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Willkommen im neuen Jahrzehnt

Artikel - Spiritualität/Mystik

Burkhardt Kiegeland
Burkhardt Kiegeland

Vom Ich zum Du zum Wir

Willkommen im neuen Jahrzehnt und gleich eine Frage: Habt ihr das vergangene dankbar verabschiedet? Oder frustriert? Und wie habt ihr das neue begrüßt? In freudiger Erwartung? Voller Optimismus? Oder eher gelassen? Oder mit Befürchtungen? Kaum jemand ist frei von der Vorstellung, der Wechsel von einem Jahrtausend, Jahrhundert, Jahrzehnt wie auch Jahr ins nächste sei irgendwie bedeutungsvoll...

Der Jahreswechsel als Anlass für die berühmten guten Vorsätze, der Übergang von einem Jahrzehnt als Gelegenheit, auf einen ganzen Lebensabschnitt zurück zu blicken und neue Hoffnungen zu schöpfen. Jahrhundert- und Jahrtausendwechsel werden mit viel Energie, ja geradezu mit magischen Vorstellungen aufgeladen. Man betrachtet sie als historische Einschnitte, als Zäsuren und verknüpft sie gern mit der Erwartung, dass »die Geschichte« oder wie immer auch geartete Kräfte die Menschen verwandeln werden, sodass sie den alten Adam hinter sich lassen und wie neu geboren auch neu beginnen.

Die Wirklichkeit

Die Wirklichkeit indessen hat sich nicht streng an den Kalender gehalten, sondern war stets ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte früher oder später dran. Den Beginn der Neuzeit zum Beispiel verbindet man wahlweise mit der Entdeckung Amerikas (1492), mit Luthers Reformation (1517) oder mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mittels beweglicher Lettern (um 1450). Wo liegt der Anfang der Welt, in der wir gegenwärtig leben? Manche sehen ihn in der Verbreitung des Computers seit den 80er Jahren. Andere verweisen auf »die Wende« ab 1989, als sich der »Ostblock« auflöste und global das vorherrschend wurde, was man bald als Turbokapitalismus bezeichnete: nahezu unbeschränkter internationaler Kapitalverkehr, sagenhafte Gewinne und Boni auf der einen Seite, wachsende Armut auf der anderen. Ist es eine fröhliche Welt? Eine, in der die Kinder behütet aufwachsen und auf eine entspannte, schöpferische Weise in ihren Möglichkeiten gefördert werden? Ist es eine gerechte und offene Welt, in der die Erwachsenen so leben können, wie sie es als Jugendliche erträumt hatten? Eine Welt der friedlichen Lösung von Konflikten, von fortschreitendem Ausgleich zwischen Arm und Reich? Wohl kaum. Vielmehr ist sie immer kälter geworden, liebloser, und es sind keineswegs nur die Priester und Pastoren, die in ihren Predigten zu Weihnachten und Neujahr die Gier beklagt haben, den Neid, den Leistungswahn und den Druck, unter dem bereits die Kinder stehen. Sogar Präsidenten und Parteipolitiker klagen an, jene Banker und ihre Hinterleute zum Beispiel, denen man dabei zuschauen kann, wie sie noch in der Finanzkrise ihre alten Spiele wieder aufgenommen haben.

Vom Ich zum Du zum Wir
© Günther Havelena pixelio.de

Es sieht nicht so gut aus

Es sieht nicht so gut aus, und wer mit der Jahrtausendwende das New Age, die rasche Wende in ein neues, spirituell geprägtes Zeitalter, erhofft hatte, muss wohl noch warten. Realität sind die globalen Krisen: Klima und Umwelt, Finanzen und Wirtschaft, die Kriege. Seltsame Szenerien über die Zukunft machen die Runde. In den vergangenen Wochen zum Beispiel erhielt ich zahlreiche Emails aus der Szene der esoterischen Zukunftsforscher über das Ende des Maya-Kalenders am 21. Dezember 2012. Im Zusammenhang mit einer seltenen Sternenkonstellation – so die Voraussagen – bedeute dieses Datum das Ende der bekannten menschlichen Zivilisation und den Eintritt in eine gänzlich neue, die von der gegenwärtigen völlig unabhängig sei. Folgt man diesen Prophezeiungen, steht also in zwei Jahren (wieder einmal) ein Weltuntergang bevor.

