Heiliger Klang – Heilsamer Klang

Yasar Güvenc, Dr. Rahmi Oruc Güvenc,
Andrea Azize Güvenc mit den
Instrumenten Rübab, Kopuz und Rebab
Alle Fotos ©
Sabine Witting
Die Musiktherapie von Dr. Oruc Güvenc
Von Himmelsmelodien und dem Herztakt der Erde schreibt die Musiktherapeutin Sabine Witting hier, von den archaischen Wurzeln und der heilsamen Kraft der Musik, und stellt dabei die Musiker Dr. Oruc Güvenc, seine Frau Azize Güvenc, Chris Hack und
Sabine Bundschu vor, für die Musik nicht nur etwas Heilsames, sondern auch etwas Heiliges ist
Von Sabine Witting
Ich liege in einem Studio mit 15 weiteren Seminarteilnehmern auf dem Boden, zugedeckt und mit geschlossenen Augen. Nach einigen tiefen Atemzügen und einem letzten bequemen Zurechtrücken bin ich nun bereit für diese Reise, auf die ich freundlich und leise eingeladen wurde. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Lasse mich, nachdem ich in den letzten Stunden bereits viel gesungen, uralte Mantren rezitiert und in den Fußstapfen kirgisischer Schamanen getanzt habe, nun einfach fallen und auf eine weitere, neue Erfahrung ein. Mal sehen, was jetzt kommt.

Die Rebab ruft zum Tanz durch
Licht und Schatten meiner
Seele, alles fließt hinein in den
Strom der Klänge
Das Instrument Wasser bringt mich ins Fließen
Stille. Jemand räuspert sich in meiner Nähe. Irgendwo hinter meinem Kopf sitzen die Musiker, jetzt in tiefer Konzentration. Stille. Wassertropfen, Regen, nein Wasserrauschen fließt in mein Bewusstsein. Es schwillt an, schäumt über einen Stein, ich kann es deutlich hören. Unaufhaltsam plätschert es durch eine ständig wechselnde Kleinlandschaft: Wurzeln, Moos, Blätter berühren sich an seinen Rändern, in unserem Seminarraum fließt ein kleiner Bach, und ahhh: Ich spüre, wie sich die Zellen in meinem Inneren regen, sich wie unsichtbar schwimmende Partikel in der Laufrichtung des Wassers formieren. Der Bach fließt in mir, er fließt durch einen Wald. Bilder aus der Natur tauchen auf. Entspannung breitet sich aus. Ich atme tief ein und aus, sinke tiefer in die Unterlage und konzentriere mich auf den fließenden Bach. Wie er funkelt in der Sonne! Licht- und Schattenreflexe huschen über seine Oberfläche. Friede zieht in mein Herz. Da, wie ein tiefer Atemzug, wie eine aufkommende Brise in den Wipfeln der Bäume: der erste Flötenton!
Der Wind weht durch das Bambusrohr, als töne ein leiser Ruf aus der Natur, als höre sich der Wind selbst beim Atmen zu
Der Wind weht durch das Bambusrohr, als töne ein leiser Ruf aus der Natur, aus einer tieferen Bewusstseinsschicht, als höre sich der Wind (oder ich mir?) selbst beim Atmen zu. Wieder haucht und lockt die Flöte süß, und etwas weitet sich in meinem Brustkorb, in meinem Zwerchfell. Was für eine wundersame Melodie, nie gehört und doch schon so vertraut! Irgendetwas in mir sehnt sich danach zu antworten. Ein Seufzer – meiner. Beruhigung, Erleichterung. Ich atme tief ein und aus. Ein sanfter Rhythmus setzt ein. Die Bilder, die aus meinem Unterbewusstsein fließen, geraten in Bewegung, wie in Zeitlupe. Bach, Wald, Licht, Vogel, Blätter im Wind, Wolken am Himmel, alles ein sanfter Tanz.
Begegnungen im Urrhythmus des Herzschlags
Etwas fließt und bewegt sich spielerisch und ruhig durch die verschlungenen Wege meines Unterbewusstseins, meiner Träume, der vergessenen, aufgegebenen, geheim gehaltenen. Die Melodie – ein Wesen, das mich kennen lernen möchte, das sich auf mich zubewegt, das die Grenzen zwischen innen und außen längst aufgehoben hat, zieht mich an seine Seite.

