Nachruf Thorwald Dethlefsen
Artikel - Spiritualität/Mystik

Thorwald Dethlefsen 1989 © Random House
Erinnerungen an einen Magier
Um Thorwald Dethlefsen, von Beginn der 1970er Jahre bis ins neue Jahrhundert hinein eine Leitgestalt der Esoterik, war es still geworden, seit der Münchner nach Wien übergesiedelt war. Anfang Dezember 2010 starb er dort nach zwei Schlaganfällen. Der Autor von Werken wie »Schicksal als Chance« und »Krankheit als Weg« verbrachte die letzten Jahre seines Lebens abgeschieden von der Öffentlichkeit. Ein Nachruf von Angelika Koller...
»Was macht eigentlich Dethlefsen?«, fragten mich Anrufer und Mail-Schreiber, seit ich ein Buch über den Esoteriker, Bestsellerautor und Kawwana-Vicarius publiziert hatte. Da Dethlefsen die Biographie nicht genehmigte, hatte ich lange das ungute Gefühl, ihn vergrätzt zu haben, bis er bei einer Zufallsbegegnung meinte: »Ich weiß, dass Sie das Buch nicht geschrieben haben, um mich zu ärgern.« Die Versöhnung wälzte mir einen Stein vom Herzen. Zu Jahresbeginn fiel mir das Buch in die Hand, ich überlegte, ob Dethlefsen im neuen Wiener Domizil seine Memoiren verfasste? »Ja, was macht Dethlefsen? Wie geht es ihm?« Daraufhin googelte ich und fand den Internet-Nachruf der Zeitschrift »Spuren«: »Am 1. Dezember ist in Wien im Alter von 63 Jahren der bedeutende deutsche Esoteriker Thorwald Dethlefsen verstorben.« Da Spuren sich auf Auskünfte des Standesamtes für den 18./19. Wiener Bezirk beruft, bleibt kein Zweifel.
Vielseitigkeit
Da ist Trauer bei mir. Ich denke an seine Familie, die Kinder, seine Freunde, die jetzt diesen Verlust bewältigen müssen, ihre große Trauer. Ich denke an all die Menschen, welche die Todesnachricht trifft.
Mein erstes Erinnerungsbild: Dethlefsen entdeckt einen Blumenstrauß, ein Geschenk, und beugt sich zu den Blumen, um den Duft einzuatmen. Oder: Er sitzt da, um einem Patienten im Notfall beizustehen, während der eine Initiation durchläuft, diese unbedingte Achtsamkeit. Der große Pan ist tot.
Bereits dem Abiturienten war die Bürgerwelt zu eng. Als Zauberkünstler experimentierte er mutig mit Hypnose, stieß bei einer Age-Regression 1968 auf frühere Leben. Wer Dethlefsen auf die Rückführungen als Reinkarnationsbeweis reduziert, trägt Scheuklappen. Er entwickelte sich, blieb zwar felsenfest von der Reinkarnation überzeugt, beurteilte jedoch später Stories aus früheren Leben wie Symboldramen als therapeutische Chance, um Schatten-Aspekte anzugliedern.
Dem Materialismus, der für ihn auch die Psychologie dominierte, stellte er kritisch eine Stufenleiter gegenüber, die über Astrologie, Kabbalah und Alchemie zur Magie führte (Erlebnis der Wiedergeburt, 1976). Dethlefsen war vielseitiger, als mancher annahm: diplomierter Psychotherapeut, Institutsleiter, Vortragsredner, Bestsellerautor, Buchhändler (»Hermetische Truhe«), Astrologe, Homöopath, Alchemist, Kabbalist, Forscher in Randgebieten der Psychologie, Mythologe, Theologe, Heiler, Gastronom (»Café Narrentasse«), Sacerdos, Kirchengründer, Magier. Als habe er alle Stufen erklimmen wollen.

1994 gründete er mit Kawwana eine
esoterisch-gnostische religiöse Bewegung
Magie ist Leben
Dethlefsen erntete Bewunderung, andererseits Unverständnis und Kritik. Im »Privatinstitut für außerordentliche Psychologie«, das er 1975 bis 1993 leitete, bildete er zahlreiche Therapeuten aus, manche berufen sich gern auf ihn, andere fühlten sich vom autoritären Boss gegängelt, gingen eigene Wege. Genauso die Patienten: Einige waren schockiert und attackierten den Horrortherapeuten. Viele, wie ich, erhielten durch die Reinkarnationstherapie, dieses komplexe Maßnahmenpaket, lebenswichtige Impulse.
Und dann dieser Kawwana-Konvent ab 1994, benannt nach einem Kabbalistenbegriff für die Hingabe an Gott im Gebet! Gerüchte, schon wegen des Schweigegebots für Absolventen der Ritualtherapie. Schließlich eine Kirche zur Heilung von Gott, Mensch und Welt mit Festritualen, die manche zu bombastisch fanden. Größenwahn? Versektung? Manche empfingen bei Kawwana eine Neuorientierung, aber es ist begreiflich, wenn Dethlefsen nach der Aufgabe des Amts als Vicarius einfach Ruhe suchte. Gesundheitlich angeschlagen war er vielleicht schon länger.
Vorhin las ich in Dethlefsens wohl letztem Werk, dem Kawwana-Buch (2002): »Wandle Gier in Lebensfreude.« Hätte auch dem Jesus der Bergpredigt oder Buddha gefallen. In diesem Sinne: Mich an Dethlefsen erinnern, ja. - Das muss kein Personenkult werden, wie am Michael-Jackson-Fan-Altar am Münchner Promenadeplatz. Man muss nicht die Toten in Besitz nehmen, sich nicht besitzen lassen. Wie definiert der Magier Dethlefsen: »Magie ist Leben«. Ganz da sein, jetzt, die eigenen Möglichkeiten ergreifen.
Tot als Höhepunkt des Lebens
Was hätte Dethlefsen, der als Redner das Publikum fesselte, uns zu sagen? Doch ist kein »letztes Wort« bezeugt. Nach zwei Schlaganfällen konnte er sich, so der Spuren-Nachruf, kaum noch verständlich artikulieren. So bleibt vielleicht ein Statement zum Tod aus dem Kawwana-Buch: »Nicht einfach ist der Tod, nicht ungefährlich, und sehr verwirrt und überfordert ist manche Seele, wenn sie im Augenblick des Todes gestellt ist vor große Entscheidung, wenn sie da wählen muss zwischen verschiedenen Wegen... Doch wenn ein Mensch das Leben nützte als großes Übungsfeld und vorbereitet sich dem Tode nähert, dann ist der Tod die große Chance, aufzusteigen... - für solchen ist der Tod der Höhepunkt des Lebens - für solchen wird das Grab zur Wiege.«
Dr. Angelika Koller






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Kommentare
So pioniermäßig diese war, so renovierungsbed ürftig halte ich sie heute und würde das gerne diskutiert haben.
Schuldgefühle nicht aufzulösen erzeugt Therapieschaden , meiner Meinung und Jan Erik Sigdells Meinung nach.
Eine möglichst hohe Zahl von verschiedenen Leben in Rekordtempo durchzumachen, ergibt nicht viel Sinn.
Deshalb: Würdigung wegen der Pionierleistung aber gleichzeitig Aufforderung zur Weiterentwicklu ng
Stefan Bauer
Villenstr. Süd 64
82284 Grafrath
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