Mein Credo
Amo ergo sum
Vor zehn Jahren fand sie ihr Lebensmotto »Ich liebe, also bin ich« – und blieb dabei
Intro: »Es gibt keinen anderen Weg zur Liebe als die Liebe« sagt die Kulturanthropologin
Christina Kessler und hat die Liebe als »Weltformel, nach der wir alle suchen« zur Grundlage ihres »amo-Projektes« gemacht. Sie setzt ihr Konzept der Entwicklung der Herzensqualitäten bewusst gegen Descartes »Cogito ergo sum«, das Konzept des rationalen Denkens, das die Welt in Einzelteile trennt. Dieses Trennende »cogito« des patriarchalen Zeitalters will sie durch das Verbindende »amo« überwinden, denn: Wir sind miteinander verbunden – alles hängt mit allem zusammen
»amo ergo sum – ich liebe, also bin ich«, das ist mein Credo. Ich glaube an die Liebe und bin überzeugt davon, dass sie die stärkste Kraft ist, die es gibt, und dass wir von ihr nur viel zu wenig Gebrauch machen.
Vor zehn Jahren habe ich dieses Lebensmotto als Titel für mein erstes Buch über die Liebe gewählt. Und wie immer, wenn etwas wirklich stimmig ist, wirkte dieses »amo ergo sum« weiter. Heute steht es für meine Arbeit als solche und alles, was sich im Laufe der Zeit um sie herum entwickelt hat – und ist auf ein schlichtes »amo« eingeschmolzen: ich liebe.
Hier ist die Rose, hier tanze!
Wohin wird man geführt, wenn man auf der Suche nach der höchsten Vision des Lebens ist, nach Wahrheit, Freude, Schönheit, Leidenschaft? Auf der Suche nach einem Leben, das voll und ganz genutzt, dessen Geschmack in allen Nuancen ausgekostet werden will? Und nicht nur für einen selbst gut ist, sondern auch für die anderen?
Man wird automatisch zur Liebe geführt. Denn dort, wo es mich zu etwas hinzieht, liebe ich bereits. Da beginne ich, mich in Beziehung zu setzen. Da entsteht Magnetismus, eine Kraft, die wirkt, ohne dass ich etwas dafür tun müsste, die vielmehr ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit folgt – lebendiger Eros, die ungezähmte schöpferische Energie, die jeden, von dem sie Besitz ergreift, dazu veranlasst, das zu tun, was sein soll. Hier ist die Rose, hier tanze! Die Liebe bringt uns in die Begegnung mit uns selbst und unserem eigentlichen Wesen. Wer ihr folgt, wird an seinen Platz im Ganzen geführt. Dabei werden Beziehungen zu erfüllten Beziehungen und das eigene Wirken zu einem kraftvollen Wirken.
Mit sich selbst im Reinen
Jeder hat den Zustand der Liebe schon erlebt. Wenn wir lieben, sind wir mit uns selbst im Reinen und alles ist in Ordnung, so wie es ist. Wir könnten uns selbst und die ganze Welt umarmen, wir schwimmen in einem Ozean von Glückseligkeit und haben intuitiv ein Gefühl für das Richtige. Alles scheint uns in diesem Zustand zu gelingen. Wir zeigen uns, wie wir sind und fühlen uns gut dabei. Wir folgen der inneren Stimme, geben uns hin an den Augenblick und erschaffen den nächsten Augenblick aus der visionären Kraft unserer Träume. Wir atmen das Leben, und umgekehrt scheint das Leben uns zu atmen. Liebe ist begleitet von einem intensiven Gefühl des Ich-Bin und einer tiefen Akzeptanz des Es-Ist.
Ebenso haben wir alle schon die Erfahrung gemacht, dass dieser Zustand sich auch wieder verflüchtigt, manchmal sogar sehr schnell. Wie aber wäre es, wenn er sich immer wieder herstellen ließe, wenn man ihn bewusst für seine Lebensgestaltung nutzen könnte? Das wäre das Paradies!
