Sterbebegleitung
Artikel - Spiritualität/Mystik

© Thorben Wengert pixelio.de
Die Poesie des Todes
Einige Zeit nach dem Tod ihres Mannes René hat Kristallena der wiederholten inneren Aufforderung nachgegeben und hat ihre Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Einsichten zu ihren Erfahrungen aufgeschrieben. Es ist ihre persönliche Geschichte zu Tod und Sterben geworden: Der Anfang eines werdenden kleinen Buches: »Ich wünsche mir mehr Mut für die Menschen, sich dem Leben und dem Tod zu stellen und ohne Scham und falsche Doktrinen der Religionen auf ihr innerstes Herzempfinden zu hören und danach handeln zu können.«
Es ging schnell. Von einem Tag zum Anderen. Jedenfalls für mich. Du hattest Dich entschieden Deinen Körper zu verlassen. Die Wochen vorher kämpften wir darum, dass Dir der Lebensmut und die Zuversicht nicht ausging, während ich hilflos nach einer Lösung für Deinen körperlichen Zustand und eine würdige Begleitung und Sorge für Deine Seele suchte.
Pflegeheim? Die Ärzte hielten mich für verrückt, wenn ich Ihnen sagte, dass es mir egal wäre, wie groß der Funke Hoffnung auf Besserung ist, dass ich auch den letzten, wenn er auch noch so klein wäre, nehmen würde. Für die Ärzte warst Du sowie so schon vor Monaten gestorben. Unerklärlich, dass Du noch lebtest. Hoffnungslos!?!?!? - Nein! - Niemals! Die Organisation zu bewältigen - hilflos! - in einem für mich in dieser Situation fremden Land. Schaffe ich es nicht doch irgendwie, Dich zu Hause zu pflegen, zu versorgen, Dich an unserem Leben in Deinem Heim teilhaben zu lassen? Ich war bereit dazu, auch wenn mich alle für verrückt hielten - ich hatte beschlossen es zu tun - für uns, - für Dich, - für das Leben, - die Hoffnung, - für unsere gemeinsame Zeit, - unseren Lebenstraum, - für unsere Liebe.
Du hattest Dich entschieden, schon vor unserer Zeit
Nach monatelangen Kämpfen für das Leben sah es zunächst gut aus. Kein Morphium mehr. Hoffnung die genährt wird - aber auch Zweifel und Ängste. Dann dieser Sturz! Wieder eine Operation auf den ohnehin geschwächten Körper. Ich hatte panische Angst, Du könntest bereits die OP als Tor für den Himmel wählen. Nein - Du hattest einen besonderen Plan. Du wolltest noch einige Dinge geregelt wissen und aufräumen bis in die kleinste Ecke.
Aufgeben wollte und konnte ich nicht. Jedoch in Frieden sein mit einer Entscheidung, die ich nicht zu treffen hatte. Ein-Verstanden-Sein. Dies ja! Wir hatten vereinbart, keiner muss in der Klinik sterben, wenn irgend möglich. So solltest Du zum Sterben nach Hause kommen. Donnerstag vor Ostern hatten wir dazu alles veranlasst. Es war eng mit der uns verbleibenden Zeit. Die Feiertage standen vor der Tür. Deine Entlassung war für den Samstag geplant. Es war alles bereit. Ich auch. Ich wollte Dich auch auf dem letzten Weg begleiten und Dir nah sein - so wie wir immer gelebt und geliebt hatten. Ich würde mir die Zeit frei genommen haben, bis du die andere Seite erreicht hast. Egal wie lange es dauert.
Das war's also
Ich bin in vollkommenem Frieden mit Deiner Entscheidung und wundere mich ein wenig, wie sehr es mir möglich ist, Dich von Jetzt auf Gleich gehen lassen zu können. Ich bin bereit für diesen letzten Weg mit Dir. Tiefster Frieden - ein Zustand des Seins von unermesslicher Liebe und Kraft in Verschmelzung mit dem Leben.
Um Janis Joplin zu zitieren:
Freedom is just another word for nothing left to loose …(Frieden ist nur ein anderes Wort dafür, wenn Du nichts mehr zu verlieren hast.)
