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Vergiss die Wahrheit – auf die Schönheit kommt es an!

Magazintexte - Spirit

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Illustration: Jaya Suberg

Plädoyer für eine Ästhetik der spirituellen Wege

Das Gute, Wahre, Schöne sucht man heute nicht mehr so sehr. In unserer Zeit hat die Ökonomie Vorrang, man sucht nach dem Nützlichen. Doch die klassischen Ziele des Schönen (Ästhetik), Wahren (Wissenschaft und Religion) und Guten (Ethik, Politik) berühren uns auch heute noch. Auch die Art zu wirtschaften kann schön sein oder hässlich (Urwaldrodung und Fleischfabriken sind hässlich) – umso mehr die spirituellen Wege, Religionen und Weltanschauungen

Mit 18 begann ich das Studium der Physik. Mein Vater war Naturwissenschaftler (Biologe), ich war auf der Schule gut gewesen in diesen Fächern, also lag das nahe. Etwas tiefer betrachtet aber war es die Schönheit der Newtonschen und Einsteinschen Physik, was mich daran so anzog. Die Schönheit oder die Wahrheit? In diesem Falle beides: Dass der vom Baum fallende Apfel und die Bewegung des Mondes um die Erde von dem gleichen Gesetz regiert werden (Newton, 1686) und dass Masse und Energie ineinander verwandelbar sind (Einstein, 1905, mit der Formel e=mc²), das erschien mir nicht nur als wahr, sondern in seiner grandiosen Schlichtheit auch als unendlich schön.

Für einen faustischen Sucher wie mich war die Physik nichts, und so lief ich zur Philosophie über

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts aber war es dann erstmal aus mit der Schönheit der Physik. Man fand die Weltformel nicht und alles wurde immer komplizierter. Das Physikstudium an den Massenuniversitäten vermittelte Grundlagenwissen für Ingenieure, für einen faustischen Sucher wie mich war das nichts. Ich verließ die Physik und lief zur Philosophie über – in der Hoffnung, dort die Weltformel zu finden. Oder wenigstens ein paar tiefere Antworten.

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Bild: pixelio

Arts and Sciences

Von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert waren die Akademien und Hochschulen noch Anstalten zur Förderung der »Wissenschaften und Künste« (Arts and Sciences). Heute sind die Wissenschaften der dominante Teil, vor allem die »Sciences« (die Naturwissenschaften). Die Wahrheit zählt viel mehr als die Schönheit, und auch die Schönheit eines Fachgebietes und seiner Art, ein Modell der Welt zu entwerfen, spielt kaum mehr eine Rolle.

Was unterscheidet die Wissenschaften und Künste eigentlich? Es sind doch beides Arten, die Welt darzustellen – mehr oder weniger gegenständlich oder symbolisch. Ein Musikwissenschaftler ist nicht unbedingt ein Musiker, ein Kunsthistoriker muss kein Künstler sein und ist es meistens auch nicht, ein Rezensent ist nicht im engeren Sinne ein Schriftsteller. Die erstgenannten drei, obwohl sie selbst Schöpfer sind, zehren von den Schöpfungen anderer und sind insofern sekundär, die (anderen) Künstler primär. Vielleicht ist es auch in den Wissenschaften so, dass es für einen Einstein oder Newton mehr vom Genie eines Künstlers braucht als von der Solidität des beobachtenden und vergleichenden Wissenschaftlers. Darwin war beides, innovatives Genie und vergleichender Sammler, aber das ist selten. Noch seltener ist ein Leonardo da Vinci, der in der Wissenschaft ebenso herausragte wie in der Kunst. Er war ein Universalgenie, wie es heute, in Zeiten der Spezialisierung, kaum mehr denkbar ist.

Bertrand Russell und Sigmund Freud als Künstler

Mit 16 las ich die Tagebücher von Bertrand Russell, dann seine philosophischen Schriften. Mit 20 dämmerte mir die Bedeutung der Principia Mathematica, Russells selbst gewählter Lebensaufgabe, mit der er den Wissenschaften eine widerspruchsfreie Grundlage geben wollte (und womit er scheiterte). Dann las ich, dass er 1950 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, obwohl der doch viel mehr Mathematiker und Naturwissenschaftler war als Künstler. Wohl angeregt durch den Nobelpreis, schrieb er dann ein paar Kurzgeschichten (»Satan in den Vorstädten«, 1953), aber diese Kunst blieb ihm fremd. Wahrheit (und auch Güte, was seine politische Aktivität beweist) war ihm zeitlebens wichtiger als Schönheit.

