Das Ende ist nah
Das Ende ist der Anfang, ist das Ende, ist der Anfang, ist das Ende, ist der Anfang, ist …

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Über die Künstlichkeit der Kalender und die Massenhysterie zu 2012
Kalendergläubigkeit ist zwar unnatürlich, aber normal. Wenn sie zur Massenhysterie ausartet, so wie bei der Jahrtausendwende und bei 2012, haben wir da ein Problem? Je nachdem, wie viele dran glauben. Für die in Zeitabschnitten Halt und Orientierung Suchenden gibt es natürlichere Anhaltspunkte: die Rhythmen von Tag und Nacht, Sommer und Winter, Jugend und Alter
Von
Wolf Schneider
Wie nah ist das Ende? Das Ende von was? Von meinem Leben? Ich bin nun 57 Jahre alt, statistisch gesehen habe ich noch gut 30 Jahre zu leben. Die Propheten der Katastrophen und Untergänge aber meinen damit was anderes. Etwa solche Ängste, wie der Film »2012« von Roland Emmerich sie schürt und darin schwelgt, oder auch die der Zeugen Jehovas und anderer Buch- und Bibelgläubiger: Ängste vor einem Ende der Menschheit oder der menschlichen Kultur, des Friedens oder des Wohlstands, den wir jetzt erleben – »wir« in Deutschland zum Beispiel. Die meisten von uns. Noch.
Als erstes möchte ich die Endzeiterwartungen religiöser und kulturell-mythischer Herkunft untersuchen, wie sie etwa die großen Religionen (alle fünf!) in der einen oder anderen Art produzieren und auch andere Kulturen mit ihren jeweiligen Kalendern, wie etwa die mittelamerikanischen Maya. Dann werde ich auf die Zukunftserwartungen der areligiösen Ökos eingehen, von denen viele wissenschaftlich gut begründet sind.
Eschatologien
Viele Kulturen haben Endzeiterwartungen. Wissenschaftlich heißen diese »Eschatologien«, die »Lehren von den letzten Dingen«. Insbesondere die drei westlichen Monotheismen haben solche Vorstellungen, darunter am ausgeprägtesten die Christen. Aber auch die prächristlichen nordischen Kulturen hatten solche Vorstellungen, in Mittelamerika die Maya, Tolteken und Azteken sowie weltweit viele Stammeskulturen. Was dabei häufig vorkommt, ist der Mythos einer glücklichen Urzeit (Paradies) und einer glücklichen Endzeit (Paradies, Himmel), vor der jedoch eine große Katastrophe steht. Weil wir Menschen offenbar so denken und fühlen, gehört es seit langem zu den Regeln der Drehbuchschreiber unserer Filme (nicht nur aus Hollywood), vor dem Happy End eine große Katastrophe einzubauen, bei der nochmal alles auf die Spitze getrieben wird und alles auseinander fällt. Da müssen der Held oder die Heldin sich bewähren und über sich hinauswachsen. Dies ist der Höhepunkt des Dramas, der oft als Kampf gegen Gut und Böse inszeniert wird.
Für viele bibelgläubige Bewegungen ist das nahe Ende eine mächtige emotionale Realität
Die Strafe des Herrn
Eine christliche Spezialität unter den Endzeitmythen ist der Glaube an ein Millennium, ein tausendjähriges Reich, sogar die Nazis haben diesen Mythos aufgegriffen. Viele sahen diese Zeit mit der Geburt oder dem Tod des Jesus von Nazareth beginnen. Als das Ende dann aber nicht kam und auch zu den verschobenen Terminen immer wieder nicht kam (auch Luther prophezeite zu seinen Lebzeiten drei Mal ein Ende der Welt), verlegten sich viele Christen auf die Erwartung eines Endes ohne bestimmten Zeitpunkt (»Nur Gott weiß, wann es passiert«). Für viele bibelgläubige Bewegungen, wie etwa auch die Zeugen Jehovas, ist das nahe Ende jedoch eine mächtige emotionale Realität. Dementsprechend neigen sie dazu, die heute weit verbreiteten Ankündigungen ökologischer Katastrophen religiös zu interpretieren als Strafe Gottes. Manchmal reicht schon ein Tsunami oder ein Erdbeben für das Gefühl: Es ist soweit! Nun kommt die Strafe des Herrn über uns.
