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Geht spirituell sein und Fußballfan zusammen?

Artikel - Spiritualität/Mystik

Warum Fußball bewusstseinserweiternd und meditativ ist
Afrikanische Fußballfans
während der WM 2010

Warum Fußball bewusstseinserweiternd und meditativ ist

Müssen sich spirituelle Menschen, die gleichzeitig Fußballfans sind, vor ihren spirituellen Freunden, die keine Fußballfans sind, verstecken und so tun, als ob sie kein Fußball gucken? Nein, müssen sie nicht. Im Gegenteil: Das gemeinsame Fußballschauen vor dem heimischen Fernsehen oder beim »public viewing« ist bewusstseinserweiternd und hoch meditativ. Ein Bericht eines spirituellen Fußballfans...

Ich bin ein begeisterter Fußballfan. So weit es mir möglich ist, lasse ich kein Spiel der jetzigen Weltmeisterschaft in Südafrika aus. Was meine Freunde, die fast alle aus der Eso-Szene stammen, zutiefst irritiert: »Was, so was Dämliches guckst du dir an?« - »Ja, weißt du, ich kann mich dabei so gut entspannen«, antworte ich dann meist. Die müssten mich mal sehen, von wegen entspannen. Nahe am Herzinfarkt und heiser vom Brüllen, das kommt der Wahrheit näher. Als würde ich mit den 70.000 Fans im Stadion sitzen.

Apropos Stadion. Während der letzten WM in Deutschland saß ich im Stadion. Deutschland spielte gegen Argentinien und gewann bekanntlich nach Elfmeterschießen. Das »bekanntlich« trifft zwar bei meiner Frau nicht zu, aber eben bei so eingefleischten oder ihrer inneren Stimmung nachgebenden Deutschlandfans ist dieses Spiel und insbesondere das Elfmeterschießen ein High-Light ihres fußballerischen Erinnerungsvermögens.

Ich-Auslöschung während des Fußballspiels

Aber was ich eigentlich erzählen wollte, nun sitze ich also in diesem Stadion und neben mir Tausende so wie ich brüllende und Fähnchen schwenkende Homo Sapiens, denen allen gemeinsam war, samt meiner bescheidenen Persönlichkeit, dass sie während dieses Ereignisses in die höchsten Weihen der meditativen Kunst vorstießen, der kompletten Auslöschung ihres Egos. Was für eine Vergeudung, dachte ich bei mir. Da übe ich mich Jahre - ach was, jahrzehntelang in Meditation, um dann festzustellen, dass ein gehaltener Elfmeter von - wie hieß der gleich, Kahn wars nicht, egal - das gleiche Erlebnis herzustellen gedenkt, wie meine Jahre, äh, jahrzehntelangen Übungen.

Nun, vier Jahre später stelle ich fest, dass sich diese Erfahrung der Ich-Auslöschung mittels TV nicht so einfach erneut bewerkstelligen lässt. So sehr ich mich auch anstrenge. Stattdessen gehe ich eines guten Abends mit meinem Hund über ein Rapsfeld, besser gesagt, neben dem Rapsfeld her und während ich so laufe, passiert es wieder. Alles weg. Ich, Raps und mein Hund. Ungefähr so, als schwimme mein Ich, das nicht da ist, in einem unendlichen Meer, nee auch nicht, in einer unendlichen Leere von Bewusstsein. Kann man das so schreiben? Hört sich so widersprüchlich an. Leere von Bewusstsein, das ist wie ein Behälter voll Wasser, der leer ist. Aber diese Widersprüchlichkeiten sind ja nicht mein Thema.

Warum Fußball bewusstseinserweiternd und meditativ ist
das offizielle Logo der WM 2010

»Wir sind Deutschland« - oder nicht?

Nun, jedenfalls frage ich mich, nachdem ich wieder in die Füße und ins Laufen gekommen war, ob dieses EgoRapsHundweg-Erlebnis mit meiner Ich-Auslöschung nach vollendetem Elfmeter parieren mit diesem verwandt oder gar identisch ist. Und während ich so grübele, fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren. Es gab da einen gewaltigen Unterschied. Während meine fußballerische Erleuchtung im Wir sind Deutschland-Bewusstsein seine natürliche Grenze fand, ließ mich der einsame Feldweg in ein grenzenloses mit Allem verbundenes Bewusstsein tauchen.

Und je mehr ich grübelte, desto mehr wurde mir dieses »Wir« suspekt. Dabei fielen mir Slogans aus den vergangenen Jahren ein: »Wir sind Deutschland« - »Wir sind Papst« - »Wir müssen den Gürtel enger schnallen« und ganz modern: »Wir haben über unserer Verhältnisse gelebt«! Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, dachte ich bei mir, wenn da nicht irgendwer ein Interesse daran hat, dass sich dieses vermaledeite Ego in einem »Wir« auflöst. Und, was soll ich sagen, bei dem Gedanken wurde mir mehr als mulmig zumute. Was, wenn sich dieses »Wir-Gefühl«, das sich im Grunde so spielerisch während einer WM entwickelt, von irgendwelchen Interessengruppen, die natürlich auch ein »Wir« sind, für deren Interessen instrumentalisieren lassen würde?

Ein Blick in die Geschichte

Es genügt dabei ein Blick in die Geschichte. Immer wenn es um dieses »Wir« ging, war das Ende vom Lied Krieg und Vernichtung. Mit dem Schlachtruf: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche« gelang es Kaiser Wilhelm II, sogar die Sozialdemokraten in sein »Wir gegen Alle« einzufügen. Und vom »Wir« des deutschen Wesens, an dem die Welt genesen sollte, will ich gar nicht erst reden. Hach, jetzt bin ich so ernst geworden, das wollte ich gar nicht. Doch während ich so an meinem Rapsfeld entlang laufe, in Begleitung meines Hundes, denke ich bei mir, dass ich mein schwankendes Ego immer und überall diesem »Wir« entgegensetzen werde, ein Ego, das eingebunden ist in Wechselbeziehung zu den unterschiedlichsten Lebewesen, - gewiss, das aber die Trennung in »Wir und Ihr« nicht mitzumachen gedenkt. Und ich es mir hin und wieder nebenbei nicht nehmen lässt, in die unendlichen Weiten des allumfassenden Bewusstseins zu tauchen, in dem es keinerlei Trennung gibt und insofern auch kein gewonnenes Elfmeterschießen.

Dhyan Manfred Hofmann

Manfred Hofmann, geb. 1963, Erzieher und Heilpädagoge, beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Meditation und Schamanismus

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