Was gibt es in diesem Feld des Bewusstseins denn auch zu verlieren, wenn man mit ALLEM verbunden ist? Das ist SEIN - nicht Haben. Mein geliebter Mann, Du hast mich durch so viele Abenteuer des menschlichen Seins geschickt… - …mich dadurch soviel gelehrt. Was Du mir aber mit Deinem Übergang gezeigt und erfahren lassen hast, kann ich in keine Worte der Welt fassen…. Tiefste unendliche Dankbarkeit hierfür. Es ist freitagmorgens. - Ich bin früh aufgewacht. Trinke Kaffe, gehe ins Büro und warte - ich weiß nicht, auf was ich warte. Vielleicht auf die passende Zeit, dich in der Klinik zu besuchen. Das Telefon klingelt: »Herrn B. geht es sehr schlecht, wir wissen nicht, wie lange er es noch schafft.« Das war`s also! René, halte durch, ich bin schon da.

© Margot Kessler pixelio.de
Das Kennenlernen
Es war noch kalt an diesem Morgen, der Frühling wollte noch nicht so recht Einzug halten. Doch die Sonne, die an diesem Tag alles begrüßte, schien auf einen besonderen Tag vorbereitet und tauchte alles in ein goldenes sanftes Licht. Karfreitag! Ich erwischte mich dabei, zu lächeln als ich Deinen Plan zu erkennen schien. Du hättest dir keinen perfekteren Tag aussuchen können, als heute zu gehen!
Heute ist unser achter Kennenlern-Karfreitag. Die »Acht« - Deine Zahl! In deiner heiligen Geometrie deiner Sterne enthalten…... Deine Lichtblumen, so haben wir uns gefunden! Du hattest Deine Seite gerade ins Netz gestellt und wolltest sie aufsuchen. Du bist auf meiner »Lichtblumen«-Seite gelandet…! Auch Sie war gerade erst hineingestellt. Wir hatten uns durch die Wirrnisse der Welt hindurch gefunden und wussten schon vor unserem ersten Treffen, das wir den Rest unserer Zeit miteinander verbringen wollten. Dass diese Zeit in weltlicher Zeit nur sieben Jahre werden sollten, wussten wir nicht.
Ostern, unser Fest: Das Treffen der Lichtblumen, das christliche Fest, das Fest der Auferstehung! Diese gedanklichen Exkursionen lassen mich zu meinen Empfinden von Frieden und Liebe, auch noch Freude und tiefste Dankbarkeit fühlen. Eine Mischung von fast freudiger Erregung eines Kindes, wenn es auf Weihnachten zufiebert und dem gleichzeitig schmerzlichen Gewahrsein des Abschieds. Du bist unruhig, als ich in die Klinik komme. Ich erkenne Deine Angst. Die Schwester ist bei Dir. Sie ist froh, dass ich da bin. Ich auch. Ich nehme deine Hand, streiche dir sanft über den Kopf, sehe dir in die Augen…... Ich sage Dir: »Es ist alles gut. Ich bin jetzt da. Und ich bleibe.« Ich liebe dich in einer Intensität, die mich fast zerreißt.
Telepathische Verbindung
Ich erzähle ihm, was ich auf dem Weg hierher erkannt habe und scherze, dass ich mir das ja hätte denken können, dass er sich diesen Tag für seinen Abgang aussucht. Ich glaube ihn lächeln zu sehen. Du kannst nicht mehr laut sprechen. Ich höre Dich telepathisch. Ich spüre noch immer Deine Liebe, trotz Deines desolaten körperlichen Zustandes… Die Ärztin hatte vorher angewiesen, Dir mehr Morphium zu geben. Ich bin achtsam, wie eine Raubkatze, die ihr Junges beschützt… keine Sachen mehr, die Dich daran hindern, so gut es geht zu gehen. Sie interpretieren Schmerz, statt die Angst zu sehen. Ich schicke die Schwester aus dem Zimmer und sage ihr, sie soll uns 10 Minuten Zeit geben. Wenn dann noch Morphium gebraucht würde, kann sie die Leitung legen. Ich habe nichts mehr zu verlieren.
