Aufgeklärte Mystik
Symbolverständnis jenseits der naiven Verstehtrancen
Wo liegt der Schlüssel zum Verständnis von innen und außen, Welt und Mensch, Gott und Natur, Diesseits und Jenseits, Fakt und Fiktion? Vielleicht liegt er in der Natur der Sprache, der Symbole und all dessen, was in uns Wirklichkeiten erweckt, aber zugleich auch wirklich ist
Sein oder bedeutend sein, das ist wie bei Shakespeares »To be or not to be« die Grundfrage aller Symbolik. Was ist ein Ding – und was bedeutet es? Auf den Menschen angewandt: Wer ist jemand? Und wofür steht dieser Mensch? Wobei im Falle des Menschen die Identität – also das, was er ist – in enger Wechselbeziehung mit seiner sozialen Bedeutung steht oder mit ihr sogar identisch ist. Für die meisten Dinge, die Bedeutung tragen, gilt das keineswegs.
Wir wollen eintauchen und verschwinden, aber auch herausragen und erkannt werden in unserer Einzigartigkeit
Beginnen wir einfacher: Wann hat ein Ding oder Ereignis Bedeutung? Im Falle, dass wir etwas nur einmal erleben und dann nie wieder und uns auch nicht daran erinnern, hat es für uns keine Bedeutung. Tritt es aber wiederholt auf und im Kontext mit einem für uns essentiellen Lebensthema, dann hat es Bedeutung. Ende Februar kommen bei uns die Stare aus ihrem Winterquartier an. Für mich sind sie Boten des Frühlings, für mich haben sie also Bedeutung. Sie steigern mein Lebensgefühl, ich freue mich, sie zu hören und zu sehen, wie sie sich in den noch kahlen Bäumen versammeln und endlos palavern – vielleicht darüber, wo sie demnächst ihre Nester bauen, oder wer mit wem sich dabei zusammentut. Für einen Bauern haben sie eine etwas andere Bedeutung, er wird an das denken, was er nun auf seinen Feldern zu tun hat, und ein Anbieter von Heizöl wird vielleicht denken, dass jetzt bald das Halbjahr beginnt, in dem er weniger verdient.
Wie funktioniert Sprache?
Für mich ist die Frage nach der Bedeutung von etwas oder jemand seit ein paar Jahren zur Grundfrage überhaupt geworden. Sie hängt eng mit der spirituellen Grundfrage »Wer bin ich?« zusammen. Die Antwort, die ich gefunden habe, ist die: Wer die Frage nach der Bedeutung beantworten kann, der hat auch die spirituelle Grundfrage beantwortet oder ist in der Permanenz des Fragens so heimisch geworden, dass die Suche erloschen ist. Die Frage nach der Bedeutung von etwas oder jemand ist die Frage nach dem Sinn (oder der Funktionsweise) von Sprache. Ich meine, dass ein Erkennen der Funktionsweise von Sprache auch so gut wie alle anderen spirituellen und philosophischen Fragen beantwortet.
Ein Erkennen der Funktionsweise von Symbolen beantwortet auch die meisten anderen philosophischen und religiösen Fragen
Während ich das schreibe, kommt mir diese Behauptung sehr vermessen vor, aber im Moment fällt mir keine essentielle Frage ein, die nicht von der Funktionsweise der Sprache und der Wirkkraft von Symbolen berührt würde. Ich will deshalb mit dieser These leben; so lange, bis ich Grund habe, sie wieder zu verwerfen. Diejenigen, die nun sagen »Der spinnt!« und diese Zeitschrift wieder weglegen möchten, bitte ich, mir ein paar Atemzüge lang zu folgen (vielleicht dauert es auch etwas länger…) und dabei die Möglichkeit ins Auge zu fassen, dass ein Einblick in das Funktionieren von Sprache alles andere über den Haufen werfen kann, was man sich von der Welt und sich selbst bisher gedacht hat. Es könnte also ein Schock sein. Wer Texte des Philosophen Ludwig Wittgenstein gelesen hat, der sich sein Leben lang mit der Frage nach dem Sinn und Funktionieren von Sprache befasst hat, hat diesen Schock vielleicht schon ein paar Mal erlebt und mag sogar Gefallen gefunden haben an diesen Erschütterungen.
