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Alles nur Theater?

Magazintexte - Spirit

Über die (systemische) Arbeit mit der Theatermetapher im Enneagramm-Kontext

Theater
Photo: Enneagramm-Theater.de

Theater, Kino und Fernsehen gibt es, damit wir uns identifizieren können – mit oder gegen etwas, mit oder gegen die dortigen Figuren: Herrscher und Rebellen, Liebende und Einsame, Heilige und Schurken. Wir ahnen, dass wir all das auch sein könnten und vergessen dabei minutenlang, dass es sich nur um ein Schauspiel handelt. Aber auch in unserem eigenen Alltag spielen wir und bevorzugen dabei entsprechend unserem Grundtyp jeweils andere Rollen, sagen die Enneagramm-Experten Hans und Karin Neidhardt

Spätestens seit Aristoteles (»Die Tragödie ist nicht Nachahmung von Menschen, sondern von Handlung und Lebenswirklichkeit«) wissen wir: Auf den »Brettern, die die Welt bedeuten«, werden uns Aspekte des menschlichen Daseins vor Augen geführt.

Wozu auch sonst geht man ins Theater oder ins Kino, wenn nicht, um sich zu identifizieren mit der Tragik, Lächerlichkeit, Witzigkeit, Tollpatschigkeit, Verzweiflung, Absurdität, Liebe, Hingabe, Bosheit, Hinterlist, Heiterkeit und Schönheit unseres Daseins? Vielleicht auch, um sich empört oder angewidert gegen manche dieser Aspekte abzugrenzen. Aber ein lautstark abgrenzendes »Ich doch nicht!« gibt dem Nachdenklichen ja genauso Hinweise auf – vielleicht weniger offensichtliche – Identifikationen. So liegt es eigentlich recht nahe, den Spieß umzudrehen und das »normale«, alltägliche Leben einmal wie ein Theaterstück zu betrachten.

Theater
Photo: Enneagramm-Theater.de

Vorhang auf

Dein Leben – vor dir auf der Bühne. Wie ein Theaterstück. Mit dir als Hauptdarsteller/in. Wie siehst du dich selbst? In welcher Kleidung? Wie ist deine Körperhaltung? Wie sind deine Gestik und Mimik? Bist du zugewandt? Abgewandt? Welche anderen Personen sind mit dabei? Wie sind Sie zueinander und mit dir in Beziehung? Welchen Verlauf nimmt die Story? Welche dramatischen Momente, welche Witze, welche Schrecken wiederholen sich? Wie bewegen sich die Akteure? Wie ist die Gesamtstimmung? Darf gelacht werden? Muss gelacht werden (auch wenn es nichts zu lachen gibt)? Muss geweint werden? Darf es Streit geben? Muss es Streit geben? Wie endet das alles? Welches Motto, welchen Titel würdest du deinem Bühnenstück geben?

Und wie fühlst du dich mit der Idee, dass dieses Stück schon seit X Jahren auf dem Spielplan steht, und alle Beteiligten ihren Text und ihre Stichworte in- und auswendig kennen?

Die Theatermetapher

Die Theatermetapher* ist hilfreich, um sich auf eine kreative und spielerische Art und Weise komplexe Zusammenhänge wie z.B. die Vielschichtigkeit des eigenen Persönlichkeits-Musters zu erschließen. Es lassen sich Unterscheidungen treffen, die helfen können, eine Situation differenziert und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und ein umfassenderes Verstehen zu ermöglichen. Wir unterscheiden im Folgenden

Thema:
Die Überschrift, die man der Situation geben könnte.
Story:
Die Geschichte, die unter dieser Überschrift erzählt wird.
Bühne:
Ort der Handlung
Rollen:
Die Rollen, die in dem Stück gespielt werden, einschließlich der Beziehungen, die diesen Rollen entsprechen.
Inszenierungsstil:
Vorlieben in der Art und Weise, Wirklichkeiten zu gestalten
Stück:
Die Gesamtheit aller Situationen und Geschehnisse

