Klitzekleine Wirklichkeiten

Illustration: Jaya Suberg
Gedichte als Tor zur Innerlichkeit
Das Erinnern fügt der erlebten Wirklichkeit eine weitere hinzu: die erinnerte. Diese dann in Worten auszudrücken, das ist der Drang, das Muss, die Kunst der Dichtenden. Wer solches liest, kann die private, ja intime Wirklichkeit eines Fremden erleben, sagt die Dichterin
Katja Marzahn und besteht darauf, dass Kunst »anstößig« sein muss, um zu wirken
»Ich bin ein Vampir des Erlebens, sauge die Wirklichkeit wie Blut in mich auf«
»Vom Leben fühle ich mich oftmals voll wie ein Schwamm. Dann muss ich mich ausdrücken« dichtet die Autorin Kristiane Allert-Wiebranitz wortspielerisch über das Dichten. Ob es allen Schreiberlingen, gar allen Künstlern so geht? Ich persönlich komme mir jedenfalls vor wie eine Art Vampir des Erlebens. Ich sauge kein Blut, sondern die Wirklichkeit in mich auf. Als ein, mein besonderes Lebensprinzip, das ich wie ein Vampir zum Überleben brauche. Ich lebe nicht einfach so dahin in der Welt, nein ich trinke das Leben bis zum letzten Tropfen, und es schmeckt mir, wenn es auch bitter sein kann. Alles, was ich da draußen erfahre, in Vielfalt und Fülle vernetzt sich in mir sogleich mit tausend Gefühlen, Gedanken, Assoziationen. Heißt das, Dichter leben intensiver? Oder sind sie einfach nur die unter den Menschen, die imstande sind, diese Intensität ein weiteres Mal zu durchleben – nun auf dem Papier? Denn nach einer bestimmten Zeit des Erlebens stehen wir einfach vor der Wahl: Quellen wir über und platzen – oder können wir schreiben. Wie Kristiane Allert-Wiebranitz sagt: Ausdruck oder Untergang.
Das Leben plus
So mag der erste Impuls und das deutlichste Motiv so manchen Lyrikers egoistisch sein: Schreiben als Katharsis. Was jedoch durch diese innerlich erzwungene Obsession entsteht, ist ein kleiner Schatz: ein Stück Leben, das durch einen Menschen geflossen, nun als neues Leben wieder hervorsprudelt. Verdichtet vielleicht, oder verzerrt, als das Leben plus.
Plus irgendetwas, das dem persönlichen Netz einer anderen Innerlichkeit entstammt. Fast intim, und deshalb so berührend. Wie schwer fällt es uns im Alltag, im Gespräch sonst oft, mit dieser Innerlichkeit sogar unserer nächsten Lieben wirklich in Kontakt zu treten! Nun ist sie offen vor uns ausgebreitet, durch das Kunstwerk, das Gedicht. Uns anvertraut, die zutiefst private Wirklichkeit eines völlig Fremden.
Denn natürlich, die Wirklichkeit gibt es nicht. Ein Gedicht konstituiert eine eigene kleine Welt, die die Welt des Lesers um irgendeine Dimension erweitern kann, sie bereichert, in Frage stellt oder verwirrt. Keine andere literarische Form kann so irritieren, zweifeln und zweifeln lassen, verwundern und immer wieder fragen. Und damit Ungehörtes – Unerhörtes! – hörbar machen, Ungesehenes sichtbar, Fremdes ent-decken.
Anstößige Form
Besonders die moderne Lyrik mit ihrer seltsamen Bauart und Sprache, mit den Brocken, die sie uns hinwirft, kann Stachel und Dorn sein für unsere Selbstverständlichkeiten. Aber es geht dabei immer nur um klitzekleine Winkelchen der Wirklichkeit. Während Romane und Erzählungen oft die großen Themen des Lebens in vielen Facetten zeigen, aus mehreren Blickwinkeln durch mehrere Figuren und so in gewisser Weise das ganze Leben behandeln, sind Gedichte auf Bruchstücke begrenzt, auf eben nur eine Facette, einen Moment, einen Menschen und sein Gefühl. Das ist handhabbar für den viel beschäftigten Leser – ein Gedicht vor dem Schlafengehen oder zum Nachmittagskaffee. Allerdings kann das Entschlüsseln eines »eigenwilligeren« Exemplars eine Kurzgeschichte lang dauern.
