Hitler – eine Persönlichkeitsveränderung mit Folgen

Adolf Hitler als Kleinkind im
oberösterreichischen Braunau
Wie kann man von so einem zu so einem werden? Wie wandelbar sind wir Menschen?
Gerade ist Young Hitler erschienen, ein Buch über den jungen Adolf Hitler in den Jahren, in denen er vom unbekannten Künstler und Obdachlosen in Wien zum begehrten politischen Redner wurde. Wie ging diese Verwandlung vonstatten? Claus Hant schildert in diesem »non-fiction« Roman die Persönlichkeitsveränderung seiner Figur historisch genau gemäß der bekannten Fakten – eine Persönlichkeitsveränderung, die in der Welt tiefe Spuren hinterlassen sollte
Zeitzeugen, die den jungen Hitler in Wien kennenlernten, wussten nichts Außergewöhnliches über ihn zu berichten. Er wurde als introvertierter Stubengelehrter und Faxenmacher beschrieben. Etwas später, im ersten Weltkrieg, erschien er seinen Kriegskameraden als »ein unscheinbarer Querdenker und Exzentriker, pflichteifrig, gehorsam und bescheiden.« (siehe auch: A. Joachimsthaler, »Hitler in München«, München 1989)
Niemand konnte außergewöhnliche Eigenschaften oder ein besonderes Talent erkennen, das den jungen Mann auszeichnete. Er war auch kein begnadeter Redner. Im Gegenteil: Rudolf Häusler, mit dem Hitler vor dem ersten Weltkrieg in München ein Zimmer teilte, klagte über seine langatmigen und einschläfernden Monologe. Auch die Kriegskameraden Hitlers konnten sich nicht daran erinnern, dass er an der Front mit seinen weitschweifigen Vorträgen so etwas wie Begeisterung auszulösen vermocht hätte.
Ganz normal?
Die Zeichnungen und Aquarelle, mit denen der junge Adolf in Wien und München seinen Lebensunterhalt verdiente, waren von durchschnittlicher Qualität; trotzdem sah sich Hitler selbst als ein künstlerisches Genie. Aber auch diese Selbstüberschätzung ist nichts Besonderes. Den Glauben an die Größe des eigenen Genies teilte der junge Hitler mit der überwiegenden Mehrheit sämtlicher Künstler und Möchtegern-Künstler aller Epochen.

