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Mike Hellwig: Wie wir uns vom positiven Denken heilen
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- Kategorie: Buch
- Veröffentlicht am Dienstag, 26. Juni 2012 18:50
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Mike Hellwig
Die radikale Erlaubnis
Mike Hellwig ist nach dem Klappentext systemischer Therapeut und Seminarleiter und hat mehrere Bücher zum inneren Kind geschrieben. Der Titel bezeichnet klar Hellwig's Haltung zum sogenannten positiven Denken; der Untertitel »Über die Freiheit, alles fühlen zu dürfen« erklärt seine Absicht näher. Mike Hellwig versteht unter positivem Denken z.B. die in den Büchern »The Secret« und »Law of Attraction« propagierte Haltung und setzt dem sein Konzept der radikalen Erlaubnis entgegen.
Geht man nach dem Konzept des positiven Denkens, besteht ein Gesetz der Anziehung, nach dem alles, was uns widerfährt eine Spiegelung unserer Gedanken und Gefühle darstellt: Was wir denken und fühlen, das ziehen wir in unser Leben. Wenn wir also ein positives Leben wollen, müssen wir positiv denken und fühlen – alles negative Denken zieht negative Ereignisse ins Leben. Aber auch wenn man kein Buch zum positiven Denken gelesen hat, unterliegen wir alle ständig dem Druck positiv sein zu müssen: Enttäuschung, Leid, Verzweiflung dürfen nicht geäußert werden. Diese Haltung führt nach Hellwig zu einer Abspaltung wesentlicher Seelenteile, die dann nicht mehr gelebt werden können. Man kommt immer mehr in einen Zwang, positiv denken zu müssen, da ja im anderen Fall das Universum die entsprechenden negativen Ereignisse schickt. Dies führt in eine fatale Sackgasse, da wir alle mehr oder minder Schmerz mit uns tragen, Schmerz, der oft gut verborgen ist, oft auch vor unserem eigenen Bewusstsein. Mit der Strategie des positiven Denkens wird der Schmerz verleugnet und es wird versucht, den Schmerz durch positives Denken umzuwandeln, jedoch ohne dass der Schmerz gefühlt und anerkannt wird. Diese Strategie führt jedoch nicht nur nicht zum gewünschten Ergebnis, sondern noch darüber hinaus zur Abspaltung und Entfremdung vom eigenen Fühlen.
Demgegenüber stellt der Autor sein eigenes Konzept der »radikalen Erlaubnis« vor: Den in uns innewohnenden Schmerz zu fühlen anstatt ihn durch positives Denken zu verdrängen. Dazu bringt er ein Persönlichkeitskonzept und eine Methode. Wie andere vor ihm unterscheidet er eine Vielfalt von Instanzen oder Persönlichkeitsanteilen. Dies ist sinnvoll, denn wenn wir dies nicht machen und uns als Einheit definieren, erleben wir jeden Konflikt als Bedrohung: Diejenigen Persönlichkeitsanteile, die nicht zu unserem Selbstbild passen, spalten wir ab, mit den anderen sind wir identifiziert. In der Folge stehen wir in einen ständigen Kampf mit Persönlichkeitsanteilen, denen wir kein Existenzrecht zubilligen. Wenn wir uns jedoch als Vielheit begreifen, kommen wir zu einer ganzheitlicheren Sicht. Diese Persönlichkeitsanteile werden von Hellwig als »Gäste« begriffen, die uns – als »Gasthaus« – mehr oder minder oft besuchen und dann unser Fühlen und Handeln bestimmen. Diese Gäste fordern unsere Aufmerksamkeit und oft wissen wir nicht, wem wir uns zuwenden sollen. Wenn wir den einen Gast ausschließlich bedienen und den anderen ständig zurückweisen, dann sind wir identifiziert, geraten in einen Konflikt und leiden. Wichtig ist es von daher, dass wir uns nicht mit einem Gast identifizieren, sondern die Rolle des Gastgebers einnehmen. Der Gastgeber ergreift keine Partei, sondern heißt jeden Gast willkommen. Dies ist der wichtigste Punkt, um den inneren Krieg zu beenden: Egal welches Gefühl, welcher Impuls auftaucht – er wird bestätigt und anerkannt. »In der Gegenwart des Gastgebers gibt es keine Schuld, kein Vergehen, keine Fehler. Angesichts der radikalen Erlaubnis, die der Gastgeber gewährt, brechen alle Widerstände und fallen in sich zusammen.« Um diese Gastgeberrolle einzunehmen müssen wir die Aufmerksamkeit nach innen richten und auf körperliche Empfindungen achten: Alles was dann auftaucht an Körperempfindungen, Gedanken und Gefühlen wird begrüßt und willkommen geheißen. So kann eine Reise durch den Körper mit dem Bewusstsein als Grundlage dienen, den Gastgeber in uns zu aktivieren.
