Spirituelle Sinnsuche
Artikel - Spiritualität/Mystik

Für was sind Gurus gut? Foto: Christian Hartmann
»Fehlermachen ist das Schicksal der Avantgarde«
Klaus Jürgen Becker war in den 90er Jahren auf spiritueller Sinnsuche. Er nahm Sannyas, wohnte zeitweise im Osho-Zentrum in München und empfand die Meditationsmethoden und Körpertherapien von Osho damals als das beste Mittel, um Halt und Stabilität zu bekommen, wenn alles andere nicht mehr half.
Der Film »Sommer in Orange« hat in mir einige Reflexionen ausgelöst. Ich selbst empfand mich nach dem Schauen des Films als sehr aufgewühlt und verarbeitete nachts Teile meiner Vergangenheit. Ich lebte nie in einer Bhagwan-Kommune, nahm aber in den 1990er Jahren Sannyas (mein Sannyasname: Swami Bodhi Klaus). In einer für mich sehr turbulenten Lebensphase war meine innere Beziehung zu Bhagwan, bzw. Osho, wie er sich später nannte, der entscheidende Fels in der Brandung für mein in Seenot geratenes Seelenschiff. Durch Osho entwickelte ich eine innere Zentriertheit und möglicherweise habe ich es ihm zu verdanken, dass ich damals weder in der Psychiatrie noch im Obdachlosenheim gelandet bin. Die Meditationen, Therapien, Körperarbeiten und Selbsterfahrungen empfand ich damals als die besten, die auf der Welt verfügbar waren. Sie gaben mir Halt und Stabilität auch dann, wenn alles andere nicht mehr hielt.
Inneres Asyl
Später wurde Osho für mich zum Türöffner für einen Raum tiefer Meditation. Er ermöglichte mir den Zugang zu einem innerem Assyl, einem inneren Heiligtum, das unberührt vom Lärm und den Turbulenzen der Welt mir Stille und inneren Frieden anbot.
Ich bin dankbar, dass Osho – und seine Schüler – keinerlei negative Bewertungen über meine Eigenarten, meine finanzielle Situation (ich war damals finanziell gestrandet und pleite) und meine manchmal merkwürdigen Energiezustände hatten. Sie gaben mir vielmehr das Gefühl, so okay zu sein, wie ich bin. Ich habe unter den Sannyasins so viel Authentizität, Echtheit, Herzensqualität gefunden, wie – in dieser Geballtheit – nirgendwo anders sonst. Zeitweise wohnte ich im Osho-Zentrum in München – es war eine für mich berührende und innige Zeit für die ich heute noch dankbar bin.
Später zog ich alleine aufs Land, wo ich erheblich mit der regionalen Bevölkerung kollidierte: Meine (dynamischen) Meditationen, die ich morgendlich ausführte waren – um es vorsichtig zu sagen – in der Nachbarschaft unbeliebt und meinen sehr unkonventionellen Lebensstil konnte kaum einer nachvollziehen (vom Gutheißen ganz zu schweigen). Im Laufe von zehn Jahren erfolgte eine wechselseitige Annäherung meines Außenseiterdaseins mit der regionalen oberbayerischen Bevölkerung. Stets war es Osho, der mich dabei innerlich begleitete.
Ich war auch bei den Sannyasins eher ein Außenseiter, lebte nie in einer Landkommune und kann daher darüber, wie es dort zuging, wenig sagen.
Licht und Schatten
Ich finde es schade, dass der Film den spirituellen Aspekt von Osho nicht erfasste und auch der Zeiterscheinung Oshos nicht gerecht wurde. Dies war sicherlich auch nicht die Absicht des Regisseurs. Da ich keine eigenen Kinder habe, kann ich auch zu dem Eltern-Kind-Problem, das im Film dargestellt wurde nur insoweit etwas sagen, dass ich damals durch mein Verhalten meinen eigenen Eltern fremd wurde und ich sie damals öfter vor den Kopf gestoßen habe, was ich heute sehr bedaure.
Ich glaube, dass sehr häufig eine neue Bewegung Licht und Schatten hervorbringt. Die Sannyas-Bewegung gehörte damals zur Avantgarde eines neuen Bewusstseins, von dem auch heute noch viele Menschen profitieren. In dem Zusammenhang möchte ich das Therapiezentrum von Veeresh (www.humaniversity.com) erwähnen – die von ihm entwickelte Encounter-Begegnungs-Meditation »A-U-M« besuche ich mit großem Engagement auch heute noch ab und zu in München und Augsburg, um mein Bewusstsein/Körperenergiesystem vom Alltagsstress zu reinigen.

