Was ist die Wahrheit?
Artikel - Spiritualität/Mystik

Foto: Ulla Trampert, pixelio.de
»Sei ein forschender Beobachter deiner selbst«
Gibt es soetwas wie eine allgemeingültige Wahrheit, eine allgemeine Lehre, an die man sich halten kann, die einem Sicherheit verleiht, die einen Kompass darstellt, die einen sicher durch die Untiefen des menschlichen Lebens führt? Burghardt Kiegeland gibt auf diese Frage eine unbequeme Antwort...
Schon häufiger wurde ich nach »meiner Lehre« gefragt, nach Wahrheiten, an die man sich dann halten könne, etwa wie an ein Rezept oder eine Sicherheit. Und wie schon bei früheren Gelegenheiten versuchte ich auch diesmal, dem Frager nahe zu bringen, dass niemandem damit gedient sein kann, von einem anderen eine Lehre, einen Glauben zu übernehmen. Dass es – und dies darf durchaus als eine Wahrheit angesehen werden – in Sachen Spiritualität nicht um Sicherheiten und Rezepte geht, sondern darum, mit dem Fragen nicht aufzuhören und das eigene Leben für neues Erfahren zu öffnen.
Das Buch der Wahrheit
Vor Urzeiten, als sich die Menschen schon weit über die Erde verstreut hatten, ging das Buch der Wahrheit, das aus dem Weiten des Universums Richtung Erde unterwegs war, aus dem Leim und seine einzelnen Blätter wurden von den Winden über die ganze Erde verstreut. In keiner Gegend landeten mehr als ein oder zwei Blatt, von denen die Menschen der jeweiligen Kulturen aber glaubten, sie hätten die ganze Wahrheit gefunden. Diese Sage wird seit alters her von Weisen aller Traditionen in der einen oder anderen Form weitererzählt – als Mahnung an die Heißsporne und Fundamentalisten aller Religionen.
Nur nützt die Mahnung wenig, wie man an der verbreiteten Unduldsamkeit und Ausgrenzung, an Verfolgung und Krieg sehen kann. Zum Beispiel an dem von Fundamentalisten beider Seiten zu einem Zusammenstoß der Kulturen zugespitzten Konflikt zwischen Morgen- und Abendland. Beide Seiten sind überzeugt, Gott auf ihrer Seite zu haben und in seinem Sinne zu handeln. Was muss in den Köpfen von Leuten vorgehen, die von sich behaupten, den Willen Gottes zu kennen oder gar in seinem Namen zu sprechen?
Je drängender jemand einen anderen dazu auffordert, einen bestimmten Glauben zu übernehmen oder ihn gar als den einzig richtigen auszugeben, desto mehr Vorsicht, ja Misstrauen ist angebracht.
Warum? Weil kein Mensch die ganze oder die einzige Wahrheit besitzt. Kein Mensch kann im Namen Gottes sprechen. Und weil jene Leute, die ihren Glauben als den einzig wahren bezeichnen, seit Menschengedenken und bis in die Gegenwart diesen zu Unterdrückung, Gewalt, Krieg und Folter missbraucht haben und noch missbrauchen.

Foto: Joujou, pixelio.de
Gautamo Buddha
Gautamo Buddha
hat zum Thema Lehre und Glauben sehr klare Sätze gesprochen. Er zählte einmal zehn Umstände auf, die nicht als Begründung
gelten sollten, sich einer Lehre anzuschließen:
1. weil sie überliefert ist...
2. weil sie von einem Lehrer an seine Schüler weitergegeben wurde...
3. weil sie in heiligen Schriften niedergelegt wurde...
4. weil sie von anderen Menschen in der eigenen Umgebung geglaubt wird...
5. weil sie den eigenen Wunschvorstellungen und Meinungen entspricht...
6. weil sie einem logisch erscheint...
7. weil sie mystische Inhalte hat und die Fantasie anregt...
8. weil sie Vernunftgründe enthält...
9. weil der Lehrer vertrauenswürdig erscheint...
