Die Erfindung der Welt

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In meinem Blog (www.schreibkunst.com) gibt es ein Forum. Dort tauchte vor einigen Wochen plötzlich jemand auf, der mit seiner Fusion aus asiatischer Weisheit und westlicher Systemtheorie alle faszinierte:
Henk Goorhuis. Nach dem Lesen einiger seiner dortigen Einträge bat ich ihn um einen Text für unser Titelthema »Verbunden sein / Ich und Umwelt«. Den lieferte er alsbald. Ich war begeistert und freute mich, das Thema mit ihm in den folgenden Ausgaben noch weiterentwickeln zu können. Das geht nun leider nicht mehr.
Henks letzter Eintrag auf schreibkunst.com ist vom Morgen des 22. April. Dort schrieb er: »Mir ist ein persönlicher Gott irgendwie suspekt, für andere ist ein persönlicher Gott lebenswichtig, so verschieden sind wir alle! … und Gott ist zum Glück so nett, sich jedem von uns so zu zeigen wie es am besten passt… ein Wunder…«.
Am Abend jenes 22. April lebte Henk nicht mehr. Die Schockwellen seines plötzlichen Todes breiteten sich von dort und per E-Mail aus bis in unsere konstruierten Welten. Marianne schrieb einen Nachruf, und ich habe diesen Text nun ganz alleine fertig bearbeiten müssen. In meiner eigenen Welt, die ich mir da tagtäglich bastle, und in der ich glaube, dass es einen Henk Goorhuis gab. Oder gibt?
Ich und Umwelt aus konstruktivistischer Sicht
Von Henk Goorhuis

Foto: Liquid Library
Im radikalen Konstruktivismus geht man davon aus, dass wir die Welt, die wir wahrnehmen, nicht finden, sondern erfinden. Das Wort »radikal« deutet daraufhin, dass hier nicht eine Kombination von gegebener Welt und erfundener Welt gemeint ist, sondern dass die wahrgenommene Welt zu hundert Prozent als Konstruktion der Wahrnehmung verstanden wird. Diese radikale Variante des Konstruktivismus hat den Vorteil, dass sich hier die ganze Problematik auflöst, welche Teile unserer Wahrnehmung eingebildet sind und welche wahr. Dabei ist es nicht so gemeint, dass wir unsere Wirklichkeit beliebig konstruieren können, also im Sinne des »Denke es dir, dann wird es wahr«. Stattdessen wird hier angenommen, dass die Erfindungen nicht durch eine gegebene Umwelt eingeschränkt sind, sondern ausschließlich durch die Art und Weise der inneren Organisation der Wahrnehmung. Zudem erfinden wir Wirklichkeit genau dann, wenn wir sie wahrnehmen, es ist also kein kausales Verhältnis zwischen Erfindung und Wirkung gemeint sondern eine Identität: Wirklichkeit = Erfindung.
Die Welt als Erfindung
Der wichtigste Unterschied zum Realismus oder Repräsentationismus ist daher, dass im radikalen Konstruktivismus die Wahrnehmung keine abbildende, sondern eine erzeugende Operation ist. Das, was wir als Welt wahrnehmen, ist keine Abbildung einer gegebenen Welt, sondern ein Produkt unserer Wahrnehmung, eben eine Konstruktion. Daher hat sich auch der Begriff Anti-Repräsentationismus eingebürgert, welcher betont, dass alles, was wir wissen, sehen, hören, fühlen und erkennen, eben keine Repräsentation von etwas Gegebenem ist, sondern ein Erzeugnis.
