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Rhonda Byrne: The Power

Magazintexte - Spirit

Rhonda Byrne: The Power
© Rolfimages fotolia.com

Fastfood-Esoterik

Wenn das Marketing stimmt, können Fastfood-Esoterik-Bücher zu Bestsellern werden. Das versucht Bestseller-Autorin Rhonda Byrne (»The Secret«) mit ihrem neuen Buch »The Power«. Schlimm? Nicht für die Wirtschaft, für die ist das Buch ein Event. Aber für diejenigen, die seine Inhalte ernst nehmen. Rhonda Byrne gebührt die Ehre, mit »The Power« unsere neue Rubrik »Naive Esoterik« eingeleitet zu haben. Können spiritueller Kitsch und vom Marketing durchgestylte Esoterik immerhin eine Zubringerautobahn für echte Spiritualität und Selbsterforschung sein? Oder ist sowas doch eher nur Verführung Unmündiger?

»The Power« der australischen Drehbuchautorin Rhonda Byrne ist der Folgeband zu »The Secret«, von dem weltweit 19 Millionen Exemplare verkauft wurden. Zwei geheime Autoren steckten hinter dem Welterfolg: der amerikanische Traum, jeder könne es vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen – und jeder heißt »jeder«! – sowie körperlose Wesenheiten, die ihre Weisheiten unter dem Namen »Abraham« verbreiten. Vermarktet werden Abrahams Botschaften eigentlich von der Bestseller-Autorin Esther Hicks, die an »The Secret« mitgearbeitet hat, sich später aber mit Rhonda Byrne so erfolgreich verkrachte, dass ihr das 500.000 Dollar eintrug.

Kein Kopfsprung ins seichte Wasser

So viel zur Vorgeschichte von »The Power«. Wer gewohnt ist, Bücher mit ernst zu nehmender spiritueller Botschaft zu lesen, dem fällt dieses leichte Buch schwer.Warum? Es ergeht einem, als sähe man einen viel versprechenden See vor sich, in den man kopfüber springen möchte. Allerdings trügt der Wasserspiegel. Der See ist gerade mal 40 Zentimeter tief. Spränge man, man bräche sich das spirituelle Genick. Watet man in diesem Gewässer allerdings nur ein bisschen herum, ehe man in tieferen Gründen schwimmen geht, dann kann man sich schon an dem einen oder anderen Satz laben. Zum Beispiel: »Es gibt nur eine Kraft, und diese Kraft ist die Liebe«, sagte Rhonda Byrne da. Oder: »Dankbarkeit ist die Brücke, die Sie weg von negativen Gefühlen und dazu bringt, sich die Kraft der Liebe nutzbar zu machen!«. Oder: »Ein Glaubenssatz existiert, wenn man sich seine Meinung gebildet hat – das Urteil ist gefällt, Sie haben die Tür verriegelt und den Schlüssel weggeworfen, und es gibt keinen Verhandlungsspielraum.«

Das kann man guten Gewissens so stehen lassen, es ist allerdings nicht neu. Buddha hat so etwas vor rund 2500 Jahren erkannt. Misst man Rhonda an ihrer »Erkenntnis«, dann fällt vor allem auf, dass sie einige Schlüssel weggeworfen hat. Seitenweise bombardiert sie ihre Leser und Leserinnen mit Glaubenssätzen bis zur Gehirnerweichung. Entweder man beugt sich dem eindringlichen Geprassel, oder man »schaut mal«, wie es gelingt, die simple Botschaft auf 282 Seiten zu strecken. Dritte Möglichkeit: Man liest dieses Buch als »Lehrbuch über die Erfolgswirkung esoterischer Kampfschriften«.

Systematisch halbwahr

Da ist zunächst die Mutter allen Übels: das Schwarz-Weiß-Denken; die Polarisierung,die keine Schattierungen zulässt. Rhonda Byrne macht keinen Hehl daraus, dass sie weiß, wo's lang geht: »Das Leben ist einfach. Ihr Leben besteht aus nur zwei Arten von Dingen – positiven und negativen.« Dem kann man entweder widersprechen – dann braucht man nicht weiterzulesen – oder hält es für richtig – dann gehört man zur Zielgruppe. Auf den ersten Seiten breitet Rhonda Byrne die Grundlagen von »The Secret« aus: »Gleiches zieht Gleiches an ... Das, was Sie geben, bekommen Sie auch wieder zurück.« Sie lässt keine Ausnahme zu, der Glaubenssatz trifft auf jede Situation zu, sagt sie, auf ausnahmslos alles. Was, so fragte ich mich dabei, trage ich dann wohl in mir, wenn das Leben mir Pellkartoffeln spendiert? Einen Kartoffelacker? Und wie steht's bei Kaviar? Einen Schwarm Schwarzmeer-Störe? Um das neue Buch zu rechtfertigen, erzählt die Autorin, sie habe die Quintessenz aus »Tausenden erstaunlicher Geschichten« gezogen und »einen tieferen Einblick in die Zusammenhänge « des Lebens bekommen.

