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Das Wunder der Aufmerksamkeit

Magazintexte - Spirit

Mutter mit Baby
Bild: photocase

Beachtung ist ein menschliches Grundbedürfnis

In spirituellen Kreisen wird das Ego, das Beachtung will, gerne als Grundübel diffamiert, vom Streit in der Zweierbeziehung bis hin zu den großen politischen Übeln. Der Mensch jedoch will Beachtung, jeder Mensch, und wer dieses Grundbedürfnis missachtet, hat vielfältige negative Folgen in Kauf zu nehmen. Restlos genügsam damit, niemand zu sein, ein Nichts, sind wir erst in den mystischen Zuständen meditativer Versenkung. Für den Umgang mit der sozialen Wirklichkeit kann das allenfalls als idealer Hintergrund dienen

Das Bedürfnis nach Beachtung wird in der psychologischen Literatur bisher weitgehend vernachlässigt. Das für mich Brauchbarste, was ich zu diesem Thema gelesen habe, fand ich bei Idries Shah in seinem Buch »Learning How to Learn« (dt. »Wege des Lernens«, Diederichs) im Kapitel »Characteristics of Attention and Observation«. Die Psychoanalyse beschäftigt sich zwar mit diesem Thema in der Objektbeziehungstheorie, doch auf einem abgehobenen, theoretischen Niveau, das die Gegebenheit eines wirklichen Bedürfnisses eher verschleiert als erhellt, z. B. durch die unglückliche Formulierung »gesunder Narzissmus«. Interesse am eigenen Körper und der eigenen Person ist Voraussetzung für Überleben, für Wohlbefinden und für Selbstkenntnis und so gesund wie der Durst für einen ausgeglichenen Wasserhaushalt; der Narzissmus hingegen bezeichnet die krankhafte Selbstverliebtheit. Gesunder Narzissmus ist eine ebenso sinnlose Bezeichnung wie gesunder Alkoholismus.

Ein Mangel an Beachtung in der frühkindlichen Entwicklung führt zu verschiedenen Formen des Narzissmus bis hin zum Autismus. Der in sich selbst verliebte Narzissus ertrinkt in dem Tümpel, in dem er sich spiegelt, während seine bessere Hälfte, die Nymphe Echo, sich gekränkt über ihre verschmähte Liebe in die Wälder zurückzieht und nichts Eigenes, nichts Unerhörtes mehr von sich gibt.

Narzissmus

Der Mensch, der nicht lernt, sich dank der Beachtung durch andere im Lauf der Zeit selbst zu beachten, bleibt angewiesen auf die Selbstbestätigung durch Spiegelung in den anderen und in den eigenen Gedanken. Er ertrinkt – entsprechend der Legende von Narzissus und Echo – in diesem See des unbewussten Bedürfnisses nach Beachtung, vernachlässigt die aktive Verfolgung seiner Neigungen, reduziert sich aufs Pflanzendasein (das Vegetieren) und reproduziert das Vorgegebene, d.h. er wird normal und besonders statt eigenartig und mitmenschlich.

Beachtung ist ein menschliches Grundbedürfnis, so wie Hunger oder Durst

Beachtung ist ein menschliches Grundbedürfnis, so wie Hunger oder Durst oder das Bedürfnis nach Vitamin C. Wenn wir zu lange dursten, werden wir krank und sterben. Wenn wir zu lange kein Vitamin C bekommen, werden wir krank und sterben. Wenn wir keine Beachtung bekommen, werden wir krank und sterben schließlich. Das erste Experiment zu diesem Phänomen stammt von König Friedrich II von Sizilien (1194-1250), dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Er wollte herausfinden, ob die Sprachen angeboren oder erlernt wären und ließ zu diesem Zweck Neugeborene von Ammen aufziehen, die sie füttern und rein halten sollten, sich jedoch ansonsten jeglichen Kontaktes enthalten. Der König konnte mit dem Ergebnis sehr zufrieden sein: Die Kinder lernten nicht sprechen, also waren die Sprachen erlernt. Er beobachtete noch einen weiteren Befund: Ein Gutteil der Kinder starb bei derartiger Betreuung, doch dieser Befund blieb ungedeutet. Sie starben wahrscheinlich an einem Mangel an Beachtung.

