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Alles unter Kontrolle?

Magazintexte - Spirit

Die Kontrollillusion gehört zu den am weitesten verbreiteten menschlichen Irrtümern

Autounfall

Von Bobby Langer

Vielleicht kennst du jemanden, der meint, er habe Einfluss darauf, ob er einen Parkplatz findet – mehr Einfluss jedenfalls als andere. Oder er denkt, er könne den Weg der Roulettekugel hin zu einem roten oder schwarzen Feld beeinflussen. Vielleicht glaubst du selbst, du könntest Zufallsereignisse manipulieren. Der Spruch »Es gibt keine Zufälle« ist ja sehr weit verbreitet.

Wissenschaftler haben für diese Art von Glauben einen Fachbegriff parat; sie nennen ihn illusion of control – Kontrollillusion. Ellen Jane Langer, Professorin für Psychologie an der Harvard University, konnte in einer Reihe von Experimenten zeigen, dass die Kontrollillusion ein weit verbreitetes Phänomen ist. Aus eigener Erfahrung kennt jeder die Anfälligkeit dafür aus dem letzten Würfelspiel, bei dem man versuchte, mit magischen Sprüchen oder Hand- bzw. Körperhaltungen den Wurf zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Unwillkürlich tun das auch Spieler, die nicht bewusst der Kontrollillusion unterliegen. Generell tendieren Würfelspieler nämlich dazu, für höhere Zahlen auch stärker zu werfen.

»Schieß, Basti, schieß!«

Während die alten Griechen oder Römer noch glaubten, die Götter würden das Schicksal beeinflussen, haben nun wir die Rolle Gottes übernommen. Anders gesagt: Kontrollillusion ist eine Form krasser Selbstüberschätzung. Bei ihren milderen Formen allerdings lässt sie uns das Leben optimistisch und motiviert betrachten. Besonders gut kann man die unbewusste Kontrollillusion bei Fußballwelt- oder Europameisterschaften beobachten, wenn etwa aus den Reihen der Zuschauer (beim Publik Viewing kann das massenhaft geschehen) der Schrei ertönt: »Schieß, Basti, schieß!« Wie enttäuschend, wenn Basti das nicht gehört hat und nun stürmt, anstatt zu passen.

Interessanterweise treten Kontrollillusionen übrigens bei seelisch ausgeglichenen Personen häufiger auf als bei Depressiven, und mit steigendem Selbstbewusstsein lässt der Bedarf an Kontrollillusionen nach.

Selbstüberschätzung

Wir täuschen uns eh schon in so vieler Hinsicht, nun also auch noch, was die Kontrolle anbelangt – na, und? Kein Problem. Gäbe es da nicht die Gefahr, Rückmeldungen aus der jeweiligen Situation nicht mehr realistisch wahrzunehmen und deshalb unangemessen zu reagieren. In beruflichen Situationen kann dies zu markanten Unterschieden führen. So verdienen Investmentbanker mit starker Kontrollillusion deutlich schlechter als ihre realistischen Kollegen. Ist nicht so schlimm, zugegeben. Eine typische und ernst zu nehmende Gefahr hingegen ist die Fehleinschätzung von Autofahrern, die sich mit einem Gefühl der Sicherheit hinters Steuer setzen, während sie bei der Reise nach Mallorca von Flugangst geplagt sind. Eine realistische Einschätzung sieht anders aus: Die Gefahr, im Auto tödlich zu verunglücken, ist jedenfalls höher als im Flugzeug, egal wie man’s rechnet (siehe Kasten). Je größer die Selbstüberschätzung eines Autofahrers, umso großer die Lebensgefahr, in die er sich und andere damit begibt, etwa wenn er vor einer Kuppe überholt, in der Meinung: »Es wird schon nichts kommen«.

Die Weisheit eines Channelmediums

Auch im intuitiven Bereich dürften Fehleinschätzungen zu mancher verpassten Chance führen. Wer beispielsweise auf einer Party glaubt, er habe Einfluss auf die Begegnung mit einem wohlhabenden Lebenspartner, wird für den Mann oder die Frau fürs Leben, die ihm oder ihr da gerade zulächeln, nicht offen genug sein und zielsicher daneben flirten.

Eine der eindrucksvollsten Formen der Kontrollillusion kann man beobachten, wenn ein Mensch per Channel-Medium seinen Lebenspartner sucht. Die Illusion ist hier sozusagen dreifach angelegt: Erstens glaubt der Auftraggeber, dass er das für sein Leben richtige Medium erkannt und gefunden hat (sonst würde er dafür ja nicht bezahlen). Zweitens geht er nun davon aus, dass dieses Medium in der Lage ist, unter den Milliarden gesichtsloser Seelen die richtige für ihn zu finden. Und drittens glaubt er, das Medium könne ohne Verzerrungen durch die eigene Geschichte die Botschaft der gesuchten Seele eins zu eins channeln.

Gefahren überall!

Wird die Gefährlichkeit von Auto- und Flugzeugreisen verglichen, beziehen sich die Aussagen in der Regel darauf, wie viele Kilometer man fahren oder fliegen muss, bis man statistisch einen tödlichen Unfall erleidet. Dabei zeigt sich, dass die Lebensgefahr beim Autofahren rund zehnmal größer ist als beim Fliegen. Das gilt zum Beispiel, wenn man eine Autofahrt nach Rom mit einem Flug nach Rom vergleicht. Nimmt man jedoch anstelle der zurückgelegten Kilometer die verbrachte Zeit im Verkehrsmittel als Risikofaktor, dann ist das Verhältnis nicht mehr so günstig: Ein eineinhalbstündiger Flug – etwa von Köln/Bonn nach Mailand – ist dann ebenso gefährlich wie die einstündige Anreise zum Flughafen mit dem Auto, und viel gefährlicher als die Anreise mit dem Zug. Nicht zuletzt ist es auch eine Frage der Airline, wie sicher man fliegt. Bei so viel Rechnerei sollte man am besten zu Hause im Fernsehsessel bleiben, denn sogar zu Fuß zu gehen scheint gefährlicher als Fliegen, jedenfalls dann, wenn man sich auf Straßen bewegt: 2008 wurden im deutschen Straßenverkehr 654 Fußgänger tödlich überfahren, mehr als im weltweiten Flugverkehr um Leben kamen. Schwacher Trost: Falls die Fernbedienung funktioniert, kann man mit ihr immerhin das Aus und Ein des Fernsehers kontrollieren.

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Bobby Langer, Jg. 53, Redakteur und Vater von drei Kindern, lebt in Würzburg. Seit 35 Jahren beschäftigt er sich mit spirituellen Themen und hat Erfahrung mit Zen, Yoga und Meditation. Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.


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Aus dem Heft connection spirit 07–08/10



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