die meisten Theologen im Mittelalter und weit darüber hinaus aufzutürmen pflegten.

Tasten und Fragen

»Hätte ich einen Gott, den ich erkennen könnte, ich würde ihn nimmer für Gott ansehen. - Wenn ich Gott gut nenne, so sage ich etwas ebenso Verkehrtes, wie wenn ich das Weiße schwarz nennen wollte.«

Seine Traktate und Predigten beinhalten viel eher ein Tasten und Fragen, ein neugieriges Umkreisen der Themen, denen seine Leidenschaft gilt. Mehr nachdenkliche Meditation als programmatische Abhandlung - und vor allem: mehr spirituelle Erfahrung als knochentrockene Theorie. Anders kann man es ja wohl auch kaum machen, wenn man sich mit der Geburt Gottes in der menschlichen Seele befasst: »Gott wird dann in uns geboren, wenn alle Kräfte unserer Seele, die vorher durch Gedanken, Bilder und was es auch sei, gebunden und gefangen waren, ledig und frei werden und in uns alle Absicht zum Schweigen kommt.« Leer werden von flüchtigen Eindrücken, sich aus allen bisherigen Abhängigkeiten lösen - das ist die Voraussetzung für die Geburt Gottes in der Seele. Leer werden von den Dingen, leer werden auch von den Kreaturen - um sich von Gott erfüllen zu lassen. Meister Eckhart kann sehr drastisch reden.

Die Geburt Gottes in der Seele

Still werden. Hören statt reden. Warten statt planen. So kann sie sich vorbereiten, ganz leise, unmerklich und beglückend, die Geburt Gottes in der Seele. »Der Vater ruht niemals: Er jagt und treibt allezeit dazu, dass sein Sohn in mir geboren wird.« - »Jene Kraft (&), darin Gott blühend und grünend ist mit seiner ganzen Gottheit und der Geist in Gott, in dieser selben Kraft gebiert der Vater seinen eingeborenen Sohn so wahrhaft wie in sich selbst (&) und ist derselbe Sohn mit diesem Lichte und ist die Wahrheit.« Das ist Mystik. Gottespoesie, verliebt in den Himmel und dunkel für Menschen, die nur ihren Verstand arbeiten lassen wollen und ihrem Herzen misstrauen. Mystik aber ist nie ganz vernünftig, und Poesie übertreibt immer. »Der Mensch soll sich niemals in irgendeiner Weise als fern von Gott betrachten«, lehrt der Meister aus Thüringen. »Und wenn dich auch immer wieder deine großen Mängel so weit hinaustreiben, dass du dich nicht als Gott nahe ansehen kannst, so sollst du doch Gott als dir nahe ansehen. (&) Denn ob einer nun in der Ferne oder in der Nähe wandle, Gott geht nimmer in der Ferne, er bleibt beständig in der Nähe, und kann er nicht drinnen sein, so entfernt er sich doch nicht weiter als bis vor die Tür.«

Man soll Gott nicht als außerhalb von einem selbst ansehen, sondern als das, was in einem ist.

Gott sei dem Menschen ja immer schon näher als der Mensch sich selbst. In der Tiefe der Seele vollzieht sich deshalb die große Einswerdung, von der in den folgenden Jahrhunderten noch viele Visionärinnen und spirituelle Denker, nicht nur in den Klöstern, träumen werden. »Begib dich in dich selbst so lange, bis du in den Ursprung gelangst«, rät Eckhart, behutsam werbend. »Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund. Gott und ich, wir sind eins.« - »Manche einfältigen Leute wähnen, sie sollten Gott so sehen, als stünde er dort und sie hier. Dem ist nicht so (&). Man soll Gott nicht als außerhalb von einem selbst ansehen, sondern als das, was in einem ist.« Keine mühsamen Klimmzüge hinauf auf mystische Gipfel. Keine asketische Selbstpeinigung bis aufs Blut, keine kräftezehrenden frommen Übungen zehnmal am Tag. Einfach sich hinsetzen, still werden, sich der anderen Welt öffnen. Eckhart: »Lausche denn auf das Wunder! Draußen stehen wie drinnen, begreifen und umgriffen werden, schauen und zugleich das Geschaute selbst sein, halten und gehalten werden - das ist das Ziel, wo der Geist in Ruhe verharrt, der lieben Ewigkeit vereint.«