Dynamische Meditation auf dem Heuboden. Foto: Christian Hartmann
Wahrheit und Verblendung
Selbsterfahrungs- und Meditationsmethoden, die aus der Sannyas-Bewegung heraus entwickelt wurden, gehören heute zum Allgemeingut therapeutischer und spiritueller Praxis und werden gleichermaßen in Volkshochschulen, öffentlichen Therapiezentren wie in Berufsförderungsanstalten angeboten.
Insofern hat der Regisseur Rosenmüller Recht, dass die damalige Avantgarde heute zum Mainstream gehört. Die Meditationen, wie sie Osho uns gelehrt hatte, waren damals das einzige, was mir half, inneren Frieden zu erlangen. Ich will nicht leugnen, dass es damals für mich möglicherweise auch andere Wege zu innerem Frieden gegeben hätte, doch Osho war damals das einzige Auffangbecken, das ich von meiner Gestimmtheit her annehmen konnte. Ich bin dankbar, dass ich damals Zugang zu ihm bekam.
Die gesamte Bewegung kollidierte damals mit dem Mainstream der Bevölkerung. Sie gab mir persönlich jedoch den Mut, meinen eigenen Weg zu gehen. Dabei habe ich auch – ohne mir dessen überhaupt gewahr zu sein - bürgerliche Tugenden wie die Altersvorsorge und die berufliche Strebsamkeit vernachlässigt. Die fehlende Realitätssicht und die Versäumnisse, welche ich damals ausgedrückt habe, hatte etwas Verblendetes an sich, ohne dass ich dies wahrnehmen konnte.
Oshos Lehren heute Mainstream
Ich gehe davon aus, dass auch Osho und die Sannyas-Bewegung ihre Versäumnisse und Irrwege hatten. Ich glaube, das Fehlermachen ist das Schicksal der Avantgarde. Neben der im Kinofilm als spätpubertär und unreif dargestellten Sannyas-Szene gab es allerdings auch einen reifen Aspekt von Oshos Lehre, der jenen zur Verfügung stand, die sich dafür öffnen wollten und von dem ich heute noch profitiere.
Ein Aspekt, in dem Osho wegführend war, war die Entwicklung des Einzelnen von der Sucht nach sexuellen Reizen hin zu einem spirituellen, tantrisch-meditativen Erleben der Erotik. Eros als Weg zur Gegenwärtigkeit sozusagen. Wir haben es Osho zu verdanken, dass dieses Thema heute dabei ist Mainstream zu werden.
Ich selbst habe Fehler und Versäumnisse gemacht in dieser Zeit des Aussteigertums. Doch die gute Qualität von Osho und seiner Bewegung begleitet mich nach wie vor durch meinen Alltag. Sie ist keine Modeerscheinung, sondern ein undogmatischer erweiterter Bewusstseinszustand, der unabhängig von Trends für jeden erreichbar ist. Dass ich mich von einem Eigenbrötler zu einem, wie ich finde, liebenswerten, authentischen und kommunikativen Zeitgenossen entwickelt habe, verdanke ich auch Osho und seinen Leuten. Ich bin seit Jahren dabei, der Gesellschaft das, was ich in einer Außenseiterposition gelernt habe, über Bücherschreiben, Einzelsitzungen und Seminare zukommen zu lassen. Vielleicht geht es mir dabei ein wenig wie der Möwe Jonathan, die sich nach ihren Höhenflügen wieder unter den Schwarm mischt. Bezeichnenderweise hat Rosenmüller ja am Ende des Filmes eingeräumt, dass die als freakig dargestellten Sannyasins heute beispielsweise in der Computerbranche oder der Politik erfolgreich arbeiten.
Auch wenn ich mit Rajinder Singh einen neuen, lebenden Lehrer habe, achte ich Osho und das, was ich man bei ihm und seinen Leuten an spiritueller Wegzehrung erhalten hat, sehr. Über die Essenz des Guten, was man bei Osho erfahren konnte, wird leider in dem Film überhaupt nicht berichtet – möglicherweise weil entsprechende Erfahrungen diesbezüglich fehlen. Es wird Zeit, dass der alte Wein in ein neues Gewand gegeben wird.
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Klaus Jürgen Becker






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