*) Quelle: Bernd Schmid / Katja Wengel: Die Theatermetapher – Perspektiven für Coaching, Personal- und Organisationsentwicklung. Profile 1-2001, S. 81-90. Download unter www.systemische-professionalitaet.de

Vorschläge zur Charakterisierung von neun Theaterstücken

Wir nutzen hier unsere Kenntnis des Enneagramms der neun Persönlichkeitsmuster für die Ausgestaltung von Ideen zur praktischen Arbeit mit der Theatermetapher. In den nun folgenden Beschreibungen von Theaterstücken greifen wir beispielhaft Aspekte der jeweiligen Enneagramm-Persönlichkeitsmuster heraus. Du bist eingeladen, dein ganz persönliches Bühnenstück mit Hilfe unserer Anregungen auszugestalten.

Muster 1:
Es gibt immer etwas zu verbessern

Story:

Der Hauptdarsteller verfügt über die besondere Fähigkeit, die Dinge in den Blick zu nehmen, die »nicht so sind, wie sie eigentlich sein sollten«. Er gerät dadurch in Situationen mit anderen Menschen, in denen er Fehler erkennt, auf sie aufmerksam macht und sich für ihre Beseitigung einsetzt. Er macht damit ganz unterschiedliche Erfahrungen: Manche Menschen begrüßen seine Hinweise und Korrekturvorschläge, andere fühlen sich kritisiert, wieder andere genervt. Alles ist für ihn auch Anlass, sich selbst und seine Handlungen immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls zu verbessern.

Bühnen:

Er fühlt sich eher von Bühnen angezogen, in denen detaillierte Ausarbeitung, Präzision und klare Strukturen vorhanden oder gefragt sind, z.B. bei der Einführung eines neuen Ablagesystems oder beim Korrekturlesen. Es wird ihm unbehaglich auf Bühnen, auf denen »es nicht so drauf ankommt« oder wo Spontaneität und Improvisationstalent gefragt sind, z.B. wenn es darum geht, unvorbereitet einen Beitrag bei einem Fest zu leisten.

Rollen:

Ein Perfektionist, der oft gemeinsam mit einem intelligenten und scharfsichtigen Kritiker auftritt. Ihre Gegenspieler sind die schlampigen Chaoten und leichtfertige Genießer, die auf den rechten Weg gebracht werden müssen.

Inszenierungsstil:

Das Theaterstück wird als Lehrstück mit einer klaren Botschaft inszeniert. Es enthält eine Aussage (»Moral«) von allgemeinem Nutzen, so dass man daraus lernen kann.

Muster 2:
Die Welt braucht mich

Story:

Die Hauptdarstellerin verfügt über die besondere Fähigkeit, intuitiv zu fühlen, was andere brauchen. Und sie gibt wie selbstverständlich – menschliche Nähe, Fürsorge, Unterstützung. Jemand ist gestürzt, und sie hilft ihm auf die Beine. Sie engagiert sich ehrenamtlich in einem Hilfsprojekt für Obdachlose. Sie unterstützt eine alleinerziehende Mutter in der Nachbarschaft, sie betreut ihre Enkelkinder, wenn ihre Kinder Zeit für sich brauchen. Sie erfährt dadurch viel Wertschätzung und wird so motiviert, sich weiter für andere zu engagieren. Aber manchmal erlebt sie auch, dass andere sich durch sie manipuliert, erdrückt oder klein gemacht fühlen und ärgerlich werden, obwohl sie es doch einfach gut gemeint hat.

Bühnen:

Alle Bühnen, die den Rahmen bilden für soziales oder ehrenamtliches Engagement, Familien- und Nachbarschaftshilfe oder andere Unterstützungsangebote. Unbehaglich wird es auf Bühnen, auf denen Hilfe nicht angenommen wird oder wo die Hauptdarstellerin selbst in eine Situation gerät, in der sie auf Hilfe angewiesen ist.