Selbstverwirklichung

Ebenso könnte der frühe Kindstod, bei dem Säuglinge ohne organische Ursache plötzlich aufhören zu atmen, auf einen Mangel an Beachtung zurückzuführen sein. Kürzlich berichtete eine Mutter, die um ihr auf diese Weise verlorenes Kind trauerte, sie sei froh, dass das Kind tot sei, denn es wäre ihrer Selbstverwirklichung sehr im Wege gewesen. Es hat eben Konsequenzen, wenn wir immer dem nachgehen, was wir wollen, statt uns dem hinzugeben, was uns will. Selbstverwirklichung hat nichts mit der Durchsetzung eigenwilliger Ziele zu tun; der große Sufiheilige Lajawardi erreichte Selbstverwirklichung beim Straßenkehren, wobei er jeden Besenstrich mit Hingabe tat.

Konrad Lorenz beobachtete bei frisch geschlüpften Graugänsen, dass sie alles als Mutter nahmen und ihm folgten, was sich fortbewegte und quakte, ob das nun die mütterliche Graugans oder Konrad Lorenz war – es hätte auch ein Fußball mit einem eingenähten Lachsack sein können. Auch beim Menschen findet bereits im Mutterleib ein intensiver Austausch zwischen Mutter und Kind statt. Sobald das Neugeborene mit seinem ersten Schrei sein Dasein kundgetan hat, fängt es an zu schauen. Das erkennende Leuchten in den Augen der Mutter sagt ihm »Willkommen! Wie schön, dass du da bist!«

In dem Maß, in dem die Mutter in der ersten Phase der Prägung und später immer wieder beim Stillen zu dieser eindeutigen Zuwendung bereit ist, wird der neue Mensch sich in dieser Welt beheimaten und zu sich finden können. Je mehr die Bestätigung des Daseins durch die Mutter und später durch die erweiterte Umwelt fehlt, um so mehr wird der Mensch dazu neigen, sich in der Welt unwillkommen, fremd und überflüssig zu fühlen, sich zu isolieren und unter Stress außer sich zu geraten.

»Mich gibt's nicht!«

Einige der als schizophren diagnostizierten Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, erinnerten sich an eine frühe Umwelt, in der sie sich, so wie sie waren, in ihrer Eigenart völlig verkannt oder gar abgelehnt und in der Umgebung, in die sie hineingeboren waren, absolut fehl am Platz wussten. Kein Wunder, dass sie die Gewohnheit entwickelten, unter Stress die Verbindung zum Körper und zur Welt aufzugeben. Einer von ihnen, der diesen Reflex oder diese seine Neigung als Konditionierung verstehen und annehmen gelernt hatte, sagte, wenn man ihn fragte, wie es ihm geht, lachend: »Mich gibt's nicht!« So lange er nicht da war, konnte ihn weder der Mangel an Daseinsbestätigung durch fehlende Beachtung noch feindliche Beachtung durch (erinnerte) elterliche Gewalt in seinem Dasein gefährden.

Die Meister sagen: Bevor wir Menschen werden, sind wir erst Mineral, dann Pflanze, dann Tier. Wir brauchen Beachtung auf allen vier Ebenen unseres Seins. Wir brauchen Beachtung zur Bestätigung des Daseins, wie der Stein. Wir brauchen, wie die Pflanze, Beachtung zur Anerkennung unserer Zugehörigkeit, unserer Neigung, Wurzeln zu schlagen und in den Himmel zu wachsen, der Fähigkeit, zu geben und zu nehmen, unserer Empfindsamkeit und unserer Abhängigkeit vom Klima. Wir brauchen, wie die Tiere, Beachtung unserer Bedürfnisse und Neigungen, unserer Grenzen und unserer Freizügigkeit, unserer Lust zu Paarung, Nestbau und Brutpflege. Und wir brauchen als Menschen zur Entwicklung unseres Selbstbewusstseins die Wahrnehmung unseres Wesens, aus dem heraus wir selbstverständlich sagen können: »Ich bin da, ich gehöre dazu, ich habe meinen eigenen Raum, ich weiß, wer ich bin: ich bin.«

Primärbedürfnisse

Der Umgang mit dem Bedürfnis nach Beachtung wird in der frühesten Kindheit gelernt. Meist bleibt dieses verkannte Bedürfnis unbewusst und der Umgang damit zufällig und primitiv im Gegensatz zu anderen Primärbedürfnissen wie z. B. dem nach Nahrung, dessen Befriedigung im Lauf des Lebens mehr und mehr kultiviert wird.