Wenn wir den ursprünglichen Verlassenheitsschmerz spüren, haben wir den Pol der innersten Verbindung erreicht
Bestimmte Gäste haben die Funktion, uns vor der Wahrnehmung des inneren Schmerzes zu schützen; es sind die »Wächter«. Hervorzuheben sind hier besonders der »innere Kritiker« und der »Rebell«. Der Schmerz, vor dessen Wahrnehmung sie uns bewahren, ist in der Regel der Schmerz des inneren Kindes, welches von seinen Eltern nicht wahrgenommen wird und sich verlassen fühlt. Der innere Kritiker kritisiert uns und treibt uns an; er ist oft Träger und Vollzugsorgan des positiven Denkens, während der Rebell dagegen aufbegehrt. Auch hier ist es wichtig, den inneren Kritiker und den Rebell in der Gastgeberrolle liebevoll willkommen zu heißen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Wenn wir dies tun, dann treten Persönlichkeitsanteile ins Bewusstsein, die bis jetzt von der Wahrnehmung fern gehalten wurden durch die Wächter, dies betrifft vor allem die Schmerzen und Ängste des inneren Kindes, welches in uns meist unverstanden und nicht akzeptiert in uns ist. Diese Schmerzen können durch die Methode der radikalen Erlaubnis zur Lösung gebracht werden. »Wenn wir das Schrecklichste in uns wirklich spüren, wenn wir unserem tödlichsten Feind erlauben, in uns da zu sein, breitet sich Frieden aus, und zwar auf dem Grunde unserer Existenz. Plötzlich gibt es keinen Kampf mehr, nur Stille, nur diesen Genuss, ganz mit uns selbst verbunden zu sein.« Wenn wir den ursprünglichen Verlassenheitsschmerz spüren, haben wir den Pol der innersten Verbindung erreicht, während positives Denken den Pol der äußersten Abtrennung bezeichnet.
Das Buch ist klar aufgebaut und geschrieben. Sympathisch berührt, dass der Autor immer wieder seinen persönlichen Hintergrund schildert. Kritisch könnte man eine Tendenz zur Übergeneralisierung anmerken (haben alle Menschen diesen Verlassenheitsschmerz?); auch erscheint die Lösung etwas idealtypisch vereinfacht dargestellt. Mancher Vertreter des positiven Denkens wird sich einseitig wahrgenommen fühlen; vor allem in der esoterischen Szene fühlen sich viele mit dem positiven Denken sehr wohl. Dies sind allerdings meist Menschen, die in sich eher harmonisch sind und die es nicht als Verdrängung und Abspaltung empfinden, sich auf Licht und Liebe zu konzentrieren und den Rest auszublenden. Wer allerdings diesen Schmerz in sich trägt und/oder innere und äußere Konflikte hat, sollte sich eher mit dem Ansatz von Mike Hellwig beschäftigen als mit positivem Denken – hier ist dem Autor unbedingt beizupflichten.
Bewertung:
sehr gut
Thomas Deutschbein
Mike Hellwig: Wie wir uns vom positiven Denken heilen. Über die Freiheit, alles fühlen zu dürfen.
Herder Taschenbuch, Freiburg-Basel-Wien 2012










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Kommentare
Letztlich haben wir diesen Irrtum den Schülern Buddhas zu verdanken, die Buddhas achtfältigen Pfad komplett auf den Kopf gestellt hatten.
Buddha hatte, getreu der vedischen Überlieferung, erkannt und gelehrt, dass der ERSTE Schritt zur Erleuchtung immer Samadhi – die unmittelbare Erfahrung des Einen ohne ein Zweites sein muss: reines Bewusstsein, Ergebnis jeder tauglichen Meditationstechnik.
Das richtige handeln hingegen ist eine FOLGE daraus: ist das ERGEBNIS regelmäßiger Samadhi-Erfahru ng. Wer täglich in seinen Urgrund eintaucht, handelt GANZ VON SELBST im Einklang mit diesem, im Einklang mit den Naturgesetzen.
Natürlich sollte man immer dafür sorgen, dass man andere und sich nicht unnötig verletzt. Aber dadurch wächst man nicht, sondern verhindert nur, dass man sich selbst unnötig Steine in den Weg legt.
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