Das Unechte ist das Natürliche

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Wie die Psyche ihre authentischen Schätze tarnt
Der Begriff der Authentizität ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Das Echte, das Ursprüngliche und Wahre: Überall wird es gefordert, versprochen oder angeboten. Während unsere Welt immer künstlicher und kommerzieller wird, ertönt das Bekenntnis zu Echtheit immer lauter. Ist das ein Widerspruch? Oder mögen wir vielleicht genau diese schräge Mischung aus echter Künstlichkeit und künstlicher Echtheit? Und was hat das alles mit unserer ›echten‹ menschlichen Natur zu tun?
»Während andere versuchen, alles zu versprechen, versprechen wir nur eines. Das persönlichste, schönste und menschlichste aller Gefühle: Freude«. Dieser Text steht nicht im Programm eines Therapeuten, einer Religionsgemeinschaft oder eines Erleuchteten. Er steht auf der Website von BMW. Weiter heißt es da wörtlich: »Freude ist BMW«. Es heißt nicht: BMW macht Freude, oder wenigstens: BMW ist Freude. Nein: Freude selbst ist BMW.
BMW sagt ganz unverhüllt: Wir nehmen das menschlichste aller Gefühle und setzen es ohne weitere Erklärung gleich mit unserer Automobilmarke. Wir reklamieren das Gefühl für uns. Jeder kann es bei uns kaufen.
Die meisten Menschen würden wohl der Aussage zustimmen, dass Freude ein ursprüngliches, ein echtes Gefühl ist. So wie Liebe, Wut, Angst, Seligkeit und andere Zustände, gehört Freude zu den archetypischen Gefühlen. Sie können tief von einem Menschen Besitz ergreifen. Gefühle in dieser Reinheit und Tiefe sind echt.
Resignation, Ironie oder Dummheit?
Niemand hat Widerspruch gegen die Kampagne von BMW eingelegt, keiner hat Klage erhoben. Warum nicht? Mehrere Antworten auf diese Frage sind möglich.
Vielleicht befinden wir uns in einem Zustand allgemeiner Überforderung. Wir sind zu müde, um uns zu wehren. Von zu vielen Seiten prasseln Behauptungen auf uns ein, die wir zwar als falsch empfinden, gegen die wir aber nichts tun können. Wohin wir auch blicken, uns werden tiefe Gefühle untergejubelt. McDonalds behauptet einfach: Ich liebe es. VW: aus Liebe zum Automobil. Alpha Romeo: Weißglut. Peugeot: Fangen Sie Frühlingsgefühle ein. Atempause: Ein Produkt von Lufthansa. Wo sollte man da anfangen?
Vielleicht ist es aber nicht Müdigkeit, die uns all diese schrägen Behauptungen klaglos ertragen lässt. Vielleicht sind wir inzwischen so gut darin, Werbeaussagen einfach nicht ernst zu nehmen, dass auch ein offensichtlich verdrehter Spruch wie »Freude ist BMW« keine Reaktionen mehr in uns auslöst. Mit eleganter ironischer Distanz entwinden wir uns dem Zugriff der Werbung, die unsere echten Gefühle ausbeuten will. Wir kennen die Regeln; wir wissen was gespielt wird, und wir bleiben die heimlichen Sieger. Wir sind uns sicher, dass wir auf den authentisch wirkenden Köder gar nicht hereingefallen sind.
Resignation (»Es nützt ja doch nichts«) oder ironische Distanz (»Ihr kriegt mich eh nicht«) könnten unsere hinnehmende, achselzuckende Haltung erklären. Vielleicht ist aber alles noch viel einfacher: Sind wir vielleicht alle nur zu dumm, um den Trick wirklich zu bemerken? Sind wir vielleicht doch nur primitive, reizgesteuerte Primaten, denen man bloß eine Banane vor die Nase halten muss, damit sie danach greifen – sogar wenn es nur die billige Kopie einer Banane ist?
Aber da gibt es, neben Resignation, ironischer Distanz und Dummheit noch eine vierte Möglichkeit, die wir ernsthaft erwägen sollten: Wir werden gar nicht hinters Licht geführt. Man gibt uns genau das, wonach wir verlangen, und dieses Verlangen ist natürlich. Es ist alles genau so, wie wir es wollen und brauchen.
