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Eindrücke vom Rainbow-Spirit Festival in Baden-Baden, Teil II

Artikel - Spiritualität/Mystik

Rainbow-Festival in Baden-Baden
Rainbow-Festival in Baden-Baden

Gurus, Schüler und spirituelle Anarchisten

Auf den Plakaten des Rainbow-Spirit-Festivals steht als Motto »Lebendige Spiritualität ohne Dogmen«. An anderen Stellen »Love, Life, Laughter – Now!« Das zweite ist fast das Motto der Osho-Sannyas-Festivals (»Love, Life, Laughter«), wie sie um 1980 in Deutschland und Europa stattfanden, auch etwa in der Größenordnung wie dieses Festival hier. Das erste anscheinend ein Versuch, die Toleranz hoch zu halten und sich des Urteilens zu entsagen (oder sich davor zu drücken).

Premananda
Premananda

Dogmen will keiner mehr

Dogmen will heute keiner mehr. Prinzipien und Verhaltensmuster aber gibt es dennoch. Es soll ja auch nicht alles beliebig sein – ohne Gemeinsamkeiten im Denken, Fühlen und Verhalten könnte diese Szene kein solches Fest haben. Die Gemeinsamkeiten werden zwar nicht wie Dogmen (igitt) behandelt, dennoch wirken sie wie Ein- oder Ausschlusskriterien. Wer nicht »glaubt«, dass das Herz besser ist als der Kopf, das Fühlen (oder die Intuition) besser ist als das Denken, es keine Zufälle gibt, alles Energie ist, man Schwingungen spüren kann, Geist- und Energieheilung möglich und wünschenwert ist, es Telepathie, Gedankenlesen, Reinkarnation gibt und so weiter, der wird sich hier, auch ohne Dogmen, nicht zuhause fühlen. Und wird in der Regel auch ohne Dogmen »energetisch« ziemlich schnell exkommuniziert.
Kaum eine Szene ist sich ihrer Verhaltensmuster und ihres Jargons bewusst, auch diese hier nicht. Sie hält sich für weltumarmend. Vom Anspruch her ist sie es auch. »Seid umschlungen, Millionen«, das ist der »katholische« (wörtlich: allumfassende) Anspruch dieser Szene (wie so vieler religiöser Szenen), aber sie wird dem vom Verhalten her nicht gerecht, weil sie sich ihrer Muster nur in Einzelfällen bewusst ist.

Erwachen

Am Pfingstsonntag kam eine alte Bekannte auf mich zu, die auch mal im Connectionhaus gewohnt und bei uns mitgearbeitet hatte. Sie war begeistert von diesem Festival und davon, dass hier unter dem Publikum der vielen »Erwachten« neuerdings auch immer mehr Deklarationen des Erwachens geschehen. Geht es jetzt endlich los mit der Rettung der Menschheit und der erleuchteten Zivilisation? Nicht mehr die Frage »Wie kann ich mich ganz ins Hier&Jetzt begeben« (alias aus dem Kopf rauskommen, mich selbst akzeptieren etc.), sondern: »Danke, dass ich hier sein darf und so viele andere Erwachte treffen!« Den Mut haben, das zu sagen ist sicherlich besser, als immer einem vermeintlich Erwachten hinterher zu laufen und – brav, höflich und bescheiden – sich selbst ein solches niemals zuzugestehen. Andererseits erinnert es mich auch an die christlichen Erweckungsbewegungen, die doch oft eher eine Konversion zu einer neuen Glaubensgewissheit sind als ein Erwachen oder sogar eine Fanatisierung bedeuten.

 

Sri Vast
Sri Vast

Autorisierungen und Energie-Übertragungen

Ich brauche keinen Guru. Doch, brauchst du! Hierüber gehen die Meinungen auseinander. Premananda von der Open Sky Community in Hitorf am Rhein kam an unseren Stand. Wir hatten uns nie vorher gesehen und nutzten die Gelegenheit für einen Austausch. Guru ja oder nein? Er ist ein Guru und meint, Erleuchtung ohne einen Guru sei nicht möglich. Und was ist mit Ramana und Osho, wandte ich ein. Die hatten keinen Guru und begründeten auch keine »Linien«. Sollen die etwa als unerleuchtet gelten?
A propos Linien: Madhukar ließ sich vorstellen mit einer hübschen Einleitungsrede, die ihn in die Tradition von Ramana Maharshi und Papaji stellte. Papaji sei von Ramana beauftragt worden zu lehren und Madhukar von Papaji. Meines Wissens hat allerdings Ramana niemanden beauftragt, und Papaji Ramana nicht einmal getroffen (außer im Traum). Und inwieweit Papaji andere beauftragt hat zu lehren oder gar als »Linienhalter« (so wie im Zen-Buddhismus) die spirituelle Tradition fortzusetzen, das kann man so oder so sehen. »Geh in den Westen und verbreite die Botschaft«, das ist noch nicht im engeren Sinne eine Autorisation zu lehren oder gar als Linienhalter aufzutreten. Warum überhaupt brauchen diese Leute eine Autorisierung? Wer sich seiner Sache sicher ist, sollte doch auch ohne eine solche lehren können. Sollte der Spott der Medien über »selbsternannte« Gurus die Folge gehabt haben, dass spirituell Lehrende nun meinen, eine »Ernennung« vorweisen zu müssen? Da sind mir die Mutigen, die für sich selbst stehen, lieber. Auch die Eitelkeit derer, die glauben, eine schamanische »Energieübertragung« erhalten zu haben, finde ich eher peinlich.

