Mystik im Alltag
Artikel - Spiritualität/Mystik

© Dieter pixelio.de
Mystische Erfahrungen kann jeder machen
Hat jedes Leben einen höheren Sinn, eine Bestimmung, eine Aufgabe? Bleiben mystische Erfahrungen nur
besonderen Menschen vorbehalten wie Jesus, Buddha oder Mohammed, oder kann jeder Mensch auch im Alltag solche Momente erleben, die
seinem Leben einen neuen, tieferen Sinn verleihen? Paul Lindner hat Antworten bei Clemens Kuby, Michael Ende, Hape Kerkeling und
Janosch gefunden
Wenn wir in unserer chaotischen Welt etwas Zeit erübrigen und uns von der Außenwelt für eine Weile abkehren können, dann stellt sich irgendwannn jeder mal die Frage, ob es in unserem Leben - außer der Arbeit, dem Konsum und der Familie - etwas gibt, das einen noch tieferen Sinn hätte; etwas Erhabenes, Ewiges, von universeller Gültigkeit? Mit der Zeit kann diese Frage an Bedeutung gewinnen, erst recht wenn wir die Erfahrung machen, dass sowohl die Momente der von uns angestrebten glückseligen Zerstreuung, die angehäuften materiellen Güter, ja selbst unser Körper vergänglich sind.
Ein mystsches Erlebnis könnte uns Aufschluss darüber geben, dass es in und um uns etwas Ewiges gibt. Außerdem könnte uns eine solche Erfahrung von Grund auf ändern und uns die Möglichkeit geben, uns selbst und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Erkenntnis, die wir daraus ziehen würden, könnte einen Neuanfang in unserem Leben markieren und uns mit Ruhe und Harmonie erfüllen, das ganze Leben hindurch.
Von hier zur Erleuchtung in wenigen Schritten
Mystik ist eine Form des Erlebens, die religös bezogen auf das Absolute, also auf Gott ausgerichtet ist. Mystiker und ihre geistigen Erlebnisse, die man auch Gotteserfahrungen oder Erleuchtung nennt, sind in allen großen Weltreligionen bekannt. Auch das Christentum hat viele große Mystiker hervorgebracht, wie zum Beispiel Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila oder Meister Eckhart. Doch praktische Mystik muss nicht nur etwas für Kirchenväter, Mönche, Ordensschwestern oder inbrünstige Gläubige sein. Eine mystische Erfahrung kann jeder machen. Mystik ist eine Etappe in der Entwicklung unseres Bewußtseins, unserer Persönlichkeit. Diese Stufe folgt der Etappe des Rationalismus, wenn man nämlich die Grenzen des rationalen Denkens, der Vernunft der Ich-Persönlichkeit erreicht hat.
Das klingt zunächst fern und unerreichbar, aber das ist es nicht. Clemens Kuby hat das mal wissenschaftlich folgendermaßen ausgedrückt: »Das menschliche Gehirn besitzt 10 hoch 84 Schaltungsmöglichkeiten. Das sind etwa so viel potenzielle Verknüpfungen von Gehirnzellen, wie es im Universum Elementarteilchen gibt, also der ganz kleinen Teile innerhalb der Atome. Jede Verbindung stellt eine Synapse dar, die so genannte Botenstoffe aussendet, von denen unser Körper mit all seinen Systemen gesteuert wird. Das Interessante an dieser gigantischen Erkenntnisreserve liegt darin, dass das Gehirn nicht so aufgebaut ist wie ein Computer, bei dem wir uns durch eine weit verzweigte Struktur hindurchklicken müssen, um an bestimmte Daten heranzukommen, sondern dass es ein so multidimensionales Gebilde ist, dass jede dieser 10 hoch 84 Erkenntnismöglichkeiten von Jetzt maximal vier Schritte entfernt liegt. Anders ausgedrückt heißt das: Erleuchtung ist jederzeit möglich.«