In Kurzform zusammengefasst heißt das: »Nicht die Welt erzeugt die Erfahrung, sondern die Erfahrung erzeugt die Welt.«
Als Gegenargument werden häufig die erstaunlichen Übereinstimmungen unserer Wahrnehmungen genannt. Gemäß dem Konstruktivismus haben wir die aber nicht, weil da eine feste Umwelt ist, die wir jeweils nur individuell gefärbt wahrnehmen, sondern ausschließlich, weil wir in den Erzeugungsoperationen bzw. Wahrnehmungsvorgängen nicht unabhängig voneinander organisiert sind. Auch wenn tausend Menschen dasselbe sehen, ist es deshalb noch nicht wahr, sondern heißt hier nur, dass eben diese tausend Menschen eine teilweise übereinstimmende Wahrnehmungsorganisation hatten, so dass sie ungefähr dasselbe konstruierten. Wenn man sie alle beschreiben lässt, was sie wahrgenommen haben, stellt man ohnehin viel mehr Unterschiede fest als vorher angenommen. Hinzu kommt, dass sogar bei übereinstimmenden Beschreibungen die Wahrnehmungen selbst noch lange nicht übereinstimmen müssen.
Ich und Umwelt
»Nicht die Welt erzeugt die Erfahrung, sondern die Erfahrung erzeugt die Welt«
Im Konstruktivismus ist nun auch das Verhältnis von Ich und Umwelt radikal anders. Ein Ich befindet sich nicht innerhalb einer Umwelt und muss auf diese reagieren, sondern es erzeugt seine Grenze und seine Umwelt selbst, um sich innerlich zu organisieren. Deshalb gilt: Wer sich selbst organisiert, organisiert die Welt.
Wenn ich also beispielsweise auf jemanden treffe, der mich ärgert, ist da nicht eine wirkliche Person die wirklich ärgerlich ist, sondern ich konstruiere die mir ärgerliche Erscheinung selbst, weil ich mich mit dieser Empfindung innerlich – zumindest in diesem Moment – besser organisieren kann.
Hier kommt der Begriff Homöostase ins Spiel: Sinn und Zweck dieser inneren Organisation ist immer die eigene Homöostase, also das Gleichgewicht. Die Wahrnehmung erzeugt die Umwelt so, dass es die innere Homöostase jeweils am besten aufrecht erhalten kann. Man kann beispielsweise an Neurosen oder auch an Psychosen deutlich erkennen, dass sie dem inneren – natürlich noch nicht dem optimalen – Gleichgewicht dieses Menschen dienen: Die Neurose oder auch die Psychose ist eine Notlösung der Psyche, um die Komplexität der Erfahrung auf ein erträgliches Mass zu reduzieren oder bestimmte Widersprüchlichkeiten in der Wahrnehmung auszugleichen.
Sogar Menschen mit einer starken Psychose können sich manchmal noch daran erinnern, wie ihnen ganz am Anfang die Psychose eine bewusst inszenierte Hilfe war, die sich mit der Zeit verselbstständigt hat. Die Neurose oder die Psychose kann erst dann aufgelöst werden, wenn eine Alternative sichtbar wird, wie das Gleichgewicht auch ohne diese Notlösung aufrecht erhalten werden kann.

Illustration: Barbara Eckholdt

Grafik: Henk Goorhuis
Das Gute und das Böse
Dasselbe gilt ganz grundsätzlich natürlich für »das Böse an sich«, welches nur deswegen und solange konstruiert wird, wie dies eine Hilfe ist, wahrgenommene Polaritäten in der Waage halten zu können. Ganz deutlich sieht man das an Religionsstreitigkeiten: Dort wo das Gute sehr stark wahrgenommen wird, wird häufig auch ein sehr starker Gegenpol des Bösen konstruiert.
Wir haben also die Umwelt erfunden, um damit ein inneres Gleichgewicht herzustellen und aufrecht erhalten zu können.
Um dem Einwand entgegenzutreten, man könne doch die schrecklichen Ereignisse wie Krieg und Missbrauch nicht einfach als konstruierte Wirklichkeit abtun, muss das hier gleich geklärt werden: Der Konstruktivismus ist unter anderem aus der Einsicht entstanden, dass alle schrecklichen Verbrechen eben gerade deswegen geschehen, weil jemand etwas als real bzw. objektiv vorhanden postuliert, sei es nun Macht, Geld, Sexualobjekte oder ähnliches. Die Ethik spielt im Konstruktivismus eine große Rolle, geht aber genau umgekehrt davon aus, dass das Böse in der Welt Folge der konstruierten Wahrnehmung ist und nicht Ursache.
