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»Wenn du sitzt, bist du Buddha«

Magazintexte - Spirit

Der Tempel
Der Aufgang zur Buddhahalle
(Hondô)

Ein Kurzretreat im japanischen Kippôji-Tempel

Das Leben ist ein Mysterium. Und es ist reich an Geschenken. Oder wie ist es sonst dazu gekommen, daß ich plötzlich hier sitze? In einem abgelegenen, fast vergessenen Zen-Tempel im tiefsten japanischen Hinterland, wo sich Bär und Schlange gute Nacht sagen. An einem Ort, an dem sich wohl seit Jahrhunderten nichts Wesentliches verändert hat, außer dass es heute immerhin eine Straße hier rauf gibt. Fast schon unwirklich erscheint mir diese Szenerie, wenn ich nun mit meiner Frau und einer handvoll Mönchen in aller Herrgottsfrühe so auf einem Kissen sitze, den losen Blick auf die leicht geöffneten Papierwände des Meditationsraumes gerichtet, just zu der Stunde, in der die Nacht langsam dem Tage weicht. Draußen schreien die Zikaden, als ob es um ihr Leben ginge, und drinnen summt irgend etwas Großes im Kreis herum. Nur wir sitzen still und atmen in der frischen Morgenbrise. So entrückt es mir auch vorkommen mag, so geborgen und vertraut fühle ich mich jetzt. Mit einem Male wird das Alles für mich völlig selbstverständlich. Das Stillen einer lang gehegten Sehnsucht? Oder Erinnerungen an ein früheres Leben? Die Tränen treten mir in die Augen, so übervoll ist mein Herz. Aber halt! – Wollte ich nicht meditieren?

Die Gedanken

»Es geht nicht darum, die Gedanken zum Stillstand zu bringen«, sagte mir der Vorsteher des Kippôji-Tempels in unserem Eingangsgespräch. »Wenn dein Verstand einmal keine Gedanken mehr produziert, ist das keine Meditation, sondern ein Fall für die Klinik. Natürlicherweise kommen Gedanken. Aber im Zazen fangen wir nichts mir ihnen an. Wir hängen ihnen nicht nach, führen sie nicht weiter aus oder benutzen sie zur Klärung einer Fragestellung. Wir messen ihnen so wenig Bedeutung bei, dass wir sie nicht einmal zu vermeiden versuchen oder wegdrängen wollen. Sie verziehen sich dann eh von selbst …"

Mönche
Der Abschied von den Mönchen
fällt richtig schwer

Es bereitete ihm offensichtlich Vergnügen, einen Westler einzuweisen. Allgemein war hier wohl ein Besuch von Außenstehenden nicht gerade an der Tagesordnung. Für meine Frau Rasata, die selbst Japanerin ist, war es gar nicht einfach gewesen, diesen Tempel überhaupt ausfindig zu machen. Bei ihrem ersten telefonischen Kontakt mit einem der Mönche hatte sich dieser mit unserer Anfrage nach einem Zazen-Retreat fast ein wenig überfordert gezeigt. Schließlich aber hatte man uns zwei Übernachtungen gewährt. Etwas wenig Zeit für all die vielen Eindrücke, genug Zeit aber, diesem magischen Ort mit seinen gastfreundlichen Bewohnern zu verfallen. Schnell wurden Rasata und ich in die Abläufe des Tempelalltags integriert. Gemeinsam mit den Mönchen saßen wir in Stille (Zazen), rezitierten Sutren (Chanten), und vollführten die Rituale dieser heiligen Stätte, die hier in fast unberührter, wild wuchernder Natur versteckt liegt.

Dôgens erster Tempel

Der Kippôji ist kein eigenständiger Tempel. Er unterliegt dem mächtigen Eiheiji-Tempel, einem der beiden Haupttempel des Sôtô-Zen, dieser renommierten Ausbildungsstätte für die Mönchselite und als imposantes Bauwerk eine riesige Touristenattraktion. Daneben steht der kleine Waldtempel Kippôji buchstäblich im Schatten. Und das, obwohl er über eine geschichtsträchtige Vergangenheit verfügt …

alt
Ein Blick in den Meditationsraum (Zendô)