Rollen:

Krankenschwester. Mutter. Samariterin. Förderin und Unterstützerin. Mitspieler, die in irgendeiner Weise Unterstützung benötigen, sind dabei unverzichtbar. Gegenspieler sind Charaktere, die Hilfsangebote ablehnen oder die Hauptdarstellerin in eine Situation bringen, in der sie ihre eigene Bedürftigkeit spürt.

Inszenierungsstil:

betont oder erzeugt Bedürftigkeit, schafft Abhängigkeiten.

Muster 3:
Hier komme ich

Story:

Der Hauptdarsteller verfügt über sehr gute Fähigkeiten, intuitiv herauszufinden, was erwartet wird. Und er bedient die Erwartungen mit Leichtigkeit und einer gewissen Eleganz. Es fällt ihm nicht schwer, sich in den unterschiedlichsten Situationen angemessen zu präsentieren, so dass er vielfältige Anerkennung erfährt. Ein anregendes Gespräch mit einem wichtigen Kunden, danach Elternabend im Kindergarten, dann noch ein Telefonat mit einem Kollegen und spätabends ein fantasievoller Liebhaber für die Ehefrau. Er surft gern auf der Erfolgswelle, er funktioniert am besten im hochtourigen Dauerbetrieb. Stress ist für ihn ein Fremdwort. Solange bis…

Bühnen:

Es gibt keine Bühne, die nicht seine Bühne sein könnte! Er liebt alle Bühnen, auf denen er sich »in Szene« setzen kann. Bühnen, auf denen er alleine ist, sind ihm dagegen unangenehm. Das Publikum ist nach Hause gegangen, die Mitspieler haben die Szene verlassen. Es ist nichts zu tun. Da wird’s schnell ungemütlich.

Rollen:

Der allseits beliebte Macher. Der zielorientierte Erfolgstyp. Der Workaholic. Der Taktiker. Gegenspieler sind erwünscht, solange Konkurrenz das Geschäft belebt. Schwierig sind Charakere, die am Erfolg einer Sache zweifeln oder das erfolgreiche Image infrage stellen.

Inszenierungsstil:

Aus allem eine persönliche Erfolgsstory machen. Die Dinge selbst in die Hand nehmen und auf direktem Weg zum Ziel führen. Alles, was Vorwärtsbewegungen zu stoppen droht, wird ignoriert oder überrannt.

Muster 4: Endstation Sehnsucht

Story:

Die Geschichte von der großen Liebe. Kerzen, stimmungsvolle Musik, Wein, ein Fotoalbum mit den Bildern des Geliebten. Sehnsucht, Melancholie – ein Eintauchen in intensive Gefühlswelten. Und dann kommt er zur Tür herein, und sie sieht seine abgetretenen Schuhe. Die Sehnsucht weicht der Ernüchterung. Schmerzvolle Enttäuschung, Erleben von Verlust. Sie zieht sich zurück, taucht in ihre Gefühle ein – wieder allein. Und die Sehnsucht wird aufs Neue lebendig und füllt sie ganz aus – bis zur nächsten Begegnung mit der Wirklichkeit.

Bühnen:

Mondbeschienene Waldlichtungen, Kirchen und Paläste, ein privates Zimmer, ein Elendsviertel – kaum eine Bühne, die nicht durch eine spezielle Art der Aufmerksamkeit in einem besonderen Licht erscheinen könnte. Schwierig sind Bühnen, auf denen man der Realität nicht ausweichen kann – wie z.B. eine Prüfungssituation.

Rollen:

Die Sehnsüchtige. Die Träumerin. Die feinfühlige Künstlerin. Die ganz Andere. Die Prinzessin. Die Königin. Mitspieler sind – wenn überhaupt vorhanden – imaginierte Objekte der Sehnsucht, Gegenspieler sind Repräsentanten der »harten« Realität.