Aber man braucht kein Wittgenstein-Fan zu sein; man braucht ihn nicht einmal zu kennen oder je gelesen zu haben, um sich der Frage nach dem Sinn und der Funktionsweise von Sprache zuzuwenden. Es genügt eine gewisse Neugier sich selbst und den Phänomenen des Lebens gegenüber und die Bereitschaft, das, was andere sagen, nicht gleich für bare Münze zu nehmen, auch wenn es oft wiederholt wird und als anerkannt gilt. Wobei auch »bare Münzen« der Gefahr der Inflation ausgesetzt sind, einer gegen Null gehenden Entwertung, denn auch Geld ist ein Symbol, welches nur funktioniert, wenn innerhalb eines Kollektivs alle daran glauben; und es funktioniert auch nur für diejenigen, die daran glauben. Das gilt übrigens für alle anderen Symbole in vergleichbarer Weise auch.
Zeichen und Symbole
Die Begriffe »Zeichen« und »Symbol« unterscheide ich hier nicht, und zwar aus ähnlichen Gründen, aus denen ich die üblichen Unterscheidungen zwischen »Ich« »Ego« und »Selbst« für verwirrend halte. Ich sehe nämlich keinen Sinn darin, bei diesen Begriffen eine Hui- von einer Pfui-Variante abzugrenzen, ohne im selben Atemzug die Kriterien dieser ethischen Entscheidung zu nennen.
Die Null wurde Jahrhunderte lang vom Christentum verteufelt, so dass die indische und arabische Mathematik der europäischen überlegen blieb
Auch das Hakenkreuz, die Kutten des Ku-Klux-Klan und die Schlachtrufe der Hunnen sind Symbole, nicht nur das Tao-Symbol, das Enneagramm und das Om mani padme hum der Tibeter. Symbole können Bedeutungsträger von etwas als gut Bewertetem sein, aber auch von Abgelehntem, als schlecht Bewertetem. Und die Buchstaben und Vokallaute unserer Sprachen, die Straßenverkehrszeichen, die Zeichen des Morsealphabets oder die der Blindenschrift – sind das alles »bloß« Zeichen? Auch das Om (der heilige Laut der Hindus) oder das Alfa und das Omega der Bibelleser, das sind zunächst mal »bloß« Buchstaben. Tendenziell nennt man Zeichen, die eine schwerer erklärbare Wirkung hervorrufen oder die einen relativ komplexen Zusammenhang zu beschreiben versuchen, eher Symbole. Aber was ist die Null? Ein einfaches Zeichen, das beim Rechnen sehr nützlich ist. Andererseits wurde dieses Zeichen vom Christentum Jahrhunderte lang verteufelt (»Das Nichts ist das Einfallstor des Teufels«, hieß es damals), so dass die indische und arabische Mathematik lange der christlich-europäischen überlegen blieb. Ist die Null also doch ein Symbol? Die Trennungslinie zwischen Zeichen und Symbol ist kaum zu ziehen, deshalb verwende ich hier diese beiden Begriffe in derselben Bedeutung und meine damit alles, was Bedeutung trägt.
Normale versus spirituelle Symbole
Symbole können fatal die Wahrnehmung einschränken, aber auch höchstes Mitgefühl und selbstlose Opferbereitschaft erwecken
Als »Magazin fürs Wesentliche« beschäftigen wir uns mit Spiritualität. Vor allem, wenn es um Symbole geht, also vornehmlich bei etwas so Erhabenem wie den spirituellen Symbolen. Wir sollten hier folglich untersuchen, inwiefern spirituelle Symbole eine höhere oder tiefere Bedeutung haben als etwa ein Straßenverkehrszeichen. Ich halte es jedoch für einen Mythos, dass spirituelle Symbole sich von alltäglichen in ihrer Art oder Wirkung grundsätzlich unterscheiden. Eine Pyramide, ein Kreuz, das Om- oder Reiki-Symbol sind in ihrer Wirkung nur komplexer, aber grundsätzlich nicht anders als etwa ein Morsezeichen oder das »Kikeriki« eines Hahns. Man kann nicht so leicht festmachen, wie etwa ein christliches Kreuz in einem bayerischen Schulzimmer auf Schüler und Lehrer wirkt, oder die sich drehende Kristallkugel eines Zimmerbrunnens auf die Besucher im Wartezimmer eines Heilpraktikers.