»Die ›strukturelle Kopplung‹ führt dazu, dass gerade spirituell erfahrene Menschen häufig noch viel dogmatischer sind als andere«
»Strukturelle Kopplung«
Nun kommen wir zum Verhältnis von Ich und Welt. Statt »Verbunden sein«, wie es im Titel des Heftes heißt, nennt man im Konstruktivismus das Verhältnis von Ich und Umwelt ziemlich kühl »strukturelle Kopplung«. Die Formulierung ist bewusst so gewählt, da es hier um eine gnadenlose, direkte »Verdrahtung« von Ich und Umwelt geht, so etwa wie eine Lokomotive mit ihren Wagen verbunden ist: Jede Handlung hat direkten Einfluss auf die Umwelt und umgekehrt. Da ist kein Spielraum für persönliche Sym- oder Antipathien oder irgendwelcher sonstiger Interpretationsspielraum. Und genau weil diese Kopplung so unerbittlich ist, fühlen sich Menschen häufig durch das, was sie Welt nennen, sehr gefangen, missverstanden, gedrängt, gestresst usw.
Diese strukturelle Kopplung liegt aber von seinem Ursprung her im blinden Fleck der Wahrnehmung, da Letztere ja gerade erst dort beginnt, wo etwas als Differenz zwischen Ich und Umwelt wahrgenommen werden kann. Diese Differenz gibt es aber bei einer strukturellen Kopplung nicht, da man niemals bestimmen kann, wo das Eine aufhört und das Andere beginnt. Daher ist die Idee, in einer Welt und durch sie bedrängt oder auch beglückt zu sein, genauso wieder nur ein Produkt zur Stabilisierung des vorerst unaushaltbar scheinenden Zustandes, ohne Welt zu sein. Wir erkaufen uns also mit der Idee, in einer Welt zu sein, gleichzeitig die unangenehme Nebenwirkung, auch mit ihr strukturell gekoppelt und dadurch für die Welt blind zu sein.
Oder im konstruktivistischen Wortlaut: Die Umwelt eines Systems enthält keine Information!
Eigenwerte
Der Ausweg aus dieser speziellen Art der »Psychose« ist gleich wie bei jeder anderen, nämlich eine alternative Stabilisierungsorganisation. Glücklicherweise hat jedes genügend komplexe, selbstreferentielle System, wie es auch unsere Wahrnehmung bzw. unsere Psyche ist, die Fähigkeit der Bildung von Eigenwerten, welche sich nicht mehr über eine Umwelt stabilisieren müssen: Eigenwerte sind genau dadurch definiert, dass sie ihren eigenen Output wieder als Input zur Stabilisierung verwenden können. Natürlich bedingt das den grundsätzlichen Selbstbezug, also die Möglichkeit der Rekursion des Systems auf sich selbst. Wie wir wissen, hat die Wahrnehmung genau diese Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen, sowie auch die Psyche die Fähigkeit hat, über sich selbst Auskunft zu geben. Das Wahrnehmungssystem kann sich also in einen Eigenwert einpendeln, sowie auch unsere Psyche demnach einen Eigenwert entwickeln (erfinden) kann.
Dass sowohl die Wahrnehmung als auch das »Ich« dadurch aber selbst zu ihrer eigenen Umwelt werden und dann mit sich in eine strukturelle Kopplung treten, gehört zu einem wenig bekannten Phänomen aller spirituellen Wege. Dies führt dazu, dass gerade spirituell erfahrene Menschen häufig noch viel dogmatischer sind als andere. Genau dies ist der Grund, warum auch bei fortgeschrittenen Schülern der innere oder äußere Meister gegen Ende des Weges mehrmals eingreifen muss, um auch diese letzte, sehr hartnäckige strukturelle Kopplung aufzulösen: Die Idee, sich selbst zu sein.