Wenn aber Bertrand Russells Lebenswerk insgesamt zu den Künsten zu zählen ist, dann vielleicht auch Freuds. Dessen psychoanalytische Thesen sind ja wissenschaftlich kaum überprüfbar und streng genommen auch nicht haltbar, obwohl sie sehr mächtige Strömungen in den Geisteswissenschaften, Therapien und Künsten hinterlassen haben. Vielleicht versteht und würdigt man Freud eher, wenn man in ihm weniger den Wissenschaftler als den wortgewaltigen Autoren sieht, den Literaten, der so wie Dostojewski oder Mark Twain mit seinen Worten Aspekte der menschlichen Psyche intuitiv genial erfasst hat.

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Bild: Photodisc »World Religions«

Publish or perish

Ich will die arts and sciences aber auch nicht zu weit auseinanderrücken. Wenn man bedenkt, dass Wissenschaftler alles, was sie über die Natur der Welt und des Menschen herausfinden, auch darstellen müssen – in Worten, Bildern, Grafiken oder Tondokumenten – dann liegt es nahe, auch die Wissenschaft (Science) als eine Kunst zu betrachten, zumindest als Darstellungskunst. Sie will die Welt abbilden, aufzeichnen, registrieren und in ihren Zusammenhängen verstehen – und zumindest das Abbilden und Darstellen, das wollen die Künste auch.

Für Wissenschaftler gilt zudem (heute und vielleicht schon immer) das Motto: publish or perish – veröffentliche oder du verschwindest aus dem kollektiven Bewusstsein. Man kann als Wissenschaftler nicht existieren ohne zu veröffentlichen – und die Veröffentlichung ist eine Kunst. Dass der Wissenschaftsjournalismus diese Herausforderung in den vergangenen Jahrzehnten ernst genommen hat, ist ein riesiger Gewinn für die Wissenschaft und die ganze Gesellschaft. Der Heidelberger Verlag »Spektrum der Wissenschaft« praktiziert das übrigens in exzellenter Weise. Sein täglicher Online-Newsletter, den ich seit zwei Jahren abonniert habe, unter der Leitung von Richard Zinken, ist für mich nicht nur eine Wissensquelle, sondern in seiner Klarheit und seinem Humor ein Vorbild und ein ästhetischer Genuss.

Nirgendwo lässt sich das Wahre, Schöne und Gute/Nützliche exakt voneinander trennen

Das Profane und das Heilige

Schon die Abgrenzung zwischen Kunst und Wissenschaft empfinde ich als schwierig, umso mehr die zwischen einer spirituellen und einer profanen Kunst. Das Design eines Flugzeugs, Schiffs oder Autos, diese (aqua- oder aerodynamischen) Stromlinienformen können in ihrer reinen Funktionalität faszinierend schön sein. Fast so schön wie die Flügel einer Libelle oder einer Möve oder die Flossen eines Hais, die ja auch nicht in einem Schönheitswettbewerb entstanden sind, sondern im Nützlichkeitswettbewerb der biologischen Evolution. Nirgendwo lässt sich das Wahre, Schöne und Gute/Nützliche exakt voneinander trennen: nicht im Design von Waren, nicht in der Dekoration von Räumen (an der Wand meiner Zahnarztpraxis, dort, wo der Patient hinschaut, hängt ein Mandala), nicht in der Abbildung von Menschen (vom Passfoto bis zum erotischen Akt). Umso mehr gilt diese Untrennbarkeit »im Grunde« auch für die Abgrenzung des Profanen vom Heiligen.

Ist es wahr?

Seit mehr als dreißig Jahren bin ich ein leidenschaftlicher spiritueller Sucher, Meditierer, Mystiker. Seit fast 25 Jahren beruflich tätig in den dies zelebrierenden Szenen, als Autor, Redakteur, Veranstalter, Verleger, Referent oder Rezensent. Immer wieder muss ich dabei spirituelle Gruppen, Wege, Methoden, Personen und Produkte beurteilen. Wie soll das gehen? Ist das Pilgern auf dem Jakobsweg heiliger als die Hadj nach Mekka oder das Umrunden des Kailash? Ist Yoga besser als Taiji, Quigong oder die Fünf Tibeter? Ist die Koan-Praxis erfolgsversprechender als Zazen? Ist es wahr, dass Jesus nach seinem Kreuzestod auferstand, Buddha erleuchtet wurde, Mohammed den Erzengel Gabriel channelte? Dass es Gott gibt? Dass wir wiedergeboren werden? Dass das jüngste Gericht naht?