Mit Gott die Welt neu entdecken

»Wer Gott mehr liebt als seinen Nächsten, der liebt ihn noch nicht auf vollkommene Weise.«

Die notwendige Konzentration auf die Kräfte des Innern führt bei Eckhart jedoch nicht zur selbstverliebten Abkapselung von den Mitmenschen. Wer Gott begegnet, entdeckt auch die Welt neu. Er fühlt sich gedrängt, den in der inneren Schau aufgenommenen Reichtum »in Liebe auszugießen«. Denn: »Wer Gott mehr liebt als seinen Nächsten, der liebt ihn noch nicht auf vollkommene Weise.« In einer Predigt vor Nonnen holt er etwas weiter aus: »Ich wurde gefragt: Manche Menschen zögen sich sehr von den anderen zurück und seien immerzu gern allein, und darin liege ihr Frieden und darin, in der Kirche zu sein - ob das das Beste sei. Da antwortete ich: Nein. Und gebt acht, warum! Mit wem es recht steht, wahrlich, mit dem steht es an allen Orten und bei allen Menschen recht (&), der hat Gott wahrhaft bei sich. Wer aber Gott wahrhaft hat, der hat ihn an allen Orten und bei allen Menschen ebenso gut wie in der Kirche oder in der Einöde oder in der Zelle.« Mystik ist offenbar gar keine so intime Sache für den Privatbereich. Mystik hat etwas mit Menschenliebe, mit Solidarität zu tun - mit der Erkenntnis, dass alle Lebewesen Geschwister sind.

»Liebe vertreibt alle Furcht.«

Sehnsucht, Vertrauen, Liebe verkündet dieser Poet unter den mittelalterlichen Theologen, eine Liebe, die zärtlich sein kann und leidenschaftlich, dezent-verhalten und stürmisch. Es ist eine angstfreie Religion: »Wahrlich, Sünden begangen zu haben ist keine Sünde, wenn sie uns leid tun.« - »Liebe vertreibt alle Furcht.« - »Du brauchst Gott weder hier noch dort zu suchen: Er ist nicht weiter weg als vor der Tür des Herzens. (&) Er kann es weniger erwarten als du, dass du ihm auftust.« Aber wer ist dieser Gott, der das Hässliche mit seiner Nähe schön macht und das Kleine groß und kostbar? »Hätte ich einen Gott, den ich erkennen könnte, ich würde ihn nimmer für Gott ansehen.« - Wenn ich Gott gut nenne, so sage ich etwas ebenso Verkehrtes, wie wenn ich das Weiße schwarz nennen wollte.« Eckhart behilft sich mit paradoxen Redewendungen; er nennt Gott einen »grundlosen Grund« und ein »überseiendes Sein«, eine »stille Wüste« und ein »Wort, das sich selbst spricht«. Die Hörer seiner nachdenklichen Predigten und die Leser seiner bisweilen arg komplizierten Traktate ermuntert er fast verzweifelt:

»Du sollst Gott lieben, wie er ein Nicht-Gott ist, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, ja wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit.« - »Am allerschönsten spricht der von Gott, der vor Fülle des inneren Reichtums am tiefsten von ihm schweigen kann.« Es überrascht nicht, dass man sich in den Kirchenbehörden Sorgen um den Mann und seine Hörer machte - redete der große Mystiker mit seinen vertrackten Gedanken doch die Glaubenszweifel geradezu herbei. Was sollte man davon halten, wenn er auf der Predigtkanzel ins Grübeln geriet und Sätze wie die folgenden von sich gab: »Der Vater gebiert seinen Sohn ohne Unterlass. Und ich sage weiter: Er gebiert mich als seinen Sohn (&). Ich sage weiter: Er gebiert mich nicht allein als seinen Sohn; nein mehr: Er gebiert mich als sich und sich als mich und mich als sein Wesen und als seine Natur. Im innersten Quell, da quelle ich aus im Heiligen Geist. (&) Alles, was Gott wirkt, das ist eins.«