Sich erfinden statt finden
Der Eigenwert der Wahrnehmung ist dabei eine interessante Modellierung des »kleinen Erwachens«, sowie auch der Eigenwert der Selbsterzeugung des Ichs ein Modell für das »große Erwachen« ermöglicht. Durch diese Art der Beschreibung wird klarer, dass bei diesen Vorgängen des Erwachens wiederum keine Wahrheit gefunden wird, obwohl sich das so anfühlen kann, sondern nun eine Erfindung möglich wird, die keine Fremdstabilisierung mehr benötigt. Dies wird häufig als ewige, ruhende Wahrheit oder reines Bewusstsein verstanden, welches nun vermeintlich nicht erfunden, sondern gefunden wurde. Es ist aber auch hier nicht gefunden, sondern erfunden, genauso wie Gott sich selbst ja auch nicht gefunden, sondern erfunden hat.
Das »kleine Erwachen«, in einem schönen Bild auch »Der Tropfen fällt in den Ozean« genannt, würde hier also dem Eigenwert der Wahrnehmung entsprechen, da diese dann in allem das Nicht-Beobachtbare erkennen kann, dort stimmen Input und Output der Wahrnehmung überein. Das »große Erwachen«, im entsprechenden Bild »Der Ozean fällt in den Tropfen« genannt, ist der Eigenwert der Selbsterzeugung, also des »Ichs«.
Im letzteren Fall ist nicht nur die Wahrnehmung betroffen, welche entsprechend dem Bild als Tropfen in den Ozean fällt, sondern hier fällt die ganze Selbsterzeugung, also die ganze innere und äußere Konstruktion von Welt in die Selbsterzeugung zusammen. Durch den Eigenwert, das heißt, dort wo die Wirkung der Selbsterzeugung identisch ist mit ihrer Ursache (wiederum Input=Output), entsteht der dimensionslose Raum, der von seinen Eigenschaften her genau mit dem übereinstimmt, was die Religionen Paradies oder Nirvana nennen. Dieser dimensionslose Raum eines Eigenwertes wird in der Mathematik auch Singularität genannt, was gut mit dem Gefühl korreliert, dass hier alles »eins« ist.
Selbstreferenz
Das Interessante scheint mir, dass nun die Eigenschaften dieser Prozesse viel genauer allgemein zugänglich beschrieben und erklärt werden können, ohne dass eine ontologische oder teleologische Basis notwendig ist. Der Vorgang der Eigenwertfindung und die Eigenschaften und das Verhalten von Eigenwerten und Singularitäten kann in dieser neuen Begrifflichkeit sehr genau beschrieben werden, wodurch vielleicht die geheimnisumwobenen spirituellen Durchbrüche besser verstanden werden können und auch Missverständnisse über deren Erreichen oder Nicht-Erreichen besser ausgeräumt werden können, ohne ihre Magie zu zerstören. Erstaunlich ist, dass hier alles nur aus der Idee der Selbstreferenz erwächst.
Kurz: Im Konzept der Selbstreferenz ist die ganze spirituelle und mystische Weisheit enthalten, wird aber nun erkenntnistheoretisch besser zugänglich.
Wenn Input und Output dasselbe sind
Eigenwerte sind im Kern etwas Einfaches. Es ist jener Ort, wo der Entstehungsprozess dasselbe verwendet wie erzeugt, also wo Input und Output übereinstimmen. Kleinkinder haben vielleicht diese »Vorahnung«, wenn sie z.B. ihre eigenen Exkremente zu essen versuchen: Nach ihrer »Erinnerung« muss doch das, was rauskommt mit dem übereinstimmen, was reingeht. In meist geheimen Ritualen im tantrischen Buddhismus wird das wieder aufgenommen, da dort menschliche Exkremente wieder eine heilige Rolle spielen. Dies geschieht dort mit dem Ziel, auch die körperlichen Sinne zu transformieren, was nichts anderes bedeutet, als in ihnen einen Eigenwert zu entwickeln.