Das sind allesamt wichtige Fragen, die man nicht einfach mit einem Achselzucken abtun kann. Ob das jüngste Gericht alias das Ende der uns bekannten Zeit naht, vielleicht schon 2012, oder ob das nur eine Marotte der Maya-Freaks respektive der Zeugen Jehovas ist, das hat Konsequenzen, nicht nur für Rentenversicherungen und auf Kredit gekaufte Immobilien. Diese Fragen haben mit Wahrheit zu tun, mit dem, was wirklich ist. Trotzdem bin ich es leid, sie zu beantworten. Sie haben zu viel mit der Überzeugung der Fragenden zu tun, mit ihrer Biografie und ihren Erwartungen, ihrem Glauben. Als Redakteur eines Fachmagazins kann ich mich nicht ungestraft vor der Beantwortung dieser Fragen drücken, und doch – ich bin es leid. Hier ist meine Ausflucht: Ich möchte Religionen spirituellen Weltbilder, die sich ja mit Utopien befassen (der Himmel, das Paradies, das erleuchtete Leben) und phantasievoll Wissenslücken schließen (Wer war der erste Mensch? Wer hat ihn erschaffen?) nun lieber zu den Künsten zählen als zu den Wissenschaften.

Ist es auch schön?

Damit tritt die Frage »Ist es wahr?« in den Hintergrund und die Frage »Ist es schön?« wird wichtiger. Von der Frage nach der Wahrheit machen wir jetzt mal ein Weilchen Urlaub, vielleicht ein Sabbatjahr lang, und stellen stattdessen die nach der Schönheit. Ist diese spirituelle Methode/diese Utopie vom Himmel oder von der Erleuchtung hässlich, oder ist sie schön? Bringt sie Kunstwerke hervor? Sind die Menschen dabei in sich zerrissen aufgrund unheilbarer Stilbrüche, oder wirken sie harmonisch, in sich ruhend, ganz? Gerade in unserer Zeit des Eklektizismus, der Versatzstücke, der Patchwork-Kulturen und Flickenteppich-Religiosität: Ist meine Praxis aus einem Guss und deshalb – schön?

Ob es wahr ist, dass Mohammed der letzte Prophet ist oder wir wiedergeboren werden, diese Frage stelle ich jetzt mal zurück. Ob es gut ist, nach Lourdes zu pilgern, oder besser fünf Mal am Tag zu beten, gen Mekka gerichtet. Oder doch lieber morgens zu Meditieren, Vipassana, die Einsichtsmeditation? Und sollten wir unsere Kinder taufen und sie in den Religionsunterricht gehen zu lassen? Alle diesen Fragen will ich jetzt mal in die zweite Reihe zurücktreten lassen, zugunsten einer anderen: Ist es schön? Ist mein spirituelles Leben ein Ganzes? Oder, wenn es denn eine Collage ist, so wie etliche der Bilder in diesem Heft (von Kirti P. Michel und Jaya Suberg): Ist diese Collage ein Ganzes, das Harmonie hat, Schönheit, einen in sich schwingenden, inneren Zusammenhang? Die Aufgabe der inneren und äußeren Integration, die sich dem Weltbürger am Anfang des 21. Jahrhunderts stellt, möchte ich jetzt mal so beschreiben. Mache aus den vorhandenen kulturellen Versatzstücken (in den Bereichen Religion, Kunst, Sprache, Kulturelles aller Art) eine gute – eine schöne Collage!

Ab in die Maske

Wer sich zeigen will in der Gesellschaft, der muss sich dafür erstmal stylen und eine Maske aufsetzen

Damit mich da keiner missversteht: Bei diesem Auftritt des Schönen gegenüber dem Wahren meine ich mit schön nicht schnieke. Auch das Grobe, Imperfekte kann schön sein, oft ist es viel schöner als das Gestylte. Vor einem Fernsehauftritt muss man »in die Maske«. Auch wenn dieses Pudern vor dem Auftritt Sinn macht, weil das Gesicht im Licht der Bühne dann nicht so glänzt, denke ich mir dabei doch jedes Mal: typisch! Wer sich zeigen will in der Gesellschaft (das Fernsehen ist heute nun mal das Leitmedium), der muss sich dafür erstmal stylen und eine Maske aufsetzen. Viele helfen dabei sogar noch mit plastischer Chirurgie nach.