Verliebtes Paar
Bild: pixelio

Der Säugling plärrt, wenn er an Hunger oder einer anderen bislang fremden Empfindung leidet. Der Dreijährige kann bereits »Mama, ich hab' Hunger« sagen, mit sechs Jahren kann er bei der Zubereitung der Speisen oder beim Tischdecken helfen; mit 19 Jahren kochen wir Nudeln mit Tomatensoße für unsere Arbeits- oder Studienkollegen und mit 40 Jahren kann man von den meisten eine ordentliche Tischrede erwarten. Vor allem lernen wir immer mehr, mit dem Bedürfnis nach Nahrung zu haushalten und auf den Happen zwischendurch zu verzichten, wenn eine gute Mahlzeit winkt. Nicht so im Umgang mit dem Bedürfnis nach Beachtung. Da bleiben die meisten von uns so undifferenziert wie am Anfang und angewiesen auf zufällige Quellen von Beachtung.

Das Bedürfnis nach Beachtung wirkt in allen zwischenmenschlichen Begegnungen

Ich folge in meiner Einschätzung Idries Shah: Das Bedürfnis nach Beachtung wirkt in praktisch allen zwischenmenschlichen Begegnungen. Alles, was Menschen miteinander tun – sei es geben und nehmen, verkaufen und kaufen, führen und folgen, lehren und lernen, predigen und horchen – es dient dem Austausch von Beachtung. Je bewusster das Bedürfnis nach Beachtung sowie der Austausch davon und der Umgang damit, desto größer sind die Chancen, dass wir in einer Begegnung außer Austausch von Beachtung auch noch anderes bewirken können.

Wenn wir jedoch nicht wissen, dass wir und wie viel Beachtung wir brauchen und meinen, wir täten etwas anderes (lehren und lernen, kaufen und verkaufen usw.), dann sind die Chancen groß, dass wir weniger effektiv sind in beiden Aktivitäten: dem bewussten Vorhaben und dem unbewussten Austausch von Beachtung. Der Versicherungsvertreter, der sorgfältig hinhört, was sein Kunde wirklich braucht und ihm von einer Versicherung, die dieser nicht braucht, vielleicht sogar abrät, wird das Vertrauen des Kunden gewinnen. Vor der Verkäuferin, die sich auf unseren Wunsch, uns »nur mal umschauen« zu können, in der Nähe hält und den Kopf schüttelt, wenn wir etwas anprobieren, was uns nicht steht – auch wenn es das teuerste Stück ist – und mit leuchtenden Augen sagt »Das steht Ihnen!« – selbst wenn es das billigste Stück ist; von dieser Verkäuferin fühlen wir uns angemessen beachtet und lassen wir uns gerne beraten. Der Therapeut, Lehrer oder Vorgesetzte, der weiß, wie viel Beachtung er braucht und tagaus, tagein bekommt, ist weniger bestimmt von der Angst vor einem Verlust an Popularität, Anerkennung oder Einkommen, er kann sein Verhalten freier vom Beachtungshunger steuern und kann leichter, falls gelegentlich notwendig, auch eine »bittere Pille« zumuten.

Das Helfersyndrom

Die Unklarheit der Motivation kann die Effektivität unserer Handlungen empfindlich beeinträchtigen. Sie beeinflusst z. B. erheblich die Dynamik des Helfersyndroms und der damit verbundenen Neigung zum sogenannten Ausbrennen. Viele Helfer, die ihren Beruf bewusst aufgrund idealistischer Ziele wählten, sind unbewusst motiviert von dem Bedürfnis nach Kontakt, Beachtung und Anerkennung für Erfolg, das sie im direkten und gleichrangigen Kontakt mit Unabhängigen nie befriedigen gelernt haben. Ihre häufig von bedürftigen Eltern konditionierten Klienten sind jedoch hellhörig gegenüber solcher Motivation und verweigern in der Regel die Kooperation, die zum Erfolg führen könnte, solange sie nicht sicher sein können, dass der Helfer sie nicht zur Selbstbestätigung und zur Befriedigung anderer Primärbedürfnisse braucht. Das führt dazu, dass ein auf diese Weise unbewusst motivierter Helfer in seiner Arbeit immer mehr gibt, als er von Kollegen, Freunden und Familie nimmt, und schließlich müde und verzagt, wenn nicht gar böse auf die undankbaren Klienten oder aber depressiv wird.