Ich neige da zu mehr Nüchternheit. Es liegt mir zwar fern, mich über die Hoffnungen auf den schon so oft angekündigten wie ausgebliebenen »Quantensprung der Menschheit« lustig zu machen. Wie wunderbar, würden alle Menschen gleichzeitig transformiert und ab sofort aus dem Herzen leben... Ich denke aber, es wird kein Sprung sein, sondern vielmehr eine Entwicklung Schritt für Schritt, die jeden, besonders auch im persönlichen Denken und Handeln, verändert. Eine Entwicklungen, die sich über Generationen erstreckt. Insofern ist jede Zeit Wendezeit.

Wendezeiten

Wendezeiten ohne Krisen gibt es nicht. Das liegt vor allem daran, dass sich Menschen aller Erfahrung zufolge erst wenden, wenn die alten Wege so richtig tief in die Sackgasse geführt haben. Eine weitere und nicht zu unterschätzende Rolle spielt die in unserer Zivilisation tief verankerte Hoffnung auf Erlösung. Sie zeigt sich heute unter anderem verkleidet in spekulative Szenerien über das Ende des Maya-Kalender oder über jene hoch entwickelten Aliens, die schon eingreifen würden, bevor es zu spät ist. Wer weiß, vielleicht gibt es sie ja, die Aliens, vielleicht passiert ja etwas mit dem Magnetfeld am 21.12.2012, doch soll man etwa darauf bauen? Soll man sein Leben darauf ausrichten, dass man anlässlich irgendeines Datums, eines Ereignisses transformiert, erlöst wird – wie mit einem Zauberstab? Und was tun in der Zeit bis dahin?

Bewusstheit ohne Herz oder Herz ohne Bewusstheit gibt es nicht

Wie gesagt, ich halte es mehr mit der Nüchternheit und setze in Sachen Transformation auf die Bemühungen vieler Einzelner in der real existierenden Gegenwart. Denn gelebte Spiritualität hat nichts mit dem Wunsch nach Wundern und esoterischen Spekulationen zu tun – doch eine Menge mit einem aus dem Herzen und mit Bewusstheit gelebten Alltag – was dasselbe ist: Bewusstheit ohne Herz oder Herz ohne Bewusstheit gibt es nicht. »The future is unwritten« – stand auf einer Wand im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, siehe das Foto im vorletzten Newsletter. Die Zukunft ist offen. Wie sie aussehen wird, daran schreiben wir jetzt, in dieser Gegenwart. Und was all die apokalyptischen Szenerien angeht, über die im Internet spekuliert wird, schätze ich sehr den Martin Luther zugeschriebenen Satz: »Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.« Man darf diesen Satz durchaus als Aufforderung verstehen, jetzt, in der Gegenwart, Zukunft zu gestalten.

Was steht jetzt an?

Unsere Partner besitzen auch im Innersten dieselbe Resonanzfläche für wahres Herz wie wir und dieselbe Sehnsucht nach Einssein und einer Liebe, die alle persönlichen Grenzen überwindet.

Was kann heute ganz praktisch für Mitmenschlichkeit, für eine friedliche Welt getan werden? Was liegt in den Möglichkeiten jedes einzelnen? Mehr als man vielleicht denkt, vorausgesetzt, man pflegt nicht den Anspruch, im Alleingang die Welt zu verbessern. Sondern beginnt ganz einfach mal bei sich selber. Die wirklich wichtigen Schritte werden nämlich nicht vor großem Publikum getan, sondern mehr im Stillen. Mitmenschlichkeit zum Beispiel entwickeln wir, indem wir uns Schritt für Schritt mit uns selber versöhnen, mit unserer Herkunft, mit unserem Dasein in dieser Welt. Diese Versöhnungsschritte, werden sie denn wirklich gegangen, öffnen uns für die Erkenntnis, dass wir uns gerade auch im Anderssein des anderen stets uns selber begegnen. Ganz konkret: unsere Liebste, unser Liebster, so nah und zugleich fremd sie uns auch manchmal erscheinen, spiegeln nicht nur, was wir von uns selber wissen und noch nicht wissen. Sie besitzen auch im Innersten dieselbe Resonanzfläche für wahres Herz wie wir und dieselbe Sehnsucht nach Einssein und einer Liebe, die alle persönlichen Grenzen überwindet.