Die Maya-Prophezeiungen
Jürgen Lipp von der Buchhandlung Wrage, der sich auch als Kongressorganisator einen Namen gemacht hat, veranstaltete im September 2009 in Hamburg einen großen Kongresses zum Thema 2012. Er kennt mich als Skeptiker und Eso-Kritiker. Einen Monat nach seinem Kongress trafen wir uns auf der Buchmesse und sprachen über die Möglichkeit einer Zeitenwende. »Meinst du nicht«, fragte er mich (sinngemäß), »dass da ein neues Bewusstsein heranwächst, das für uns alle eine große Chance darstellt, trotz all dem Hype um dieses Datum?« »Nein«, antwortete ich, »da sehe ich kaum eine Chance.« Denn der Hype basiert auf einem Kalender, und auf dieser Ebene finden wir die Lösung eher nicht.
»Eher« nicht? Wenn Rüdiger Nehberg den Korangelehrten der Al Azhar Universität in Kairo klar macht, dass die Genitalverstümmelung nicht im Koran steht und öffentlich verurteilt werden sollte, dann ist das großartig – weil es hilft! (Und erstaunlich, denn diese Initiative kommt von einem »Ungläubigen«.) Aber es ist immer noch keine wirklich menschliche, moralische Argumentation, sondern eine politisch-religiöse. Die Beschneidung sollte verurteilt werden, weil sie weh tut und Frauen verstümmelt, egal was im Koran steht, das wäre eine echte, menschenfreundliche Begründung.
Wenn man nun also nachweisen kann, dass die Maya für 2012 gar nicht das Ende der Welt erwartet haben, dann ist das gut, denn es nimmt den Kalendergläubigen einige ihrer Ängste. Ich aber will viel mehr: Ich will ein Ende der Kalendergläubigkeit. Erst das würde eine wirklich Befreiung bedeuten.
Kalender sind nützlich, sie sind das Ergebnis kultureller Vereinbarungen, sie setzen Standards, aber sie sind nicht etwas, woran man glauben sollte. Ich glaube ja auch nicht an den Rechtsverkehr – und die Engländer, Japaner und Inder wären »Gläubige« des Linksverkehrs – sondern wir nutzen diese Standards, ohne sie in quasi-religiöser Weise für »eigentlich« überlegen zu halten.
Kalender zeigen nicht natürliche, sondern künstliche Rhythmen
Kalendergläubigkeit
Kalender gibt es vermutlich schon seit der Altsteinzeit. Sie richteten sich nach den Rhythmen der Natur: Tag und Nacht, Frühling und Sommer, und den Phasen des Mondes. Nach ihnen feierten die Menschen ihre Feste. Teils säten und ernteten sie auch danach oder legten Vorräte an für den Winter oder die Trockenzeit. In den frühen Hochkulturen gab es bald ausgefeiltere Kalender, die auch die Planetenbewegungen berücksichtigten und die nicht mehr nur auf Beobachtung basierten, sondern auf Berechnung (Der Zeitpunkt, zu dem nach Neumond im Osten zum ersten Mal wieder die Mondsichel aufgeht, ist ja von Ort zu Ort verschieden – für die jüdischen Priester und ihre Opferriten war das mal relevant).
Der heute weltweit übliche Kalender ist der gregorianische. Er wurde im 16. Jahrhundert von Papst Gregor XIII. eingeführt und löste weitgehend den julianischen Kalender ab. Die islamischen, hinduistischen und buddhistischen Kulturen hatten jedoch andere Kalender, ebenso die chinesische Kultur, teilweise werden diese heute noch angewandt. Gemäß diesen Kalendern sind die Jahreszahlen ganz andere als bei uns, entsprechend auch die Neujahrstermine.
Neuerdings feiert die NewAge- und Esoterik-Szene besonders den Maya-Kalender. Er bietet ein Datum an, das nicht mehr lang hin ist – man kann ja nicht ewig auf das goldene Zeitalter warten bzw. auf die Katastrophe. Außerdem ist es ein »großes« Datum, mit vielen Nullen in der Jahreszahl. Außerdem ist die Maya-Kultur eine komplexe und ihr Kalender ebenso, er lässt ebenso ausgefuchste Analysen, Prognosen und Vergleiche zu wie die westliche Astrologie. Und schließlich sind die Maya eine indianische Kultur – spätestens seit Karl May (auch er eigentlich ein May-a?) sind die für uns was ganz Besonderes.