Die Gruppe Tümata
Da begegnet mir der Urrhythmus des Herzschlags: dam dada dada, dam dada dada. Dieser Rhythmus und das Fließen des Wassers, der Klang einer einzigen angespielten Saite berühren mich tief. Etwas zieht in mir. Die Muskeln, die Sehnsucht, das Herz, die Nerven? Das Wesen Melodie und sein Weggefährte, der Rhythmus begleiten mich immer tiefer in ihre Zauberwelt, die mir in Bildern und emotionalen Erinnerungen plötzlich aus der Tiefe der Klänge als meine eigene entgegen tritt: Da grüßt mich ernst und würdevoll ein alter, alter, nie verheilter Schmerz, und eine Träne macht sich bereit, durch meine geschlossenen Augenlider in die lindernde Kühle des immer präsenten Baches zu rollen. Ich spüre: Meine einzige Chance ist, mich dem Rhythmus des Fließens und Getragenwerdens anzuvertrauen.

Dr. Oruc Güvenc bei der Musiktherapie mit einer
zweisaitigen Schamanengeige
Herzrhythmus: damdadada, damdadada… Schmerz und Erleichterung im gleichen Atemzug. Die Melodie reist immer weiter mit mir und meinen inneren Wirklichkeiten. Sie steigt und fällt, lächelt und weint, schweigt und setzt wieder ein mit einem weiteren Instrument, einer Geige mit Pferdehaarsaiten. Ein Tanz durch Lichtes und Schattiges meiner Seele, immer in eine Richtung, die schon im Ursprung ihr Ziel zu kennen schien, so wie die salzige Träne auf ihrem Weg durch den Bach das mütterliche Meer schon vor ihrer Entstehung in sich trug…

Fließendes Wasser und der Ton der Geige…
Reise in die Tiefe
Es ist eine sehr bewegte und mich stark bewegende Reise, und ich komme an tiefe Punkte meiner Biografie. Plötzlich spüre ich da wieder diese Verpanzerung, mein mich nicht an das Glück und die Fülle wagen Wollen. Sehnsucht nach Nähe, Geborgenheit. Mir wird wärmer und kühler auf dieser Reise. Im Narbengewebe meines Armbruchs von vor zwei Jahren beginnt es zu ticken, zu jucken, meine Atmung wird tiefer und voller, seit langer Zeit habe ich wieder einmal das Gefühl, richtig Luft zu bekommen.