Dass diese Symbole wirken ist sicher, aber wie wirken sie? Klar wirkt die Kaaba auf einen Moslem und der Kailash auf einen Hindu oder tibetischen Buddhisten, der Arunachala auf einen Advaita-Schüler, der korrekt gebundene Turban auf einen Sikh und die US-Flagge auf einen Marine der US-Navy, aber genau wie wirken diese Symbole jeweils? Ich ziehe es vor, in allen diesen Fällen so weit wie möglich die Nebelwerfer von den Bühnen wegzulassen, sondern lieber festzustellen, dass da eine enorme Wirkung vorhanden ist, manchmal fatal die Wahrnehmung einschränkend, manchmal auch höchstes Mitgefühl und selbstlose Opferbereitschaft erweckend. Wir sind als Menschen eben sehr stark kulturell beeinflussbar, prägbar, führ- und verführbar, und solche Prägung und Führung geschieht durch Symbole. Durch nationale Flaggen und Hymnen, durch Embleme (»Gott mit uns« auf den Gürtelschnallen der Wehrmacht) und Amulette (das christliche Kreuz um den Hals, der islamische Halbmond, der Buddha, das Om-Zeichen oder das Symbol eines schamanischen Krafttiers).
Wer ist frei?
In meiner Vision ist ein freier Mensch einer, der sich von keinem Symbol mehr die Wahrnehmung einschränken lässt. In der hinduistischen Formulierung ist das ein Jivan Mukti, ein zu Lebzeiten Befreiter. Die europäische Variante davon ist der Narr, der alle Rollen einnehmen kann und doch mit keiner verhaftet ist. Die klassisch-buddhistische Variante davon ist der Arhat. Das sind Menschen, die nicht mehr hypnotisierbar sind, nicht mehr manipulierbar, nicht mehr unfreiwillig in Trance versetzbar. Genau das ist es ja, was alle Symbole, Embleme, Uniformen und magischen Zeichen sehr erfolgreich tun: Sie faszinieren. Sie versetzen die dafür bereiten Empfänger in eine mehr oder weniger leichte oder sogar tiefe Trance. Alle sprachlichen Symbole haben diese Wirkung; alle, das ist das Wesen der Sprache. Dieses Wesen zu durchschauen ist der moderne Weg zur Befreiung, behaupte ich, und es ist ein Weg, der den traditionellen Befreiungswegen überlegen ist, weil er auf alle Arten der Verführung anwendbar ist, auf kommerzielle ebenso wie politische, religiöse, ethnische und familiäre – auf alle!
Hieraus leitet sich meine Unterscheidung zwischen naiver Religion und Esoterik einerseits und der aufgeklärten Variante andererseits ab. Die naive Variante ist nicht schlimmer als ein ganz normaler Nationalismus, Konsumfetischismus oder sonst ein -ismus. Die meisten Formen davon sind nicht fanatischer oder fundamentalistischer als die Fangemeinde einer Musikband oder eines Fußballvereins oder als der Verliebte, der die Schattenseiten seines Idols noch ausblendet, aber sie sind – ethisch, religiös oder philosophisch gesehen – überwiegend auch nicht besser. Zu erstreben ist Aufklärung auch hier, im Bereich des Religiösen, ebenso wie in allen anderen Bereichen, in denen wir fanatisierbar sind.
Aufklärung
Aufklärung ist nicht etwa der Feind der Religiosität, wie das vielfach dargestellt wird, sondern nur scheinbar ihr Kontrahent. In Wirklichkeit bringt Aufklärung Religiosität erst zur vollen Reife, zu ihrer höchsten Blüte, und das ist die Mystik. Nach der französischen Revolution erlag die Aufklärung vor allem deshalb ihren Gegnern (den diversen Kräften der »Restauration«), weil sie vor der Religion Halt machte. Die Aufklärer des 18. Jahrhunderts haben es nicht gewagt, auch die Religion gründlich aufzuklären, diese – von mir aus höchste – Dimension des Menschen, die deshalb vielleicht auch am meisten Mut zur Aufklärung braucht. Sonst hätten sie auch in diesem Bereich den »Aufbruch des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit« (Kants Definition der Aufklärung) gefordert und auch hier die volle Souveränität des Menschen verlangt, eine Forderung, die im Politischen ja zur Demokratie geführt hat. Aber im Religiösen? Da war der Citoyen, der Bürger auch nach den bürgerlichen Revolutionen noch immer nicht der Souverän, sondern er ließ sich weiterhin von der Phantomgestalt eines auf einen fiktiven Himmel projizierten Gottes oder seinen vermeintlichen Vertretern auf Erden regieren. Mit dem Gott der Mystiker, dessen Namen man nicht nennen kann und der prinzipiell nicht erkennbar und jedenfalls nicht »verfügbar« ist, hat das nichts zu tun. Auch dort, bei den theistischen Religionen, gibt es ein Gottesverständnis, das den Menschen Souverän sein lässt, aber es ist dort meist tief verschüttet und politisch jedenfalls nicht erwünscht.