»Sowohl Individuen, als auch soziale Systeme wie Unternehmen, Gesellschaften oder die ganze Menschheit können erwachen«
Eigenwerte gibt es in allen sich selbst stabilisierenden und genügend komplexen Systemen, es können daher sowohl Individuen, als auch soziale Systeme wie Unternehmen, Gesellschaften oder die ganze Menschheit erwachen. Das gilt sowohl für das kleine als auch das große Erwachen.
Dabei hat schon der Mathematiker Gödel im letzten Jahrhundert gezeigt, dass je mehr sich ein selbst-referentielles System den Eigenwerten annähert, die widersprüchlichen Aussagen im System, welche weder beweis- noch widerlegbar sind, zunehmen. Ein Phänomen, dass sich sowohl beim Individuum als auch in der heutigen Gesellschaft beobachten lässt. Dies bestätigt auch das Wissen der Weisen und Erleuchteten, dass die Annäherung an die Eigenwerte eine Gefahr birgt, in neue psychotische Zustände zu gelangen. Diese Zustände charakterisieren sich nämlich häufig genau dadurch, dass man an den vielen widersprüchlichen Aussagen, die weder beweis- noch widerlegbar sind, also den Koans, zerbrechen kann. Dieser Prozess verlangt daher auch aus konstruktivistischer Sicht sowohl für das Individuum, als auch für die Gesellschaft ein sehr weises und behutsames Vorgehen.
»Im Konzept der Selbstreferenz ist die ganze spirituelle und mystische Weisheit enthalten«
Kleines und großes Erwachen
Wenn aber das Tor durchschritten ist, der Eigenwert sich genügend selbst stabilisiert und dazu keine Außenwelt mehr benötigt, dann heißt das beim kleinen Erwachen, dass der Mensch nun beobachten kann, ohne »etwas« zu beobachten, beim großen Erwachen dass er sich selbst erzeugen kann ohne »etwas« zu erzeugen.
Auch der Begriff »Freiheit« lässt sich nun genauer klären: Eigenwerte haben die Eigenschaft, unabhängig von ihrer Entstehungsfunktion zu sein, müssen dazu aber die strukturelle Kopplung mit der Entstehungsfunktion nicht lösen. Das heißt bei einem Menschen mit dem kleinen Erwachen, dass sein Sehen unabhängig von den Sinnen ist, dass es aber mit ihnen strukturell verbunden bleiben kann. Die physischen Sinne übernehmen dann die Fähigkeiten der Übersinnlichen. Beim großen Erwachen – auch Erleuchtung genannt – bedeutet dies, dass die Selbsterzeugung dann unabhängig von ihrer Geschichte ist, sie kann aber mit ihr hundert prozentig strukturell gekoppelt bleiben. Deshalb kann jemand Mensch sein und erleuchtet zugleich: Er ist Mensch in seiner strukturellen Kopplung, davon aber vollkommen frei in seinem Eigenwert.
Die Wahrnehmung erzeugt Zeit und Raum
Oder anders formuliert: Ein Mensch mit einem kleinen Erwachen hat eine Beobachtungsgabe, welche sowohl anwesend als auch abwesend ist, ein Mensch mit dem großen Erwachen ist selbst gleichzeitig sowohl anwesend wie abwesend, sowie für ihn auch alle anderen sowohl anwesend sind als auch abwesend. Ganz klar wird hieraus auch, das erst das große Erwachen das Ende des Weges ist, da hier nicht nur die Beobachtung, sondern auch die Konstruktion von Raum und Zeit beendet ist. Der Konstruktivismus wirft dabei ein klärendes Licht auf die Idee von Raum und Zeit, welche hier nicht als gegeben, sondern als durch die Wahrnehmung erzeugt verstanden werden. Der Eigenwert löst diese Dimensionen wieder auf, ohne dabei die strukturelle Kopplung mit Raum und Zeit zu verlieren.
