7 Tage mit mir selbst und Gott
Magazintexte - Was ist Tantra?

© nudi, photocase.com
7 Tage mit mir selbst und Gott
Der Tantralehrer
Armin-Christoph Heining praktizierte
als Benediktinermönch viele Stunden am Tag Meditation. Hier erzählt
er, wie er das erste Mal in die bewusste Nähe zu sich selbst eingetreten
ist. Dieser innere Rückzug muss nicht in einem teuren Seminar stattfinden,
sondern jeder von uns kann sich wie er seine eigene Einsiedelei schaffen
Ich kann mich noch gut erinnern: Ich war 27 Jahre alt, und als Benediktinermönch praktizierte ich in meiner Klosterzelle täglich viele Stunden stille Meditation. Doch trotz abgeschlossenem Theologiestudium wurde ich nicht zur Priesterweihe zugelassen, und das war der Beginn einer schweren Lebenskrise.
Angefangen hatte alles mit meiner Entdeckung christlicher Kontemplation und
des Zen. Meinem traditionell ausgerichteten klösterlichen Umfeld war diese
Praxis fremd, und es reagierte mit Misstrauen und Ablehnung. Meine Beziehung
zum Abt und der klösterlichen Lebensgemeinschaft war schließlich
so zerrüttet, dass ich fast gänzlich ohne berufliche Aufgabe lebte.
Angefangen hatte alles mit meiner Entdeckung christlicher Kontemplation und
des Zen
Schließlich hatte ich dann zwei Wochen Jahresurlaub vom »Nichtstun«.
Den wollte ich gerne bei meiner damaligen spirituellen Begleiterin in einem
Meditationsretreat verbringen, was ich dann auch tat. In der ersten Woche assistierte
ich ihr bei einem Kurs für Jugendliche. Die zweite Woche hatte ich dann
zur freien Verfügung. So stellte ich mir die Frage: Was könnte ich
Sinnvolles in dieser Woche tun? Nach einem Gespräch mit ihr entschied ich
mich, sieben Tage in eine Einsiedelei zu gehen und mit mir selbst ein Meditationsretreat
zu veranstalten. Ich konfrontierte mich so zum ersten Mal auf intensivste Weise
mit der Einsamkeit. Dazu suchte ich mir eine Ferienwohnung, in der ich ungestört
eine Woche allein verbringen konnte. Die Vermieter informierte ich über
mein Vorhaben. Ich ließ die Rollos herunter, so dass kaum Licht in die
Wohnung drang. Zu Essen hatte ich mir einen Vorrat an Reis und Trockenfrüchten
besorgt, dann schrieb ich mir einen Tagesplan:
05:00 Aufstehen Morgentoilette
05:30 Praktizieren von tibetischen Gesundheitsübungen (Kum Nye)
06:00 3 x Sitzen Gehen
07:30 Morgenlob (Lied und Gebet)
07:45 Frühstück
08:15 Putzen des Meditationsraumes und der Wohnung
08:45 Pause
09:30 Sitzen
10:00 Lesen: »Die Antwort der Engel« *
10:30 3 x Sitzen Gehen
12:00 Mittagessen
12:20 Pause
14:00 3 x Sitzen Gehen
15:30 Meditatives Gehen in der Natur
16:15 Sitzen
16:45 Kum Nye-Übungen
17:15 Stimmungsbild malen Sitzen
18:15 Abendessen
Pause
19:30 3 x Sitzen Gehen
21:00 Abendlob
21:45 Nachtruhe
Dann richtete ich mir den Meditationsraum und meinen Meditationsplatz ein,
und das Abenteuer in der Einsiedelei begann.