Aber das meine ich hier nicht mit dem Kriterium der Schönheit, sondern die Schönheit, die ein natürlich fließender Bach hat gegenüber einem begradigten oder einem Kanal. Wenn wir die spirituellen Wege nach ihrer Schönheit beurteilen, sparen wir uns die Wahrheitsdiskussion, die so oft in Rechthaberei und Fanatismus endet. Und sie eröffnet uns die Chance, den Blick zu weiten und jeden einzelnen Menschen in seiner Eigenart und Einzigartigkeit zu sehen. Und sie scheidet dabei, auch ohne die Ethik extra zu bemühen, Folgendes zum Beispiel ganz klar aus: die so oft religiös begründete weibliche Genitalverstümmelung; die Bestrafungen nach der Scharia (wie z.B. das Handabhacken bei Diebstahl); das Niederschreien religiöser Gegner; das Zerstören von Kunstwerken Andersgläubiger (die Statuen von Bamiyan, die Babri-Moschee in Ayodhya), denn alles das ist hässlich.

Kitsch

Wir neigen dazu, die Biografien unserer spirituellen Lehrer zu verkitschen. Das verrät eine Gefühlswelt, die vom großen Geist noch nicht wachgeküsst wurde

Noch etwas ermöglicht das ästhetische Kriterium: die Beurteilung einer geistlosen Religiosität als Kitsch. Eine Wohnung voller Putten, roter Herzen oder Jesus-Bildchen ist nicht falsch oder unwahr, sondern kitschig. Auch Erleuchtungs- und Heilungsgeschichten können kitschig sein. Bei den Biografien unserer Heiligen und spirituellen Lehrer haben wir die Tendenz, sie zu verkitschen. Diese Darstellungen sind nicht moralisch schlecht, oft sind sie auch nicht im engeren Sinne unwahr, aber sie zeigen in ihrer Auswahl und Betonung eine schlichte, oft kindliche Gefühlswelt, die vom großen Geist noch nicht wachgeküsst wurde. Man sollte Kitsch, auch religiösen und spirituellen Kitsch nicht diffamieren, aber man sollte aus ihm auch kein Vorbild machen für eine tiefe Frömmigkeit, die ja ach so schön ist in ihrer kindlichen Reinheit. Religion und Spiritualität bieten mehr als Devotionalen und das, was ich zu sehen bekomme, wenn ich zum Beispiel auf Google »spirituelle Kunst« eingebe. Da erhalte ich 938.000 Treffer, bei Bildern immerhin noch 167.000. Das meiste davon empfinde ich als Kitsch.

Das ästhetische Ego

Die Beurteilung nach Schönheit statt Wahrheit erspart einem zwar den Wahrheitsfanatismus, aber nicht den Umgang mit dem Künstlerego und dem ästhetischen Besserwisser. Menschen, die ansonsten ein von tiefer Spiritualität durchdrungenes Leben zu führen scheinen, können sich bei passender Gelegenheit als Hohepriester oder gar Diktatoren des guten Geschmacks entpuppen. Wer einen weniger »entwickelten« Geschmack hat, kann ihnen einfach nicht das Wasser reichen. Das reifere, bessere, tiefere ästhetische Empfinden zu haben ist eines der populärsten Mäntelchen des spirituellen Egos: Ich weiß Bescheid! Ich bin in der Sache einfach weiter als ihr! Wer in seinem Kunstgeschmack von anderen als »kitschig« definiert wird (wie ich es eben getan habe, bei den Google-Fundstücken), der wird natürlich für sich in Anspruch nehmen, bei dieser Beurteilung einem solchen spirituellen Ego begegnet zu sein.