Inszenierungsstil:

Eine melancholische Grundstimmung in allem, ein mehr dezentes, privates Betonen von Einzigartigkeit. Alles wird bedeutungsvoll. Intensivieren von Gefühlen. Das Stück wird dadurch nie langweilig, es hat aber durchgängig eine tragische Note. Großes Theater eben.

Muster 5: Wissen ist Macht

Story:

Der Hauptdarsteller ist als stiller Einzelgänger unterwegs. Er spricht wenig mit anderen Akteuren, auch seine Monologe wirken nicht so, als wären sie für ein Publikum bestimmt. Man bemerkt lange Zeit gar nicht, dass er der Hauptdarsteller ist. Es scheint sich nicht um sein Stück zu handeln. Oft ist er gar nicht auf der Bühne, jedoch wird an seinen Kommentaren sehr schnell deutlich, wie genau er alle Vorgänge erkannt, Zusammenhänge analysiert und künftige Ereignisse vorausberechnet hat. Er wirkt sachlich neutral und unberührt. Der Höhepunkt seiner Aufführung ist ein Schachspiel gegen einen großen Computer, das er – mit dem Rücken zum Publikum sitzend – in hochkonzentriertem Schweigen zu seinen Gunsten entscheidet.

Bühnen:

Karge Räume. Kein oder nur ganz wenig Mobiliar. Bücherregale. Ein Turmzimmer. Eine Studierstube. Ein Labor. Ruhe und Abgeschiedenheit. Unbehagen bereiten Bühnen, die Schauplätze für emotionale, aggressive oder lustvolle Handlungen sind.

Rollen:

Forscher. Wissenschaftler. Analytiker. Denker. Beobachter. Mitspieler fehlen oft oder spielen ähnliche Rollen. Gegenspieler sind emotional und/oder instinktiv-triebhaft gesteuerte Menschen, die wegen ihrer Unberechenbarkeit ein grundsätzliches Risiko darstellen.

Inszenierungsstil:

Es wird eine sachlich-nüchterne Atmosphäre erzeugt. Menschen und Umwelt werden zum (Beobachtungs-)Objekt.

Muster 6: Im Zweifel gegen den Angeklagten

Story:

Die Hauptdarstellerin ist mit ausgezeichneten detektivischen Fähigkeiten ausgestattet. Sie wittert förmlich Unstimmigkeiten. Man kann ihr nichts vormachen. Dadurch gerät sie oft in Situationen, in denen sie jemanden entlarvt – nicht immer zu ihrem eigenen Vorteil. Trotzdem wird ihre Intuition als Frühwarnsystem von manchen Mitmenschen außerordentlich geschätzt, denn sehr oft trifft sie mit ihren Prognosen ins Schwarze. Als Mahnerin und Warnerin hat sie eine wichtige Position, die sie loyal ausfüllt (solange sie sicher ist, dass man ihr aufrichtig begegnet).

Bühnen:

Alle Bühnen, auf denen man nicht im Rampenlicht steht. Bühnen, die Verstecke bieten, verdeckte Ermittlungen erlauben. Eine Radarstation. Eine Abhöreinrichtung. Ein seismografisches Institut. Aber auch Kampfschauplätze, auf denen es ums Überleben geht. Unangenehm sind Bühnen, die Rahmen sind für unüberschaubare Handlungen.

Rollen:

Am liebsten deklariert sie ihre Rolle als Nebenrolle. Gut getarnt als Detektivin, Polizistin, Fahnderin, Spionin. Aber auch offen als Rebellin oder Untergrundkämpferin. Gegenspieler sind Lügner, Betrüger, falsche Autoritäten, Diktatoren.

Inszenierungsstil:

Unauffällig und leise. Wachsamkeit mit einem Flair von diffuser Bedrohung. Oder konfrontativ und aggressiv mit offen geäußertem Misstrauen.