Die Grundinstrumente der
Altorientalischen Musiktherapie
sind: Rahmentrommel, Laute,
Geige (Rebab), und Rohrflöte
Irgendwann ist die Musik verklungen, der Bach weitergezogen und eine Stimme bringt mein Bewusstsein stückhaft zurück in den Raum, zu den Menschen um mich herum. Bin ich eingeschlafen? Wir räuspern und strecken uns, dehnen die Arme und Beine. Öffnen langsam die Augen, nehmen unsere Sitzhaltungen wieder ein. Mir ist, als käme ich aus einem tiefen Traum, der ebenso real für mich war wie nun diese Umgebung des Seminarraums, die mittlerweile schon bekannten Gesichter. In der Nachbesprechung zeigt sich, dass viele von uns ähnliche Empfindungen erlebt haben, einige berichten über starke physische Reaktionen. Fast alle haben Bilder aus der Natur, im Wind bewegte Vögel und Bäume, Wasser und Wolken gesehen. Einer Teilnehmerin ist innerhalb »einer leichten Trance« eine lange vergessene wichtige Begebenheit wieder eingefallen. Ein Teilnehmer ist seinem vor kurzem verstorbenen Vater begegnet. Die Eindrücke häufen sich und teilen sich in einige sehr individuelle und eine ganze Reihe kollektiv gemachter Erfahrungen.
Güvençs Vorfahren: die Schamanen der Steppe
Die Wurzeln dieser Musik reichen durch die mittelalterlichen Heilzentren des Osmanischen Reiches bis in die graue Vorzeit in der zentralasiatischen Steppe
»Image Musik« nennt Dr. Oruç Güvenç, der Begründer dieser altorientalischen Musik- und Bewegungstherapie, diese Form der rezeptiven Musiktherapie. Ihre Wurzeln reichen durch die mittelalterlichen Heilzentren des Osmanischen Reiches, der kleinasiatischen Antike bis hinunter in die graue Vorzeit in der zentralasiatischen Steppe.
Von hier kommen auch alle Instrumente, die der Musiker und Musikethnologe spielt: die Kopuz, ein lautenähnliches Instrument, die dreiseitige Rebab mit Pferdehaarsaite und –bogen, eine Kniespießgeige mit sehnsüchtigem, herzbewegenden Klang. Das Bambusrohr der Ney, Urform aller Blasinstrumente. De Rahmentrommel, sanft wie der Herzschlag, den das ungeborene Kind im Bauch der Mutter vernimmt. Viele andere Instrumente, die man bei uns nicht kennt.
Seine musikalischen »Vorfahren« sind die Schamanen der Steppe, die weisen Sänger und mittelalterlichen Sufis, die ihre Gottesliebe in Gedichte, Lieder und Instrumente und so in die Herzen der Menschen brannten, allen voran der berühmte Hazreti Mevlana Rumi, den Güvenç immer wieder erwähnt.
Das Gleichgewicht wiederfinden
Immer geht es auch ums Reisen, das äußere und innere. Um die Bewegung, die Veränderung des Standpunkts, die nötig ist, um Probleme zu lösen, verlorenes Gleichgewicht wiederzufinden, tiefere Zusammenhänge von Erkrankungen und Störungen zu erkennen und zu lindern. So spielt das Ehepaar Güvenç immer wieder auch in Kliniken und therapeutischen Einrichtungen. Viele Menschen kommen nach den Konzerten zu ihnen, zum Teil bis nach Istanbul.
»Wir arbeiten auf Gleichgewicht: Wo etwas fehlt, versuchen wir zu stimulieren, aufzufüllen. Wo ein Zuviel ist, was sich auch in einem entzündlichen Prozess zeigen kann, versuchen wir zu besänftigen, abzubauen, zu verwandeln«, erklärt Andrea Azize Güvenç, ursprünglich Ergotherapeutin, die den feingliedrigen, weisen, vornehmen Mann aus Istanbul seit vielen Jahren auf seinen Reisen begleitet, unterstützt und übersetzt. »Unser Einsatzspektrum ist in therapeutischer Hinsicht sehr vielseitig: seelische Verstimmungen, Burnout-Syndrom, unspezifische körperliche Beschwerden, Psychosomatik, Autismus… Unsere Kollegen und Schüler in der Türkei, Österreich, Deutschland, der Schweiz, Spanien arbeiten in Behinderten-Einrichtungen, in der Psychatrie, der Onkologie, der Kardiologie und der neurologischen Reha oder in eigener Praxis. Die enge Zusammenarbeit mit der westlichen Schulmedizin hat immer wieder gezeigt, welche Möglichkeiten in dieser alten Heiltradition liegen.«
Dabei gibt es nicht nur rezeptive Musiktherapie, die hier vorgestellte Image-Musik, sondern auch archetypische Bewegungsmuster, Tänze, Mantren. Das Spektrum ist groß. Immer wieder spürt man die große Achtung des Ehepaars Güvenç vor der Befindlichkeit des Menschen als ganzheitlichem Wesen der Schöpfung. Immer wieder klingt dabei auch das Verständnis von der seelischen Entwicklung und Ganz-werdung der Seele hindurch, das, nach dem Verständnis der beiden, weit über körperliche Konditionen hinausgeht. Was jedoch mehr als alles andere zählt, ist, wie sich Teilnehmer oder Patienten am Ende einer musikalischen Intervention fühlen: »besser, leichter, froher!« Das ist das vielstimmige Urteil am Ende des eingangs erwähnten Workshops.

