Spiritualität und Alltag
Artikel - Spiritualität/Mystik

Foto: Burghardt Kiegeland
Das Herz in den Alltag bringen
Bedeutet Alltag immer Arbeit und Pflicht und Ernst? In der Tat, man kann es so sehen. Man folgt damit einer neuerdings wieder recht lebendigen Tradition puritanischer Arbeitsethik. Wir haben sie alle mehr oder weniger verinnerlicht und bleiben selbst im Protest – siehe Spaßgesellschaft – an sie gebunden. Es geht aber auch anders...
Der puritanische Moraltheologe Richard Baxter schreibt im »Christian Dictionary: »Um des Handelns willen erhält uns Gott und unsere Aktivitäten; Arbeit ist sowohl die Moral als auch der natürliche Zwecke der Macht. Zu sagen »ich werde beten und meditieren« (anstatt zu arbeiten), ist als ob ein Diener die schwerste Arbeit verweigern und sich selbst einer geringeren, leichteren Arbeit widmen würde«.
Max Weber, der berühmte Soziologe, sagt über »protestantische Arbeitsethik«: »Jener eigentümliche, uns heute so geläufige und in Wahrheit doch so wenig selbstverständliche Gedanke der Berufspflicht , einer Verpflichtung, die der einzelne empfinden soll und empfindet gegenüber dem Inhalt seiner beruflichen Tätigkeit, gleichviel worin sie besteht, gleichviel insbesondere, ob sie dem unbefangenen Empfinden als reine Verwertung seiner Arbeitskraft oder gar nur seines Sachgüterbesitzes (als Kapital) erscheinen muss – dieser Gedanke ist es, welcher der Sozialethik der kapitalistischen Kultur charakteristisch ist.«
Der Moraltheologe hebt den Zeigefinger, dass man es sich keinesfalls leicht machen darf oder sich schwerster Arbeit gar verweigern. Das erinnert an das Alte Testament: Und wenn es – das Leben – siebzig Jahre währet, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen. Alfred Weber beschreibt den Anspruch dieser Ethik, zu einem Bestandteil des Fühlens und Denkens der Menschen zu werden, zu ihrem Lebens- und Leistungsmotiv – sie wird verinnerlicht. In der Zuspitzung arbeiten wir nicht mehr, um zu leben, sondern leben, um zu arbeiten.
Arbeitsmoral
Ich erinnere mich gut an die Hippiebewegung und die empörten Reaktionen vieler Leute auf das angeblich »moralisch verkommene arbeitsscheue Gesindel«. Manches klingt heute ähnlich, wenn arbeitsame Deutsche und Schweizer über die angeblich fehlende Arbeitsmoral von Griechen und Italienern urteilen. Hier, an der Verquickung von Arbeit mit Moral, zeigt sich, wie sehr wir uns die puritanische Arbeitsethik zu eigen gemacht haben.
Wer sich im Hamsterrad den Herzinfarkt oder das Burn-out-Syndrom holt, darf insgeheim stolz sein: hat er doch bewiesen, dass er sich wirklich hineingehängt hat. Wer hingegen dem Gebot »mehr Leistung, mehr Wettbewerb, mehr Erfolg« nicht gehorcht, dem ist moralisches Fehlverhalten auch in den anderen Lebensbereichen zuzutrauen. Er ist weniger Wert, kein »Leistungsträger«, wie der Mode gewordene Begriff jetzt lautet.
Vor 100 Jahren kam es nicht selten vor, dass Pfarrer und Priester ihre in den Fabriken ausgebeuteten Schäfchen mit dem Hinweis auf die im Jenseits wartenden Belohnungen für alle irdischen Mühen und Plagen trösteten. Heutzutage breitet sich ein aus den USA stammender christlicher Fundamentalismus aus, der Armen und Erfolglosen vorwirft, es fehle ihnen am rechten Glauben und folglich auch an der Gunst Gottes. Sie seien selbst Schuld an ihrer Lage, denn sie hätten die Gesetze des Glaubens, die ja Gesundheit und Erfolgt garantieren würden, nicht angewendet. Das ist ebenso zynisch wie die Tröstung mit dem Jenseits zur Zeit der Urgroßeltern.
Spaltung
In der Genesis ruhte Gott nach 6 Tagen Schöpfungsarbeit am siebenten Tag und freute sich an dem, was er zustande gebracht hatte. Das ist eine Metapher für die Einheit im Anfang. Er wandte sich nicht ab, sondern blieb mit ihr, der Schöpfung, in der Ruhe verbunden. Ich mag dieses archaische Bild.
Heute leben wir, obwohl der Sonntagsfriede immer wieder mal beschworen wird, wie gespalten. Wer ruht denn noch Sonntags in Muße und freut sich über das in der Woche vollbrachte? Wenige. Und wer will am Wochenende möglichst keinen Gedanken an den Arbeitsplatz verschwenden? Viele. Die Unterscheidung der Lebensbereiche in Freizeit als Gegensatz zur Arbeitszeit, die für viele tatsächlich »Unfreizeit« bedeutet, drückt die Spaltung deutlich genug aus. Wie auch jene Werbekampagne der Reiseveranstalter, wo der Urlaub als die kostbarsten Wochen des Jahres bezeichnet wurde. So als wären die übrigen Monate weniger wertvolle Lebenszeit.
Ich verstehe unter Spiritualität eine um Bewusstheit und um die Ethik des Herzens bemühende Lebensweise. Das doppelte Liebesgebot der Bergpredigt, die Achtung vor allem Lebendigen gehören ebenso dazu wie die Erfahrung, dass es eine Wirklichkeit jenseits unserer persönlichen Grenzen gibt. Wir sind in ihr geborgen.