Lieben kann man lernen und damit zum Meister seines Lebens werden. Man muss nicht darauf warten, bis sie von außen kommt
Zeit meines Lebens hat mich diese Überlegung begleitet. Ich habe die Antwort gefunden: Lieben kann man lernen und damit zum Meister seines Lebens werden. Man muss nicht darauf warten, bis die Liebe von außen kommt und einen dann vielleicht bald wieder verlässt. Die Tür ins Paradies liegt in uns selbst, und wir können sie jederzeit öffnen, selbst wenn sie direkt vor unserer Nase zugefallen ist. Wir müssen nur die Logik der Liebe verstehen. Wie also sieht diese Logik aus?
Die Logik der Liebe
Liebe ist das Prinzip der Verbundenheit und die Kraft, die nach Verbindung strebt. Viele haben das bereits herausgefunden und bestätigt. In allen Kulturen und zu allen Zeiten.
Wenn wir im Kulturvergleich die Inhalte der Weisheitslehren untersuchen, finden wir ihren gemeinsamen Kern. Er lautet: Alles ist mit allem verbunden
Heute befinden wir uns jedoch in einer einmaligen Situation, die ganz neue Kombinationen über die Liebe zulässt. So haben wir zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeit, im Kulturvergleich die Inhalte der Weisheitslehren zu untersuchen und nach ihrer Essenz, ihrem gemeinsamen Kern, zu forschen. Er lautet: Alles ist mit allem auf lebendige Weise verbunden.
Zu demselben Ergebnis kam auch die neue Wissenschaft. Auf der Suche nach den kleinsten Bausteinen der Materie fand sie heraus, dass es am Grund des Kosmos gar keine Materie mehr gibt. Dort finden sich nur noch unteilbare Beziehungen. »Das Wesen des Universums ist Allverbundenheit«, lautet die Aussage der Wissenschaft über den Bereich des Kleinsten. Hier begegnen sich Wissenschaft und Weisheit in einer gemeinsamen, unwiderlegbaren Tatsache. Hier offenbart sich die letzte Wahrheit, eine universelle Wahrheit: Alles ist mit allem verbunden.
Wenn nun aber die Liebe das Prinzip der Verbundenheit ist, dann muss sie die Grundstruktur des Universums sein! Genau so ist es.
Liebe ist die Bindekraft, die Verbundenheit bewirkt – die kosmische Wirkkraft. Liebe ist das Beziehungshafte an sich. Sie »das ewige Gesetz« (sanātana dharma), wie die Inder sagen, das Urgesetz, aus dem sich alle übrigen Gesetze, auch die der Natur und des menschlichen Miteinander, ableiten. Sie ist der immaterielle und genuin schöpferische Urgrund, der in allem wirkt. Gleichzeitig ist Liebe der lebendige Impuls, der danach drängt, Beziehung zu schaffen. Liebe ist Leben – der unsichtbare Stoff, der uns selbst und die Welt im Innersten zusammenhält. Sie ist der kosmische Rhythmus, den das gesamte Universum tanzt, der Rhythmus des Werdens, des Loslassens und Neu-Entstehens. Sie ist Kommunikation in ihrer reinsten Form – Kommunion.
Liebe ist die Weltformel, nach der wir alle suchen, die Essenz von Sein und Werden; das Wesen alles Seienden, so auch das wahre Wesen des Menschen; der archimedische Punkt, jener Punkt, von dem Archimedes meinte, er könne ganz alleine die Erde anheben, wenn er nur diesen Punkt und einen ausreichend langen Hebel hätte. In der Philosophie wird dieser Begriff verwendet, um eine unbezweifelbare Wahrheit zu bezeichnen, von der ausgehend man die Welt erklären könnte. Vor 350 Jahren meinte der französische Philosoph René Descartes diesen Punkt gefunden zu haben – in der Unbezweifelbarkeit des »cogito ergo sum – ich denke, also bin ich«. Heute können wir von »amo ergo sum – ich liebe, also bin ich« sprechen.