Der Gründer des Kippôji war kein geringerer als Dôgen Zenji selbst, der Vater der Sôtô-Schule, der neben der Rinzai-Schule größten Strömung im Buddhismus des heutigen Japan. Dôgen (1200-1253) studierte in China den Zen-Buddhismus (chin.: chan) und soll dort auch die Erleuchtung erlangt haben. Nach seiner Rückkehr nach Japan gründete er zwar bei Kyôto eine Mönchshalle (sôdô), also einen Ort, an dem Mönche zusammen meditierten, aßen und schliefen – um einen wirklichen Tempel durfte es sich dabei allerdings nicht gehandelt haben. Erst als ein ihm ergebener Samurai Dôgen Ländereien in der Präfektur Echizen nahe dem heutigen Fukui überließ, entschloß er sich, darauf einen Tempel zu errichten: den Eiheiji-Tempel. Da dies von vornherein als ein großes, ehrgeiziges und somit auch zeitaufwendiges Unterfangen konzipiert war, baute Dôgen für sich und seine Mönche in den umliegenden Bergwäldern ein vorläufiges Quartier: den Kippôji-Tempel (oder Yoshiminedera, wie die Schriftzeichen ebenfalls ausgesprochen werden können). Somit ist der Kippôji der erste von Dôgen errichtete Tempel.

Nach der Fertigstellung des Eiheiji wurde natürlich dahin übergewechselt. Der Kippôji stand daraufhin lange Zeit leer und verkam fast schon zu einem Geistertempel. Erst im letzten Jahrhundert erinnerte man sich wieder an ihn als originären Tempel Dôgens und als Heimstätte des Sôtô-Zen. Er wurde wieder hergerichtet und betrieben von den Mönchen des Eiheiji-Tempels. Noch heute ist hinter dem Kippôji ein runder Stein zu sehen, auf dem einst, auf etwas Stroh gebettet, Dógen saß und in der freien Natur zu meditieren pflegte. Kommt daher der Brauch, Zazen auf einem runden Sitzkissen (zafu) auszuüben?

»Wir messen den Gedanken so wenig Bedeutung bei, dass wir sie nicht einmal zu vermeiden versuchen«

Sôtô und Rinzai Zen

Die Sôtô-Schule praktiziert das shikantaza, was soviel heißt wie »einfach nur Dasitzen«. Diese Form des Zazen unterscheidet sich von anderen buddhistischen Sitztechniken dadurch, dass der Geist dabei leer bleibt, die Aufmerksamkeit auf nichts gerichtet ist. Es wird also weder mit Atmung gearbeitet, noch mit Visualisierungen oder Reflexionen über die Sutren. Vor allem aber wird Abstand genommen von den in der Rinzai-Schule so verbreiteten koans, Fragestellungen oder Rätsel, die mit dem logischen Verstand nicht zu lösen sind und deren Antworten intuitiv erfasst oder empfunden werden sollen. Im Rinzai-Zen meditiert der Schüler so lange über das koan bis sein Meister mit der Antwort zufrieden ist. Oft kommt dies dann einer Erleuchtung gleich.

Im Sôtô-Zen hingegen gibt es kein Ringen um Erleuchtung, kein Bemühen, sie zu erlangen. Laut Dôgen haben wir alle schon von Geburt an die Buddhanatur. Es ist nicht nötig, sie irgendwo zu suchen oder sie sich verdienen zu wollen. Allein durch das stille Sitzen können wir unsere Buddhanatur erfahren. Zazen auszuüben heißt erleuchtet zu sein, beides ist nicht voneinander zu trennen. Dôgen sagte dazu: »Wenn du sitzst, bist du Buddha.«

»Irgendwann wird es egal, was du gerade tust – zazen, chanten, essen, kochen, putzen – alles geschieht aus dem einen Zen-Geist heraus«

Nur dasitzen

»Jeder kann Zazen praktizieren«, sagte uns der Tempelvorsteher, »du brauchst ja nur dazusitzen. Etwas anderes ist gar nicht nötig. Nur aufrechtes, aufrichtiges Sitzen. Dann ist deine Wirbelsäule über das Becken mit der Erde und über den Kopf mit dem Himmel verbunden. So kann sich der Drache in deinem Innern um sie herumschlängeln. Du hockst nicht da wie eine dösende Katze in der Sonne, du sitzst mit der geschmeidigen Kraft des Drachen.«

Klingt doch klasse! Tatsächlich kam ich mit dem Zazen ganz gut zurecht. Mir gefiel dabei auch das liebevolle Massieren des Kissens vor und nach dem Sitzen. Ebenso die Gartenarbeit, den abendlichen Kontrollgang und das Schlagen der Glocken und Trommeln machte ich gerne mit.

