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Archiv: Liebe Lust und Tantra 02/08

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Liebe Lust und Tantra: connection Tantra Newsletter

Polyamorie
Mehr als Eine/n lieben

1. Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
wie geht es euch, wenn ihr diesen Titel lest? Fühlt ihr euch angesprochen? Entweder so: »Ja, das bin ich!« Oder: »Nein, das hat mit mir nichts zu tun und deshalb brauch ich hier auch gar nicht weiter lesen oder darüber nachdenken!« Bis hin zu: »Pfui Teufel!«
Dazu möchte ich erwähnen, dass ich selber mit einem Partner und zwei Kindern lebe und mich bisher noch nicht die Lust gepackt hat, polyamorisch zu leben. Wenn ich recht darüber nachdenke, steckt aber weit mehr dahinter. Wir leben in einer Gesellschaft, die Zweierbeziehungen fördert, und für ein polyamorisches Leben braucht es das passende Umfeld. Was würde passieren, wenn ich noch einen zweiten oder dritten Geliebten hätte und mich entschließen würde, von nun an auch viel Zeit mit und bei ihnen zu verbringen?

Der Vater meiner Kinder hätte einen recht großen Zeit- und Energiemehraufwand, um sich um Kinder, Haus und Geldverdienen zu kümmern. Für mich wäre das im umgekehrten Fall genauso. Dazu käme vielleicht noch Eifersucht und Verlustangst, und ich kann mir gut vorstellen, dass das sehr anstrengend werden könnte. Diese Vorstellung macht mich nicht an.

An dieser Stelle werde ich ganz schnell von der Realität eingeholt und komme zu dem Schluss: Es braucht mehr als zwei Personen, die das wollen: Eine Gesellschaft oder eine Gemeinschaft, die das Wachstum der Liebe unterstützt! Dennoch möchte ich die Verantwortung nicht an »Die Gesellschaft« abgeben, sondern für mich herausbekommen, wie ich immer wieder meine Wahrheit leben kann. Wie kann ich auch außerhalb einer auf Polyamorie zugeschnittenen Lebensgemeinschaft mit denjenigen Menschen leben, die mein Herz zum Singen bringen?

Wenn ihr ähnlich denkt, lade ich Euch herzlichst ein, an dieser Stelle weiterzulesen.

Wir haben nicht vor, mit einem Newsletter wie diesem Polyamorie zu propagieren oder das Dogma der Monogamie gegen das Dogma der Polyamorie auszutauschen.
Wenn wir ein Herzensanliegen haben, dann ist es dies:

  1. Erlaube dir darüber nachzudenken.
  2. Hast du schon einmal gemeinsam mit deinem Partner darüber gesprochen?
  3. Wenn nicht, warum nicht? Weil es mit euch nichts zu tun hat und ihr zu zweit glücklich seid?

Herzlichen Glückwunsch zu Eurem Glück!

Seitdem wir uns entschlossen haben, über dieses Thema zu schreiben, bzw. seit das Thema zu uns kam, nimmt es in unserem Leben mehr Raum ein, wir tauschen uns aus, diskutieren, sprechen mit anderen Menschen darüber.

Ich habe das Gespräch mit meinem lieben Dorfnachbarn gewagt und bin dabei auf massiven Widerstand gestoßen, auch nur einen Ansatz eines solchen Gesprächs zu führen!

Was steckt dahinter? Wow!!!!!!!!! Das innerliche Verbot, sich mit solch einem Thema gedanklich und bewusst zu befassen! Ich denke mir: »Ah, ein Widerstand, nur her damit, herzlich willkommen, Widerstand!«

Tagtäglich werden wir über die Medien mit Lust und Liebe bombardiert und gleichzeitig wird die Ausführung derselben verpönt. Das hat schizophrene Züge! Wer bestimmt denn eine solche Medienlandschaft? Die Nachfrage, die das Angebot kreiert. Die Nachfrage kommt von uns. Von wem denn sonst?

Die Erfahrung, die ich in Gesprächen mit Frauen und Männern mache, ist die, dass sehr wohl all diese Wünsche in uns Menschen vorhanden sind, sie aber

  1. nicht gedacht werden dürfen. Widerstand – ein innerer, gut gewappneter Wächter steht immer bereit.
  2. ist der Austausch darüber mit dem Partner ein Tabubruch, der sehr scham- und angstbehaftet ist.
  3. haben wir Angst davor, dass uns eine lange Zeit noch viel mehr Gefühle besuchen werden, die zum Thema dazu gehören.
»Schau' mir in die Augen, DU«:

Je mehr ich mich dabei spüre und dem auch folge, nehme ich wahr, ob ich mich aus Angst oder aus Liebe in eine bestimmte Richtung bewege…