Natürliche und künstliche Rhythmen
Die Einzelheiten dieser Kalender zu verstehen, das ist ein Studium für sich. Darauf will ich und kann ich nicht eingehen, sondern auf etwas viel Allgemeineres: auf den Unterschied zwischen den Zeitpunkten, die von den jeweils gerade gültigen Kalendern festgelegt werden, und denen der natürlichen Rhythmen. Die Wintersonnenwende ist ein ganz bestimmter Tag innerhalb des Jahreszyklus, egal, ob im Lande gerade der julianische, gregorianische oder islamische Kalender gilt. Der Tag (oder die Nacht) der Wintersonnenwende ist für uns alle auf der nördlichen Halbkugel derselbe, ab da werden die Tage wieder länger. Ebenso ist der Sonnenhöchststand zur Mittagszeit und der davon bestimmte Tages- und Nachtrhythmus ein natürlicher – mit der jeweils als Standard festgelegten Uhrzeit (hier: MEZ) hat er nicht viel zu tun. Wenn ich mich mit jemand verabreden will, brauche ich eine Uhrzeit und einen Kalendertag, dafür sind diese Kalender sehr nützlich. Aber die von ihnen bestimmten Zeitpunkte sind keine natürlichen, sondern künstliche, kulturell bestimmte. Sie werden von Menschen festgelegt und gelten nur innerhalb eines Kulturraums.
Kalendarische Massenhysterien
Wenn ich nun zu Silvester ein besonders feierliches Gefühl habe, dann ist das ein Ergebnis einer solchen Vereinbarung und auch von der Tatsache, dass Massen anderer sich ebenso auf diesen Zeitpunkt ausrichten und dazu massenhaft ähnlich feierliche Gefühle haben. Neujahrsfeste sind, so wie auch etwa das Ende des Ramadan im islamischen Kulturraum, eine Art künstlich erzeugte Massenhysterie. Weil alle dasselbe glauben und dasselbe Datum im Kopf haben, glauben alle, dass zu diesem Zeitpunkt ein »Übergang« in etwas ganz Neues geschieht. »Man merkt das doch! Fühlst du das nicht auch?« Ja, ich fühle das auch, weil alle das so fühlen.
In Andersens Märchen hat der Kaiser neue Kleider an, weil alle das so fühlen. Siehst du das nicht auch? Es ist eine Erfahrungstatsache! Bis ein Kind ruft: Er hat doch gar nichts an! Und alle beginnen zu lachen.
Wenn die Astronomen und Kalendermacher sich verrechnen (ja, das gibt es), dann ist der Zeitpunkt dieser großen Gefühle ein ganz anderer. Das meine ich mit »künstlich«. Der Kalender ist ein Tages- und Stundenraster, das wir auf die Wirklichkeit drauflegen, um uns besser darin orientieren zu können. Es ist nicht die Wirklichkeit selbst. Hätten die Maya ihren Kalender zu einem anderen Zeitpunkt beginnen lassen, würde er auch zu einem anderen enden, und wir hätten die Hysterie der Eso-Szene nicht gerade 2012. (Dass etwa Dieter Broers dieses Datum mit einem Höhepunkt von Sonneneruptionen »unterlegt«, ist ebenso künstlich und wissenschaftlich nicht zu erhärten). Hätte die Geschichtsschreibung Jesu Geburt anders festgelegt (Sie fand übrigens tatsächlich nicht im Jahre Null statt, nach heutigem Konsens der Historiker), dann hätte es die Jahr-2000-Hysterie nicht zu diesem Zeitpunkt gegeben, sondern dann, wenn im Kalender die Nuller auftauchen.

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Weniger Uhr, mehr Zeit
Eigenartig finde ich auch, wie die Menschen den Übergang von der Winter- zur Sommerzeit erleben. Da wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt, und man hat den Eindruck, eine Stunde »zu verlieren«. Wir sagen dann, dass »es schon um sechs Uhr hell« ist, also »die Sonne um eine Stunde früher aufgeht«. Dabei geht in Wirklichkeit die Sonne auf wie jeden Tag, gemäß ihrem Zyklus, nur wir sind es, die, fixiert auf unsere Uhren, mit diesem Zeitpunkt anders umgehen. Nicht die Sonne hat mit dieser Umstellung ihren Rhythmus geändert, sondern wir haben das getan.
