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Gibt es ein Aufwachen nach Fukushima?

Artikel - Spiritualität/Mystik

Gibt es ein Aufwachen nach Fukushima?
Foto: Kiegeland

Vom Haben zum Sein

Vergesslichkeit und Nachlässigkeit zählen zu den herausragenden Eigenschaften des Menschen. Aber vielleicht gelingt es uns nach Fukushima, einmal nicht sofort zur Tagesordnung überzugehen. Burghardt Kiegeland über den Unterschied zwischen Wohlstandsproblemen und existenziellen Problemen

Wer regelmäßig Äpfel isst, lebt zehn Prozent länger. One apple a day keeps the doctor away, lernen die Kinder in England. Optimisten hingegen leben kürzer als Pessimisten. Warum? Weil sie, anstatt im Überschwang, ihre Tage in nervenschonender Nüchternheit verbringen. Beides las man neulich in der Zeitung auf der Wissens-Seite, als Ergebnisse jüngster Studien. Wie es um Äpfel essende Optimisten steht und ob Pessimismus plus Apfelverzehr das Leben kumulativ nochmals verlängern würde, konnte man sich da fragen. Zwei Tage später sah man in den Nachrichten die riesige Welle, die ungezählte Menschen in den Tod riss und Autos, Häuser, Brücken, Schiffe zu Schrott und Geröll zusammenschob.

Wohlstandsprobleme

Es gibt existenzielle Probleme, und es gibt Wohlstandsprobleme. Katastrophen wie die jüngste in Japan pflegen die Aufmerksamkeit auf fundamentale Bedingtheiten menschlicher Existenz zu lenken, auf Tod und Verlust, auf Hunger, Krankheit, Ungewissheit, auf die Bedürftigkeit, die Ohnmacht, die Sehnsucht nach wahrer Liebe. Doch ist diese Aufmerksamkeit in der Regel von sehr begrenzter Dauer. Dann wendet man sich wieder anderen Dingen zu, den Wohlstandsproblemen. Ich hörte einem »Katastrophen-Sachverständigen« zu: nach einer Woche käme es zur Klimax, nach drei Monaten gehe man zur Tagesordnung über, und nach einem Jahr sei die Sache für die nicht unmittelbar betroffene Welt wieder vergessen. Sie hat sich dann neuerlich den Wohlstandsproblemen zugewandt: Wie viele Äpfel muss man essen, um die Lebensdauer um zehn Prozent zu verlängern..? Oder: ist es besser, Pessimist zu sein? Jenem von dieser oder jener Statistik genährten Smalltalk, der so tut als ginge es um das Leben, in Wahrheit jedoch nur Ablenkung ist.

Vergesslichkeit

Vergesslichkeit zählt zusammen mit Nachlässigkeit in Bezug auf die wesentlichen Dinge zu den herausragenden Eigenschaften des Menschen. Ich kannte einen Bankdirektor, der sich als Betriebsberater selbständig gemacht hatte und einen überaus dichten Terminkalender führte – ein bekennender Workaholic.

Dann starb ganz plötzlich seine Frau. Wir trafen uns, er war sehr traurig und sagte, es gebe im Leben doch so viel wichtigere Dinge als Termine und Geschäfte, zum Beispiel Freundschaft und tiefere Begegnungen. Doch nach einem weiteren Monat rotierte er wieder wie zuvor. Bis er selber nach einem Jahr ganz plötzlich starb. »Mitten aus einem tätigen Leben gerissen« stand in der Todesanzeige.

Aber vielleicht wird es nach dieser Japan-Katastrophe doch anders sein mit dem Vergessen und der Nachlässigkeit. Möglicherweise wird man nach drei Monaten nicht zur Tagesordnung übergegangen sein und noch nach Jahren immer wieder an sie erinnert werden. Als an ein Ereignis, das wie ein Fanal die Grenzen unserer Zivilisation des Machens und Habens aufzeigte, und dies deutlicher als je zuvor. Auf dieses Nichtvergessen ist zu hoffen.

Gibt es ein Aufwachen nach Fukushima?
Foto: Kiegeland

Nüchternheit

Als reif gilt in den Weisheitstraditionen ein Mensch, der die Dinge so sehen kann wie sie wirklich sind. Es geht dabei um eine Sicht jenseits von Pessimismus und Optimismus, jenseits von persönlichen Wünschen und Bevorzugungen. Sie ist das Ergebnis eines nüchternen Verstehens zum Beispiel der Menschen wie sie sind. Nämlich zu allem fähig, ausgestattet mit der ganzen Bandbreite von den dunkelsten bis zu den hellsten Kräften.