»Für mich ist Musik der
Ausdruck der Sehnsucht
nach Verbundenheit und
die schönste Verpackung
der Stille«
Fahrkarte Musik: in Einklang kommen
Genau darum geht es auch zwei anderen Musikkünstlern, die in München ansässig sind: Sabine Bundschu und Christian Hack arbeiten jeder selbständig in eigenen Praxen, in Seminaren und bei Bühnenauftritten, aber auch sehr gerne zusammen. »Es fügt sich gut ineinander, was wir machen, und gemeinsam ist unser Klangspektrum noch reicher, überraschender, vielfältiger« sagt Christian, der so viele Instrumente spielt, dass er selber nicht mehr genau weiß, wie viele es eigentlich sind.
Mit seinem Obertongesang öffnet Christian Hack neue Klangräume. Seine Stimme schöpft ihre Kraft ebenfalls aus alten Traditionen, die seine Interpretation mit unserer Gegenwart verbindet und lebendig hält. Er achte und schätze die alten Traditionen, habe großen Respekt vor ihnen, schöpfe immer wieder tief aus diesen Brunnen, sagt er, aber er wolle nicht die Tradition als solche vermitteln oder gar lehren, das könne er nicht. Nein, als »passionierter Geräuschesammler«, wie er sich selber nennt, erschließt er sich mit viel Einfühlungsvermögen und Feingefühl qualitative Essenzen, die er mit angeborener Musikalität aus der Stimmung des Augenblicks heraus improvisatorisch immer wieder neu zum Leben erweckt.
Musikalisches Lernen ist persönliches Lernen
Musik als Fahrkarte zu sich selbst erfreut sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit. Diese Form des Musikhörens und aktiven Teilnehmens ist eine Möglichkeit, mit sich und der Schöpfung für zumindest eine Zeitlang in Einklang zu kommen. Hier verschwimmen oft die Grenzen zwischen aktivem Lernen (im Sinne eines Erwerbens musikalischer Kompetenzen) und dem Wunsch nach Linderung von Stress, Beschwerden, Ausgebranntsein und spontan erlebten ganz neuen Zugängen zu sich selbst.
Dies ist das Spezialgebiet der Künstlerin Sabine Bundschu, die in Graz das Schauspielen lernte, dann auf diversen Bühnen engagiert war, als Schauspielerin, Sängerin, Sprecherin und auch im Studio. Sie bringt ihre 25 Jahre Bühnen- und TV-Erfahrung nun als Leiterin eigener Gruppen ein sowie für Konzerte und CD-Produktionen. Ihre Leidenschaft gehört dem TaKeTinNa und der Weltmusik, Rhythmus und Spiritualität, Musik und Spiritualität sowie der Musik als gemeinschaftsbildendem Ritual: »Ich kenne nichts, das so schnell die Verbindung spürbar macht wie Musik«, sagt sie. »Für mich ist Musik der Ausdruck der Sehnsucht nach Verbundenheit und die schönste Verpackung der Stille – Stille in der Musik, Musik in der Stille.«
Sabine Witting, Jg. 62, leitet seit 19 Jahren einen heiligen/heilsamen Ort, das Seminar- und Gästehaus Casa San Francesco in der Maremma/Toskana, wo sie das Riyazed-Konzept aus der altorientalischen Musiktherapie verwirklicht. Seit 30 Jahren betreibt sie Spurensuche bei den Sufis und Schamanen, Klänge und Schwingungsmuster sind dabei meine Wegweiser.
Am Freitag den 12. 3. 2010 um 19.30 h gibt es im Völkerkundemuseum in München ein Konzert mit Sabine Bundschu, Chris Hack, Dr. Oruc Güvenc und seiner Frau Azize Güvenc: www.heiligerklang-heilenderklang.de
Sabine Bundschu tritt außerdem am 29. 4. auf dem Connection-Frühlingsfest auf, dem Fest zum 25-jährigen Jubiläum des Connection-Verlages, mehr dazu auf www.connection.de
Aus dem Heft connection spirit 02/10
»Das Ende ist nah!«
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- Weiter probelesen: Das Ende ist der Anfang, ist …
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