Ich spreche mit Dir. Halte Deine Hand. Lasse Dich spüren, dass ich präsent bin. Du wirst ruhig. Die Ärztin kommt, auch sie ist froh, dass ich da bin. Sie sagt: »Wir möchten auch, das es den Patienten so gut wie möglich geht, ich sehe aber deutlich, dass es Herrn B. nun gut geht und er ruhig ist und keine weiteren Morphium-Gaben mehr braucht. Wenn Sie bemerken, dass er Schmerzen hat, sagen sie uns bitte Bescheid.« »Wenn dies passiert, bin ich sofort im Schwesternzimmer! Danke!« Du brauchtest nichts mehr davon.
Ein heiliges Ritual
Die Schwester kommt, um dich zu waschen. Wir tun dies gemeinsam. Es ist ein heiliges Ritual Dich zu ölen, Deinen Körper auf diese Weise liebevoll zu verabschieden, zu danken und zu segnen. Ich habe frei Hand, die Schwester lässt mich gewähren. Alle sind sehr liebevoll und begleiten mich während des Tages mit Hochachtung. Sie sagen, es kommt nicht so oft vor, dass die Patienten das Glück einer solchen Sterbebegleitung haben. Darüber bin ich verwundert. Sie fragen immer wieder nach, ob ich wirklich bleiben will. Sie denken immer noch, ich hätte Zuhause vielleicht Wichtiges zu tun?! Nein, ich bleibe bei Dir, René, bis Du es geschafft hast.
Ich bin Dir so nah, so verwoben mit deiner Seele, deinem Sein, deiner Liebe. Du gibst mir noch einige Texte für einige Menschen, Du bestehst darauf, dass ich sie aufschreibe. Wie weise von Dir. Du hast auch einige Aufgaben für mich. Ich sage Dir einige letzte Dinge, die mir wichtig sind, dass Deine irdischen Ohren sie noch gehört haben. Und immer ist da unsere tiefe Liebe füreinander und der alles umhüllende Frieden.
Frei sterben
Zwischendurch bist Du weiter weg… ich singe Dir Mantren vor, wenn ich das Gefühl habe, Du könntest Unterstützung gebrauchen. Ich sehe die verstorbenen Ahnen, die mir bekannten und einige, die ich nicht kenne. Sie begleiten uns mit ihrer Liebe. Ich nehme auf sehr entfernte zarte Weise einen Engelsgesang von unbeschreiblicher Schönheit und ein fast ekstatisches Fest der Freude war. Ich weiß, dass Du sie hören kannst. Es erfüllt mich mit Freude. Ich kann nicht sagen, ob die Stunden langsam oder schnell vergehen, ob es überhaupt eine Zeit gibt. Alles scheint aufgelöst. Es war ein Tag tiefen Friedens. 12 Stunden für unser letztes Gespräch.
Was Heilung wahrhaft bedeutet, hast Du mich durch Deinen Tod tief erkennen lassen. Ich habe für Dich gebetet, ich hätte einen Teil meiner Lebenszeit dafür gegeben, Dich weiter an meiner Seite haben zu können. Ich habe in meiner Berufung als Heilerin und Therapeutin alles angewendet, was es zu tun oder nicht zu tun galt. Die Homöopathie, die Geistheilungen, alle anderen Behandlungen eines ganzen Teams auf dieser wie auf jener Seite haben daran gearbeitet. Du konntest vollkommen frei gehen.
Du hast mir einen der wertvollsten Tage meines Lebens geschenkt
Falten sind gelebter Irrtum
Du hattest keine einzige Falte mehr im Gesicht. Es war vollkommen jugendlich geworden. Du hattest mit allen Irrtümern aufgeräumt, um es mit Prentice Mulford zu zitieren: »Falten sind gelebter Irrtum.« - dann hattest Du diesen Prozess umgedreht. Ich bin sicher, dass, wenn es Dein Seelenplan gewesen wäre, Du auch in diesen letzten Minuten gesund aus dem Kranken- und Sterbebett aufgesprungen sein könntest. Ist das nicht wahrhaft Heilung: Bewusst, befreit, alles bearbeitet und aufgelöst zu haben und so auf die andere Seit zu gehen, auch wenn der Körper über diesen Prozess stirbt.