Das verkannte Genie

Wer seine Kunstwerke nicht verkaufen kann oder dafür bei Freunden und Kritikern kein Lob einheimst, kann sich immer noch als verkanntes Genie fühlen oder als seiner Zeit weit voraus. Für mich ist die zweite Variante die attraktivere. Meine Zeitschrift wird grad mal von zehn oder zwanzig tausend Menschen gelesen, meine Bücher sind keine Bestseller, die meisten Deutschen kennen mich nicht mal, obwohl ich doch schon seit 24 Jahren publiziere. Das geht schwer aufs Ego. Bin ich ein verkanntes Genie? Um hier mal (ausnahmsweise) ehrlich zu sein: Das kann ich kaum glauben. Kunst ist 99 % Transpiration, 1 Prozent Inspiration, sage ich gerne in meinen Kursen – und will dabei selbst ein verkanntes Genie sein? Nein, das passt nicht. Da ist Weiterschwitzen angesagt. Außerdem finde ich den Akt des verkannten Genies nicht wirklich prickelnd. Meiner Zeit voraus? Das schon eher. Es gibt Tage, da tue ich mir richtig leid, dass meine Schriften zu Lebzeiten noch nicht von vielen gelesen werden. Erst nach meinem Tod wird man merken, welch großer Geist da gelebt hat.

Veröffentlicht zu werden ist Ehrensache

Bei meiner Zeitschrift werden Künstler nicht bezahlt. Buchhalter, Anzeigenakquisiteure, Leute im Versand und Vertrieb, die werden bezahlt. Wie ungerecht! Ungefähr zwölf Jahre lang habe ich Autoren bezahlt, auch einige Fotografen und gelegentlich Zeichner. Dann war der Verlag pleite. Eine der Maßnahmen zur Sanierung war, Künstler nun nicht mehr zu bezahlen. Das funktioniert erstaunlich gut. Ich bekomme heute sogar leichter Artikel und Bildmaterial für dieses Heft als damals, denn heute ist völlig klar, dass niemand bezahlt wird – so steht es ja auch seit langem im Impressum. Das kleine Honorar, was wir früher bezahlt haben, das hat einen Künstler sowieso nicht wirklich ernähren können. Also lieber gar nichts. Nun ist es mehr denn je eine Sache der Ehre, in connection veröffentlicht zu werden. Wer nicht will, muss ja nicht. Publish or perish auch hier?

Was für Wissenschaftlicher längst selbstverständlich ist, das könnte in der Publizistik bald allgemein der Trend sein: Man wird für die publizierten Inhalte (Texte, Bilder, Töne) nicht bezahlt, sondern darf stolz sein, überhaupt veröffentlicht zu werden. Der Hauptgrund dafür ist wohl das Internet, in dem veröffentlichte Inhalte fast nie bezahlte werden. Jahrhunderte lang waren Bücher das Leitmedium der Kultur, heute ist es das (boulevardisierte) Fernsehen. Bald wird das Internet diese Rolle übernehmen, in einigen Bereichen (z.B. Bürgerjournalismus) ist das schon der Fall. Für die im Internet publizierten Kunstwerke werden die Künstler fast ausnahmslos nicht bezahlt. Sie nutzen es zur Präsentation. Ihren Lebensunterhalt verdienen müssen sie woanders.

Bühne
Bild: pixelio.de; Jaya Suberg

Das Modell Shanda

Bleibt es dabei? In China macht gerade ein Verlag von sich reden: Shanda. Er hat seinen Sitz in Shanghai und publiziert 80 % der chinesischen Internetliteratur. In China gibt es 340 Millionen Internetnutzer, und sie lesen mehr und mehr E-Books, vor allem die von Shanda. Auf deren Webseite sind zur Zeit 400 000 Bücher erhältlich, täglich kommen etwa 8000 dazu. Aber nur kapitelweise – an einer spannenden Stelle hört der Text auf, ab da muss bezahlt werden. Ein Minibetrag, aber viel weniger als ein Buch kostet, denn der Verlag spart sich dabei die Druckkosten. Die Hälfte dieses Minibetrages geht an den Autoren. Und da schon heute mehr als zehn Mal so viele Chinesen einen Internetanschluss haben, wie überhaupt Bücher kaufen (das sind dort zur 20 bis 30 Millionen) könnte die Rechnung auch für die Autoren aufgehen.

