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Üben in der Krise

Magazintexte - Spirit

Gesicht (»mir platzt der Kopf«)

Gedanken zu Peter Sloterdijks neuem Buch »Du musst dein Leben ändern«

Von Klaus P. Horn

Philosophie hat traditionell einen Preis, den in unserer Instant-Kultur kaum jemand zu zahlen bereit ist: Ihre Einsichten kosten hunderte Seiten von ermüdendem Jargon und anstrengender Gedankenakrobatik. So gesehen ist der neue Sloterdijk geradezu ein Schnäppchen. Zwar ließe sich das Wesentliche auch hier auf einen Bruchteil des Volumens komprimieren. Aber es gelingt dem Autor, Philosophie lesbar, ja beinahe schon anschlussfähig zu machen. Er tanzt fast leichtfüßig mit der schrulligen alten Dame, lotet dabei ihre zeitlosen Tiefen aus, schwingt sich behände mit ihr über Abgründe und Flachland und hebt gelegentlich auch mal ab.

Keine Endstationen des Denkens

»Als Kritik des Märchens von der Rückkehr der Religion könnte man seine Thesen verstehen. Doch nicht die Religion kehrt zurück. Es verschafft sich vielmehr etwas ganz Fundamentales in der Gegenwart Raum: der Mensch als Übender, als sich durch Übungen selbst erzeugendes Wesen.« So der Klappentext, der vermuten lassen könnte, der Autor steuere den Sackbahnhof des radikalen Konstruktivismus an, in dem früh ermattete Forscher ihre Reise mit dem Mantra von der selbst konstruierten Wirklichkeit beenden. Doch nicht um Endstationen des Denkens geht es ihm, sondern um nicht weniger als eine »grundlegende und grundlegend neue Anthropologie«. Wie löst er diesen Anspruch ein? Mit Humor, feiner Ironie und schonungsloser Konsequenz erzählt er unsere Story: das Projekt Mensch.

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Selbst- und Weltverbesserung

Die Geschichte beginnt mit Rilkes jäher Erkenntnis in der Kontemplation eines antiken Torso:
»Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern!« Dieser »absolute Imperativ« ist es, der uns zu »Vertikalbewegungen« treibt, um, entsetzt über uns selbst, aus der dumpfen Automatik des Kollektivs auszubrechen. So beginnt alle »Askese« und »Athletik«, also übersetzt: alles Suchen, Üben, Trainieren und Meditieren, oder, wie der Autor es in Anlehnung an frühe sowjetische Utopisten nennt, alle »Anthropotechnik«. Unter diesem Begriff fasst er sämtliche Bemühungen der Selbst- und Weltverbesserung von der Wüstenklause bis zur Weltrevolution, von individueller Lebensakrobatik über Politik und Wissenschaft bis zur Staatskirche.

Worum geht es bei all unseren anstrengenden Übungen? Immer nur um das eine: der »Conditio Humana«, der menschlichen Grundsituation zu entkommen. Also um »Immunisierung«, dauerhafte Erlösung vom irdischen Leid, Unverletzlichkeit, oder doch wenigstens wirksame Anästhesie.

Das Denken und das Selbst

Und welche Rolle spielt dabei die Philosophie?, könnte man denken. »Denken« beginnt, sagt Sloterdijk, wenn das »Affentheater der Assoziationen« endet, das »neuerdings als Wettbewerb der ›Meme‹ um freie Rechenkapazität des Neocortex beschrieben wird.« Das sind buddhistisch anmutende Anklänge an ein Stadium der Bewusstseinsentwicklung, das konsequente Übungsdisziplin voraussetzt. Sein Übungsverständnis ähnelt dabei dem jener Zen-Tradition, deren Motto »Übung ist Erleuchtung, und Erleuchtung ist Übung« (Dogen) bei Sloterdijk heißt: »Das Selbst ist ein Gewitter aus Wiederholungsreihen unter einem Schädeldach.«

Statt buddhistischer Zuflucht sucht der Autor Anschluss in der griechischen Antike. Mit dem philosophischen Pantheon im Rücken und ihrem Wiedergeburtshelfer Nietzsche zur Seite bricht der Philosoph eine Lanze für spirituelle »Askesen« (also Übungssysteme) gegen »die Welt des alten Adam, das riesenhafte Universum der unbeleuchten Üblichkeiten«, die aus »lebenden Karikaturen der Durchschnittlichkeit« und »fleischgewordenen Platitüden« besteht. Wohin gegen es zum »Charme freier Menschen gehört, dass sie die Karikatur, die sie hätten werden können, durchscheinen lassen.«

Franz von Assisi, Osho und andere

So zum Beispiel der von ihm so genannte »Performancekünstler« Franz von Assisi, oder auch Osho, »Duchamp des spirituellen Feldes« und für den Autor »die vierte weltweit ausstrahlende Gestalt indischer Spiriitualität des 20. Jahrhunderts neben Ramana Maharshi, Jiddu Krishnamurti und Aurobindo«. Dazu noch der erste, der mit seinem Namenswechsel von Bhagwan zu Osho das »Re-branding der guruzentrierten Anthropotechnik« erfand.