10. weil einem ein anderer Lehrer dazu geraten hat...
Was bleibt da übrig? Nichts, nach dem man greifen könnte, nichts, an dem man sich festhalten könnte. Hier werden einem alle Stühle davon getragen, auf die man sich hätte setzen wollen. Zugleich wird man, und das bedeutet Ernüchterung pur, auf sich selber zurück geworfen. Weit und breit nichts, an das man die Verantwortung für das eigene Leben abgeben könnte.
Verantwortung ist unbequem
Will man diese Verantwortung überhaupt? Sie ist ja auch unbequem, macht sogar Angst. Manchen sogar so viel Angst, dass sie an die absurdesten Sachen zu glauben bereit sind, um ein subjektives Gefühl von Sicherheit zu bekommen. Neulich erklärte irgendwo ein Mann, er sei Jesus Christus und hatte im Handumdrehen ein paar Dutzend Anhänger gefunden, die an ihn glauben. Oder ein anderes Beispiel: Viele Leute glauben zur Zeit an Spekulationen betreffend das Ende des Maya-Kalenders und zahlen viel Geld, um am 21. Dezember 2012 zu »den Erlösten« zu gehören. Man kann darüber lachen, doch in Wahrheit ist es traurig, denn was ist der Hintergrund solcher Bemühungen um Besonderheit, um Sicherheit und Erlösung vom »Weltuntergang«? Es ist die Selbstverneinung und die von ihr genährte Angst vor der Freiheit. Nelson Mandela, der für die Freiheit Südafrikas viele Jahre im Gefängnis saß, sagte einmal, dass es das eigene innere Licht sei und nicht die Dunkelheit, vor dem sich die Menschen am meisten ängstigten. Angst vor Weite und Freiheit.
Eine Lehre
Eine Lehre nach Art der ungezählten Ideologien, Religionen und Sekten wird man bei mir also nicht finden. Aber im Rahmen der ganzheitlichen Arbeit viele Gelegenheiten, neue Räume zu erfahren. Das hat viel mit meinen Lehrern zu tun. Die Art, wie sie mich dazu brachten, meine angelernten Anschauungen über das Leben selber gründlich zu überprüfen, war unwiderstehlich. Durch sie lernte ich, die wirklich wichtigen Fragen zu stellen und das Gemeinsame im sich scheinbar Widersprechenden zu erkennen. Das sind große Erfahrungen. Bezogen auf die Religionen hat es der legendäre Boxer Muhammad Ali in einem Fernsehinterview einmal sehr einfach, versöhnlich und menschlich ausgedrückt. Nach seinem muslimischen Glauben gefragt, antwortete er: »Wissen Sie, die Flüsse der Welt, der Mississippi, der Ganges, der Rhein, der Gelbe Fluss, sie tragen alle verschiedene Namen, doch das Wasser, das in ihnen fließt, ist überall dasselbe...« Dieses Bild öffnet den Blick in die Tiefe, nämlich zu dem, was den innersten Kern aller überlieferten Lehren ausmacht.
Und diesem Kern kommen wir nicht näher durch klügelnde Spekulationen und theologische Debatten, sondern durch eine Lebenspraxis. Diese ist der Schlüssel, und damit komme ich zur Antwort, die ich dem Teilnehmer auf seine Frage gegeben habe: Es kommt auf die Art und Weise an, wie wir Tag für Tag unser Leben verbringen!
- Schau, wenn du dich ganz für das öffnest für das, was mit dir und um dich herum geschieht...
- wenn du dies wahrzunehmen lernst wie ein neugieriger, forschender und dabei freundlicher Beobachter deiner selbst...
- wenn du aufhörst, alles nach Facebook-Art nach »gefällt mir« oder »gefällt mir nicht« zu beurteilen und dich stattdessen zu fragen beginnst, von welchen deiner Ängste und Glaubenssätze deine Urteile genährt werden...
- wenn du zu verstehen beginnst, dass du zwar Probleme hast, doch nicht deine Probleme bist...