Kein Mensch kann sich allein aus sich selber definieren, keiner sich allein aus sich selber befreien.

Ich erinnere mich an einen Teilnehmer vor Jahren, der während des ersten Seminars des Herz-Projekts den Kontakt zu den übrigen Teilnehmern vermied und meinte, es ginge ja schließlich um sein Leben, um sein Wachstum und nicht um jenes der anderen. Doch wurde ihm bald klar, dass er, um bei sich anzukommen, die anderen brauchte. Kein Mensch kann sich allein aus sich selber definieren, keiner sich allein aus sich selber befreien. Ein anderer Teilnehmer meinte, so deutlich wie ich es betonen würde, dass es um Gemeinschaftlichkeit gehe, um eine neue Herzens-Qualität im Umgang miteinander, habe er es von anderen Lehrern nicht gehört. Ich weiß So manches in der Szene läuft noch ab wie in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, wo jeder möglichst schnell erleuchtet werden wollte nach dem Motto: Möglichst schnell heraus aus der alten Haut und hinein in eine neue, unangreifbare. Doch was in der Regel dabei heraus kommt, ist eine aufgesetzte falsche Heiligkeit gepaart mit der Idee, man sei auf ganz besondere Weise besonders. Besser als andere, ganz besonders zu sein und ein »spiritueller Leistungsträger « spiegelt dabei genau jenes alles beherrschende Konkurrenzdenken wider, das die gesellschaftliche Realität kennzeichnet und dessen Wurzel die heimliche Selbstverneinung so vieler darstellt. Es beruht auf der Angst, dass man am Ende doch nicht genügt und versagt, auf dem Mangel an Selbstwert. Ein kürzlich verstorbener deutscher Politiker vertrat die Maxime: freie Bahn dem Tüchtigen, und wer es nicht schafft, um den soll sich nicht der Staat, sondern die Caritas kümmern. Im 19. Jahrhundert wurde für diese Haltung der Begriff »Sozialdarwinismus« geprägt. Pikanterweise musste dieser Politiker vor Jahren sein Ministeramt wegen Bestechlichkeit niederlegen.

Nichts gegen Wettbewerb

Nichts gegen Wettbewerb – doch ist entscheidend, aus welcher Grundhaltung man miteinander wetteifert. »Du oder ich« kennzeichnet den Überlebenskampf aus Angst. »Du und ich« – da wetteifern welche miteinander, die, versöhnt mit sich selbst und aus Dankbarkeit für das Leben, ihr Bestes geben, ohne Gegnerschaft. Das ist heutzutage noch selten, doch diesem evolutionären Schritt in Richtung Herz muss unsere Arbeit dienen. Also ist spirituelle Arbeit dann erfolgreich, wenn sie über die Versöhnung mit dem Ich zum Du führt, zum Wir. Vom Ich zum Du zum Wir. Die Schritte sind manchmal mit Anstrengung, mit Frust verbunden. Denn man kommt alten Ängsten und Glaubenssätzen auf die Spur, die einem – was man gar nicht so gern zugeben möchte – heimlich längst lieb geworden sind, weil sie die Begründung für so manche Lebens-Ausrede liefern. Auch lernt man die Mühen kennen, die es oft kostet, wenn man das, was das wahre Herz will, in den Alltag integrieren möchte. Schließlich wird einem die Einsicht abverlangt, dass nicht Vollkommenheit das Ziel ist, dass man nie »fertig« oder »perfekt« sein wird, sondern den Weg einfach immer weiter gehen soll und kann, ohne Ende. So wie das Leben immer weiter geht. Wer den Weg geht, wird schließlich kleine und größere Wellen von Lebensbejahung, von Lebensfreude in seine Umgebung aussenden. Nicht mit missionarischem Getöse, sondern unaufgeregt, freundlich, einfach so und doch sehr ansteckend...