Und das, was in den Augen der einen dunkel ist, kann von anderen durchaus für hell gehalten werden. Denn die Werte, die entsprechend der Überlieferungen als Werte gelten, werden nicht von allen Menschen geteilt – vor allem dann nicht, wenn es um Geld und persönliche Interessen geht. Geldmacht und Menschlichkeit stehen ja nicht nur in Politik und Wirtschaft oft im Widerspruch, sondern auch in den privaten Beziehungen. Siehe die Rosenkriege. Entsprechend muss man ganz nüchtern sehen, dass es Menschen gibt, die es für richtig halten, zugunsten einer ausreichenden und profitablen Versorgung mit elektrischem Strom noch nach hunderten und tausenden von Jahren strahlende Abfälle zu produ-zieren und glauben, diese Technologie kontrollieren zu können. Plutonium hat eine Halbwertszeit von 24110 Jahren. Andere, und ich zähle mich zu ihnen, halten dies für verantwortungslos gegenüber den zukünftigen Generationen und sind überzeugt, dass Sonne, Wind und Wasser im Verein mit technologischer Forschung mehr als genug an Potenzial zur Verfügung stellen.

Viele Menschen gehen davon aus, dass der Mensch als Krone der Schöpfung mit der Fähigkeit ausgestattet sei, sich die Natur ganz zu unterwerfen und seinen Zwecken nutzbar zu machen. Ja, dass es geradezu der göttliche Auftrag sei, sich die Erde untertan zu machen. Andere sind überzeugt, dass wir Teil eines lebendigen Universums sind und nicht dessen Beherrscher, dass wir verpflichtet sind, dem Ganzen zu dienen. Und dass der Mensch gar nicht imstande ist, alles das zu kontrollieren, was er gern kontrollieren möchte, weder was ihn persönlich betrifft, noch was seine Lebenswelt.

Denn so sind wir Menschen: in unserem Denken und Handeln angetrieben von einander widersprechenden Wünschen, Interessen, Glaubenssätzen

Widersprüchlichkeit

Wir dürfen nun aber keineswegs den Fehler machen, die einen für die Bösen und die anderen für die Guten zu halten. Das wäre billig und würde eine wesentliche Eigenschaft der Menschen außer Acht lassen: die Widersprüchlichkeit. Denn so sind wir Menschen: in unserem Denken und Handeln angetrieben von einander widersprechenden Wünschen, Interessen, Glaubenssätzen. Und wir wissen nur wenig von uns selbst (durchschnittlich gerade mal 10 Prozent, sagt die psychologische Forschung...).

Teilnehmer fragen mich oft, was ein »richtiges Leben« sei. Darauf kann es keine einfache Antwort geben, geschweige denn ein Rezept. Damit sind wir wieder beim Anfang, bei den Äpfeln, den Optimisten, jenen Fragen eben, die keine wirklich existenziellen sind. An ihrer Stelle sollten wir uns diese Fragen stellen: Können wir über Gesundheit und Krankheit bestimmen? Können wir über den Zeitpunkt unseres Todes bestimmen? Steht es in unserer Macht, von einer bestimmten Person geliebt zu werden? Wissen wir wirklich was Liebe ist, was Leben, was Tod? So fragend könnten wir zur Einsicht über die Grenzen des persönlich Machbaren gelangen und weiter fragen. Wer bin ich?

Bewusstheit als Schlüssel

Je mehr wir von uns selber wissen, desto weniger widersprüchlich unser Denken und Handeln. Schlüssel ist also Bewusstheit, sich seiner selbst bewusst werden. Der gewöhnliche Mensch beklagt die Fehler, die er gemacht hat, der Weise wenn er unbewusst gewesen ist. Die Widersprüche beginnen sichtbar zu werden und ihre scharfen Kanten zu verlieren, wenn wir in den Versöhnungsprozess gehen, dessen Ziel das Ankommen im eigenen Leben ist. Ankommen als herzlicher, mitfühlender Mensch, dem das eigene Wohl ebenso wichtig ist wie das seiner Nächsten. Der fähig ist, verengte Interessen loszulassen, neue Wege zu gehen und seine ganze Kreativität zu entfalten – in der Gemeinschaft mit anderen und zum Nutzen des Ganzen. Katastrophen mahnen zum Aufwachen. Tun wir etwas dafür, dass wir wach bleiben.

Burkhardt Kiegeland

Burkhardt Kiegeland ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, lebte lange in Österreich und ist jetzt in der Schweiz zu Hause. Er war Schüler von Osho und Michael Barnett, hat in Salzburg das Meditationzentrum »Weisser Lotus« gegründet und hat unter dem Begriff »Eins und Sein« ein neues Zentrum in der Schweiz eröffnet, wo er in Herz-Seminaren die Menschen von der Grund-Angst befreit.


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