Durch ihre besondere, anstößige Form wird gerade moderne Lyrik vielfach gemieden. Sogar ich, selbst Poetin, kenne Lyrik, die mir »zu modern« ist, so abgehoben abstrakt, dass ihr Lesen keine Freude mehr macht, weil ein Verstehen eben keine short story mehr, sondern die Lesezeit eines Romans in Anspruch nähme. Und eine Literaturprofessur.
Natürlich ist gerade die ungewöhnliche Sprache auch die »Waffe« des Gedichts. Gleicht sie dem normalen Alltagsdeutsch, ist das Gedicht für den Leser kein Stachel mehr. Aber der Autor darf es auch in der Gegenrichtung nicht übertreiben, sonst nähern wir uns noch weiter dem Elfenbeinturm, in dem die Wissenschaft schon sitzt und in den die Dichtung niemals einziehen darf. Ist doch jede Art der Kunst gerade der Versuch, die Komplexität des Lebens in einer anderen als der abstrakt akademischen, nämlich einer eingängig spielerischen Form zu begreifen. – Reflexion, die Spaß und wieder jung macht. Und zwar Leser und Verfasser. Vielleicht sogar ewig jung – wie Vampire!
Denn die Stille kennt uns
starrt uns an
aus der Ferne
in einem dichten
Neigen
das reiner als alles ist:
duuuuu
tiefer als alles:
duuuuuuuuuGeduldig
leiser als
leis
und so unsichtbar:
Fülle, Leere!So unbesiegbar
du
Wahr
du!Bis ich sie breche:
ja?Mit meinem Schritt
trete
in sie hinein:
kraftvoll
in meinem Lauschenewig
»ich sende Seifenblasen, spiegle mich, reise mit den Winden und schieß die Fragezeichen in eure Komma-Köpfe«
Selbstbildnis (zeitlos, Puzzle)
Sie nannten sie Karma-Katja, Mondmädchen, Sternenkind – wo hast du dich wieder verloren? – ich sende Seifenblasen, spiegle mich, reise mit den Winden – hebe ab und suche Grund – umarme Bäume, um die Stärke zu spürn – glaube, was ich lese – zünde zitternd Feuer an – spreche mit schwarzen Katzen – tanze tief, strauchele, will mich wundern – ziehen mit euch – und andern und denen: ein Wir in Licht getaucht – Gluckserlachen, Tränen die befrein – stets verliebt in irgendwen, in Ecken und Enden… dieser reichen Erde, keiner spürt sie mehr! – ich schieß die Fragezeichen in eure Komma-Köpfe – trau mich – schmecke den Regen – leb in Buchstaben, Bergkristall in den Händen – lebe in Bildern, geliehn – mit den fast verwandten Seelen – immer noch viel zu angepasst – barfuß ist eine Grundeinstellung – lass dich gehn – wohin du willst – träumen – all das feiern & verfluchen, weiter wachsen, sich den Blick bewahren – Linse, Pinsel, Stift, Papier – taumeln, tapfer – nie genug – immer wieder – ganz von vorn beginnen
Man muss durch alles hindurchgehen
Von Katja Marzahn
Katja Marzahn, geb. 1981 in Strausberg. 2003–2007 Studium der Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder). 2008 in der Auvergne, Frankreich. Derzeit Praktikantin im Content Management eines Reise-Internetportals in Berlin. Malt, tanzt und betreibt die schöpferische Verbindung von (Lebens-)Kunst, Mystik und Naturspiritualität.
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