Nur als »Der Kunstmaler« bekannt,
war Hitler im Ersten Weltkrieg ein
unauffälliger, bescheidener
Untergebener, »immer untergeben,
immer devot« und ohne politische
Ambitionen. Foto von 1916
Hitler zeichnete eine gewisse Starrheit im Denken aus, aber er war intelligent und hätte es sicher vermocht, ein Universitätsstudium zu absolvieren, hätte er nicht frühzeitig die Schule verlassen und sich damit eine akademische Laufbahn verbaut. Seine Wiener Bekannten attestierten ihm einen Hang zur Rachsucht und ein jähzorniges Temperament, negative Eigenschaften, sicherlich, aber in keiner Weise ungewöhnlich. Mit dem traurigen Schicksal, in der Kindheit von einem autoritären Vater misshandelt worden zu sein, stand Hitler ebenfalls nicht allein.
Dass Hitler Vorurteile hatte, insbesondere was die Angehörigen anderer Rassen und Völker betraf, auch das war nichts Besonderes. Vorurteile dieser Art waren im Wien der Jahrhundertwende genauso zu Hause wie heute überall auf der Welt. Hitler vergötterte seine Mutter, himmelte Frauen ansonsten aber lieber aus der Ferne an. Er liebte Tiere und die Natur und machte sich in Wien viele Gedanken darüber, wie das soziale Elend der unteren Schichten gelindert werden könnte. Er interessierte sich für Architektur und exzentrische Theorien über die Erklärung der Welt, er vergötterte das Deutschtum, war ein Bücherwurm und Opernfanatiker und liebte Süßspeisen. Die einzige Besonderheit, die ihn auszeichnete, war sein fotographisches Gedächtnis und die Fähigkeit, sich ganze Buchseiten auswendig merken zu können.
»A born leader«
Dieser Mann wurde 1938 vom Time Magazine zum »Mann des Jahres« erklärt (»Time Magazine«, January 2, 1939 Vol. XXXIII No. 1). Der britische Premierminister Neville Chamberlain sagte über ihn: »Es ist unmöglich von der Kraft dieses Mannes (Hitler, der Verf.) nicht beeindruckt zu sein«. (Neville Chamberlain in einer Geheimsitzung des englischen Kabinetts, zit. nach: P. W. Fabry, Mutmaßungen über Hitler, Düsseldorf 1969, p.1). Und Lloyd George, der britische Premierminister während des ersten Weltkrieges, beschrieb Hitler nach einem Besuch in Berchtesgaden als »a born leader, a magnetic, dynamic personality with a single minded purpose« (Lloyd George who had recently met Hitler at Berchdesgaden described him in these glowing terms in a Daily Express article written at the request of Lord Beaverbrook. Cited in: Hitler’s Olympians, »Observer Magazine«, 29 September 1968, quoted from: D.Lewis, »The man who invented Hitler«, London 2003, p.3)
Hypnotische Kraft
»Ich hatte ein Erlebnis, das sich nur mit einer religiösen Bekehrung vergleichen ließ« (Kurt Lüdecke, ein früher Anhänger von Adolf Hitler)
Hitler, der es in fünf langen Jahren in Wien nicht geschafft hatte, einen einzigen einflussreichen Freund zu gewinnen, der ihn vor dem Obdachlosenasyl hätte bewahren können, wurde nach Kriegsende in München innerhalb weniger Monate zu einem begehrten Mittelpunkt der »besseren Kreise«. Die Veranstaltungen, auf denen er sprach, waren in kürzester Zeit so überfüllt, dass selbst die größten Festsäle Münchens, die über zweitausend Menschen fassten, nicht mehr ausreichten und er gezwungen war, in eine Zirkusarena auszuweichen. Die Faszination, die von Hitler bei seinen Auftritten auf Kundgebungen ausging, ist bekannt. Bekannt sind auch zahllose Bekundungen seiner Anhänger, die immer wieder die hypnotische Kraft betonen, die Hitler auf sie ausübte. Hier, als Beispiel für viele, die Darstellung von Kurt Lüdecke, einem frühen Anhänger Hitlers, der später im KZ landete: »Augenblicklich waren meine kritischen Fähigkeiten ausgeschaltet.(…) Ich hatte ein Erlebnis, das sich nur mit einer religiösen Bekehrung vergleichen ließ.« (zitiert nach: P.W.Fabry, »Mutmaßungen über Hitler«, Düsseldorf 1969, S. 22)
Das Rätsel
Sir Allan Bullock, der renommierte britische Autor einer frühen Hitler-Biographie, erklärte dazu: »Für meinen Teil muss ich sagen, dass es mir umso schwerer fällt, das Geschehene zu erklären, je mehr ich über Adolf Hitler erfahre. Die Ursachen reichen nicht aus, um das Ausmaß der Wirkungen zu erklären. Unsere Vernunft weigert sich glauben zu müssen, dass der junge Hitler der Stoff war, aus dem (…) die Cäsars und Bonapartes gemacht sind. Und dennoch: Die historischen Aufzeichnungen sind da und beweisen, dass wir Unrecht haben.« (Franz Jetzinger, Hitler's Youth, foreword to the English translation, London 1958, p.10 quoted from: R.G.L. Waite, The Psychopathic God Adolf Hitler, New York 1977, preface)
Es ist Bullocks großes Verdienst, dass er sich nicht gescheut hat, zu bekennen, dass Hitlers persönliche Geschichte ein erstaunliches Rätsel darstellt. Im Allgemeinen gestehen Wissenschaftler selten so offen das Versagen ihrer Erklärungsmodelle ein. Logische Ungereimtheiten, die man nicht lösen kann, tut man als Wissenschaftler lieber als »unbedeutend« ab. So ist es kein Wunder, dass sich sämtliche Hitler-Biographen nur in einem verschwindend geringen Ausmaß mit dem jungen Hitler beschäftigen. Joachim Fest widmete den ersten 30 Jahren von Hitlers Leben nur 125 Seiten seiner 1198 Seiten umfassenden Hitler-Biographie. Ian Kershaw, der Verfasser der letzten bedeutenden Hitler Biographie, beschäftigt sich mit Hitlers erster Lebenshälfte gerade mal 165 Seiten lang, während das Werk insgesamt 2312 Seiten umfasst.
In unserer Mai-Ausgabe folgt ein Interview mit Claus Peter Hant über »Hitler als Religionsgründer«. Was waren die religiösen oder quasireligiösen Aspekte an dem Kult um Hitler? Woher rührte sein Charisma? Was unterscheidet einen Führer von einem Verführer?
Von Claus Hant
Claus Hant ist Drehbuchautor. Er hat TV- und Kinofilme geschrieben, zuletzt »Der große Kater« mit Bruno Ganz. Der Film hat im Sommer 2010 Premiere. Die Webseite zum Buch: www.younghitler.com







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