Ist Naivität schlimm?
Naivität ist nur so lange entzückend, wie die Naiven ihre gutherzige Einstellung beibehalten
Die verbreitetsten Formen von Religiosität und Naturbezug sind naiv. In den diversen religiösen und esoterischen Szenen etwa werden Mantren gesungen (Lautsymbole), verbunden mit dem Glauben, dass genau dieses Mantra in genau diesem Wortlaut eine heilige Wirkung hat; wer den Wortlaut oder die Intonierung ändert, glaubt, damit die Heiligkeit der Rezitation zu gefährden. Das gilt für das Rezitieren der Suren des Koran ebenso wie für die hinduistischen Bhajans (Wechselgesänge) oder die Rezitation buddhistischer Sutren. Diese naive, romantische Sehnsucht hat durchaus etwas Liebenswertes. Man braucht dafür nicht mal so raffiniert oder verbissen die eigene Zivilisiertheit zu verdrängen wie Rousseau oder Tolstoi es taten; man kann es auch so machen wie der Maler Gauguin mit seiner Sehnsucht nach der Natürlichkeit der Südsee oder der Dichter D. H. Lawrence (der Autor der »Lady Chatterley«) mit seinem Kult einer urigen Sexualität oder die Figuren bei Milan Kundera mit ihrer sympathischen Suche nach der »unerträglichen Leichtigkeit des Seins«, mit der sie dann doch nur schwer umgehen konnten. Die Rückkehr zur Naivität ist jedoch nicht die einzige Alternative zum modernen Zynismus. Es gibt mehr und menschenwürdigeres als eine Rückkehr zur romantisierten bis verkitschten Natur, zu Kindlichkeit, Unschuld oder zum sogenannten einfachen Leben, und das ist die aufgeklärte Mystik, die Beanspruchung der vollen Souveränität des Individuums auch im Religiösen. Dieser Weg besteht in seiner umfassendsten Form in einer radikalen Aufdeckung der Magie der Sprache und ihrer so »zauberhaft« wirkenden Symbole.
Der Verstand ist nützlich
Diese Zeitschrift verwendet in ihrer Werbung den Spruch »Intelligente Menschen haben intelligente Freunde«. Ist das nicht ein bisschen überheblich? Es suggeriert ja, dass connection-Leser ein bisschen intelligenter seien als andere, und dann auch ein bisschen intelligentere Freunde haben. Also: Durch Schmeicheleien zu neuen Lesern? Ich möchte uns damit aber nicht abheben von denen, die »ein bisschen bescheidener sind als andere«, sondern, im Ernst: Die Kernthese dieser Zeitschrift ist, dass Spiritualität, Religion und Esoterik (was ich als einen Bereich verstehe) kein bloß herzbewegtes Wunderland ist, für das man seine Intelligenz und seinen Verstand an der Tür abgeben müsste, um eingelassen zu werden. Im Gegenteil, ich meine, dass man hier beides mehr denn je braucht – den Verstand zum Beispiel dafür, um ihn über sich selbst hinauszutragen. Aber das ist erst die letzte Stufe, vorher kommen noch viele andere, und für diese sind Dummheit und Naivität keine guten Voraussetzungen, auch wenn manch einer diese Eigenschaften gerne als Behindertenausweis benutzen möchte, um damit einen der vorderen Parkplätze zu ergattern, ganz nahe an der Pforte zum Elysium.