Die Liebe eine Rollkragenpullovers
Im Herbst 2009 verteilte das Münchner Modehaus Konen einen aufwändigen Werbeprospekt für Cashmere-Pullover. Eine sehr schöne junge Dame demonstriert auf dem Umschlagfoto, dass man so einen Pullover gar nicht erst anziehen muss, um darin warm zu bleiben. »Verführen Sie Ihre Haut« steht daneben. Die junge Dame verführt uns auf 20 weiteren Seiten durch den Katalog, und neben ihren Fotos finden wir kleine Liebesbriefe. Sie kommen aber nicht von der jungen Dame, nein, es sind die Cashmere-Pullover selbst, die das Wort direkt an unsere Haut richten: »Geliebte Haut«, steht da zum Beispiel, »ohne dich bin ich nichts, meine Fasern verloren und bedeutungslos, mein Cashmere am Boden zerstört. Nimm mich mit nach Hause, und mache aus mir den glücklichsten Pullover der Welt. In Liebe, dein Rollkragenpullover.«
Vielleicht wollen wir genau das: tiefe Bekenntnisse von Rollkragenpullovern, menschliche Gefühle von Automobilen, treue Liebe zu Fertiggerichten
Angenommen, wir wollten genau das: tiefe Bekenntnisse von Rollkragenpullovern, menschliche Gefühle von Automobilen, treue Liebe zu Fertiggerichten. Angenommen, das künstliche Echte läge uns viel näher als das echte Echte. Und angenommen, der Grund dafür wäre weder in unserer Resignation, noch in unserer Abgebrühtheit, noch in unserer Primitivität zu finden, sondern in unserer authentischen Natur, was dann? Dieser Spur möchte ich im Folgenden nachgehen.
Auf der Suche nach dem wahren Selbst
Die Diagnose und die Beschreibung menschlicher Entfremdung in der modernen Gesellschaft ist nichts Neues. Viele haben den Verlust der Ursprünglichkeit erkannt und beklagt. Viele wertvolle Vorschläge wurden gemacht, mit welchen Maßnahmen man diese Entwicklung umkehren könnte.
Sigmund Freud hat gleich zu Beginn der modernen Psychologie den Topos des Authentischen eingeführt: Das Es repräsentiert in seinem Modell die ursprünglichen, von keinen zivilisatorischen Regeln und Zwängen eingeschränkten Impulse und Triebe. Als Freud empfahl, Jugendlichen schon vor der Hochzeit Sex zu erlauben, erntete er heftigen Protest. Er war für seine Zeit ein mutiger Verfechter der Befreiung natürlicher Impulse. Dem stand jedoch – nach Freuds Auffassung – das Über-Ich als Gegenspieler des Es im Wege. Das Über-Ich hält nichts von authentischen Regungen. Ihm liegt nur daran, uns möglichst geräuschlos an die Forderungen der Gesellschaft anzupassen, dafür opfert es ohne Rücksicht die wahren Impulse des Es. Selbstentfremdung und Neurosen sind die Folge.
Dieser Dualismus hat unser Verständnis über die innere Dynamik der Psyche tief geprägt. Seit Freud glauben wir, dass Wahre und das Unechte zwei Gegensätze sind, die aus zwei unterschiedlichen Quellen kommen und sich bekämpfen. Dieser Glaube drückt sich in unzähligen psychotherapeutischen und spirituellen Lehren und Praktiken aus.
Manche suchen das wahre Selbst in vitaler Ausdruckskraft, andere in eigensinniger Selbstbestimmtheit oder in überpersönlicher Transzendenz. Fast immer aber sehen sie das jeweilige »Echte« bedroht von inneren und äußeren Zwängen, die es zu erkennen und zu überwinden gelte.
Der Fetzenfisch und seine Brüder
Die belebte Natur wird gerne als Vorbild für eine unverstellt authentische Lebensweise angeführt. Sind nicht die Tiere und Pflanzen ganz sie selbst? Zeigen sie uns nicht auf wunderbare Weise, wie eine ursprüngliche Lebensweise aussieht? Dass sich Tiere und Pflanzen in einem ständigen Anpassungs- und Überlebenskampf befinden, wird da leicht übersehen.
Nimm zum Beispiel den Fetzenfisch: Er sieht aus wie eine alte vergammelte Alge, deshalb ist auch niemand scharf drauf, ihn zu fressen. Er verleugnet mit seinem Aussehen nicht nur seine eigentliche Natur als Fisch; er tut auch noch so, als wäre er gar nicht wirklich da. Seine Tarnung ist von genialer Intelligenz.