Muster 7: Sieh, das Gute liegt so nah

Story:

Der Hauptdarsteller ist wie ein Jongleur ständig in Bewegung und verbreitet gute Laune um sich. Die angenehmen Dinge der Welt werden mit allen Sinnen aufgenommen oder als reine Idee sinnlich erfahren. Er ist gerne in ungezwungener und lockerer Atmosphäre mit Menschen zusammen und liebt die Abwechslung. Er ist Meister darin, das Positive zu betonen und meidet traurige oder schmerzliche Situationen. Dabei hilft ihm sein Verstand, der sehr schnell eine Fülle von positiven Optionen finden und miteinander verknüpfen kann.

Bühnen:

Jahrmarkt, Zirkus, Theater, Feste, ein Abenteuerspielplatz, alle bunten sinnenfrohe Szenarien. Er mag keine Bühnen, die nüchtern und sachlich oder eintönig sind, der Phantasie keinen Raum lassen, oder die eine traurige, düstere Atmosphäre erzeugen.

Rollen:

Spaßvogel, Gaukler, Jongleur, Clown, Abenteurer. Mitspieler gibt es viele, alle aktiv, alle gut gelaunt. Gegenspieler sind langweilige, ernsthafte, pessimistische, in sich gekehrte, depressive oder ängstliche Charaktere.

Inszenierungsstil:

Bunt und abwechslungsreich, leicht und komödiantisch. Viel Wortwitz. Es ist immer etwas los.

Muster 8: Alles hört auf mein Kommando

Story:

Die Hauptdarstellerin verfügt über ein gutes instinktives Gespür für Machtverhältnisse. Sie »weiß« sofort, wer Freund, wer Feind ist und wie die Kräfte verteilt sind. An ihr kommt man einfach nicht vorbei. Das bringt sie oft in Situationen, wo sie mit anderen streiten muss. Konflikte sind ihr vertraut, und manchmal hat sie auch Vergnügen daran, einen Konflikt heraufzubeschwören, und sei es nur, um einen möglichen Gegner zu testen. Damit schafft sie sich nicht nur Freunde.

Bühnen:

Kampf- und Kriegsschauplätze im umfassenden Sinn – alle Bühnen, auf denen Schwache beschützt, ein Führungsanspruch geltend gemacht und der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen wird. Schwierig sind Bühnen, auf denen es um Verletzlichkeit oder Macht- und Kontrollverlust geht.

Rollen:

Kriegerin. Chefin. Beschützerin. Mitspieler sind gute Freunde und auch gute Feinde. Als die eigentlichen Gegenspieler fungieren Charaktere, die die direkte Auseinandersetzung scheuen, ausweichen, intrigieren, sich zurückziehen.

Inszenierungsstil:

raumfüllend, polarisierend, hohes Energieniveau

Muster 9: Alles hat seine Berechtigung

Story:

Der Hauptdarsteller hat die Fähigkeit, sich in die unterschiedlichsten Standpunkte hinein zu versetzen ohne Partei zu ergreifen. Das macht ihn zu einem idealen Versöhner und Friedensstifter. Oft kann er beruhigen, ausgleichen und vermitteln, kann bewirken, dass wieder Einigkeit und Harmonie herrschen. Manchmal gerät er aber auch zwischen die Fronten, und die von allen Seiten auf ihn einstürmenden Meinungen und Forderungen lähmen ihn, zwingen ihn zum Rückzug oder machen ihn aggressiv.

Bühnen:

Alle Bühnen, auf denen Formen von Gemeinschaft gezeigt werden, wie z.B. der Probenraum eines Chores oder der Meditationsraum einer spirituellen Weggemeinschaft. Als unangenehm erlebt werden Bühnen, auf denen es darum geht, Position zu beziehen, einen Standpunkt zu vertreten, Mittelpunkt zu sein – ein Gerichtssaal, ein politisches Forum, ein Theater.

Rollen:

Mediator, Vermittler, Friedensstifter, einer von Vielen. Mitspieler sind z.B. Mitglieder einer Gruppe oder Gemeinschaft oder zerstrittene Parteien. Gegenspieler sind ungeduldige oder fordernde Charaktere.