Entsprechend sagt ein altes afrikanisches Sprichwort: »Euch (Europäern) hat Gott die Uhr gegeben. Uns hat er dafür die Zeit gegeben.« Die Zeit ist das Echtere, Wirklichere. Die Uhren und Kalender zeigen nur Fiktionen an. Ich wünsche uns allen in diesem Sinn mehr afrikanisches Bewusstsein: weniger Uhr, mehr Zeit; weniger Kalenderglauben, mehr Gefühl für die natürlichen Rhythmen.
»Wir haben eine apokalyptische Mentalität. Und die Medien verstärken diesen Trend« — Stephen King
Apokalypsen und andere Trickkunstwerke
Der Krimiautor (»King of Horror«) Stephen King sagte kürzlich über die Hysterie zur Schweinegrippe: »Ich fühle mich manchmal, als erlebten wir eine Szene aus meinen Büchern«, und: »Wir haben eine apokalyptische Mentalität, und die Medien verstärken diesen Trend.« Der Film »2012« von Roland Emmerich nutzt diese Mentalität und Stimmung und macht daraus einen Film, der ein geniales Trickkunstwerk ist. Genau genommen sind aber auch alle Kalender Trickkunstwerke. Als solche können sie sehr nützlich, ja, für unsere heutige Kommunikation, Wirtschaft und Gesellschaft unentbehrlich sein.
Man sollte dabei jedoch nie den Unterschied zwischen diesen künstlichen Realitäten und der natürlichen, echten Realität vergessen. Silvester 1999, 24 Uhr, ist ein künstliches Datum. Echt war daran nur, dass Massen von Menschen daran glaubten, und dass unsere Computer dann auf eine neue, vierstellige Jahreszahl umspringen mussten. Ebenso ist auch der 21. 12. 2012 nicht echt – und dann müssen nicht einmal die Computer umspringen. Also: Entwarnung ist angesagt.
Beunruhigende Ökoprognosen
Was mich mehr besorgt als diese religiösen Hysterien, so gefährlich die in ihren Exzessen auch sein können, ist die Entwicklung unseres Biotops unter dem Druck der anwachsenden menschlichen Weltbevölkerung mit ihrem so schonungslosen Umgang mit Ressourcen. Allein die weltweite Fleischproduktion ist laut World Watch Institut, jetzt schon für 51 (!) Prozent der Erderwärmung verantwortlich, wenn man dabei nicht nur den CO2-, sondern auch den Methanausstoß einbezieht und die Abholzung für die Vieh- und Viehfutterwirtschaft. Hierzu noch ein paar weitere Zahlen (alle aus der SZ): 90 Prozent der Amazonas-Rodungen seit 1970 dienen der Schaffung von Weideland. In den nächsten 40 Jahren wird die Weltbevölkerung um ein Drittel steigen, die Nachfrage nach Fleisch aber wird sich verdoppeln auf dann etwa 465 Millionen Tonnen jährlich. Die Tiere, aus denen wir 2050 unser Fleisch gewinnen werden, benötigen so viel pflanzliche Nahrung wie vier Milliarden Menschen. Dafür gibt es aber nicht mehr genügend Land und auch nicht mehr genügend Wasser. Ganze Völker und Nationen, vielleicht Kontinente werden verelenden. Und die Meere? Die sind überfischt, und die Jagd nach den Rohstoffen, im Meer und unter dem Meeresboden, auf bisher weitgehend juristisch unreguliertem Terrain, hat dort gerade erst begonnen.