Ist der Fetzenfisch authentisch? Oder will er aus seiner Tarnung befreit werden? Leidet er darunter, dass ihm seine Fetzen-Strategie das schnelle Umherschwimmen und das elegante Aussehen anderer Fische unmöglich macht? Oder ist es nicht eher so, dass der Fetzenfisch gerade in seiner Tarnstrategie seine authentische Natur zeigt? Dann wären die Tarnung (Alge) und das Eigentliche (Fisch) nicht zwei grundsätzlich verschiedene Dinge, die miteinander im Wettstreit liegen, sondern sie wären aus dem gleichen ursprünglichen Willen erwachsen, dem Willen, zu leben und sich in einer feindlichen Welt zu behaupten.
Wir sehen an diesem Beispiel, dass Authentizität in der Natur keine Selbstverständlichkeit ist. Wenn es nötig und möglich ist, machen sich Tiere völlig unsichtbar, stellen sich tot oder imitieren andere Tiere und sogar Gegenstände. Diese Verwandlungskunst ist eine Lösung, ein Triumph des Überlebens. Warum sollte das in der Psyche des Menschen anders sein?
Wenn wir die Dinge so betrachten, dann sind das Wahre und das Unechte keine Gegenspieler mehr, denn sie kommen aus der gleichen Quelle. Sie sind Ausdruck eines intelligenten aber unbewussten Willens, der instinktiv erkennt, dass er in seiner ursprünglichen Form bedroht ist, und der nun selbst alles daran setzt, eine neue Form zu entwickeln, die ihn schützt. Er ist stolz auf diesen Schutz. Er wartet nicht darauf, dass ihn jemand davon befreit. Er wartet höchstens darauf, dass jemand die Intelligenz und Genialität seiner Lösung erkennt.

Der Fetzenfisch verleugnet mit seinem
Aussehen nicht nur seine eigentliche
Natur, er tut auch noch so, als wäre
er gar nicht da
Foto: pixelio.de, © knaddldaddl
Innere Quellen
Wenn wir die Psyche unvoreingenommen betrachten, dann können wir sehen, dass sie genau das Gleiche macht wie der Fetzenfisch: Sie kann ihre Erscheinung bis zur Unkenntlichkeit verändern, sie kann sich ihrer Umgebung völlig anpassen, und sie kann sich komplett tot stellen. Wie aber hängen diese Verwandlungskünste mit dem zusammen, was wir als das Wahre, das Echte, das Authentische in uns erleben?
Unseren inneren Quellen passen diese Pseudo-Angebote: Sie handeln vom Wahren ohne es zu berühren
Um diese Frage direkt untersuchen zu können, müssen wir nur eine kleine Veränderung von Freuds Ausgangspunkt vornehmen: Wir behalten seine Grundidee der unterschiedlichen Quellen bei, verzichten aber darauf, diesen Quellen von vorneherein bestimmte Eigenschaften zuzuweisen. Wir gestehen uns ein, dass wir die Quellen an ihrer sichtbaren Oberfläche noch nicht verstehen können. Das gibt uns die Freiheit, die Oberfläche der Quelle zu nehmen, wie sie ist, ohne voreilige Schlüsse auf ihre Tiefe schließen zu müssen.
Wenn wir einen Fetzenfisch fangen, rufen wir also nicht: Oh, eine Alge! Wir rufen auch nicht: Oh, ein Fisch verkleidet als Alge! Wir sagen nur: Sieht aus wie eine Alge, bewegt sich ein wenig wie ein Fisch – kann ich das auch?
Wenn ein Klient sagt: »Schön, dich zusehen!«, wird sein Therapeut auf sehr ähnliche Art vielleicht antworten: »Ja, ich freue mich auch dich zu sehen!« Dann kann sich ein Dialog entfalten zwischen zwei Ähnlichen, von »gleich zu gleich«. Angenommen, die Aussage des Klienten kommt aus einer wirklich herzlichen Quelle, die sich aufrichtig freut, den Begleiter zu sehen. Dann wird der Begleiter aus einer freundlichen Quelle in sich antworten, und bald haben wir zwei Menschen, die sich in herzlicher Verbundenheit begegnen. Sie fühlen sich beide offen, nahe und vertraut.