»Religion« entsteht aus dem Auflauf um eine Ekstase, ihrer öffentlichen Zurschaustellung und der Regelung des Zugangs

Dagegen bescheinigt er dem Gründervater der Jesuiten, Ignatius von Loyala, lediglich einen Trainerwechsel vollzogen zu haben. Überhaupt geht er mit der »Religion« genannten Übungstechnik erfrischend sachlich um: Sie entstünde schlicht aus dem Auflauf um eine Ekstase, ihrer öffentlichen Zurschaustellung und der Regelung des Zugangs. Noch deutlicher pointiert er es mit dem Antipropheten Cioran: Religion beginne, wo man »Schaulustigen gestattet, sich um unsere geschwätzigen Verzückungen zu scharen«.

Religion Fiction am Beispiel Scientology

Wo es an Ekstase mangelt, können sich ambitionierte Religionsgründer auch mit Fiktion behelfen. Amüsant wird dieser Vorgang an der »Religion Fiction« Scientology beschrieben. Gründer Hubbards Verdienst: »Der beste Beweis dafür, dass es Religion nicht gibt, ist es, eine zu gründen.« Und zum peinlichen Urteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zur »Religion« Scientology: »Höchstrichterlich ist somit statuiert, dass der Tatbestand Religion in unserer Zeit durch die Behauptung eines Unternehmens, Religion zu sein, erfüllt ist.« In den Foyers des Konzerns muss Sloterdijk auch einmal Gelegenheit gehabt haben, einen Einblick in den scientologischen Himmel zu erhaschen: »Freimütig gestattet die scientologische Theologie den Religionsgründern der Vergangenheit, zu ihm, dem Vollendeten aufzuschauen – Buddha, Lao Tzu, Jesus, Mohammed … Sie alle dürfen sich darüber freuen, dass in Hubbard erreicht ist, wonach sie selbst mit noch untauglichen Mitteln strebten.«

Die Erhabene, die Krise

Wo stehen wir Heutigen? Mitten in »entspiritualisierten Askesen«: »Was früher in Eremitagen war, ist (heute) die Mitte der Gesellschaft, die ständige Selbstverbesserung nach Fitnessplänen für den Erfolg im Leben.« Das geht schief, diese steile Leiter fällt, denn den Übungsdisziplinen des Mainstreams, in welchem »vorauseilende Entgeisterung … der Zeitgeist ist« , fehlt nach dem von Nietzsche verkündeten Tod Gottes »der obere Anlehnpunkt«. Also ist eines klar, nämlich dass »es so nicht weitergehen kann mit der Welt.« Daher die Krise.

Sie ist heute »die Erhabene, die Autorität … Sie tritt an die Stelle der Religionen«. Auch deshalb sollten »die spirituell Interessierten unserer Tage … zur Kenntnis nehmen, dass die großen Lehrer der Menschheit von Lao Tzu bis Gautama Buddha, von Plato bis Jesus, und warum nicht auch Mohammed, im strengen Wortsinn nicht mehr unsere Zeitgenossen sind.«

Was hilft? Welchen Rat gibt uns der Philosoph, um die »Wiedereinbettung des ausgegrenzten Subjekts« und eine »neue Teilhabe des Spirituellen an der Welt« zu bewerkstelligen? Nach dem gründlichen und blutigen Scheitern der kommunistischen und utopistischen Kommune-Projekte empfiehlt er einen Ko-Immunismus – gemeinsam herausfinden, was funktioniert – und üben. Denn: »Der Mensch kann nicht nicht üben.« An die Stelle einer »Romantik der Brüderlichkeit« trete so eine »kooperative Logik«. Nun ja.

Sich selbst entkommen

Nach der kurzweiligen Reise auf dem schnell fließendem Strom starker Gedanken, durch Passagen kühner Ideen und überraschender Wendungen, in der kraftvollen Sprache dem »Zarathustra« Nietzsches nicht unähnlich, rollt das Werk am Ende damit recht schlicht aus ins Gleis des Üblichen. Vage bleibt auch der Entwurf einer neuen »Disziplinik« des Lernens, vom Autor selbst zwar ein »Ungeheuer« genannt, dem aber bereits in der Skizze Wesentliches fehlt.

Sloterdijks Sprache ist um ein Vielfaches verständlicher als die mancher seiner Kollegen, und doch bleibt sie Jargon und Beschwörungsritual. Sie beschwört auf jeder Seite seine Zugehörigkeit zur akademischen Philosophie, zur wissenschaftlichen Community. Nun ist das bei jedem Sprachjargon der Fall. Doch nicht jeder beansprucht sich selbst zu entkommen. Ein Philosoph, der mitmischen will, muss laut Sloterdijk, so wie der von ihm geschätzte Rorty, »den Mut zur Simplizität haben«, denn »allein in einer jargonfreien Sprache läßt sich darüber reden«.

Da gäbe es durchaus noch einiges zu üben. Gut, dass es ja eben darum geht.

Photo Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. Suhrkamp 2009, 723 S., HC, 24,80 €

Bewertung: fünf Sterne 5 Sterne Anmerkung: Die Bewertung des Rezensenten gibt nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder.

Photo Klaus P. Horn

Dr. Klaus P. Horn, Jg. 53, studierte Psychologie und Sozialwissenschaften in Berlin. Seit 1972 beschäftigt er sich mit systemischen Ansätzen. Seit 1987 schreibt er für connection. 1982 begann seine Tätigkeit als Coach und Trainer für Unternehmen.
www.dr-horn-training.de, www.horncoaching.de


Titelseite connection spirit 07-08/09, Link zum Shop

Aus dem Heft connection spirit Juli/August 2009



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