Die Liebe leben
Die Liebe ist also immer und überall vorhanden. Doch muss sie erkannt und gelebt werden, um sein zu können. Daher ist Lieben der Weg ins Paradies, in die Ganzheit. Wenn wir lieben, schwingen wir uns in die kosmische Ordnung ein, synchronisieren uns mit ihr, haben Teil an ihr und ihren heilenden Impulsen. Fazit: Es gibt keinen anderen Weg zur Liebe als die Liebe. Und dieser Weg muss von jedem Einzelnen beschritten werden. Von dir und von mir.
Aber erst, wenn man die Logik der Liebe kennt, kann man verstehen, was lieben wirklich bedeutet. Erst dann erkennt man, dass man nicht auf sie warten muss, dass sie vielmehr auf uns wartet. »Und da steht Er und wartet, und wartet, bis du die Tür des Herzens öffnest und erkennst, dass Er schon immer da gewesen ist, eines Herzens mit deinem«, heißt es bei Meister Eckhardt. Er, Gott – die Liebe.
Hier und jetzt können wir einsteigen und beginnen, ihren Rhythmus zu tanzen. Wir waren schon immer in sie eingebettet, sie war immer da. Lediglich unser Bewusstsein, so erkennen wir jetzt, neigt dazu, sich quer zu stellen. Allem Anschein nach immer dann, wenn sich unser Kopf durchsetzen will.
»Cogito ergo sum.« Das rationale Denken lässt uns in der festen Überzeugung verharren, wir seien ein vom Rest der Welt getrenntes Einzelteil. Ich und die anderen. Aus diesem Glauben heraus beginnen wir uns auch so zu verhalten.
Wir handeln, als ob wir nichts zu tun hätten mit denen da draußen. Nichts ahnend, dass wir uns damit vom Lebensstrom abschneiden, uns gegenseitig das Leben schwer machen und alle möglichen Formen von Konflikten erzeugen. Im Kleinen beginnt es mit Negativität, Konkurrenz, Neid und Haben-Wollen. Dann steigert es sich zu Gier und Machtgelüsten, verbunden mit Hass, Aggression, Ausbeutung und Gewalt. Am Ende stehen wir vor den drei großen Ks: Kriegen, Krisen, Katastrophen.
Das Erschütternde daran: All das ist völlig unnötig. Wir könnten unsere Energie dafür einsetzen, den Himmel auf die Erde zu holen. Stattdessen erschaffen wir unsere eigenen Höllen. Unsere gesamte gegenwärtige Zivilisation ist von einer trennenden Geisteshaltung geprägt. Der typische Mensch von heute lebt mit einer ständigen Angst im Nacken, die nichts anderes ist als ein Indikator für die Abspaltung von unserem Wesenskern. »Cogito ergo sum« – der Ausspruch René Descartes’ war zum Leitmotiv des materialistisch-mechanistischen Weltbilds patriarchaler Prägung geworden, in dem die trennende Ratio die Vorherrschaft genoss, und von dem wir alle geprägt und konditioniert sind, bis tief in die Zellen hinein.

Liebe ist die Weltformel, nach der wir alle suchen,
die Essenz von Sein und Werden
Herzensqualitäten – verbinden statt trennen
Das verkopfte Trennungsbewusstsein lässt sich jedoch durch ein verbindendes Herzbewusstsein überwinden. Und das ist nicht einmal schwer. Der moderne Mensch sucht im Komplexen und Komplizierten, dabei liegen die Antworten so nah. Von jeder Ecke des Jammertals aus gibt es einen direkten Zugang zum Paradies: die Herzensqualitäten. Herzensqualitäten sind die Facetten der Liebe, positive Eigenschaften, Tore zur Ganzheit. Früher wurden sie als Tugenden bezeichnet: Mut, Akzeptanz, Dankbarkeit, Bejahung, Wahrhaftigkeit, Toleranz, um nur einige von ihnen zu nennen.
Das Wort Tugend kommt von »taugen«. Gemeint ist: dem Leben taugen, das Beste aus dem Leben machen. Tugenden sind Eigenschaften, die uns befähigen, uns selbst und die anderen liebevoll anzunehmen, aus Leid zu lernen, unter allen Umständen zu wachsen und Schmerz in Freude zu verwandeln. Diese Eigenschaften reflektieren das Wahre, Gute und Schöne. Sie führen aus der Trennung in die Ganzheit. Es sind jene Eigenschaften, durch die sich die Liebe ausdrückt und die gleichzeitig in den Bewusstseinszustand der Liebe führen.