Transreligiöse Hysterien

© WWW.2012DERFILM.DE
Ist das nun dieselbe Hysterie, die ich gerade den Esos vorgeworfen haben, versetzt ins Ökologische, aber gefüttert von denselben Ängsten und derselben Panik? Dieser Gefahr müssen sich die Ökos stellen. Menschenmassen könnten in Panik geraten, auch wenn sie nicht religiös geprägt sind. Sie können sich überzogenen Heilsvorstellungen hingeben – die kommunistische Gesellschaft der Zukunft war eine solche, areligiöse Heilserwartung, die auf dem Weg zu diesem Paradies der Zukunft unendliches Elend in Kauf genommen hat (Stalins Gulag und die Kulakenvernichtung; die von Mao in Kauf genommenen Hungersnöte und die Kulturrevolution; in Kambodscha die Gräuel der Roten Khmer). Und sie können sich an überdrehten Untergangsszenarien ergötzen, wie Roland Emmerich sie in seinem apokalyptischen Film so grandios inszeniert hat. Aber auch die ganz »normalen« Prognosen der Biologen über den Niedergang der Artenvielfalt, der Meteorologen über die Zunahme von Stürmen, Fluten, Erdbeben und Vulkanausbrüchen können »chiliastische« Gefühle wecken: Das Ende ist nah, bald ist es aus mit uns, nun werden wir bestraft (von Gott, der Natur oder feindlichen Kräften) für unsere Versäumnisse, Sünden, Unachtsamkeit. Auch wenn die Weltanschauungen, die diese Ängste produzieren oder begleiten, sehr verschieden sein mögen, so ähneln sie sich doch in ihrem Ausdruck, ihrer Dynamik und Inszenierung, ebenso wie die Darstellungen des künftigen Paradieses, das eintreten wird, wenn wir nur frei von Sünde sind (die Christen, Juden, Moslems) oder achtsam (die Buddhisten) oder ökologisch bewusst (die atheistischen Ökos).
Wo der Thrill beim Betrachten der täglichen Nachrichten deren Auswahl mitbestimmt, gehören wir eher zum Problem als zur Lösung
Sind wir das Problem oder die Lösung?
Meiner Beobachtung nach unterliegen die Buddhisten und anderen atheistischen Ökos der Gefahr dieser chiliastischischen Hysterien weniger als die Anhänger der theistischen Religionen, bei denen die Idee einer strafenden Gottheit (in Indien kann diese auch weiblich sein: Kali) die irrationale Angst vor Bestrafung noch verstärkt. Aber auch Atheisten sind dagegen nicht gefeit. Angefangen von den Prognosen des Club of Rome bis zu Al Gores »Eine unbequeme Wahrheit« und den heutigen Prognosen zum Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, dem Schmelzen der Gletscher und der Zunahme der Verwüstung müssen wir auch unsere Gefühle beobachten, unsere Neigung zu Pessimismus oder Optimismus und den Thrill dabei, der dem gleicht, den viele Menschen beim Betrachten eines Horrorfilms empfinden. Wo dieser Thrill (Ach wie schlimm! Gottseidank bin ich nicht dabei!) die Auswahl der täglich konsumierten Nachrichten mitbestimmt, gehören wir eher mit zum Problem als zu seiner Lösung.
Die Flops der Propheten
Das Erdbeben in Haiti, das gerade eines der ärmsten Länder getroffen und dort ein Drittel der Menschen obdachlos gemacht hat, ist das eine Vorschau auf die Katastrophen, die auf uns zukommen? Kein Maya-Kalender hat dieses Erdbeben vorausgesagt – er müsste doch, was Mittelamerika und die Karibik anbelangt, besonders kompetent sein; von Eurasien und Afrika wussten die Maya-Priester damals ja noch nichts. Und auch die Astrologen haben das nicht vorausgesehen. Die Hellseher und esoterischen Propheten sind mehr mit den Themen der Yellow Press beschäftigt: der Vorhersage des Liebeslebens unserer Promis, der Fußballergebnisse und zu erwartender islamistischer Attentate – und auch dort treffen sie nicht öfter ein als bei einem Zufallsgenerator (Die GWUP veröffentlicht regelmäßig gegen Ende eines Jahres einen Überblick über die Prognosen der Wahrsager: Was davon ist eingetroffen, was nicht? Mit sehr ernüchternden Ergebnissen).

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Ich bin was Besonderes
Gegenüber den Äonen, in denen sich die Menschwerdung abspielt, von der Stammesgeschichte des Lebens auf der Erde mal ganz zu schweigen, ist meine Lebensspanne doch sehr, sehr kurz, und ebenso die Epoche, in der ich lebe. Hat meine Zeit dem Menschen das Feuer gebracht? Nein. Das Rad? Nein. Den Beginn der Landwirtschaft, den Buchdruck, die Erfindung der Dampfmaschine? Nichts davon.
