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Editorial connection spirit 07–08/10

Magazintexte - Spirit

Religiöse Rebellen
Seit Urzeiten stehen sich religiöse Autoritäten und Mystiker als Kontrahenten gegenüber

Photo Wolf Schneider
Photo: Aniela Adams

Das Heilige, Religiöse, was ist das? Was verehren wir denn? In Urzeiten war das vielleicht die Sonne oder unsere Nahrung, bestimmte Tiere, Pflanzen oder Orte, später auch Jenseitiges. Dann gab es Menschen, denen es besser gelang als anderen, aus Zuständen der Entrückung Botschaften mitzubringen in den Alltag, und eine Arbeitsteilung begann: Schamanen übernahmen die Rolle als Heiler und Brücke in die Anderswelt. Mit dieser Arbeitsteilung begann oft auch schon eine Entmündigung: Nur er oder sie kann mit den Geistern oder Göttern sprechen, nur er oder sie kann oder darf heilen, heiligen, weihen, segnen und verfluchen.

Arbeitsteilung

Je komplexer und arbeitsteiliger die Kulturen wurden, umso hierarchischer wurden sie (Hierarchie, von griech. hieros, arche – heilige Herrschaft, Rangordnung der Weihen). Und umso größer war die Gefahr der Verführung durch die Machthaber, die zu Göttlichem Befugten, gegenüber den durch die Theorie und Struktur der Gesellschaft davon Ausgegrenzten. Und schon immer gab es Menschen, die sich von der religio (reconnection, Rückverbindung) mit dem Ganzen nicht ausgrenzen ließen: die Mystiker. Sie wurden von den Autoritäten entweder verketzert, mit Folgen bis hin zur physischen Vernichtung, oder vereinnahmt: Der Mystiker Jesus ist dann nicht ein, sondern der Sohn Gottes; Mohammed nicht einfach ein begnadeter Prophet, sondern der letzte, wer nach ihm noch göttliche Botschaften channelt, ist ein Ketzer. So standen die Mystiker den religiösen Autoritäten und ihren Funktionären seit je als Unregierbare gegenüber, konnten sie doch selbst Kontakt aufnehmen mit Gott, dem Göttlichen oder den Geistern der Anderswelt.

Religion der Zukunft

Auch heute noch besteht dieser Gegensatz. Weise Zeitgenossen haben prophezeit, dass die Religionen die Anfechtungen der Moderne wie etwa Naturwissenschaft, Internet und den Kulturvergleich in Zeiten der Globalisierung nicht überleben werden, wenn sie sich nicht der Mystik als ihrer Quelle zuwenden und den Zugang zu dieser Quelle jedem Menschen zugestehen (Karl Rahner: »Die Kirche der Zukunft wird mystisch sein – oder sie wird nicht mehr sein.«) Andererseits verlieren ihre Funktionäre dadurch beträchtlich an Macht, denn dann kann nicht mehr nur eine Elite bestimmter, geweihter Berufe oder gar eine Kaste (Brahmanen) die religiösen Rituale ausüben, sondern sie müssen zugeben, dass jeder Mensch in sich den Zugang zum Heiligen hat, wie das etwa im Buddhismus, Taoismus und den gerade entstehenden neoschamanischen Kulturen propagiert wird. »Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« (I. Kant) muss, wenn er endlich auch den Bereich des Religiösen erfasst, zur Mystik führen.

Mystiker an der Regierung?

Wie auch bei vielen anderen archaischen Konflikten, ist bei dem zwischen religiösen Autoritäten und Mystikern der Sieg der einen Seite oft ein Pyrrhussieg. In China vertraten die Konfuzianer Staat, Recht, Ordnung und Ethik gegenüber den wildreligiösen Taoisten. Bei aller Liebe zu deren wilder Weisheit würde ich diese Mystiker jedoch nicht unbedingt an der Regierung haben wollen. Nur sehr selten sind sie auch als Gesetzgeber und Richter gut (so etwa der historische Buddha) oder als Staatsmann (so etwa der einstige UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld oder der heutige Dalai Lama).

Weisheit der Leser

Zum Schluss noch ein Aufruf an die wilde Weisheit unserer Leser: Wir wollen diese Weisheit noch mehr als bisher der Qualität unseres Magazins und Internetauftritts zugute kommen lassen und haben uns deshalb eine ausführliche Leserumfrage ausgedacht, dir ihr ab 1. Juli auf www.connection.de findet. Die Mühe des Beantwortens der Fragen wird mit einigen sehr wertvollen Preisen belohnt. Außerdem wollen wir einmal im Monat eine spezifische Frage an euch stellen, manchmal zu unserem Schwerpunktthema. Zum Beispiel: Kennst du aus deinem eigenen Leben etwas, das du eine mystische Erfahrung nennen würdest?

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Aus dem Heft connection spirit 07–08/10



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