Das klingt soweit vielleicht alles ganz normal und bekannt. Der Begleiter aber hat hier einen entscheidenden Paradigmenwechsel vollzogen. Er interessiert sich nicht mehr für die Worte, für die Inhalte des Klienten. Er interessiert sich vor allem für die Quelle, aus der diese Worte kommen. Dieser Paradigmenwechsel ist das entscheidende Element, es wird die Begegnung völlig verändern.
Beziehung versus Inhalt
Der Begleiter wird also seinem Gegenüber ähnlich, und er besteht auf dieser Ähnlichkeit. Er bringt sie sogar noch intensiver ein als der Klient selbst. Er wird – in unserem Beispiel – noch einen Tick herzlicher, einladender und freundlicher als sein Gegenüber. Und das nicht nur mit Worten, sondern seine Gesten, seine Mimik, seine Haltung, seine Emotionen, seine inneren Bilder, ja sogar sein Energiefeld verdichten sich ganz auf diese spezielle Art der Herzlichkeit, die ihm die innere Quelle des Klienten anbietet. Er erzeugt ein Resonanzphänomen, und das Ergebnis ist eine äußerst eindeutige, intensive Beziehung zwischen zwei Ähnlichen.
Was auf den ersten Blick vielleicht wie ein Trick wirkt, ist in Wahrheit eine Kunst, die viel Entwicklung, Klärung und Übung von Seiten des Begleiters bedarf. Es hat nichts mit Nachmachen zu tun, nicht einmal mit den bekannten Formen des Pacings oder Spiegelns. Das Gelingen hängt ganz von der inneren Freiheit ab, die der Begleiter in seinem eigenen System erreicht hat. Denn seine eigenen inneren Quellen müssen bereit sein, sich möglichst eindeutig und intensiv auf das Gegenüber einzulassen und diesen Kontakt aus eigenem Impuls heraus zu suchen.
Nun geschehen mehrere entscheidende Dinge gleichzeitig: Es entstehen intensiver Kontakt, Eindeutigkeit und eine wache Aufmerksamkeit, in der auch kleinste Veränderungen wahrgenommen werden. Was bedeutet das für die innere Quelle, um die es geht? Sie kann nicht mehr ausweichen. Sie steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und wird eindeutig und in kleinsten Schritten nachempfunden und bejaht. Jede weitere Bewegung wird sofort mitvollzogen und vertieft. Sie soll ja nicht verändert, nicht einmal verstanden, sondern nur in ihrem momentanen So-Sein umfassend erkannt und verstärkt werden.
Schichten
In unserem Beispiel beginnt die herzliche Zugewandtheit sich langsam etwas abzukühlen. Unmerklich erst, dann immer deutlicher, schlägt die Stimmung der Quelle um. Sie ist es nicht gewohnt, dass man ihr so hartnäckig und mit ihren eigenen Mitteln begegnet. Normalerweise freut sich ihr Gegenüber kurz über die Freundlichkeit und wendet sich dann den Inhalten zu, die sie ins Spiel bringt. Das kann alles sein, was sich gerade anbietet: vom Wetter über den Verlauf der Therapie bis hin zu gesellschaftlich relevanten Fragen. Jetzt aber endet jeder ihrer Versuche, ein Thema im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu etablieren wieder bei ihr selbst und dabei, wie sie das macht. Sie wird erst nervös, dann abwehrend, schließlich offen abweisend. Der Begleiter geht wieder mit, immer eng am Vorbild der Quelle selbst, immer ähnlich antwortend und dabei die Wechsel bejahend. Aus der Herzlichkeit wird nervöser Rückzug, aus dem Rückzug dumpfes Schweigen, und aus dem dumpfen Schweigen machtvoll abweisende Überlegenheit. Schließlich, nach vielen Stunden, zeigt sich die Quelle in ihrer ursprünglichen und wesenhaften Form: als aufrechter, selbstbewusster, ernsthafter und eindeutig urteilender Mann – genau die Eigenschaften, die der Mensch in seinem Leben schmerzlich vermisst hatte. »Ich bin immer zu freundlich, ich kann mich nicht durchsetzen«, waren seine ersten Worte bei Beginn des Prozesses gewesen.
»Ich musste meine Macht und mein Urteil verstecken!«, waren die Worte der inneren Quelle, als sie es zum ersten Mal wieder wagte, sich in ihrer unverstellten Form zu zeigen. »Wenn ich mein Urteil nicht mit Freundlichkeit und Rückzug getarnt hätte – ich glaube, ich hätte die Angriffe nicht überlebt.«
Selbstverdrängung
Es war also die innere Quelle selbst, die ihre selbstbewussten, ernsthaften und eindeutigen Qualitäten unter Schichten von Haltungen und Inhalten verborgen hatte. Das war ihre Rettung, ihre Lösung angesichts einer überwältigend feindlichen Umwelt.