Burkhardt Kiegeland

Burkhardt Kiegeland ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, lebte lange in Österreich und ist jetzt in der Schweiz zu Hause. Beruflich kommt er vom Schreiben her, nach einigen Jahren als Verlagslektor machte er sich als freier Autor selbständig, veröffentlichte zahlreiche Sachbücher und übersetzte viel aus dem Englischen. Daneben arbeitete er in der Erwachsenenbildung. Heute ist seine persönliche Geschichte nicht mehr wichtig, denn er ist ganz in diesem großen Leben angekommen. Mal als Korken auf dem Ozean, mal von der Welle hinweggespült und untergetaucht. Er hat begriffen: Wir sind Verwandlung ohne Ende und grenzenlose Weite, und alle Vielfalt der Formen und Manifestationen wurzelt in dem Einen und Ewigen.

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Kommentare  

 
0 # Jürgen Steininger 2010-01-15 23:12
Hallo Burkhardt,

ich habe deinen Artikel mit großer Freude gelesen. Was du über die Herz-Connection sagst sehe ich genau so. Das ist der Energieort wo die spirituellen Menschen wirklich zu sich und zum wir finden können.

Dennoch muss ich dich ein bischen korrigieren was deine politische Einstellung anbelangt. Wie so ziemlich alle Leute nicht nur in dieser Szene habt ihr ein komplett falsches Bild von der Welt was die Funktion des Kapitals und ihrer Manager anbelangt. Kapital und Staat stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern bedingen sich auf Gedeih und Tod. Die Kapitalisten handeln nicht \"eigenmächtig\" und schalten mal den bösen \"Turbo\" ein, sondern tun das was zwecks Staatsräson nötig ist. Staaten sind Machtgebilde mit dem Zweck andere Staaten zu bekämpfen. Ein Staat ist der Herrschafts-und Zugriffsbereich einer bestimmten Elite und das Kapital ist eines ihrer Instrumente um andere, fremde Eliten zu bekämpfen. Deshalb bekommen die Manager, auch wenn sie wie in Deutschland Billionen verpulvert haben ihre Boni, denn ein Angestellter bekommt auch dann sein Gehalt wenn er mal Mist gemacht hat, genauso wie ein General der eine Schlacht verloren hat seinen Orden bekommt.

Den Spruch, dem man allgemein Luther zuschreibt soll gar nicht von diesem stammen, sondern im 3. Reich als Durchhalteparol e für den nahenden Endsieg entstanden sein.

Die Neuzeit beginnt mit der Erfindung der \"Pille\". Dieses Verhütungsmitte l ist der Beginn des Endes des Patriarchats.


Ich glaube, ein Bewußtseinwande l kann auch sehr plötzlich und große Menschenmengen betreffend einsetzten. Aus der Evolutionsforsc hung wird berichtet, dass es einerseits einen sehr langsamen und nur über einselne Individuen laufenden Fortrschritt gibt, aber auch einen sprunghaften, der ganze Populationen auf einmal betrifft.

Es muss nur genügend angestaute Lebensenergie vorhanden sein und ein großer Schock hinzukommen, dass er wie ein Erdbeben die Oberfläche aufreißt. Wenns nicht die Klimaveränderun g und Umweltverschmut zung und Hunger und Elend sind, dann vielleicht ein technisches Experiment wie im Cern mit diesem LHC und dem Schwarzen Loch, das schief gehen könnte.

Aber von all dem lassen wir uns die Lebensfreude nicht verkrämen, denn es werden ja immer weniger Menschen die noch Freude an ihrem Leben empfinden können. Also, lasst uns feiern, leben lieben und lachen.
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