Wie kann ich unter den sieben Milliarden Menschen herausragen? Ich! Wie kann wenigstens meine Zeit eine ganz besondere sein? Unsere Zeit! Ich lebe in Deutschland, das ist ein ganz besonderes Land: ungeheuerlich (die Nazis, der Holocaust), aber auch genial (Kant, Marx, Einstein). Und auch die Epoche, in der ich lebe, ist eine ganz besondere: Sie hat die deutsche Wiedervereinigung gebracht! Das Internet! Das iPhone! Und nun kommt, zum Jahr 2012 hin, auch noch die große Wende, der Aufstieg in eine neue Ära des Bewusstseins und der Mitmenschlichkeit!
Das historische Pathos (»Die Zeit, in der ich lebe, ist eine Wendezeit!«) ähnelt dem regionalen Pathos (»Mein Land ist entscheidend!«, »Meine Sprache ist die der Dichter und Denker!«). Die Eitelkeit des »Wir sind toll« steht der des »Ich bin toll« in nichts nach. (Der Autor des Textes, der diese Zusammenhänge gerade so genial und einleuchtend aufzeigt, ist übrigens Linkshänder, ebenso wie Obama, Goethe und Beethoven – dies nur nebenbei ;-).
Alles ist endlich
Ist es nicht irgendwann genug? Mit meinem individuellen Leben, gewiss, das wird bald zu Ende sein. In der Hinsicht empfinde ich eher indisch als europäisch: Eine Wiedergeburt in diesem Rattenrennen (die Inder nennen es »das Rad der Wiederkehr«) ist für mich nicht so attraktiv. Aber was ist mit der Spezies Mensch und dem Biotop, dem sie entstammt und der ihren Lebensraum darstellt? Schöner als jede Kunst und Kultur ist für mich die vom Menschen unberührte Natur: tropische Regenwälder, die Meeresküste, Savannen und Berge, Flüsse und Seen, die Vögel und Fische dort und Tiere wie wir … ein Dahingehen von alledem empfände ich als schrecklich. Viel schlimmer als der Tod von einem Individuum wie mir. Habe ich Todesangst, unsere Art betreffend?
Dabei weiß ich doch, dass nicht nur die Individuen kommen und gehen, sondern auch die Arten. Die Zeiträume sind gewiss größer: Eine Art lebt vielleicht ein paar Millionen Jahre, ein Individuum nur ein paar Jahre. Und die Art Mensch ist noch jung. Wird sie aussterben? Der Neandertaler und der homo erectus sind ausgestorben, so wie viele andere Arten, übrig blieb der homo sapiens – das sind wir. Wie lange werden wir bleiben?
Das System, das uns trägt, ist fragil. Ein einziger Vulkanausbruch kann es auslöschen und ebenso eine vom Menschen ausgelöste Katastrophe
Der fragile Biotop
Vor etwa 74.000 Jahren explodierte auf dem Gebiet des heutigen Sumatra ein Vulkan. In seinem Krater liegt der heutige Tobasee. Möglicherweise hat diese Explosion die Weltbevölkerung des homo sapiens, der damals noch auschließlich in Afrika lebte, bis auf weniger als 10.000 reduziert (DNS-Analysen von Stanley Ambrose machen diese Theorie plausibel). Der Vulkanausbruch war jedenfalls Auslöser einer mehrjährigen Kälteperiode, der Absturz könnte anfangs mehr als 10 Grad Celsius betragen haben.
Was, wenn der Vulkan nicht 3.000 Kubikkilometer Material ausgespuckt hätte, sondern ein paar tausend mehr, und von homo sapiens keiner überlebt hätte? Dann könnte sich jetzt auch keiner Gedanken machen über diese Zeit, unsere Überlebenschancen, den fragilen Biotop, der uns erhält, die Kulturgeschichte der Menschheit, die noch immer fortschreitende Zunahme der Weltbevölkerung des homo sapiens auf nun bald mehr als sieben Milliarden, für 2050 werden neun Milliarden vorausgesagt. Das System, das uns trägt, ist fragil. Ein einziger Vulkanausbruch kann es auslöschen – umso mehr ein vom Menschen ausgelöster Atomkrieg oder die weitere Vermüllung des Planeten oder die Verknappung einer einzigen lebenswichtigen Ressource (z.B. Trinkwasser), die zu vernichtenden Kriegen führt.