© 112680, photocase.com
Die Reise beginnt
Am ersten Tag erwache ich aus dem Mittagsschlaf mit den Bildern eines Traumes:
Ich sah ein Puppenhaus im Querschnitt. Eine dunkle Gestalt stieg nach unten
und begab sich auf eine Art Thron. Diese finstere Gestalt erinnerte mich an
einen Teufel. Den Thron selbst sah ich allerdings nicht, sondern wie durch einem
Kameraschwenk schaute ich dann auf ein großes schwarzes Feld in der Mitte
des Hauses.
Große Angst und Verzweiflung überkamen mich: »Wenn ich so intensiv
konzentriert alleine dasitze, nicht aus dem Haus gehe, mit niemandem rede, werde
ich doch verrückt! Und wenn ich es nicht werde: Wie komme ich danach
mit der äußeren Welt zurecht?« Die Auseinandersetzung mit den
inneren Dämonen hatte begonnen.
»Ich bitte um die Offenbarung meiner Lebenszusammenhänge«
mit diesem Anliegen um tiefere Selbsterkenntnis ging ich in den zweiten
Tag. Ich hatte von meiner Begleiterin gelernt, der inneren Stimme zu folgen
und ihr zu vertrauen. Ich öffnete das Buch »Die Antwort der Engel«
und begann darin zu lesen: »Gibt es etwas natürlicheres, als dass
wir miteinander sprechen können?« fragt der Engel die Autorin Gitta
Mallasz. »Nein«, antwortet sie. »Aber: Du bist so hart.
Du verlangst von mir Sachen, denen ich nicht folgen kann.« »Nicht
ich bin hart die Mauer zwischen dir und mir, dein Eigenwille ist es«,
entgegnet der Engel Gitta. »Was soll ich tun?« fragt sie. »Liebe
diese Mauer, die dich so irre macht. Und unsere Verbindung kann wachsen. Das
ist meine Botschaft für diesen Tag!«
Die Worte aus dem Buch treffen etwas tief in mir. Ich komme in Kontakt mit meinem
gedachten Ego.
Am dritten Tag wache ich mit einem Traum auf: Einer meiner Mitbrüder feiert
Primiz, seinen ersten Gottesdienst in seiner Heimatgemeinde. Am Ende spendet
er den Primizsegen: Kinder bilden ein Spalier und feiern meinen Mitbruder, singen
und spielen Gitarre für ihn. Ich bin traurig und angerührt, dass er
so viel Ehrung bekommt, wo sie doch mir zustehen würde mir, der
ich schon lange hätte geweiht werden sollen. Ich bin traurig, dass ich
nicht zum Priester geweiht wurde. Bedrückt und voller Trauer wache ich
auf.
»Warum bin ich eigentlich hier?«, frage ich mich. Ich schlage das
Buch auf. Der Engel spricht:
»Du hast jetzt die Chance, Dich geistig mit den Dingen auseinanderzusetzen,
deine Lehre dir auch gedanklich zu erarbeiten durch Studium. Studiere die Zusammenhänge
des Lebens der geistigen Welt.«
Sexuelle Phantasien
Am Mittag plagen mich starke sexuelle Bilder. Immer wieder sehe ich mich sexuell in Kontakt mit anderen Männern, was mir doppelt Angst macht: Angst vor der Sexualität und Angst vor deren homosexueller Ausrichtung. »Du brauchst keine Angst zu haben vor deiner Sexualität. Sie ist der direkte Weg ins Geistige«, höre ich in mir eine Stimme sagen. Ich gehe weiter meinem Tagesplan nach: Stille Meditation, Körpergebet und so weiter.
Am vierten Tag wache ich schweißgebadet auf. Der Traum der Nacht klingt nach: Ich war von einer Leiter gefallen. Ist es richtig, was ich hier tue? So ein Fallen hatte ich schon früher einmal erlebt, fiel mir dann ein. Meine Begleiterin hatte mir damals geraten, keine Entscheidungen zu treffen, sondern ganz konkret nur die Schritte zu tun, die auf mich zukommen. Auch jetzt halte ich mich daran: Einfach dem Tagesplan folgen. Es gibt nichts anderes zu tun.
Freude
Am fünften Tag kommen Melodien, Tänze und freudige Bilder in mir hoch. Meine Stimmung hellt sich auf. Und plötzlich wird mir da bewusst: Ich habe ohne es beabsichtigt zu haben in den letzten Tagen eine Reise durchgemacht. Und ich erkenne: Die Angst, die Gefühle sind wie Wellen. Sie entfalten ihren eigenen Rhythmus und ihre eigenen Dynamik. Doch ich selbst bin nicht diese Wellen, sondern etwas viel Tiefgründigeres. Große Freude und tiefer Frieden breiten sich in mir aus.
Im Liegen fühle ich plötzlich viel Energie in meinen Zellen fließen.
Ich spüre ein sanftes Prickeln und höre ein tiefes Summen. Da wird
mir bewusst: Ich nehme mich selbst viel zu wenig ernst. Alles Mögliche
nehme ich ernst, nur mich selbst nicht und das, was mich wirklich berührt.
Ich mache meine Erfahrungen, lerne etwas dabei und nun erkenne ich:
Diese, meine ganz eigenen Erfahrungen, werden genau das System sein, das mich
heilt!
An diesem Tag sehe ich mich inmitten meiner Brüder im Mönchschor des
Klosters tanzen. Die Lebensfreude und Energie will in diese Form. Spüren
die Mitbrüder in meiner Nähe ihre eigene Lebensfreude so steigt
es in mir auf , werden sie mich nicht länger festhalten und für
sich behalten, sondern mich weiterverschenken wollen!
Am letzten Tag in meiner Einsiedelei bin ich voller sakraler Musik, als ich aufwache. Ich sehe mich, wie ich anderen Menschen voller Strahlen und Offenheit begegne. Ich fühle mich von strahlendem Licht eingehüllt und begreife: Es gibt emotionale Höhen und Tiefen, die in einer eigenen Dynamik auftauchen. Diese Dynamik ist unabhängig von äußeren Erscheinungen. Und es gibt einen inneren ruhenden Pol. Mit ihm in Verbindung zu sein heißt für mich intim mit mir selbst zu sein.
Schließlich zog ich die Rollos hoch, putzte die Ferienwohnung und ging zu den Vermietern. Das ältere Ehepaar war ganz angerührt von mir, besonders als sie dann erfuhren, welch eine spirituelle Zeit ich in ihrem Haus verbracht hatte. Sie eröffneten mir, dass sie sich während der Tage meiner Einsiedelei überlegt hatten, ein paar Tage Urlaub in Niederbayern zu machen. Und wenn ich wolle, könne ich mit ihnen im Auto mitfahren. Ich nahm das Angebot dankend an und kam so auf wunderbare Weise aus dem »Urlaub« in mein Kloster zurück.
-Armin Christoph Heining






Facebook
MySpace
Twitter




