»Dass Gott Gott ist, dafür bin ich die Ursache.«

Oder die fröhlich dahingeworfene Behauptung: »Wäre (&) ich nicht, so wäre auch Gott nicht: dass Gott Gott ist, dafür bin ich die Ursache.« Von den amtlich bestellten Hütern der Katechismuswahrheiten konnte man damals genauso wenig wie heute verlangen, dass sie den Unterschied zwischen Poesie und Lehrsätzen erkennen oder nachvollziehen, wie da jemandem vor lauter atemloser Freude an Gott der Gaul des logischen Denkens durchgeht. Außerdem hatten sie ja recht, die Glaubenswächter: Eckhart war ein Revolutionär, ein stiller Umstürzler, der das religiöse Denken klammheimlich aus seinem bisherigen Rahmen löste und auf eine ganz neue Basis stellte. Denn die Geburt Gottes in der Seele bringt zum ersten Mal in der Philosophiegeschichte ein subjektives Moment in die menschliche Vernunft. Das ist kein Mittelalter mehr, sondern Neuzeit. Der Mensch erreicht Gott nicht mehr, indem er die Dinge der Welt anschaut und deren Schöpfer sozusagen als ihre höchste Stufe erkennt, als Ursprung und Krone des Seins, sondern indem er das eigene Denken auf die Spitze treibt, in freier schöpferischer Subjektivität.

»Du sollst Gott lieben, wie er ein Nicht-Gott ist, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, ja wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit.«

Gott wird in der Menschenseele geboren, das heißt, diese kleine, arme Menschenseele nimmt an der schöpferischen Kraft Gottes teil. Menschliche Vernunft steht nicht in Konkurrenz zu Gott, ist nicht autonom, so weit geht Eckhart noch nicht, aber sie partizipiert an der göttlichen Vernunft, die alles Sein hervorbringt und begreift. Gott wird im Selbstvollzug menschlichen Denkens gefunden - zu einem so souveränen Vertrauen in die eigene Vernunft war der mittelalterliche Mensch bisher nicht fähig gewesen. Die Inquisitoren warfen ihm einen schwammigen Gottesbegriff vor, rissen Sätze aus dem Zusammenhang, behandelten weitschweifige Spekulationen so, als hätte Eckhart neue griffige Dogmen aufgestellt. Vergeblich wies der Magister Missverständnisse und fehlerhafte Predigtnachschriften zurück. Am 13. Februar 1327 ließ er in der Kölner Dominikanerkirche seine Verteidigungsschrift öffentlich verlesen. Nie habe er sich von der Kirche trennen oder den Glauben der einfachen Leute verwirren wollen.

Der Einfluss von Eckharts Philosophie

Der Einfluss von Eckharts Philosophie lässt sich noch bei Fichte, Schelling und Hegel nachweisen. In der Gegenwart finden sich deutliche Spuren seines Denkens bei Martin Heidegger, Erich Fromm, Ernst Bloch; Letzterer benutzt ihn als Kronzeugen dafür, wie das Prinzip Hoffnung die Geistesgeschichte durchdringt. Heute befruchtet der abendländische Mystiker Eckhart zunehmend das asiatische Denken. Das Hinabsteigen auf den Grund der Seele, die Versenkung ins reine Sein, die Schau höchster Geheimnisse in den ganz alltäglichen Dingen - das interessiert natürlich die Buddhisten. Japanische Religionsphilosophen beschäftigen sich intensiv mit Meister Eckhart. Und auf dem Umweg über die fernöstliche Spiritualität kommen die mystischen Schätze des Westens zu uns zurück. Vielleicht geht es dann manchem Eckhart-Leser so, dass er die säkularisierte moderne Welt, wo Gott keinen Namen hat, als Ort religiöser Erfahrung entdeckt.

Christian Feldmann (Erstveröffentlichung in Public Forum 01/10)

Christian Feldmann studierte Theologie und Soziologie in Regensburg, anschließend arbeitete er als Journalist und Korrespondent. Seit 1985 ist Feldmann freier Schriftsteller und verfasste bisher zahlreiche Biografien großer Christen.

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Kommentare  

 
0 # Hans-Joachim Münste 2010-07-24 13:34
Der Artikel ist sehr gut. Nur die Kirchen haben das noch nicht begriffen, oder wollten sie es nicht ?!
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