Die armen Künstler…

Hätte ich die Welt erschaffen, dann würden eher die Künstler bezahlt als die Buchhalter. Leider bin ich nicht Gott, deshalb ist es in der Wirklichkeit umgekehrt – nicht nur in meinem Verlag. Auch heute, in Zeiten der Wirtschaftskrise, werden noch immer Buchhalter gesucht, während mehr als 90% der Künstler von ihrer Arbeit nicht leben können, und immer weniger können es. Das hängt nicht nur mit dem Internet zusammen, sondern auch mit der Globalisierung und mit Kunstmarkttendenzen, wie sie etwa das Phänomen Damien Hirst zeigt. Der Kunstmarkt ist immer mehr ein Weltmarkt, und dort wird härter selektiert denn je. Als Musiker konnte man vor 250 Jahren noch relativ leicht auf dem Dorffest glänzen und sich in einer regionalen Kapelle was verdienen. Wer heute nicht von Warner Brothers & Co vermarktet wird, muss seine CDs selber brennen und bastelt sich für die Vermarktung eine Webseite, die dann aber kaum einer besucht. Mit Bildern ist es ähnlich. Und bei Buchautoren ist es so, dass die Bestseller mehr denn je das Marktgeschehen bestimmen; wer in diese Höhen nicht aufsteigt (die Chancen sind da etwa wie beim Lotto) und sich auch nicht verdingen will wie ein Söldner, sollte vielleicht doch lieber eine Banklehre machen, Buchhalter werden oder versuchen, bei Aldi oder Lidl einen Job zu bekommen.

… und der Verlegergott

Manche Künstler halten mich, den Verleger, für einen Gott. Wenn ich sie nicht bezahle, dann würdige ich ihre Kunst nicht, meinen sie, und richten nun ihren ganzen Weltschmerz und ihre Wut über die Welt der Spekulanten, Kriegsgewinnler und Buchhalter mit voller Wucht auf mich, den Verlegergott. Dabei bin ich selbst ein unbezahlter Künstler. Ich verschenke meine Texte (die Artikel, nicht die Bücher), denn die Mühe, sie zu verkaufen wäre größer, als mir woanders Geld zu verdienen. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Verwalter der Connection AG. Wenn ich eine nordindische von einer südindischen Raga nicht unterscheiden kann oder die Devotionalien der Eso-Szene für hohe Kunst halte, das verzeiht man mir. Wenn ich aber beim Ausweisen der Mehrwertsteuer Österreich (EU-Ausland) mit der Schweiz (Nicht-EU-Ausland) verwechsle, dieser Kompetenzmangel wird mir nicht verziehen.

Sollten wir darüber verzagen? Oder lieber streiken, so wie es vor einiger Zeit die Drehbuchautoren von Hollywood taten, mit – alle Welt staunte – beträchtlichem Erfolg? Ich meine, dass Kunst ihre spirituelle Dimension wiedergewinnen oder wieder ernst nehmen sollte. Und damit meine ich nicht, dass Feen und Engel in ihr vorkommen sollten und in der Tonkunst Mantren oder Choräle unentbehrlich sind. Sondern dass wir Künstler unsere Fähigkeit zum Schöpferischen auf die Lebenskunst ausdehnen sollten. Wenn unsere Texte, Bilder oder Lieder denn nicht bezahlt werden, oder in Zukunft nur noch über die genannten Minibeträge aus dem Internet, ist das dann nicht mehr so schlimm. Für die künstlerische Selbstwirklichung bezahlt zu werden ist eine Ehre und ein Triumpf, aber dann keine Notwendigkeit mehr.

Lebenskunst

Was mich betrifft, weite ich das Gestalterische, das mich in der Kunst so sehr beflügelt, mich erfüllt und meinem Leben Sinn gibt, auf das ganze Leben aus. Ich gestalte nicht nur Texte, Zeitschriften und Seminare, sondern arbeite am Drehbuch meines Lebens. Wer will ich morgen sein? Wie will ich leben, wo und mit wem? Wer Bilder malen kann, fotografieren, musizieren oder schreiben, der kann auch die anderen Akte im Leben ebenso kreativ aufs Parkett legen: Ich selbst sein als Held auf meiner Lebensreise. Wenn ich unglücklich bin, hilft mir meine Fantasie, Alternativen zu entwerfen. Wenn ich das in einem Abschnitt eines Romans oder Films kann, warum dann nicht in meinem eigenen Leben?

Außerdem unterrichte ich gerne. Anderen etwas zu zeigen und für mich selbst etwas zu entwerfen, das kann Hand in Hand gehen und sich gegenseitig befruchten. Nur einen kleinen Teil meines Lebens künstlerisch zu befruchten, das wäre mir zu wenig. Es muss mehr sein und schließlich soll es das Ganze umfassen: mein Leben als mein ultimatives Kunstwerk! Mir das Drehbuch dazu zu schreiben und es dann auch selbst aufzuführen, des empfinde ich als den Gipfel der Lebenskunst. Dass ich dabei nicht alles selbst bestimmen kann, sondern viele Mitschöpfer habe, die es mit mir zusammen erschaffen, das weiß ich – mein Leben entfaltet sich in connection mit anderen, in einem ko-kreativen Akt.