Foto: Burghardt Kiegeland
Bewusstheit
Bewusstheit und Spaltung der Lebensbereiche – das geht nicht zusammen. Wir können nicht Sonntags spirituell und unter der Woche wieder unbewusst sein. Es gibt zwar Menschen, die Sonntags eine Predigt über Nächstenliebe anhören und Montags die Vernichtung des Konkurrenten betreiben, doch spirituell würde man sie nicht nennen wollen.
Aus der Erfahrung ungeteilten Lebens meine ich, wenn ich vom Alltag spreche, eben nicht die Welt der Arbeit und der Pflichten im Unterschied zur Freizeitwelt, sondern einfach: »alle Tage«! Die entspannte Anwesenheit im eigenen Leben bei allem was man tut. Bei der Arbeit im Büro ebenso wie während der Urlaubsreise.
Der Weg dorthin ist Versöhnung – der mit uns selber, mit der Herkunft, mit dem Leben. Wie alle Wege weist er gerade und kurvenreiche Strecken auf, auch Stolperstellen. Im Seminaralltag habe ich viele Menschen kennen gelernt, denen es anfangs nicht leicht gefallen ist, sich aus dem zu lösen, was der tibetische Meister
Sogyal Rinpoche die »westliche Faulheit« genannt hat. Nämlich den Tag derart mit ablenkenden Aktivitäten voll zu stopfen, dass für die wesentlichen Dinge des Lebens keine Zeit mehr bleibt.
Der Grund für diese »Faulheit«? Die in dieser Zivilisation so weit verbreitete Krankheit der Selbstverneinung und der Existenzängste. Man hat Angst inne zuhalten und es dann mit sich selber zu tun zu haben. Man rennt im Hamsterrad und will seinen Wert durch Arbeitsleistung und sozialen Status bestätigt sehen. Man fürchtet sich vor Unsicherheit, vor Armut, vor der Zukunft. In der Zeitung stand eine Meldung der AOK (»die Gesundheitskasse«) , dass es im Jahr 2004 in Bayern 48 Fälle von Burn-Out gab – und in diesem Jahr über 4800, wobei Frauen zu 61% betroffen sind.
Übrigens unterscheiden sich die Freizeit mancher gar nicht so sehr von der Hektik der Arbeitswelt. Der Feierabend und die Wochenenden sind angefüllt mit Aktivitäten, man steckt im selbst gewählten Hamsterrad der Freizeitunternehmungen.
Trägheit des Herzens
Die »Faulheit des Westens« ist unter der Bezeichnung »Trägheit des Herzens« im Buddhismus eines der fünf Hindernisse. Sie drückt sich aus in der Kälte gegen sich und andere. Sie spielt in all den Situationen eine Rolle, in denen wir aus Bequemlichkeit oder anderen Motiven wider besseres Wissen handeln. Wo wir das Herzgewissen zwar spüren, es aber beiseite schieben. Beispiele finden sich in allen drei Bereichen unseres Leben. Im Umgang mit uns selber wissen wir, dass wir eigentlich etwas für unseren inneren Frieden tun sollten, doch wir verschieben es immer wieder. Im Verhältnis zu unseren Liebsten hätten wir längst für mehr Offenheit oder Klarheit sorgen sollen – wir sind allzu oft ausgewichen. Oder: Im Bereich Beruf und Geld sind Veränderungen überfällig, doch aus Angst vor Unsicherheit oder vor Versagen unternehmen wir nichts.
Das rechte Maß
Es ist die Aufgabe eines jeden Menschen, sich selbst zu kennen und das rechte Maß zu wissen. Das rechte Maß zu wissen ist die höchste Kunst, sagte Heraklit. Und: Es gibt nur eine Weisheit: Erkenne die Intelligenz, die alle Dinge mit allen Dingen verwebt.
Eine Aufforderung, sich um die wesentlichen Dinge des Lebens zu kümmern. Zumal in diesen maßlosen Zeiten der losgelassenen Geldmärkte und machtlosen Einzelnen. Je unsicherer die Zeiten, desto gefragter ist die Handlungsfähigkeit, die Gestaltungskraft von Menschen, die stark und frei sind, weil sie sich kennen und das rechte Maß wissen.
Noch nie in den Vergangenen Jahren las ich in der Presse, hörte im Radio so viele Artikel über menschenfeindliches Wirtschaften, und dass es mit »schneller – höher – weiter« so nicht weiter gehen kann. Neues Denken ist angesagt. Bringen wir unser Herz in den Alltag !
Burghardt Kiegeland
Michael Barnett. Aus seinem früheren Zentrum »Weisser Lotus« ist er in die Schweiz ins Berner Oberland übersiedelt und hat unter
dem Begriff »Eins und Sein« ein neues Zentrum ins Leben gerufen.






Facebook
MySpace
Twitter




