Manchmal treffe ich Menschen, egal ob alt oder jung und ob sie nun meinem Schönheitsideal entsprechen oder nicht, und ich sehe ihnen beim Gespräch in die Augen, und mich streift der Blitz … immer öfter. Es fühlt sich so an, wie es typisch ist für den einen »Moment des Verliebens«. Viele Menschen erleben das nur mit ganz wenigen Personen. Mein Herz öffnet sich und die Liebe fließt, einfach so. Kennt ihr das?
Die Liebe jenseits von Vorlieben, die bedingungslose Liebe, einfach weil Liebe sich ausdehnen will: In diesen Momenten habe ich die Wahl, mich entweder durch einen inneren, selbst gewählten Prozess abzuschneiden, oder einfach da sein zu lassen, was ohnehin da ist.

Das ist Liebe,
die natürliche Polyamorie des Herzens.

— Pamela Behnke

Photo Pamela Behnke

Pamela Behnke ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Kundaliniyoga-Lehrerin, ausgebildet in Tantramassage, Yoni/Lingammassage und weiteren alternativen Massageformen.
Sie leitet gemeinsam mit vier weiteren Partnern das Zentrum für Lebenslust & Sinnlichkeit »Taste of Touch« mit Angeboten aus dem Bereich Tantra, Massage und Beratung in Bayern und ist tätig in der daran angeschlossenen »Praxis für Ganzheitliche Sexualtherapie« in München.
www.taste-of-touch.dewww.taste-of-touch.de

Wir setzen das Thema »Polyamorie« im nächsten Newsletter fort. Dann sollen Menschen zu Wort kommen, die uns ihre Erfahrungen aus der Praxis des alltäglichen Liebeslebens erzählen. Wir hoffen, dass wir dann Interviews in den Newsletter aufnehmen können. Wir möchten hiermit auch alle Leserinnen und Leser dieser Ausgabe einladen, uns ihre Erfahrungen mit polyamorischen Verhältnissen zu schreiben. Wir würden gerne ein kleines Forum eröffnen mit Beiträgen der Abonnenten. Es darf auch mit veränderten Namen geschrieben werden oder mit verschlüsselten Angaben, wenn die Privatsphäre der Betreffenden geschützt werden soll.


Inhaltsverzeichnis

  1. Editorial. Von Pamela Behnke
  2. »Der wilde Lukas«. Von Kati Laux
  3. »Mono oder poly?« Gedanken von Saleem M. Riek aus seinem Buch »Leben, Lieben und Nicht Wissen«
  4. »Polyamorie und eine neue Ethik«. Von Franz Lang
  5. Impressum
  6. Newsletter bestellen/abbestellen

2. »Der wilde Lukas« – ein tantrisches Ritual

Weil uns die Beschreibung einer »Erotischen Massage« von Kati Laux in ihrer liebevollen und schriftstellerisch wunderbar formulierten Art so gut gefallen hat, setzen wir hier mit einem zweiten Bericht fort, der nicht weniger berührend ist. Kati schildert, wie sie Gerd behilflich ist, seinen inneren Liebhaber zu finden. Vielleicht kann diese schöne Beschreibung eines tantrischen Rituals als Nachklang zu unserer Januar-Ausgabe, die sich thematisch mit der »Lingammassage« befasste, uns gut einstimmen zum Beginn unseres neuen Newsletters.
Kati betreibt mit mehreren Mitarbeiter/innen in Dresden einen professionellen Liebesdienst unter dem Namen »Sinnes-Art«.

Gerd war Katholik, aber er erinnerte mich sofort an einen buddhistischen Mönch, der so über die Erde geht, dass er keinen Regenwurm zertritt. Er erzählte von seiner gut gehenden Steuerkanzlei, und dass er einfach mal etwas ausprobieren wolle, weil er seine Frau damit überraschen möchte. Er wünschte sich, die Yonimassage zu erlernen, und ich zeigte sie ihm, zeigte ihm meine Yoni, ermutigte ihn. Erst später, nach mehreren Begegnungen, erfuhr ich, dass die Ehe schon dem Ende entgegen ging und seine Frau sich von ihm trennen wolle. Sie verhungere sexuell an seiner Seite. Wir verabredeten ein Heilungsritual. An jenem Samstag wirkte Gerd unruhig, unentschlossen; eigentlich hätte er absagen wollen. Das ganze Thema »Sexualität« erzeuge nur Druck bei ihm; er habe es ziemlich satt. Dann beginnt er zu erzählen. »Weißt du, bei uns zu Hause gab es immer nur Streit und Stress deswegen. Mein Vater hatte ein Verhältnis mit der Haushälterin, die ich liebte wie meine Mutter. Eines Tages umarmte sie mich weinend, sagte, dass sie ein Kind bekomme, was meine Schwester sein sollte, und dass wir uns nie wieder sehen würden. Über Jahre hinweg warf meine Mutter meinem Vater vor, ihr das Herz gebrochen zu haben, alles nur wegen seiner verfluchten Triebhaftigkeit. Es gab nichts Herzliches mehr, nur eisige Kälte, und ich nahm mir vor, dass ich nie, niemals, jemandem so weh tun wollte, sondern zärtlich sein und liebevoll, wenn ich schon mit einer Frau zusammen sein sollte. Ich verstand nicht, warum Gott den Menschen so schwierige Prüfungen auferlegte, und das Kinderkriegen mit so viel Leid verbunden war. Und jetzt, nachdem ich immer zärtlich und liebevoll zu meiner Frau war, sagt sie, dass ich ihr vorkomme wie ein Bub… Ich komme mir ja selbst so vor…«