Spirituell ist eine Kunst, die sich um die Leere dreht. Sie zeigt die Fülle vor dem Hintergrund der Leere

Der Nullpunkt

Was ist nun spirituelle Kunst gegenüber der profanen? Nachdem ich vorhin die Trennung abgelehnt habe (nach dem Motto: Einheit ist hui, Trennung pfui), führe ich sie hier wieder ein: Spirituell ist eine Kunst, die sich um die Leere dreht. In der visuellen Kunst sind das die Leerräume, in der Musik die Stille zwischen den Tönen und bei Texten der Atem zwischen den Worten und Zeilen und dass man sie weglegen kann, ohne dadurch zum Verräter zu werden oder Mangelerscheinungen zu bekommen. Im Film, Theater und der Schauspielkunst sind es die Nullpunkte, durch die der Held gehen muss (das betrifft erst den Drehbuchschreiber, dann die Schauspieler und den Regisseur), um eine Rolle zu wechseln oder innerhalb einer Rolle ein anderer zu werden. Jede Gestalt, jede Form spielt sich auf einem Hintergrund ab. Den nicht zu vergessen, zu ihm zurückkehren zu können und aus ihm neu schöpfen zu können, das sind meines Erachtens die Eigenschaften eines spirituellen Künstlers.

Das gilt auch für den Lebenskünstler. Für ihn ist die Meditation dieser Nullpunkt. In unserer Fantasie entwerfen wir ja ständig unsere Zukunft, und sie tritt doch nie ein. Wir sind nicht nur Gewissheiten, Facts, das, was ist, wir sind auch Möglichkeiten. Sich dieses Raums des Möglichen gewahr zu sein und darin auch mal verharren zu können für ein paar Sekunden oder Minuten der Ewigkeit, das nenne ich Lebenskunst.

Titelseite connection spirit 09/09, Link zum Shop

Aus dem Heft connection spirit 09/09



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Kommentare  

 
0 # Kirti 2009-08-27 11:05
Lieber Wolf,
danke für das Belegexemplar - es ist insgesamt sehr gut gelungen. Und über die tolle Präsentation meines Beitrags habe ich mich sehr gefreut!
Alle Artikel zum Thema finde ich sehr interessant - die verschiedenen Blickwinkel.
Dein Artikel spricht mir in vieler Hinsicht aus der Seele:
Auch ich bin über die Jahre vom \"Wissen\" zur \"Schönheit\" gelangt.
Obwohl ich in der Schule stinkfaul war und mich für nichts interessiert habe ausser Rock-Musik zu hören, wollte ich Mathematik studieren. In meinem pubertären Chaos erschien mir das Lösen von Funktionsgleich ungen wie die Offenbarung einer zugrundeliegend en Ordnung des Universums.
Obwohl ich auf dem Abi-Zeugnis nur eine 4 in Mathe hatte, ging ich wegen des Numerus Klausus nach Innsbruck, um Mathe-Professor zu werden. Was für ein Witz!
Als ich in den ersten Unterrichtseinh eiten in abstrakter Algebra erfuhr, dass \"wenn A = B ist, dann ist C = D\", habe ich das Handtuch geschmissen.... Daraufhin fing 1971 meine Beschäftigung mit Kunst an (meine ersten Collagen).....
Mit einem Schmunzeln habe ich auch Deine Anmerkungen zu dem heiklen Punkt der Beurteilung von Kitsch gelesen - wie schnell man hineinrutschen kann in die Rolle des \"ästhetischen Besserwissers\".
Ja, auch ich bin im Gesamt-Kunstwerk meines Lebens der Zeit weit voraus.... und ich habe mir gesagt, statt einen \"auf verkanntes Genie\" zu machen, gebe ich mich nur noch dem Spass an der Freude hin.
Als herzliches Dankeschön hier für dich ein Guter-Laune-Song zum Tanzen, den ich mit meinem bolivianischen Guitarrero Valentino eingespielt habe, denn eigentlich bin ich im tiefsten Inneren nicht nur Autor, Künstler und Yogalehrer, sondern vor allem Musiker...
Liebe Grüße
Kirti
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