Der Hokuspokus mit den Körbler-Symbolen, dem Reiki-Symbol, den Aufschriften auf Emotos Wassergefäßen, denen dann diese hübschen Eiskristalle entnommen werden, den in der Kinesiologie beim Muskeltest in der Hand gehaltenen Sprüchen oder den Kügelchen der Homöopathie ist jeweils ein lieblicher, in allen freundlichen Anwendungen guter und glückbringender Zauber. Sobald aber die Freundlichkeit in der Anwendung fehlt, können diese Zaubereien ins Böse kippen, denn sie basieren auf einem naiven Verständnis von Symbolen.
Neulich las ich in einer Presseerklärung über Eva-Maria Zurhorst, der Autorin des Bestsellers »Liebe Dich selbst, dann ist es egal wen du heiratest«. Über den Film »Die Prophezeiungen von Celestine« habe sie gesagt: »Celestine hat für mich genau die richtigen Zutaten: Der Film ist professionell gemacht, er ist unterhaltsam und geht ans Herz«. Oh weh. Wenn Leute wie Eva-Maria Zurhorst, James Redfield (der Autor der »Prophezeiungen«) und Ronda Byrne (die Autorin von »The Secret«) den heutigen, globalen Zeitgeist bestimmen (einige Beobachter behaupten das) und damit auch die Spiritualität der nahen Zukunft, dann gute Nacht, schöne neue Welt. Dann sind wir wohl im Land von Friede, Freude, Eierkuchen angekommen, im Land der »real existierenden Spiritualität«, aber nicht dort, wo wir hin wollten: zur Wahrheit und zu einem tieferen, echteren Glück.
Entzückende Naivität
Wenn ich sage, es gäbe eine »naive Esoterik«, wird mir manchmal vorgeworfen, ich sei intolerant. Oder auch, ich hätte »ein Ding damit«, will sagen: ein ungelöstes psychisches Problem, warum ich wider alle Vernunft verbissen gegen diese Weltanschauung kämpfen würde. Ich kämpfe aber gar nicht gegen diese Weltanschauung, sondern sage nur: Sie ist naiv – und es gibt noch etwas anderes. Esoterik erschöpft sich nicht in einem kindlichen Wunderglauben, so sehr ich Kinder mag und die Einfachheit eines solchen Glaubens durchaus etwas Entzückendes hat. Der Haken an der Sache ist aber, dass diese entzückenden Menschen in ihrer Verzückung auch manchmal Sachen tun, die gar nicht mehr entzückend sind. Von denen, die etwa erst einen Fahneneid schwören und dann in ihrer schmucken, zauberhaften Uniform bei Erfolg üppig symbolbehängt von der Front zurückkehren ist das bekannt, aber auch für die anderen, durch edlere Symbole Geprägten gilt das. Naivität ist nur so lange entzückend, wie die Naiven ihre gutherzige Einstellung beibehalten. Leider tun sie das nicht immer.
Der Mensch als Bedeutungsträger
Nun möchte ich noch auf ein noch viel hautnäher wirkendes Symbolverständnis zu sprechen kommen: der Mensch selbst als Symbol, als Träger von Bedeutung. Es können ja nicht nur Buchstaben, Laute und alle anderen Arten von Objekten mächtig auf unsere Wahrnehmung einwirken, sondern noch viel mehr der Mensch auf den Menschen. Des Menschen mächtigstes Symbol ist der Mensch selbst. Wie diese Magie des Menschen als Stellvertreter für Etwas oder Jemanden wirkt, kann man zum Beispiel bei den sogenannten systemischen Aufstellungen beobachten. Wird dort jemand »aufgestellt«, spricht und agiert dieser Mensch dann nicht mehr aus der Identität heraus, die er im normalen Leben innehat, sondern als Stellvertreter – das heißt als Bedeutungsträger für etwas anderes, etwa für die Figur oder das Thema dessen, der da aufgestellt hat.