Inszenierungsstil:

ruhig und getragen, verlangsamend, manchmal auch diffus und lähmend oder weitschweifig und umständlich.

Hier noch einige Fragen zur Weiterarbeit mit der Theatermetapher: Thema: Wofür ist das, was du gerade erlebst, ein Beispiel? Wenn du dir deine Lebensgeschichte anschaust: Findet sich das Thema auch in anderen Lebenssituationen wieder? Wie heißt das Stück, das gerade auf deinem Spielplan steht?

Story:

Der Vorhang geht auf: Was ist auf der Bühne zu sehen? Wann würde sich der Vorhang wieder schließen? Wie fangen deine Stücke meistens an? Wie hören sie auf? Was sind typische Verläufe? Was müsste passieren, damit das Stück für dich gut endet?

Bühnen:

Welche Bühnen sind für dich attraktiv? Auf welche Bühnen wirst du bevorzugt eingeladen? Wie sind diese Bühnen gestaltet / aufgebaut? Wo trittst du ungern auf?

Rollen:

Passt deine eigene Rolle zu dem Stück, das gerade gespielt wird? Passen die Rollen der Beteiligten zum Stück?

Inszenierungsstile:

Welcher Stil ist charakteristisch für das Stück? Passt der Stil zur Aufführung? Welche Stilvarianten wären auflockernder, zielführender, würdigender, gehaltvoller?

Das Enneagramm: mehr als eine Typologie!

Wir können nicht so tun, als würden unsere Persönlichkeitsmuster unabhängig von Kontexten »existieren«. Menschliches Erleben und Verhalten findet immer in einem Kontext statt. Musteraktivitäten sind immer hier und jetzt und in genau diesem momentanen (Beziehungs-)Kontext – mehr oder weniger bewusst oder automatisiert, mehr oder weniger intensiv ausgeprägt, mehr oder weniger hilfreich.

Und: Musteraktivitäten sind gleichzeitig immer ein Beitrag zur Gestaltung des Kontexts. Das Muster »erschafft« sich (teilweise) seine Umgebung. Wir nehmen die Welt immer selektiv wahr und gestalten unsere Wirklichkeit entsprechend. Anders gesagt: Der Stil unserer Wirklichkeitsinszenierung erschafft sich auch die dazu passenden Bühnen, Mitspieler, Gegenspieler und so weiter.

Wir haben versucht zu zeigen, dass jedes Enneagramm-Muster viel mehr sein kann, als eine reine Typenbeschreibung. Es kann auch als komplexes Stück betrachtet werden, das in unterschiedlicher Besetzung und auf vielerlei inneren und äußeren Bühnen gespielt wird und bei dem die Themen, Geschichten und der Inszenierungsstil immer wieder ähnlich sind.

Alles nur Theater.

Von Karin Kunze-Neidhardt und Hans Neidhardt

  • Hans Neidhardt (geb. 1952) Diplompsych., Psychotherapeut, Ausbilder am Deutschen Ausbildungsinstitut für Focusing und Focusing-Therapie (www.focusing-daf.de). Arbeitet seit 1989 in Seminaren und Intensivtrainings u.a. mit dem Charaktermodell Enneagramm. Psychotherapeutische Praxis in der Nähe von Heidelberg. Autor von »Das Enneagramm unserer Beziehungen«, zs. mit Marianne Gallen
  • Karin Kunze-Neidhardt (geb. 1958) HP für Psychotherapie und systemische Beraterin für Führungskräfte und Teams. Enneagramm-Arbeit seit 1993. Ausbildungen in systemischer Arbeit mit Inneren Personen (V. und A. Wittemann, Institut für Individualsystemik), Focusing (DAF) und Aufstellungsarbeit. Psychotherapeutische Praxis in Hirschberg bei Heidelberg. Seit 15 Jahren arbeiten beide gemeinsam mit Gruppen und Paaren. www.hans-neidhardt.de

Titelseite connection spirit 10/09, Link zum Shop

Aus dem Heft connection spirit Oktober 2009



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