Zu guter Letzt ist auch die Eigenschaft der Symmetrie von Eigenwerten diesbezüglich interessant. Damit ist die Austauschbarkeit von Operand und Operation gemeint, das heißt von Schöpfung und Schöpfer. Im kleinen Erwachen bedeutet dies, dass das Wahrnehmen nicht nur das Wahrgenommene erschafft, sondern auch das Wahrgenommene das Wahrnehmen. Im großen Erwachen bedeutet dies, dass bei unserem »Ich« nicht nur der Schöpfer die Schöpfung erschafft, sondern auch die Schöpfung den Schöpfer.
Spiritualität und Wissenschaft
So scheint mir hier ein riesiges Feld an Möglichkeiten offen zu liegen, welches spirituelle Erkenntnisse nun zu einem gewissen Grad wissenschaftlich beschreibbar und analysierbar macht. Und dies, ohne dem Geheimnis der Erleuchtung auch nur im Geringsten etwas zu nehmen, da die Selbstreferenz genau diese Eigenschaft hat, Dinge besprechbar zu machen, ohne sie zu entzaubern.
Von Vorteil scheint mir auch, dass einerseits nun viele Missverständnisse spiritueller Begriffe geklärt werden können, und dass andererseits mit dem Konstruktivismus ein Gebäude zur Verfügung steht, welches ohne Glaubensannahmen auskommt, was den Dialog zwischen den spirituellen Richtungen erleichtert: Jeder Mensch und jede Religion konstruieren ihre eigene Wirklichkeit und fühlen sich durch die gemachten Erfahrungen darin bestätigt. Oder, wie es im Konstruktivismus häufig auf den Punkt gebracht wird: Alles Rechthaberische verliert seinen Sinn.
So kann auch das interreligiöse Gespräch sowie auch das Gespräch zwischen Wissenschaft und Spiritualität neu betrachtet und gestaltet werden. Dies nicht zuletzt, weil auch diese Dialoge als selbst-referentielle, soziale Systeme auf der Suche nach Eigenwerten verstanden werden und sich damit aus der schwierigen Idee des Dialogs verabschieden. Im Konstruktivismus gibt es den Dialog nicht, sondern nur den Monolog: Jede Beschreibung ist Selbst-Beschreibung.
Zu guter Letzt muss natürlich erwähnt werden, dass auch der Konstruktivismus selbst seinen eigenen Gesetzen unterliegt. Er ist daher weder wahr noch falsch. Auch der Konstruktivismus selbst ist eine Konstruktion der Wahrnehmung.
Weiterführende Literatur
- Foerster von H.: Einführung in den Konstruktivismus. Piper 1990
- Foerster von H.: Wissen und Gewissen. Suhrkamp 1993
- Foerster von H.: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Carl-Auer-Verlag 2006
- Luhmann N.: Autopoiesis als soziologischer Begriff. Suhrkamp 1987
- Maturana H., Varela F.: Der Baum der Erkenntnis. Scherz 1987
- Spencer-Brown G.: Laws of Form – Gesetze der Form. Bohmeier 1972
Dr. Henk Goorhuis studierte in Basel und in den Niederlanden Mathematik, Informatik und Systemtheorie. Er promovierte an der Universität Zürich über den Konstruktivismus, leitete mehrere Jahre lang verschiedene Lehrgänge zum Thema »Selbstorganisation und Systemtheorie« und arbeitete an Forschungsprojekten im Bereich »Selbstorganisation in der Informationsgesellschaft«. Anschließend hatte er mehrere Jahre lang die Leitung der universitären Weiterbildung in Zürich inne und arbeitet dann als freiberuflicher Systemtheoretiker.
Verschiedene innere Erfahrungen brachten ihn auf den tantrischen Buddhismus, auf die Erkenntnisse des Advaita, wie auch auf die Weisheiten über den Aufstieg des inneren Feuers, der Kundalini, die er sowohl mit der christlich-abendländischen Kultur, als auch mit der wissenschaftlichen Forschung und Entwicklung in Zusammenhang brachte.