Im Grunde sind wir in jeder sozialen Situation solche von irgendjemand aufgestellten Figuren und Stellvertreter für Personen, Aufgaben oder Themen, die wir in den günstigeren Fällen gerade mal ahnen; kaum je sind sie uns vollends bewusst. Die ganze Gesellschaft ist im Grunde eine systemische Aufstellung. Nur: Wer stellt da auf? Und wer sind die Erlösten, Befreiten, die ihre Stellvertreterrollen durchschaut haben und nun nur noch »für sich« stehen? Wem von uns ist schon wirklich bewusst, dass wir nackt sind und nur so tun, als seien wir mit einer »echten« sozialen Rolle bekleidet? Wenn dann ein Kind zu uns kommt, so wie in Andersens Märchen »Des Kaisers neue Kleider«, und sagt: »Du hast ja gar nichts an!«, dann sind wir erschüttert, denn tief in uns wissen wir doch, dass wir nackt sind und unsere Kleidung (unsere soziale Identität) nur das Ergebnis einer kollektiven Hypnose ist.
Verrat am Körper aus Idolatrie
Um »die Magie der Symbole« wird viel Hokuspokus und Brimborium gemacht, vor allem deshalb, weil man sich nicht mit der wahrnehmungseinschränkenden Trance beschäftigen will, die damit einhergeht. Wer diese Trancen ausblendet, bekommt dann aber auch keinen Zugang zu der darin liegenden Gefahr: dem Fanatismus. Die Menschen ziehen für eine Flagge in die Schlacht, für ein Kreuz oder eine Reliquie, für den Heiligen Gral, einen Ring (etwa in »Der Herr der Ringe«) oder sonst einen Kultgegenstand mit Symbolwert, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass sie da als Bedeutungsträger benutzt werden von Kräften, die sie nicht wirklich kennen und die sie bei klarem Bewusstsein kaum unterstützen würden.
Und die Märtyrer des Christentums und einiger anderer Religionen und Ideale, die sich in den Kellern ihrer Henker foltern, oder verbrennen ließen in den Feuern ihrer Inquisiteure – und das manchmal nur, um eine Überzeugung nicht widerrufen zu müssen: Was für eine Körperverachtung! Was für ein Kult um Worte, was für eine Idolatrie! Hätten sie doch lieber geleugnet und wären dann untergetaucht, dann hätten sie sich diese Qualen erspart und ihren Körper gerettet, ihren »Tempel der Seele« – und immerhin weiterkämpfen können für eine bessere Welt, im Widerstand gegen die Inquisitoren, und hätten so vielleicht auch anderen manche Qual erspart.
Worte können auch spalten
Insbesondere Wörter und Wortlaute sind Symbole, und sie können nicht nur vereinen (das Wort »Symbol« kommt von griech. Symbolon, das Zusammengefügte), sondern auch spalten. In krasser Weise tun das Schlachtrufe, Schimpfwörter und Verleumdungen, in feinerer Weise kann das aber auch etwa eine Anleitung zur Meditation sein: »Versenke dich in die Betrachtung einer Kerzenflamme« oder »in deinen Atem«, heißt es dort oft in durchaus üblicher Manier. Da mag mancher versucht haben, »sich« in die Betrachtung der Flamme oder seinen eigenen Atem zu versenken und hat sich dabei nur noch mehr verkrampft. Wer sollte »mich« denn dabei versenken? Der eine Teil von mir soll versuchen, den anderen zu versenken? Das geht so wenig, wie Münchhausen sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen konnte. Deshalb sage ich in der stillen Phase unserer täglichen Morgenmeditation in unserem Verlagshaus nicht »Versenke dich in den Atem«, sondern »Versinke im Atem«. Die Magie der Worte wirkt dann nicht spaltend, sondern vereinend. Ach, was bist du nur so spitzfindig, könnte man erwidern, wenn man die Macht ignoriert, die Worte bis ins Einzelne haben, und zwar meist unbewusst. Wie viele Christen haben sich beim Abendmahl schon vor der Oblate geekelt, weil es dort hieß »Dies ist mein Fleisch«, und sie wollten doch nicht ihren Heiland verspeisen, igitt…
Die Symbole der Kultmarken
Kaum weniger faszinierend, identifizierend und damit potentiell fanatisierend als die religiösen Symbole sind die Logos der Kultmarken von heute: Autos, Turnschuhe, Parfums, Handtaschen, … – auch hier tut der Glaube an die magische Wirkung der Marke seine Wirkung. Das Logo (sei es von Benetton, Prada oder BMW) tut hier seine Wirkung, so ähnlich wie ein Amulett. Prinzipiell funktioniert das Markenzeichen eines Produkts aus der Wirtschaft nicht anders als die Symbole nationaler oder religiöser Zugehörigkeit oder die der Zugehörigkeit zu einem Sportverein. Genau genommen gibt es keine »spirituellen Symbole« – entweder sind alle Symbolwirkungen »spirituell«, weil sie über den Geist wirken, oder keines, weil es doch »bloß« eine mentale, psychologisch erklärbare Wirkung ist. Spirituelle Symbole wie etwas das Kreuz, eine Buddhafigur oder ein Amulett erwecken Gefühle religiöser Zugehörigkeit und entfalten in diesem Kontext ihre magische Wirkung, doch auch die Wirkung eines Trikots, das die Zugehörigkeit zu einem Sportclub signalisiert, wirkt magisch und funktioniert »über den Geist«.