Beachtung mag unangenehm sein oder angenehm, freundlich oder feindlich – Hauptsache, wir bekommen sie. Ein Kind, das den ganzen Tag keine Beachtung bekommen hat, quängelt am Abend. Dann wird es gescholten oder bekommt sogar seine gehörige Tracht Prügel, kann weinen, sich dabei selbst spüren und, wenn auch unglücklich, in seinem Bedürfnis nach Beachtung befriedigt einschlafen. Für viele von uns war es schlimmer, überhaupt nicht berührt zu werden, als gelegentlich eine Ohrfeige zu bekommen. Und die meisten derer, die ich frage, haben die Schelte dem Liebesentzug vorgezogen.

Das richtige Maß

Der Mangel an Beachtung und Selbstbeachtung und die damit verbundene Gier nach Beachtung durch andere, bei gleichzeitiger Angst vor der Abhängigkeit von anderen, kann großen Stress verursachen, der zu Unzufriedenheit, Elend und psychosomatischen Krankheiten führt.

Doch nicht nur der Mangel, auch ein Übermaß an Beachtung kann schaden. Ich denke hier an die vielen Verwöhnten und Überforderten, die von ihren Eltern als Tröster, Ratgeber, Partner, Eltern oder gar Sexualobjekte missbraucht wurden und als »Freunde« ihrer Eltern zu viel Beachtung bekamen, doch nicht geachtet wurden in ihrem kindlichen Dasein; die als Kinder keinen geschützten Raum hatten und in ihrem Wesen und der sich daraus entwickelnden Eigenart verkannt wurden; die überfordert waren damit, ihre Eltern verstehen zu müssen, und die zu viel bringen mussten, um dazuzugehören.

Wenn ich Menschen, die an psychosomatischen Krankheiten einschließlich Krebs leiden, nach dem Krankheitsgewinn frage, nennen fast alle eine deutliche Zunahme an Beachtung – Beachtung durch andere und Beachtung durch sich selbst. Manche erleben dies als Chance, sich selbst beachten zu lernen und sich so aus der Identifikation mit den Vorstellungen anderer, durch die sie sich bislang Beachtung zu sichern hofften, zu lösen.

»Du, du, nur du allein«

Menschen, die nicht wissen, wie viel Beachtung sie brauchen und wie sie dazu kommen sollen, unterwerfen sich oft den Bedingungen der Personen oder Organisationen, von denen sie ihre Beachtung beziehen und die als Gegenleistung einen ungebührlichen Einfluss auf das Denken der nach Beachtung hungernden Person ausüben. Ein Paradebeispiel für diese Art von Versklavung ist die sogenannte Liebe in Zweierbeziehungen, wie sie in der Popmusik besungen wird. Die überwältigende Mehrzahl der Schnulzen, Schlager oder Hits folgt dem Muster »Du, du, nur du allein« und »Ohne dich kann ich nicht leben«. Dadurch wird deutlich, dass es in diesen Beziehungen nicht um die Liebe von selbständigen Personen geht, die ihr Leben in Hingabe mit einer anderen selbständigen Person teilen, um sie in ihrer Eigenart kennenzulernen und sich selbst zu erkennen zu geben, sondern um die Liebe des Säuglings zu seiner Mutter, auf deren Beachtung er angewiesen ist und die zu verlieren eine Katastrophe wäre.

