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Wie verhalte ich mich bei Stress?

Artikel - Spiritualität/Mystik

Wie verhalte ich mich bei Stress?
Foto: Kiegeland

Kampf, Flucht, Erstarrung und...

In den Weisheitslehren geht es darum, wie man einen Ort der Stille in sich selbst finden kann angesichts des Trubels in der Welt. Burkhardt Kiegeland zeigt einen vierten Weg neben den gewohnheitsmäßigen Verhaltensweisen Kampf, Flucht und Erstarrung...

Heute soll es um diese Regel gehen: Finde einen Ort der Stille inmitten aller Ereignisse und selbst großen Getümmels. Was ist damit gemeint? Ich erinnere mich an einen Teilnehmer vor ein paar Jahren, der sich, wenn zum Beispiel Körperübungen oder eine Atemmeditation angesagt waren, in eine Ecke des Seminarraums zurückzog, den Sitz mit untergeschlagenen Beinen einnahm und die Augen schloss. Anstatt an den Übungen teil zu nehmen. Von mir befragt warum er nicht teil nehme, sagte er, es sei ihm lieber, sich in seine Stille zurück zu ziehen.

Missverständnis

Ein Missverständnis, denn inmitten aller Ereignisse einen Ort der Stille zu finden, fordert nicht dazu auf, sich diesen Ereignissen sozusagen durch Flucht zu entziehen. Die folgenden Beispiele sind solche für verbreitete Missverständnisse. Stellen wir uns einen Konflikt in der Liebesbeziehung vor. Während einer der beiden Partner seine Argumente, Vorwürfe oder Enttäuschungen lebhaft vorbringt, erklärt der andere, jetzt in seine Stille gegen zu müssen und verlässt den Raum (nehmen wir mal an, ohne mit den Türen zu schlagen...).

Oder am Arbeitsplatz. Während in der Konferenz konträre Positionen diskutiert werden, lehnen sich einige der anwesenden Abteilungsleiter – unzufrieden mit dem Verlauf der Debatte – in ihren Sitzen zurück, schließen die Augen, sind nicht mehr ansprechbar. Oder eine Lehrkraft vor der Schulklasse. Die Schüler sind unruhig, Papierkügelchen fliegen durch die Luft.

Die Lehrkraft wendet sich frustriert ab, setzt sich ans Fenster und vertieft sich in ein Büchlein »Die 112 kurzweiligsten Kurzmeditationen«. Oder, jetzt ganz ohne Beteiligung Dritter, die heißlaufenden Gedanken, Kommentare, Selbstrechtfertigungen, weil irgendetwas schief gelaufen ist, und wo man gern zu einer Beruhigungspille greift oder sich mit Alkohol zu besänftigen versucht. Was hier satirisch gemeint ist, kam und kommt so oder doch ganz ähnlich durchaus und gar nicht selten vor – als Realsatire. Tatsächlich sind ja gar nicht wenige Ereignisse und Reaktionen im Alltag beschaffen, als seien sie von Satirikern und Comedians erfunden worden. Um sich unbehaglichen Situationen mittels Aussteigen, Flucht, Abtauchen in Trance oder Bewusstlosigkeit mittels Alkoholica zu entziehen, kann es bei der Regel »Finde einen Ort der Stille inmitten aller Ereignisse und selbst großen Getümmels« also nicht gehen.

Wie verhalte ich mich bei Stress?
Foto: Kiegeland

Eine Zen-Geschichte

Diese Geschichte kann einen Hinweis geben, was gemeint sein könnte, ich habe sie vor vielen Jahren erzählt bekommen. Sie handelt von einem Lehrer des Zen, der mit einigen seiner Mönche eingeladen war, an einer Sitzung der Führungskräfte eines Konzerns teilzunehmen, in Tokio, im oberen Stockwerk eines Hochhauses. Die Geschichte kam mir wieder in den Sinn, als neulich das schlimme Erdbeben Japan heimsuchte. Denn auch während der Sitzung dieser Führungskräfte bebte die Erde, das Hochhaus schwankte. Die Führungskräfte sprangen ebenso wie die Mönche auf und suchten Sicherheit unter Tischen, Bänken oder draußen auf den Gängen. Nur der Zen-Lehrer blieb ganz ruhig auf seinem Platz sitzen.