Alles ist ein Gleichnis
»Alle Menschen, die nebeneinander leben, erfahren ähnliche Schicksale, und was dem Einzelnen begegnet, kann als Symbol für Tausende gelten«, schrieb Goethe, und noch schöner und umfassender drückte es
Hermann Hesse aus: »Jede Erscheinung auf Erden ist ein Gleichnis, und jedes Gleichnis ist ein offenes Tor, durch welches die Seele, wenn sie bereit ist, in das Innere der Welt zu gehen vermag, wo du und ich und Tag und Nacht alle eines sind.«
Ja, auch so kann man Sprache verstehen: Gegenstände und Ereignisse und für uns Menschen vor allem die Menschen selbst »stehen für etwas«; sie sind Zeichen, Symbole und Gleichnisse. Sie sind nicht mehr nur einfach sie selbst, sondern indem sie in einem Betrachter etwas anderes erwecken als sie sind – nämlich das, was sie »bedeuten« – haben sie auch noch Sinn.
Als ich nach acht Semestern Studium in München »weg« wollte von Europa, von der Zivilisation, hin zur Natur, zur Freiheit, zum Eigentlichen, war ich im Herbst 1975 per Schiff auf der Insel Borneo gelandet und brach dort mit ein paar Habseligkeiten auf in den Wald. Ich wollte verschwinden. Ich hatte genug von all den Bedeutungen, die mir abverlangt wurden, ich wollte nur noch in der Natur sein, mit Menschen, Tieren, Pflanzen und lief deshalb trotz Regenzeit einfach in den Wald hinein zu Menschen, die noch nie einen wie mich gesehen hatten. In dem Buch »Keep the river on your right« hatte ich von einem New Yorker gelesen, der im Amazonas-Dschungel »verschwunden« war. Er hatte sich dort einem Kannibalenstamm angeschlossen und wurde schließlich – heimliche Sehnsucht? – nach dem Überfall eines benachbarten Stammes tatsächlich aufgegessen. Das faszinierte mich eher, als dass es mich erschreckte, und auch die Stämme der Dayak, die ich dort im Dschungel antraf, deren Großeltern noch Kannibalen waren, faszinierten mich. Obwohl ich mich dort sehr wohl fühlte, verließ ich sie wieder. Warum? Bis heute kann ich mir das nur so erklären: Bei allem verheißenen Wohlgefühl genügte es mir nicht, einfach zu verschwinden. Ich wollte doch auch ein Zeichen sein. Zeichen setzen und Zeichen sein. Bis heute denke ich, dass jeder Mensch das will, jeder. Wir wollen eintauchen und verschwinden, uns wohl fühlen und geborgen sein in der Natur und in unseren Liebesbeziehungen, wir wollen aber auch herausragen und erkannt werden in unserer Einzigartigkeit – wir wollen ein Zeichen sein und etwas bedeuten.
von
Wolf Schneider
Illustrationen: Bilder von Stefan Stutz, aus "Zauberkraft"
Bücher und CDs zum Thema:
- Wolf Schneider: Zauberkraft der Sprache. Koha 2006, 139 S., HC, 9,95 €.
Aktuelle Termine für die Bühnenfassung des Buchs: www.zauber-kraft.de. »Zauberkraft der Sprache« bestellen - J. Galli, Clownbücher. www.galli.de
- Hermann Hesse: Das Hesse-Projekt, eine Vertonung von Hesse-Texten auf CD, von Schönhuber/Fleer im Stile des Rilke-Projekts (von denselben), 17,95 €







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