Die Macht schlechthin – The Power – ist nämlich die Liebe. Wie schön. Wie romantisch. Wenn es mal so allgemein stehen bleiben und das Gemüt wärmen könnte. Doch »ohne Liebe «, schreibt Rhonda beispielsweise, »gäbe es keine Medikamente.« Ob sie damit auch Pflanzen-Antibiotika wie Round-Up von Monsanto meint, ist unklar. Medikamente wie Viagra sind auf jeden Fall mit eingeschlossen. Nicht Profitinteresse treibt die Produktion an, sondern Liebe. Die Firma Pfitzer wird sich amüsiert bedanken, ebenso natürlich BayerHealthCare, Sanofi-Aventis, Novartis, Hoffmann-La Roche und wie sie alle heißen. Auch auf der persönlichen Ebene ist Liebe das alleinige Motiv: »Ohne Liebe würden Sie sich nicht vom Fleck rühren. Es gäbe keinen positiven Antrieb, morgens aufzustehen, zu arbeiten ... zu lernen, Musik zu hören oder überhaupt etwas zu tun.« Ein bisschen was Wahres ist da sicher dran, aber es ist eben nur eine Halbwahrheit, wie so vieles andere in diesem Buch.

Rhonda Byrnes »The Power« ist Konsumismus auf esoterischer Ebene

600 Jahre alt werden

Wie schon in »The Secret« führt Rhonda Byrne auch hier den Beweis, dass man alles haben kann, was man nur will. Das ist Konsumismus auf esoterischer Ebene. Und sowie eingangs jeder »jeder« hieß, so heißt hier auch alles »alles«! Job, Geld, Partner, Gesundheit, langes Leben – sechshundert Jahre zum Beispiel – alles kan nman haben. Man muss nur so intensiv wie möglich so tun, als ob man's schon hätte. Und nicht nur das: »Sie sind dazu bestimmt, alles zu bekommen, was Sie sich wünschen und erträumen ... Sie haben es verdient, alles zu erreichen und zu vollbringen,was Ihnen am Herzen liegt. «Das hört man gern, das zieht. Dafür kann man dann schon mal 17,50 Euro abdrücken! Gebetsmühlenartig bekommt man dieses Universalversprechen eingebläut und stellt dann fest: Mein Gott, ich bin ein einziges Defizit. Denn würde ich nur richtig lieben, dann wäre ich permanent reich und glücklich, hätte meinen Traumjob und den besten Partner westlich des Mississippi. Die Sache hat allerdings einen Haken: Die Tiefenlogik dreht sich im Kreis. Wenn du alles haben willst, musst du zuerst lieben, und zwar, ohne etwas haben zu wollen. Hoppla. Und inbrünstig lieben, ohne Wenn und Aber: Ist ganz einfach, muss man sich nur vornehmen. Hauptsache, man liebt 51 Prozent seiner Wachzeit. Das ist der Kipppunkt. Dann klappt alles, was man eigentlich gar nicht hatte wollen dürfen.

Ärgerlich bis schlimm

Lässt man Rhondas Botschaft ein bisschen tiefer sacken, dann muss man darauf achten, kein akutes Magengeschwür zu bekommen. An Zynismus ist sie nämlich kaum zu überbieten. Dass in Tansania auf 100.000 Menschen nur ein Arzt kommt, liegt natürlich daran, dass die armen Neger nicht positiv genug denken. Die 40 Millionen indischen Asthmatiker als billige Testpersonen nimmt man bei ganz viel Liebe zur Arzneimittelproduktion gerne an. Angesichts eines solchen menschlichen »Rohmateriallagers« (Zitat der Informationstechnik-Firma Igate) sind die 49 Kinder, die in der Kinderabteilung des »All India Institute of Medical Sciences« bei Arzneimitteltests von 2006 bis 2008 starben, ja gar nichts. Und selbstverständlich war den Millionen Juden, Sinti und Roma sowie Kommunisten, die unter den Nazis ihr Leben ließen, »The Secret« einfach nicht bekannt; sonst wäre das nicht passiert.

Nicht schlimm, nur ärgerlich, ist die Verwendung der vielen Pfauenfedern der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte, mit denen sich Rhonda Byrne schmückt: Descartes, Einstein, Heisenberg, Tesla, Salomon, Thoreau, Albert Schweizer, G.B. Shaw, Sophokles, Augustinus, Gandhi, Buddha – und wieder und wieder die Bibel. Hier ein Beispiel, wie sie das macht: Den Glaubenssatz »Wenn es Ihnen im Leben an Geld mangelt, dann liegt das daran, dass Sie zum Thema Geld mehr schlechte Gefühle aussenden als gute«, belegt sie mit Laotse: »Wenn du begreifst, dass es an nichts mangelt, dann gehört dir die ganze Welt. «Wer auch nur für fünf Minuten Laotse gelesen hat,weiß, dass damit eher das Gegenteil gemeint ist.

Für psychisch Instabile: Finger weg!

Eines muss man Rhonda zugute halten: Fundamentalisten der angelsächsischen Welt, die fest an die Macht Satans glauben, hält sie entgegen: »Es gibt keine Kraft der Negativität. In alten Zeiten [die z.B. in den USA bis heute fortdauern] wurde die Negativität manchmal als ›der Teufel‹ oder ›das Böse‹ beschrieben. «Wenn es Rhonda also schaffen würde, den Teufel zu entsorgen, dann würde ich ihrem Buch viel Erfolg wünschen. Aber auch nur dann. Ansonsten möchte ich, ganz in Rhondas Sinn aus Liebe zum Menschen, empfehlen, sich von dieser Fastfood-Esoterik nicht beschwipsen zu lassen. Und psychisch instabile Menschen sollten ganz die Finger davon lassen.

Bobby Langer



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