Ungefähr eine Stunde, bevor Du den letzten Atemzug nahmst, konnte ich erkennen, wie sich sanfte silberne Wolken in feiner wellenartiger Bewegung von deinem Körper lösten. Die Energiemasse schien sich wie in drei Schichten nach oben strebend zu bewegen. Das letzte, was ich zu tun vermochte, war, Dir die heiligste alle Silben vorzusingen: OM! Du hast mir einen der wertvollsten Tage meines Lebens geschenkt. Auch dafür meine unendliche Dankbarkeit und Liebe.
Trauer
Du hast den Übergang geschafft. Auf der Fahrt nach Hause empfinde ich zu meiner Traurigkeit, ein euphorisches Glücksgefühl der Freude, dass mit Impressionen von einem tanzenden Fest gekoppelt war. Zu Hause angekommen, überkam mich ein Schmerz, der mich fast genauso zu zerreißen drohte, wie die gleichzeitig für dich empfundene Liebe. Es folgen die Tage der Organisation, des Erzählens, der Trauer, der intensiven Vorbereitung deines Abschiedsfestes, welches ich auch als Deinen Geburtstag bezeichnete - Deinen Geburtstag in die Geistige Welt zurück. Dein irdischer wäre zehn Tage später gewesen. Die Feier organisiere ich selbst. Die Rede verfasse und spreche ich selbst. Keine andere Version hätte richtiger sein können.
Ich fühle, dass es Dir gut geht und ich spüre, dass Du es nicht gut aushalten kannst, wenn ich traurig werde
Eine neue Herausforderung
Und zu allem stelle ich fest: Du bist keinen Millimeter von meiner Seite gewichen. Ich habe die intensive Verbindung noch immer zu Dir. Nichts hat sich verändert, außer der Tatsache, dass es deinen Körper nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand gibt…. Ich fühle, dass es Dir gut geht und ich spüre, dass Du es nicht gut aushalten kannst, wenn ich traurig werde. Du erinnerst mich dann immer wieder, dass Du hier bei mir bist. Erzählst mir, wie wir immer gesagt haben, es keinen Tod gibt, dieser einen Täuschung, eine Illusion ist. Doch es ist etwas anderes, darüber zu denken, es zu wissen und zu fühlen, als diese Wahrheit zu erfahren. Es ist wie das Beispiel mit dem Apfel - ich muss ihn einmal gegessen haben, um zu wissen, wie dieser schmeckt. Da genügen keine noch so wertvollen Beschreibungen darüber. In der Zwischenzeit hat sich in mir eine starke Sicherheit über den Sachverhalt unserer neu gelebten Verbindung eingestellt. Du wirst mir immer zur Seite stehen, wenn ich dies möchte. Du lässt mich ebenfalls frei. Es ist eine neue Herausforderung für ein neues Leben - für Dich, für mich und für uns.
Ein neuer Zugang zu Leben und Tod
Es gibt noch vieles in Worte zu fassen. Ich habe noch viele Notizen. Es kommen immer noch einige dazu. Worte, die ich in Sätze wandeln werde, um einen Teil unserer Geschichte weiter offen zu legen und den Menschen damit vielleicht einen neuen Zugang zu Leben und Tod zu ermöglichen. Eine Deiner “Aufgaben” an mich hieß: Schreibe wieder - Deine Poesie!!! So ist dieser Titel entstanden und dieser Text geschrieben.
Natürliche Poesie entwickelt sich immer in entweder vollkommenem Taumel von Glückseligkeit oder aus den tiefen Abgründen des Schmerzes. Im Tod sind diese Beiden vereint. Der Schmerz und die Traurigkeit des Abschiedes. Mit der Leichtigkeit des Seins für Jene, die gegangen sind. Eine Mischung unfassbarer Schönheit - und grausamstem Schmerz - Ich nannte es die »Poesie des Todes«. Einen Tod, den es nur für unsere körperliche Erscheinung gibt. Gemeint als Schwelle, wie die Geburt. Eines Wechsels, um dem ewigen Fluss des Lebens gerecht zu werden. Denn das Leben selbst endet niemals - wie die Liebe. Egal, welche Form es auch annimmt. Es ist wie die Acht.
Kristallena






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