Foto: Paul Lindner
Loslassen
Um sich einem mystischen Erlebnis zu nähern, sollten wir zuerst den eigenen Geist klären. Nehmen wir uns Zeit, suchen wir uns eine ruhige Ecke, wo wir uns sitzend oder liegend von allen Gedanken, die uns beschäftigen befreien. Um Erleuchtung zu erlangen, muss man die Außenwelt und sich selbst komplett loslassen, oder wie es der Schriftsteller Michael Ende schrieb: »Er begriff, dass er nun, da er ganz aufgab, was er bisher Wirklichkeit genannt hatte, erst begann, sich der Wirklichkeit zu nähern.«
Das gänzliche Loslassen scheint nicht kompliziert, verlangt jedoch viel Übung und Geduld und kann selten spontan gelingen. Um uns den Prozess des Loslassens etwas veranschaulich zu machen, könnten wir uns unsere Gedanken als Bläschen in einer Mineralwasserflasche vorstellen, die nach oben entweichen. Wir beobachten, wie sich jeder Gedanke aus unserem Kopf löst, doch wir folgen ihnen nicht. Bis schließlich die letzten Gedankenblasen entwichen sind und nichts anderes mehr übrig bleibt, als klares Wasser.
Jeder Mensch sucht nach Halt. Dabei liegt der einzige Halt im Loslassen
Damit Gott unseren Geist vollständig ausfüllen kann, muss dieser leer sein, frei von Gedanken oder emotionallen Zuständen, wie Angst oder Zweifel. Haben wir keine Angsat loszulassen. Der Autor des Bestsellers »Ich bin dann mal weg«, Hape Kerkeling, der in dem Buch seine Pilgerreise über den Jakobsweg schildert, sagt es deutlich: »Jeder Mensch sucht nach Halt. Dabei liegt der einzige Halt im Loslassen.« Die oft langwierigen Übungen sollten uns nicht entmutigen. Übrigens gibt es Hunderte von Übungsmöglichkeiten, die alle Weltreligionen anbieten, das Christentum genauso wie der Islam, das Judentum, der Buddhismus oder der Hinduismus. Da findet jeder für sich etwas Passendes.
Eins mit Gott
Gotteserfahrungen, Erleuchtung sind in unserem Leben sehr wichtig, die Suche nach ihnen, nach der Mystik ist in unserem Unterbewußtsein tief verankert, auch wenn das äußerlich zuerst nicht so scheint. »Die Seele besitzt eine Fähigkeit, alle Dinge zu erkennen, darum hat sie keine Ruhe, sie komme denn in die oberste Vorstellung, wo alle Dinge Eines sind, und dort findet sie Ruhe« - sagt Meister Eckhart. Ist es denn nicht ganz natürlich, dass wir gern gen Horizont schauen und je weiter dieser sich erstreckt, desto schöner, vollkommener erscheint er uns - an seinem Ende verschmelzen sich die Dinge. Wenn wir beispielsweise ein Feld aus leuchtenden Kerzen bis zu unserer Sichtgrenze folgen, so sehen wir unmittelbar vor uns die einzelnen Lichter, jedoch am Horizont - ein Lichtermeer. Und so sucht auch unser Geist stets nach der Vereinigung mit dem Ganzen, dem Absoluten, er strebt nach Einheit, nicht Zwietracht.
Und mit einem Mal gibt es einen Blitz, und du übersiehst alles, was du da mit dir herumträgst, ohne es zu wissen. Alle Fragen beantworten sich...
Die Gnade der absoluten Wahrheit
Wenn wir alles loslassen und uns die Gnade zuteil wird einen mystischen Augenblick zu erleben, dann verschmelzen wir mit der absoluten Wahrheit. Für Momente klärt sich Verstand und Seele; wir erwachen zu einer neuen Wirklichkeit. Menschen, die eine Gotteserfahrung gemacht haben, verändern sich oft in sozialer und politischer Hinsicht: sie reagieren verstärkt auf menschliches Leid, Ungerechtigkeit. Schöne Beispiele einer Beschreibung des mystischen Erlebnisses finden wir zahlreich in der Literatur; hier eine Umschreibung von Janosch, dem bekannten Kinderbuchautor: »Wenn du dir vorstellst, der Mensch habe in seinem Kopf oder wo ein riesiges Archiv, wo der ganze Kosmos abrufbar wäre und alles, was es gibt und gab seit Beginn der Zeiten. Wo er mit einem Mal ALLES begreifen könnte. Wo er aber bisher nur mit seinem kleinen Licht herumgesucht hatte, in dem er sich bewegt. Und mit einem Mal gibt es einen Blitz, und du übersiehst alles, was du da mit dir herumträgst, ohne es zu wissen. Alle Fragen beantworten sich...«
Es klingt fantastisch und ist es auch. Es lohnt sich darauf hinzuarbeiten, mit den Übungen zum Loslassen fortzufahren. Albert Einstein meinte, dass der Mensch ohne mystische Erfahrungen nur ein unvollkommenes Leben führen würde. Bestimmt wäre es da nicht verkehrt, gerade in dieser hektischen Welt, im Alltag mystisches Streben in unser bewusstes Denken aufzunehmen. Es würde gute Früchte tragen.
Paul Lindner






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Kommentare
"...suchen wir uns eine ruhige Ecke, wo wir uns sitzend oder liegend von allen Gedanken, die uns beschäftigen befreien"
Hm, klingt ganz simpel... Mal ehrlich, wer hat das schon geschafft?
Gleich darauf der nächste Hammer - sorry, für mich ist das wirklich ein Hammer:
"Um Erleuchtung zu erlangen, muss man die Außenwelt und sich selbst komplett loslassen"
Erleuchtung geschieht ... Erleuchtung erlangen zu wollen ist der sichere Weg sie nie zu erreichen.
Trotzdem! Nicht entmutigen lassen von einem alten Pilger wie mir. Sucht Euch einfach eine ruhige Ecke, hört auf zu denken und ... na ja, Ihr habt's ja gelesen.
ich löse dieses dilemma für mich so, dass ich das konzept "erleuchtung" einfach nicht benutze. in der christlichen mystik wird das zum beispiel auch nicht benutzt.
ob erfahrungen nun mystisch sind oder nicht, unterliegt ja auch wieder der interpretation desjenigen, der sie macht. es ist eine subjektive einschätzung.
wenn man die spirituelle dimension für sich selbst als erfahrungsdimen sion annimmt, macht man sicher mehr "mystische erfahrungen" als andere menschen, die das nicht tun.
Absolut dümmlich.
Sorry, WER bitte könnte jemals "erleuchtet" sein? Wenn überhaupt, dann läuft da einer rum, der glaubt in seinem verwirrten Geist, nun etwas zu wissen und erreicht zu haben.(hohohehe)
Traurig, wer solchen Texten immer noch vertraut und vor allem auch noch einen Raum gibt sie zu präsentieren.
Wolf, das geht gerade an dich. ;-)
Ganz liebe Grüße,
Eve ♥
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