Guru-Szenen

Zu den Guru-Szenen gehören neben den genannten die um Sri Vast (sie hatte ihren Stand gleich neben unserem), Michael Barnett, Om C. Parkin, Bruno Würtenberger und einige andere. Mit den Sri-Vast-Leuten hatte ich besonders engen Kontakt. Unter ihnen war ein langjähriger Fernseh-Journalist und Connection-Autor, der von der Negativität, Sensationsgeilheit und Quotenfixierung des Fernsehens die Schnauze voll hatte und nun, wenigstens mal für ein Jahr, diesen Weg der Hingabe gehen will, und ein langjähriger Osho-Sannyasin, der ganz glücklich war, hier wieder einen lebenden Meister gefunden zu haben. Sri Vast wirkt auf mich wie ein sehr von sich überzeugter Südinder der Oberklasse, außerdem ein bisschen kindlich, lebensfroh und unkompliziert.
Auch Rama, ein langjähriger Schüler und Dolmetscher von Samarpan war bei uns am Stand. Er hat zwei Bücher geschrieben über seine Zeit mit Samarpan, auf www.schmetterlinge-ueberall.de, findet man sie. So detaillierte Beschreibungen einer intimen spirituellen Schüler-Lehrer Beziehung gibt es selten. Ich hatte zwar noch keine Gelegenheit, mir die Bücher näher anzusehen, habe aber einen sehr guten Eindruck von Rama und seiner Fähigkeit, das Ganze und Gute zu sehen ohne dabei die Details im menschlichen, manchmal allzu menschlichen Alltag zu beschönigen (was ja bei Guru-Beschreibungen leider üblich ist).

Ältesten-Rolle

Was ist connection Spirit für ein Magazin? Heute, zwei Tage nach dem Festival, kam Harald Gries mich besuchen, ein alter Freund und Ex-Connectie. Heute ist er einer der Webseiten-Betreuer des Kamphausen-Verlages, sprach mit mir über die Vision und das Selbstverständnis der connection und interviewte mich mit Kamera zu meinen Eindrücken vom Festival.connection ist dem Bhakti-Weg, dem Weg der Hingabe (an einen Guru) nicht abhold, sieht ihn aber auch nicht als Königsweg an unter den spirituellen Wegen. Sind wir das einzige kritische spirituelle Magazin? Viele sagen uns das. Jedenfalls sind wir auf deutsch das älteste, und damit fällt uns bzw. mir wohl auch eine Art »Ältestenrolle« zu, die ich mir bisher noch kaum zugestanden habe. Man erwartet von uns – in personam von mir – Kritik und Beurteilungen, aber auch Unterstützung der Szene als Ganzes. In beidem gibt es sicherlich noch viel zu tun – für mich, uns und andere.
Für mich persönlich war das Festival ein Bad in der spirituellen Szene, in unserer Zielgruppe. Ein Genuss und in vielem auch eine Augenöffner.
Und weil es »Regenbogen-Festival« heißt, möchte ich hier mit einem Gedicht von Ingeborg Pacher enden, das mir dieser Tage zugeschickt wurde, und das zeigt, dass die Spiris nicht nur gerne feiern und tanzen (»Celebrate your life«), sondern auch Bitterwein trinken, einsam in den Wind gleiten und in ihrer Dunkelheit bunte Träume haben.

Die unter dem Regenbogen

Die unter dem Regenbogen
sammeln auch Steine.
Sie nageln Fragen an die Wand der Tage.
Sie fallen einsam in die Nacht
und falten im Dunkel die Seele.

Die unter dem Regenbogen
trinken auch Bitterwein.
Sie eggen Tränen vom Feld des Schmerzes.
Sie gleiten einsam in den Wind
und kämmen im Dämmer das Leid.

Doch sie wissen den Weg,
die unter dem Regenbogen.
Und in ihre Dunkelheit
stürzen bunte Träume.