Etwas mehr Schwierigkeiten bereitete mir das geradezu absurd anmutende Zeremoniell des Essen, vor allem beim Frühstück. Die Handhabung des Essgeschirrs ist durch einem festgelegten Ablauf genaustens vorgeschrieben – wie die Schalen zu stehen haben, wann die abgelegten Stäbchen und Löffel in welche Richtung zu weisen haben, wie das Essen gefasst und das Geschirr gesäubert und wieder zu einem Päckchen geschnürt wird, wann man sich zu verneigen hat (gasshô), und so weiter … Doch gerade hier beeindruckte mich die Engelsgeduld der Mönche, die unermüdlich erklärten, vormachten und korrigierten, ohne den geringsten Leistungsdruck aufkommen zu lassen. Mit einer entspannten Selbstverständlichkeit erlaubte man es uns, im Rahmen unserer Möglichkeiten unsere Erfahrungen zu machen. »Irgendwann wird es egal, was du gerade tust«, eröffnete uns einmal einer der Mönche, »zazen, chanten, essen, kochen, putzen – angenehmes oder unangenehmes – alles geschieht aus dem einen Zen-Geist heraus. Die eigentliche Handlung ist nur eine Äußerlichkeit, eine der vielen Ausdrucksweisen des einen Zen-Geistes.«

Ein Tag im Tempel
4.00
Wecken
4.20
Zazen im zendô
5.20
Chanten im hondô
5.50
Morgenbegrüßung
6.00
Frühstückszeremoniell
7.00
Hausarbeit
7.30
Teepause
8.00
Chanten
8.30
Gartenarbeit
9.30
Pause
10.00
Zazen
11.00
Chanten
11.30
Mittagessen
12.00
Pause
13.00
Gartenarbeit
15.00
Zazen
16.30
Chanten
17.30
Abendessen
18.00
Bad nehmen
19.00
Unterredung mit dem Vorsteher
20.00
Zazen
21.00
Kontrollgang durch den Tempel
Nachtruhe

Das Menschliche

Vor unserer Abreise saßen wir alle nocheinmal in einer lockeren (nicht ritualisierten) Runde bei Tee und Keksen zusammen und plauderten über alles Mögliche. Manche Mönche wurden dabei recht redselig und erzählten zum Beispiel von ihrer Aversion gegen das Priestergewerbe in Kindheitstagen, von dem Traum, in Belgien das Konditorhandwerk zu erlernen oder von der faszinierenden Vorstellung, nachmittags unter Kastanien zu sitzen und Bier aus einem 1-Liter-Glas zu trinken. Ein Anderer blieb schweigsam; Rasata sagte mir hinterher, er habe ihr verraten, dass er einen solchen geselligen Umgang mit Leuten nicht gewohnt sei. Er verbrächte die meiste Zeit im strengeren Eiheiji-Tempel, wo es zu so etwas wenig Gelegenheit gäbe. Es war schön, auch die persönlichere, menschliche Seite dieser Männer gezeigt zu bekommen und zu sehen, dass auch hierbei das gegenseitige Achten, Respektieren und Wohlwollen Grundlage des Zusammenseins ist.

Es wurde uns viel gezeigt und gelehrt während unseres kurzen Aufenthalts. Die wichtigste Botschaft jedoch fand ich jenseits der Worte, Erklärungen und Riten. Es war die ehrliche Geradlinigkeit der Mönche – die warme, offenherzige Atmosphäre, die hier im Tempel herrschte. Alles geschah so konsequent und nachdrücklich, ohne dabei ernst oder programmatisch zu wirken. »Also, praktiziere viel Zazen!« rief mir noch ein Mönch nach, als wir schließlich aufbrachen. Heute verstehe ich seine Worte als: »Übe nicht – sei erleuchtet!« Ja, warum eigentlich nicht? Ich wünsche mir mehr von diesem Zen-Geist in unserer Welt, vor allem auch außerhalb von Tempelmauern, und ich bin unendlich dankbar, ihn einmal in so reiner Art geatmet zu haben. Noch trage ich ihn in mir …

»Wenn ich hier von Zazen spreche, gebe ich euch keine Anleitung zu einer Meditationstechnik. Zazen ist schlichtweg das Dharmator zufriedener Gelassenheit, das ausgeübte Erweisen der allerhöchsten Erleuchtung. … Wenn ihr dies begriffen habt, seid ihr wie ein Drache, der ins Wasser eintaucht, wie ein Tiger, der die Berge durchstreift. Denn wisset – der wahre Dharma verwirklicht sich von selbst und sogleich werden Trübsicht und Zerstreutheit abfallen von euch.« — Dôgen Zenji zu den Mönchen des Kippôji-Tempels am 11. 11. 1243

Prakash Frank Sanzenbacher

Photo

Prakash Frank Sanzenbacher, Jg. 68, lässt sich gerne von Ereignissen und Menschen berühren und berührt auch selber gerne. Als HP und Physiotherapeut führt er in München eine Praxis für Körperarbeit, Massage und ganzheitliche Manualtherapie, www.prakash-koerperarbeit.de
 


Titelseite connection spirit 11/08

Aus dem Heft connection spirit November 2008



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