- wenn du schließlich begreifen lernst, dass dein Leben begrenzt ist und du die Stunde deines Todes nicht kennst...
Die Praxis
Die Praxis besitzt dann ihre eigene Nüchternheit und Klarheit. Im Sein geborgen – da kreisen keine Schwalben um das Scheitelchakra, damit alle sehen können, wie weit man es gebracht hat. Man ist im Leben ganz angekommen und versöhnt. Das Herz ist offen und der Verstand auch. Man ist ein normaler Mensch geworden.
Ich wiederhole diesen Hinweise auf Nüchternheit und Normalität darum immer wieder, weil viele Leute Spiritualität mit Besonderssein, mit Abgehobenheit in Verbindung bringen und entsprechende Erwartungen hegen. Im Seminarraum auf dem Balzenberg hängen an einer Wand ein paar Texte, Motti von Jahrgängen des Herz-Projekts. Einer dieser Texte liest sich so:
Ein Brahmane vollzog einst seine tapas unter einem Mango Baum. Mitten in der Vollmondnacht, während er in seine Meditation vertieft ist, liebt sich oben im Geäst ein Pärchen Nachtigallen und zirpt danach zärtlich. Dieses Zirpen irritiert den Brahmanen, der ärgerlich zu den Vögeln empor schaut. Und was geschieht? Die Vögel verbrennen unter seinem zornigen Blick und fallen als Asche zu Boden. »Donnerwetter ich bin der größte Yogi aller Zeiten«, denkt der Brahmane bei sich selbst. Und mit Sonnenaufgang macht er sich auf den Weg in die Stadt - denn was nützt es, der größte Yogi zu sein, wenn es die Leute nicht wissen... Am ersten Haus, das er erreicht, verlangt er laut nach Almosen. Die einfache Hausfrau jedoch, die noch nie tapas gemacht hat, ist gerade dabei, ihren behinderten Mann zu waschen. Sie antwortet: »Bitte gedulde dich eine Minute, ich komme gleich.« »Wie kannst du es wagen, mich warten zu lassen?« droht der Brahmane. Darauf entgegnet die Hausfrau: »Was denkst du wer du bist? Und für wen hältst du mich? Du denkst wohl, du könntest mich ebenso zu Asche verbrennen wie die Nachtigallen?« Der Yogi vernimmt diese Worte und versteht, wie äußerst gewöhnlich das ist, was er für außergewöhnlich hält, und wie außergewöhnlich eine gewöhnliche Hausfrau...
Burghardt Kiegeland
Michael Barnett. Aus seinem früheren Zentrum »Weisser Lotus« ist er in die Schweiz ins Berner
Oberland übersiedelt und hat unter dem Begriff »Eins und Sein« ein neues Zentrum ins Leben gerufen.






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Kommentare
Sehr schöner Text.
Es läuft immer auf das gleiche hinaus: achtsame, annehmende Selbst-Erforschung, ein Leben lang.
Danke :-)
Marianne
vielen Dank für Ihren Artikel und die beiden wunderschönen Beispiele zu den Fragen „Was
ist Wahrheit“ und „Gibt es eine allgemeingültig e Lehre“. Die Legende von dem Buch der
Wahrheit, die aus den Weiten des Universums zur Erde unterwegs ist und dort in einzelne
Blätter zerfällt, gibt für mich mehrere Antworten auf Ihre Fragen: Zum einen: Es gibt eine
absolute (göttliche) Wahrheit „im Universum“. Zum anderen: auf der Erde existieren viele
relative Teilwahrheiten (Confessionen/Religionen/Lehren) nebeneinander, von denen keine
(Lehre) über der anderen steht. Es darf halt jeder „nach seiner Fasson selig werden“. Der Sinn
der verschiedenen Teilwahrheiten ist der, jeden Menschen zu erreichen, egal welchen Bewusstseinstan d er gerade hat und ihn von dort, wo er gerade steht näher zurück zu Gott zu führen. Die absolute, ganze (göttliche) Wahrheit ist in den Teilwahrheiten enthalten, wenn auch nicht offensichtlich. Dennoch kann jeder sie auf dem mystischen Weg in sich selbst erfahren. Gott selbst ist in allem und ist damit auch die Einheit von allem was ist: auch die Essenz aller Religionen. Wer das begreift, kommt der Wahrheit ein gutes Stück näher. Als Rezept für ein spirituelles Leben sind uns die menschlichen Werte als Empfehlung für ein rechtschaffenes Handeln geben, wie sie in allen großen Religionen gelehrt werden. Dennoch ersetzt keine Lehre die individuelle Suche und Sehnsucht nach der eigenen Wahrheit, der Selbst-Erkenntnis.