Der Wahn der wirklichen Wirklichkeit
Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass es kaum eine mörderischere, despotischere Idee gibt als den Wahn einer »wirklichen« Wirklichkeit (womit natürlich die eigene Sicht gemeint ist), mit all den schrecklichen Folgen, die sich aus dieser wahnhaften Grundannahme dann streng logisch ableiten lassen. Die Fähigkeit, mit relativen Wahrheiten zu leben, mit Fragen, auf die es keine Antwort gibt, mit dem Wissen, nichts zu wissen, und mit den paradoxen Ungewissheiten der Existenz, dürfte dagegen das Wesen menschlicher Reife und der daraus folgenden Toleranz für andere sein. — Paul Watzlawick
(österr. Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler; Erfinder der »paradoxen Intervention«, 1921-2007)
Die Kunst des Nicht-Für-Wahr-Haltens
Ein Nachruf auf Henk Goorhuis
Ich lernte Henk vor etwa vier Jahren kennen, im Zusammenhang mit einem Zentrum für Spirituelle Krisen und Meditation, das er damals in Basel leitete. Sehr schnell wurden wir spirituelle Weggefährten und pflegten seitdem einen regen Austausch.
Durch ihn und seine unermüdlichen Unterweisungen lernte ich die Kunst des Nicht-Für-Wahr-Haltens, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Es begann damit, dass er mir eines Tages erzählte, sein tantrisch-buddhistischer Lehrer – Geshe Kelsang Gyatso – würde die Persönlichkeit eines Menschen überhaupt nicht wahrnehmen, was er immer als sehr angenehm empfunden hätte: Keine Konfrontationen, keine Kritik, jeder darf sein, wie er ist, weil er kein Jemand ist. Diese Haltung war für mich, die immer wert auf ihr persönliches Erleben legte und wahrgenommen werden wollte, eine große Herausforderung. Einerseits schätzte ich ein Gegenüber, das mir meine Macken und Fehler niemals vor Augen hielt, andererseits liefen dabei natürlich auch alle persönlichen Wünsche und Bedürfnisse ins Leere.
Es begann also beim Buddhismus und führte sehr schnell in die paradoxen Denkweisen des radikalen Konstruktivismus. Zunächst hatte ich zu dieser Zeit noch ernsthaft vor, eine empirisch-transpersonal-psychologische Dissertation zu schreiben – nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit der konstruktivistischen Erkenntnistheorie war mir das nicht mehr möglich: Empirisch-psychologische Forschung schien einfach nicht mehr der richtige Weg für meine Suche nach Weisheit zu sein.
Henk stellte jede Annahme einer objektiven Wirklichkeit in Frage und predigte die radikale Subjektivität aller Beobachtungen und Wahrnehmungen. Wenn ich ihm – was ich gerne tat – von irgendwelchen neuen Erkenntnissen oder neu entdeckten vermeintlichen Wahrheiten über ihn, über mich oder über die Spiritualität erzählte, war sein Standard-Spruch: »Das kannst du gerne so sehen«. Selbstverständlich hielt er weder meine noch seine Konzepte – auch den radikalen Konstruktivismus – jemals für wahr.
In einer spirituell-esoterischen Kultur, in der so viele Wahrheiten verbreitet werden, verkörperte Henk eine erfrischende Nüchternheit: Es ging ihm um das Aufzeigen menschlicher Irrtümer, das De-Konstruieren aller Form- und Systemannahmen, letztlich um die Rückkehr zur Quelle, aus der alles jeden Moment neu geboren wird.
Ein paar Tage vor seinem Tod führten wir noch einen Dialog zum Thema »geistige Heimatlosigkeit«. Ich zitiere ihn: »Die wahre Quelle ist in keiner Kultur, keiner Zeit, keiner Geschichte zu Hause, das meine ich mit der Heimatlosigkeit.… Für mich ist es sehr wohltuend, wenn ich die Heimatlosigkeit (Kontextunabhängigkeit) der Quelle spüren darf.«
Am 22. April 2009 ist Henk in die Freiheit der ewigen Quelle des Seins zurückgekehrt.
—
Maria-Anne Gallen, Gilching (connection-Autorin)
Aus dem Heft connection spirit Juni 2009
- connection spirit 06/09 im Shop bestellen
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