Da die meisten Menschen an einem Mangel an Beachtung leiden, werden sie fast immer durch ein Angebot an Beachtung stimuliert

Laut Shah können viele paradox erscheinende Änderungen von Meinungen, Bekanntschaften und Verpflichtungen auf den Wechsel einer Quelle für Beachtung zurückgeführt werden. Da die meisten Menschen häufig an einem Mangel an Beachtung leiden, werden sie fast immer durch ein Angebot an Beachtung stimuliert. Shah sieht darin einen der Gründe, warum neue Freunde oder Umstände den alten vorgezogen werden. Der gewohnte Partner hat meist wenig Chancen gegenüber der neuen Liebe, von der sich die beachtungshungrige Person endlich verstanden fühlt und die ihr als besser zu ihr passend oder gar vom Schicksal für sie bestimmt erscheint. Meist dauert diese Einschätzung so lange wie der Reiz des Neuen bzw. der Hormonrausch der Verliebtheit, die irgendwann von der Notwendigkeit bewussten Austauschs von Beachtung abgelöst wird und, wenn's gut geht, übergeht in das liebevolle Bemühen herauszufinden, wer der andere vom Wesen her wirklich ist jenseits der allzeit verfügbaren Quelle von Beachtung.

Sucht aus Mangel an Beachtung

Der unbewusste Umgang mit dem Bedürfnis nach Beachtung könnte auch ein entscheidender Faktor bei vielen Formen der Sucht sein. Trunksüchtige betäuben und überwinden vorübergehend ihr Gefühl der Wertlosigkeit, das auf eine mangelnde Bestätigung ihres Wertes als Geschöpf durch Beachtung ihrer Eigenart zurückgeführt werden kann, während andere das gleiche Gefühl durch Arbeits- und Geltungssucht kompensieren. Doch auch das Umfeld hat Beachtungsgewinn durch das Leiden an den Süchtigen. So berichtet Eric Berne in »Spiele der Erwachsenen« von den Ehefrauen, die durch den Jammer über den furchtbaren Ehemann bei den Nachbarinnen viel Beachtung erwirken.

Ganz sicher spielt Beachtung eine entscheidende Rolle in der verbreiteten Sucht nach Sex. Das Bedürfnis nach Beachtung ist in unserer an Macht und Kontrolle orientierten Zeit als Schwäche verpönt, ebenso wie die anderen Primärbedürfnisse nach Angenommensein, Geborgenheit, Berührung, Zuwendung und Nähe, während der zum Sex verkümmerte Umgang mit der Sexualität zum Leistungssport mit erklärter Zielmarke Orgasmus geworden ist, wo man etwas bringen kann oder muss. Nicht wissend, dass sie motiviert sind vom Bedürfnis nach Beachtung und anderen Primärbedürfnissen, betätigen sich so Millionen immer und immer wieder sexuell, ohne Erfüllung zu finden. Wer Beachtung braucht, wird durch diese Art von sexueller Betätigung ebenso wenig Frieden finden wie er Durst mit Kartoffeln stillen kann.

Die Mode-, Sport-, Kosmetik-, Auto-, Unterhaltungs-, Rüstungs-, Einrichtungs- u.a. Branchen machen Milliardenumsätze im Geschäft mit der Beachtungssucht

Ganze Industrien leben von unserem unbändigen Hunger nach Beachtung: Die Mode-, Sport-, Kosmetik-, Auto-, Unterhaltungs-, Rüstungs-, Einrichtungs- und andere Branchen machen Milliardenumsätze, weniger um uns zu kleiden, zu schützen oder zu schmücken, sondern vor allem im Geschäft mit der Beachtungssucht. Das Ganze kostet so viel Arbeitszeit, dass beim so genannten Feierabend keine Kraft mehr zum Feiern – zum Austausch von Beachtung – bleibt.

Glück in der Wildnis …

Man könnte neidisch werden auf die so genannten Wilden. Wir rackern täglich acht bis zehn und mehr Stunden, um das Geld für all das Zeug zu verdienen, das wir nicht brauchen und das auf dem Müll landet, sobald es den Reiz des Neuen verloren hat – während wir eigentlich Beachtung brauchen – und finden keine Zeit mehr, im freundschaftlichen Austausch einander oder aber in der Meditation uns selbst zu beachten. Jene hingegen verbringen etwa zwei bis drei Stunden täglich damit, ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften, während sie den Rest der Zeit sich selbst, einander, die Natur um sie herum und das große Geheimnis, das in alledem wirkt, beachten. Dabei entwickeln sie – so habe ich mir sagen lassen – einen dem unseren gegenüber unvergleichlich reichhaltigeren ökologischen und spirituellen Wortschatz für die Beschreibung der Beziehung des Menschen zu seiner inneren und äußeren Welt. Dieser Reichtum an Sprache entspricht einem differenzierten Bewusstsein für die inneren Dinge, für die Beziehung des Menschen zur Umwelt und dem geistigen Bereich, von dem wir uns dank unserem rasanten Fortschritt weit entfernt haben.