Sobald sich die Tür öffnet und die Verbindung hergestellt ist, beginnt die Energie zu fließen. Was sich sofort und spürbar auswirkt: die Stimmung hebt sich, das Gemüt hellt sich auf, schlechte Gedanken und Gefühle, Knoten und Widerstände, Verspannungen und Stress lösen sich auf. Intuition und Inspiration können stattfinden. Heilung geschieht – Heilung aus der Mitte. Wir sind glücklich. Und dieses Glück strahlen wir aus, um andere damit zu infizieren, denn Glück ist ansteckend, wie die Glücksforschung zeigt.
Die Rückeroberung der Weisheit
All das ist einfach, radikal einfach, und daher für jeden machbar. Entweder wir lieben und erleben die Anbindung an die kosmische Ordnung oder die Tür fällt zu. Doch wie gut ist es, zu wissen: Wir können sie jederzeit wieder öffnen.
Herzensqualitäten sind gelebte Liebe. Ein Tor führt zum nächsten. Sie entsprechen einem universellen Gesetz und sind daher überall anwendbar, in unserem eigenen Leben, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft. Es sind Werte, die von innen kommen. Sie führen zur Rückeroberung der Weisheit, schulen unser subtiles Empfindungs- und Wahrnehmungsvermögen und schaffen Raum für spielerische Kreativität. Das Leben wird lebendiger. Es kommt zu einer Wieder-Erotisierung der Wirklichkeit, wie Aldous Huxley es nennen würde – zur kontinuierlichen Erneuerung.
Lieben heißt, zu dem werden, der wir sind und immer sein wollten. Vollenden, was in uns angelegt ist. Ganz Mensch sein
Liebe ist wie der Frühling. Sie kleidet alles in ein anderes Licht, bringt Farbe in den Alltag und lässt uns sichtbar aufblühen. Lieben heißt, zu dem werden, der wir sind und immer sein wollten. Vollenden, was in uns angelegt ist. Ganz Mensch sein. Die totale Erfahrung des Lebens machen.
Durch die Entwicklung von Herzensqualitäten erleben wir eine profunde Lebensklärung, die es uns erlaubt, immer tiefer in die inneren Räume vorzudringen und gleichzeitig die Welt da draußen immer mehr zu umarmen – bis wir das Ganze in uns selbst erkennen und das Selbst in allem wahrnehmen.
In ihr ist alles enthalten
»Eines Tages, nachdem wir die Winde, die Wellen, Ebbe und Flut und die Gravitation gemeistert haben, werden wir uns auch die Energien der Liebe nutzbar machen. Und dann, zum zweiten Mal in der Geschichte unseres Planeten, wird der Mensch das Feuer entdecken«, hatte der französische Philosoph Teilhard de Chardin so weise vorausgesehen. Was zögern wir also noch?
Es wirkt, immer und überall. Vielleicht nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Wenn wir jedoch einmal die Logik der Liebe durchschaut haben, sehen wir auch, dass sie nicht irrt. Wir können ihr blind vertrauen. Auch von der philosophischen Argumentation her habe ich in den all den Jahren meines Schaffens noch keine Lücke entdeckt. Deshalb glaube ich an die Liebe, und nur an die Liebe. Mehr brauche ich nicht zu glauben, denn in ihr ist alles enthalten, was dem Leben dient. Liebe ist Leben, und ich glaube an das Leben. Aus diesem Grund ist amo ergo sum eine Liebesphilosophie, eine Lebensphilosophie, eine Lebenshaltung. Mein Credo.
Von Christina Kessler
Dr. phil. Christina Kessler, Jg. 55, studierte Kulturanthropologie, Religionswissenschaft und Philosophie. Viele Reisen führten sie zu den großen Weisen und Heilkundigen unserer Zeit. Sie gibt Kurse und Ausbildungen u.a. im ZIST bei Penzberg. Unser Interview mit ihr erschien in connection Spirit 3/07. www.christinakessler.com, www.amoproject.net
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