Ingeborg Pacher

 

Wolf Schneider

Wolf Schneider wurde 1952 in Tübingen geboren und wuchs im Umfeld der Max-Planck-Institute Seewiesen auf, geprägt durch seinen Vater, der in der biologischen Grundlagenforschung tätig war. Nach einem Abitur mit Bestnote studierte er in München vier Jahre lang Naturwissenschaften und Philosophie (u. a. bei Wolfgang Stegmüller und Carl-Friedrich von Weizsäcker). Die Suche nach dem Sinn des Lebens trieb ihn jedoch unwiderstehlich aus den heimatlichen Gefilden hinaus, und so begab er sich ohne Universitätsabschluss auf Weltreise. Die führte ihn für einige Jahre nach Süd- und Südostasien. Dort trat er 1976 für sechs Monate in ein buddhistisches Kloster ein (traditionell initiiert in pabbaja, die »Heimatlosigkeit«) und wurde 1977 Schüler von Osho, der ihm den buddhistischen Namen Sugata gab. 1978 zurück in Europa lebte Wolf Schneider in verschiedenen spirituellen Gemeinschaften. 1980 gründete er im Fränkischen die Gemeinschaft des Divya Ashram. Der Platz wurde später zu einem buddhistischen Tempel mit dem Tibeter und Tibetologen Dagyab Kyabgön Rinpoche als Lehrer. 1979-81 unternahm Wolf bei Veeresh (Humaniversity, Holland) die Ausbildung zum Körpertherapeuten und Seminarleiter. Es folgten Aufenthalte in spirituellen Gemeinschaften in Deutschland, Holland, Italien und den USA, in denen er als Handwerker, Therapeut und Meditationsleiter arbeitete. Seinen Lebensunterhalt verdiente Wolf Schneider in diesen Jahren v.a. als Taxifahrer in München.

Aus »Spaß an der Freud« gründete er 1985 dort die Zeitschrift connection, die er seitdem herausgibt, heute als connection spirit, mit den Sonderheftreihen connection special und connection extra. Die Zeitschrift nennt sich »Magazin für den intelligenten Erwachsenen« auf der Suche nach dem Wesentlichen. Sie vertritt eine aufgeklärte, transpersonale und transkulturelle Mystik und versteht sich als Vorreiter einer neuen Lebenskunst, die Spiritualität, Ökologie, Religion sowie eine sinnliche, diesseitige Lebenslust miteinander verbindet.

Wolf Schneider ist ein kritischer, sprachbewusster Beobachter aller kulturellen Phänomene, auch des Religiösen. So erkennt er auch in Spiritualität und Religion neben dem Inneren, kaum Sagbaren, das Äußere, Theatralische, ebenso wie in der Politik. Das eigentlich Spirituelle oder Mystische besteht in seinen Augen darin, entsprechend der buddhistischen These des Anatta auch die persönliche Identität als etwas Inszeniertes zu betrachten. Als Folge davon geht es ihm darum, »den authentischen, wesentlichen Kern des Menschseins aufzudecken in seinen vielfältigen Äußerungen in Kunst, Wissenschaft und Religion, egal unter welchen Überschriften er sich zeigt« – und davon in der Zeitschrift connection zu berichten.

Nachdem Wolf Schneider seit 1989 Praktikanten ausbildet und 1999 von der IHK autorisiert wurde, Verlagskaufleute auszubilden, gründete er 2005 im oberbayerischen Niedertaufkirchen die »Schule der Kommunikation« und wandelte 2007/08 mit Unterstützung seiner Leser und Investoren den Verlag in eine kleine AG um. Wolf Schneiders Weg als unternehmerischer Autodidakt ohne Startkapital in den Gewässern des sich globalisierenden Kapitalismus führte durch viele Turbulenzen, doch sein Optimismus und seine Offenheit trugen ihm immer viel Unterstützung zu, mit deren Hilfe er die Krisen bewältigen konnte. Seminarhaus und Verlag gehören heute der Connection AG und sind somit in den Händen wohlwollender Besitzer, der Aktionäre, die das Projekt zum Teil großen Teil seit vielen Jahren tatkräftig unterstützen.

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Kommentare  

 
+4 # Franz Lang 2009-06-08 13:43
Deine Tagebuchaufzeic hnungen über das Rainbow-Spirit-Festival finde ich so interessant, provokativ und nachdenkenswert , dass ich sie mir auch in der Printausgabe wünschen würde. Es ist ein sehr lebendiges Mitfühlen und Wahrnehmen des Gesehenen, Gehörten, Empfundenen. Besonders wenn du schreibst über die Qualität der musikalisch-akustischen Darbietungen im Vergleich zur visuellen Darstellung des gesamten Festivals, die doch an Schönheit ziemlich missen ließ.
Wie du über den Guru schreibst, über die Nachfolgelinien , die ihn angeblich autorisieren, was du über den suchtmachenden Charakter der spirituellen Suche beobachtest, das ist schon sehr lesenswert.
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0 # PremKavi 2009-07-03 16:34
Ich kann mir nicht helfen, ich empfinde solche Festivals und esoterischen Messen als einen Jahrmarkt esoterischer Eitelkeiten. Deshalb besuche ich auch seit vielen Jahren keine dieser Veranstaltungen mehr.
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