Einander wichtig nehmen

Ein Beispiel für den heilsamen Umgang mit dem Bedürfnis nach Beachtung finden wir bei Momo. Ihr Autor Michael Ende beschreibt, dass sie so zuhören konnte, »dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen; dass ratlose und unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz und gar verfehlt und bedeutungslos und er nur irgendeiner unter Millionen, der ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf, dann wurde ihm klar, dass es ihn, genau so, wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören!« Wie wäre es, wenn wir einander und vor allem uns selbst so zuhörten, das heißt »mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme«?

Es gab zu allen Zeiten in den Bewusstseinsschulen der Menschheit Unterweisung im sinnvollen Umgang mit Beachtung. Doch ohne den entsprechenden traditionellen Kontext, ohne Anleitung, ohne Hinweis auf den rechten Zeitpunkt, den stimmigen Ort und die entsprechende Gemeinschaft und ohne Supervision kann man in der Übung leicht wieder in die gewohnte Voreingenommenheit mit Beachtung abrutschen. Graf Dürckheim hatte mich gelehrt, à la Zazen gerade zu sitzen und den Fluss meines Atems und meiner Gedanken zu beobachten. Nicht selten beobachtete ich dabei Gedanken wie diese: »Wenn mich der Karlfried jetzt sähe, ob ich wohl richtig gerade sitze? Ob ich wohl den Atem richtig kommen und gehen lasse? Ob ich wohl …?«

Lösung aus der Versklavung

Rumi, der Sufi, soll eines Tages lachend in seiner Schule berichtet haben: »Stellt Euch vor, ich sah gerade einen Mann im Fluss ertrinken – ich glaube, er kam aus Samarkand – der schrie: ›Hilfe! Hilfe! Mein Hut, mein Turban!‹« Um den Witz zu verstehen, muss man wissen, dass die Leute aus Samarkand auf nichts so großen Wert legten wie auf ihre Kopfbedeckung. Unsere Statussymbole sind uns wichtiger als unser Leben, was die Leute von uns denken bedeutet uns mehr als unsere Entwicklung. Wir gehen das Risiko ein, im Strom der Unbewusstheit zu ertrinken, um die Quelle für Beachtung zu sichern.

Rumi wurde nicht müde, seine Schüler an die notwendige Entwöhnung vom zufälligen Austausch von Beachtung zu erinnern mit der Aufforderung: »Schaut nicht auf mich; nehmt, was ich in der Hand halte!«

Zum gleichen Thema sagte Dürckheim einem Sannyasin, der beglückt war über das Angebot seines Gurus, immer wieder zum Tanken kommen zu dürfen: »Du kannst auch bei mir gerne immer wieder zum Tanken kommen; nur eines darfst du mit dem hier gezapften Benzin nicht machen: dauernd im Kreis um die Tankstelle fahren!«

Idries Shah empfiehlt zur Lösung aus der Versklavung durch den unbewussten Drang zum Austausch von Beachtung: »Studiert, wie ihr Beachtung auf euch zieht, schenkt, aufnehmt und austauscht.«

Wolf Büntig

Photo Wolf Büntig

Dr. med. Wolf Büntig, geb. 1937, ist Arzt mit Zusatztitel Psychotherapie und Lehrtherapeut für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Gestalttherapie, Bioenergetik und Balintgruppen. Er entwickelt, praktiziert und lehrt Potentialorientierte Psychotherapie. Mit Christa Büntig hat er in der 1970er Jahren ZIST gegründet und aufgebaut und über die Jahre therapeutisch geleitet. Heute gestaltet er die ZIST-Kongressreihe zum Thema »Seele«, dieses Jahr mit »Die Seele in dieser Welt«: www.zist-kongress.dewww.zist-kongress.de


Titelseite connection spirit 07/08

Aus dem Heft connection spirit Juli 2008


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