Hier war kein Impuls von einem Über-Ich unterdrückt worden. Die Quelle selbst schützte sich vor feindlichem Zugriff. Mit unbewusst-genialer Intelligenz fand sie einen Weg, sich zu tarnen und keine Angriffsfläche mehr zu bieten. Wie der Fetzenfisch bot sie einen harmlosen, nichtssagenden aber freundlichen Anblick. So waren ihre Essenz, ihre ursprünglichen Fähigkeiten und Werte, vor Angriffen geschützt.
Fast alle unsere inneren Quellen haben einen ähnlichen Prozess der Selbstverdrängung durchlaufen. Sie haben ihre ursprünglichen und eindeutigen Fähigkeiten unter Schichten von tarnenden Haltungen und Inhalten begraben. Sie haben dies mit der gleichen blinden aber genialen Intelligenz getan, die in allen Lebewesen zu wirken scheint. Sie haben unbewusst verstanden, dass das Eigentliche und Wahrhaftige in diesem Leben nicht belohnt wird, sondern früher oder später Zielscheibe wird für alle, die sich selbst durchsetzen wollen.
Etwa 15 bis 20 solcher Quellen finden wir in einem Menschen, wenn wir sein inneres System auf die oben beschriebene Weise systematisch untersuchen. Manche sind für die Welt sichtbar (zumindest mit ihrer Tarnung), andere sind vollständig in die Tiefen der Innenwelt abgetaucht. Nacheinander kann man sie kennenlernen und von ihrer Oberfläche bis in ihre Essenz untersuchen.
Je länger man sich mit ihnen befasst, umso klarer wird, wie willkommen den inneren Quellen alle Angebote sind, die ihnen helfen, die Welt, das Leben und die Menschen auf Abstand zu halten und trotzdem noch ein wenig an ihr teilzuhaben. Fernsehen, Kino, Internet, Werbung, Autos, Pauschalreisen und Fertiggerichte entsprechen exakt ihrer grundsätzlichen Lösung: Sie schenken Lebendigkeit und bleiben auf Abstand. Sie geben Liebe und lassen in Ruhe. Sie handeln vom Wahren ohne es zu berühren.
Dass Freude – »das persönlichste, schönste und menschlichste aller Gefühle« – gleichbedeutend mit BMW ist, dass Pullover uns Liebesbriefe schreiben, dass Atempausen ein Produkt von Lufthansa sind – das ist unseren inneren Quellen, in ihren unbewusst getarnten Haltungen, sehr willkommen. Es unterstützt sie in ihrem Bemühen, ihr Kostbarstes, ihren unverstellten, beseelten, authentischen Willen zu beschützen, indem sie ihn mit Ablenkungen, Tarnmanövern und täuschend echt gemachten Kopien verbergen. Es verspricht ihnen, dass ihre Schätze verstanden und trotzdem weiterhin in Ruhe gelassen werden.
Es besteht ein universeller Vertrag zwischen den inneren Quellen und den Herstellern dieser virtuellen Freuden: Sie brauchen sich gegenseitig. Das Unechte ist das Natürliche. Wenn wir das verstanden haben, wissen wir, wo wir das Echte suchen müssen.
Artho Stefan Wittemann, »Warum wir erst anfangen, uns selbst zu verstehen – Die Architektur der Innenwelt«, ca. 350 Seiten, HC, J.Kamphausen, 24,80 €.
Von
Artho Wittemann
Artho S. Wittemann beschäftigt sich seit 20 Jahren intensiv mit Fragen der systemischen Selbstorganisation der Psyche. Er war lange Zeit Schüler, dann Mitarbeiter von Dr. Hal und Dr. Sidra Stone, den Begründern der Voice-Dialogue-Methode. Gemeinsam mit seiner Fau Veeta schlug er anschließend einen eigenen Weg ein, den er unter dem Begriff IndividualSystemik© zu einer umfassenden psychologischen Theorie und Praxis weiter entwickelte. In seinem ersten Buch »Die Intelligenz der Psyche« sind die grundlegenden Konzepte der IndividualSystemik dargelegt. www.individualsystemik.de
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