Sein und Bewusstsein
Das Besondere am Menschen ist wohl das Bewusstsein und die Möglichkeit der starken kulturellen Prägung. Auch (andere) Tiere haben das, aber nicht in so hohem Maße. Wir sollten uns dieser Besonderheit bewusst (!) sein, aber dabei nicht unsere Wurzeln vergessen – dass wir Tiere sind. Mit der Stammesgeschichte ist es so ähnlich wie mit der eigenen Biografie: Ich habe Eltern, eine Herkunft, bin ein Kind gewesen, und nun bin ich erwachsen und habe – vielleicht – eine Zukunft. (An die Spiris: Alles das geschieht im Hier&Jetzt, in der ewigen Gegenwart, Eckart Tolle & Co lassen grüßen). So ist es auch mit der Menschheit. Unsere Herkunft liegt bei den Tieren – wir sind Tiere (deshalb übrigens, meine ich, sollten wir unsere Verwandten nicht essen). Und unsere Zukunft? Mal sehen, ob wir eine haben. Das hängt von unserem Bewusstsein ab.
Und da, wie schon Marx sagte, das Sein das Bewusstsein bestimmt (und nicht nur das Bewusstsein das Sein), hängt diese Zukunft auch von der ökonomischen und technischen Entwicklung ab und davon, wie wir mit Katastrophen wie dem Erdbeben von Haiti umgehen und den vielen weiteren, die da noch kommen werden. Und davon, ob es eine transkulturelle, transreligiöse Ethik geben wird und eine echte Weltdemokratie (die UNO ist weit davon entfernt). Ob die Abschaffung des Militärs gelingt und die Erschaffung einer korruptionsfreien Weltjustiz, die imstande ist, ein Gewaltmonopol durchzusetzen. 2012 ist eine Fiktion, die sich zu einer realen Massenhysterie auswachsen könnte, vermutlich aber subkulturell beschränkt bleiben wird, ein Sturm in der Pfütze, kein großes Weltphänomen. Die ökologischen Prognosen aber sprechen von Realitäten viel substanziellerer Art als das, was die Launen der Apokalyptiker zur Zeit gerade produzieren.
Und hier die Bücher für die Katastrophenfans
- José Argüelles: Der Maya-Faktor, Monika Bender Verlag, Juli 2001, HC, 210 S. 24
- Tibor Zelikovics, Zeitenwende 2012 – Globale Transformation. Das Erwachen der Menschheit. Der Beginn des Goldenen Zeitalters, Hans Nietzsch Verlag, März 2008, HC, 349 S. 22,90 €
- Gregg Braden, Fractal Time – Das Geheimnis von 2012 und wie ein neues Zeitalter beginnt, Koha Verlag, Mai 2009, HC, 286 S., 16,95 €
- Dieter Broers, (R)evolution 2012, Scorpio Verlag im Herbst 2009, 320 S. HC, 19,95 €.
Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971–75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt:
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
, Blog: www.schreibkunst.com
Aus dem Heft connection spirit 02/10
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Kommentare
es hat mir gefallen, Deinen Artikel zu lesen! Ich stimme Dir in den meisten Punkten völlig zu. Insbesondere die Punkte, dass die ökologischen Faktoren ehr den Anlass dazu geben sollten, in "Endzeitstimmung " zu kommen. Aber leider gibt es niemanden, der eine kalendarische Deadline setzt. Wie auch. Bei den Phänomenen 2000 oder 2012 ist das was anderes. Hier gibt es zwar eine Termin, aber keine Substanz.
Solche Termine wie der 21.12.2012 haben einen Vorteil: der Mensch wird sich einmal mehr im Alltag seines Daseins seiner Endlichkeit bewusst. Ob Esos oder Normalos - viele werden zumindest für einen Augenblick drüber nachdenken, was wäre, wenn die Welt wirklich untergeht. Ob es dafür reicht, sein Leben hier und jetzt wahrzunehmen und dementsprechend sein Leben zu gestaltet...? Vieleicht nur ein Wunschdenken von jemanden, der selbst mehr im hier und jetzt sein möchte.
Ich freue mich auf diesen Kalender-Termin. Auf die Endzeit-Medienberichter stattung, auf die Endzeithysterie , auf die Endzeitparties. Das wird ganz schön lebendig und lustig! Die Tendenz der Medien wird wohl ehr in negativer und reißerischer Art sein, da müssen wir uns nichts vormachen. Der "Glaube" an einen Neubeginn finde ich aber ganz sympathisch. Ist doch toll, wir feiern dann 2x Sylvester innerhalb von 2 Wochen! ;-)
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