Nachdem sich die Lage wieder beruhigt hatte – wie bei den vielen kleineren Erdbeben in Japan war nichts passiert – fragten die Mönche ihren Lehrer, warum denn er ganz ruhig sitzen geblieben sei, anstatt wie sie irgendwo Schutz zu suchen. Seine Antwort: »Mein Schutz war hier. Ich konnte hier bleiben, weil ich ganz anwesend war und ganz bei mir.«

Der vierte Weg

Menschen verfügen in gefährlichen oder stresshaften Situationen über drei angeborene Verhaltensweisen: Kampf, Flucht oder sich tot stellen. Wir können eine vierte entwickeln: entspannte Bewusstheit – den Ort der Stille in einem selber. Er hat nichts mit Abschalten zu tun, nichts mit Trance. Es ist jener Ort, wo wir auf eine gelöste Weise inmitten der Ereignisse sind, ohne dass der Blick getrübt wäre durch Hektik oder die Identifikation mit persönlichen Urteilen, Perspektiven, Verwicklungen. Der Horizont ist nicht verengt, sondern weitet sich, und damit erhält auch das Mitgefühl eine klare und feine Qualität. Mitfühlen heißt ja, dass wir in Resonanz mit dem Geschehen verbunden sind, doch nicht darein verstrickt. Und weil Mitgefühl nichts mit Verstrikkung und bloßer Parteinahme zu tun hat, öffnet es stets auch Optionen für intelligentes Handeln. Aus der Quelle entspannter Präsenz ist man dann ganz im Bilde, eben anwesend und Anteil nehmend im eigenen Leben.

Innere Klarheit

Innere Klarheit sowie Empfänglichkeit sind für diesen Ort der Stille Voraussetzung. So wie auch für die drei anderen vorgestellten Regeln:

  • Heiße alles willkommen, weise nichts zurück...
  • Bringe dein ganzes Selbst in die Erfahrung...
  • Warte nicht...

Wer sich kontemplativ auf diese Sätze einlässt, dem kann nicht verborgen bleiben, wie sie im Zusammenklang auf einen Ort jenseits der Pole zielen. Was für den flüchtigen Betrachter widersprüchlich oder gar gegensätzlich erscheint – wie soll denn das gehen, sein ganzes Selbst in die Erfahrung zu bringen und zugleich den Ort der Stille aufsuchen, das widerspricht sich doch eklatant! – ist eben gar kein Gegensatz, sondern Herz-Wissen.

Der Anfängergeist

Die fünfte Regel lautet: Pflege den Anfängergeist. Was soll das? Anfänger sein, naiv und uninformiert? Ein hilfloses Greenhorn? Für mich stellt diese Regel jedoch mehr als das Sahnehäubchen auf den anderen vieren dar, nämlich ein Sahnehäubchen das zugleich Fundament ist. Setzt man die Regel in Beziehung zu einem Jesus-Wort aus dem Matthäus-Evangelium: »Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen«, zeigt sich wieder einmal, dass es im Kern aller Quellen des Religiösen stets um dasselbe geht.

Wie sind Kinder? Bevor sie zu zurechtgestutzten und verbogenen Erwachsenen werden, begegnen sie der Welt noch offen, neugierig, experimentierfreudig, herzlich. Ohne vorgefasste Meinungen. Ohne das, was Erwachsene gern ihre Lebenserfahrung nennen und was doch oft genug nur die aus mangelnder Selbstkenntnis verursachten Auswirkungen begrenzender Glaubenssätze darstellt. Denn schaut man sich genauer an, was als Erfahrung bezeichnet wird, stellt sich oft genug heraus, dass es sich einfach nur um unbewusst gesuchte Bestätigungen alter Vorurteile und Ängste handelt.

Gegenwärtigkeit

Der Anfängergeist weiß, dass es im Leben keine Wiederholungen gibt, dass im Grunde jeder Augenblick neu und unwiederholbar ist, wenn wir im Gegenwärtigen tatsächlich anwesend sind – offen, unverstellt, neugierig wie die Kinder und ohne Arg. Zum Schluss eine sehr kurze Lehrgeschichte, zum auf den Boden kommen, zum Mitnehmen in den Alltag: Ein Mönch sagt zu Joshu: »Ich bin gerade ins Kloster eingetreten, bitte lehre mich.« Joshu fragt: »Hast du deinen Reisbrei gegessen?« Der Mönch antwortet: »Ja, ich habe ihn gegessen.« Joshu sagt darauf: »Dann geh´ und wasch´ deine Essschale aus!«

Burkhardt Kiegeland



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