Deshalb empfiehlt Gautama Buddha, sich nicht aufgrund von Gründen, die außerhalb der
EIGENEN Wahrheit liegen, an eine Lehre zu binden. Man sollte nicht an eine Lehre glauben, weil es ein Guru sagt, oder weil es irgendwo geschrieben steht, sondern selbst nach der Erkenntnis der Wahrheit streben. Das ist der tiefere Sinn der zehn Gebote Gautama
Buddhas. Buddha empfiehlt stattdessen, den Weg nach innen zu gehen, in sich selbst zu
suchen, indem man zum Beobachter seines Selbst wird. In dieser beobachtenden Haltung erkennt der Mensch seine eigene Göttlichkeit: Denn Gott ist der ewige Zeuge, der nicht eingreift und nicht handelt. Findet man diesen Beobachter in sich selbst, erfährt man die nächste Teil-Wahrheit: Dass die Seele göttlich ist. Das ist die Teilwahrheit, die Buddha in die Welt brachte: Und von hier aus ist es nicht mehr weit bis zur letzen Wahrheit: Dass jede Seele auf Erden ist, um zurückzukehren in die Einheit mit Gott (das Paradies), aus der sie einst herausgetreten ist, um Gott in sich selbst zu erkennen.
Diesen Weg der Selbsterkenntni s geht jede Seele auf Erden in unterschiedlich em Tempo. Um
auch wirklich jede Seele auf Ihrem Weg an ihre Göttlichkeit zu erinnern, ist die absolute
Wahrheit auf Erden in Teilwahrheiten zerfallen. Alle Religionen zusammen bilden so eine
Einheit und führen zur ganzen Wahrheit: dass die einzelne Seele auf Erden ist, um ihre eigene Göttlichkeit zu erkennen und in die göttliche Einheit des absoluten Bewusstseins zurück zu kehren. Wenn die Seele so weit ist und nichts anderes mehr will, ist sie bereit für den letzten Abschnitt des Weges. Als Führer auf diesem letzten Schritt hat Gott uns seine Söhne gesandt, die spirituellen Meister, wie Jesus einer war und auch Mohammed. Jesus lehrte zwei Wege: die offizielle Lehre für die breite Masse, die über die Kirche weitergeben wurde, und den geheimen mystischen Weg der re-ligio, der individuellen Rückbindung an Gott, den er einzelnen Jüngern lehrte und über die Essener weitergab. Dieser Weg wird der Befreiungsweg genannt, weil er die Seele von der Illusion der Trennung von Gott und dem Rad der Wiedergeburt befreit. Das ist die tiefere Bedeutung des Jesuswortes: „Keiner kommt zum Vater denn durch mich!“
Woran man also glaubt und welchem Weg man bis dahin folgt, hängt von der Reife der Seele
ab. Kein Weg ist besser oder schlechter als der andere: Jeder führt zum selben Ziel: Zurück in die absolute Wahrheit. Bis dahin ist es ein weiter Weg. Sich selbst zu beobachten und die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen ist eine Grundvoraussetz ung dafür, der Wahrheit zu begegnen. An der Wahrheit, die man nur in sich selbst findet, die Erkenntnis der göttliche Seele, kommt niemand vorbei, der wissen will, was absolute Wahrheit ist.
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