Ich frage Gerd, was er sich für seine Sexualität wünscht.

»Ich wünsche mir, dass ich für meine Frau ein guter Liebhaber bin.«

»Ich meine jetzt nicht, was du glaubst, dass deine Frau sich wünscht, sondern was du dir für dich wünschst…«

»Na ja, ich möchte halt meiner Frau Freude bereiten. Was würde dir als Frau denn Freude bereiten?«

Ich überlege eine Weile. Wenn ein Mann mich begehrt, wenn seine eigene Lust schier grenzenlos ist, wenn er zärtlich ist und wild, wenn er meiner Lust dient und seine Lust befriedigt, sich hingibt und sich nimmt, was seiner Lust dient. »Was dient denn deiner Lust«, frage ich Gerd, »was sagt denn dein innerer Liebhaber dazu?« Gerd schweigt eine Weile. »Ich kenne ihn nicht, meinen inneren Liebhaber.«

Wir haben das Thema für unser Heilungsritual gefunden – Gerd will seinem inneren Liebhaber begegnen. Wir begeben uns in das Ritualzimmer, ich beginne wie immer mit der Massage und bedenke dabei seinen Lingam besonders liebevoll. Er würde der Schlüssel sein, das Tor. Ich ziehe einen Kreis aus geweihtem Rauch um unser Lager. Bitte still meine und seine Helferwesen zu uns und schicke ihn auf die Reise. Durch einen dunklen Wald; von fern heult ein Wolf. »Ich bin bei dir, lass' uns weitergehen, sieh, da vorn ist Licht.« Eine Lichtung ohne Tageszeit, fluoreszierende Blüten aus Federn und Fell, den Herzschlag der Erde spüren. »Sieh mal, Gerd, jemand kommt auf dich zu, wie sieht er aus?« Gerd hat die Augen geschlossen, ich wölbe meine warme Hand über seinem Lingam. Gerd bringt die Worte mühsam hervor, als sammle er eins nach dem anderen aus den Weiten des Universums. »Ein kräftiger … Bauernbursche … mit langem, schwarzem Haar … kommt auf mich zu und … bleibt vor mir stehen.« »Frage ihn, wer er ist und wie er heißt.« » … ich bin dein innerer Liebhaber … ich heiße Lukas, der wilde Lukas … ich habe schon so lange auf dich gewartet.« … »Er soll bei mir bleiben…!« – »Sag' es ihm und frage, was er braucht, um bei dir zu bleiben«. – »Ich soll … ich soll … weniger Angst haben vor ihm, … er ist das Leben, und ich soll die Schönheit sehen in allem, auch in mir selbst…«

Wochenlang höre ich nichts von Gerd. Umso mehr freue ich mich, als er wieder einen Termin vereinbart. Festen Schrittes kommt er ins Zimmer und umarmt mich, fragt, ob ich einen Schluck Sekt mit ihm trinke. Er hätte wenig Zeit gehabt, weil so viel zu regeln war wegen der Scheidung, neue Wohnung suchen und einrichten und so weiter. Ich wundere mich über seine Heiterkeit und Gelassenheit. »Ja«, sagt er, »beginnen wir jetzt mit der Massage? Ich möchte noch einiges über mich erfahren…«

Kati Laux

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Kati Laux
www.sinnes-art.dewww.sinnes-art.de

3. Was ist für mich besser, mono oder poly?

Wir fanden auf der Webseite von Saleem M. Riek (»Art of BeingArt of Being«), einem Tantralehrer, der in unserer Zeitschrift connection schon öfter zu Wort gekommen ist, einen Beitrag darüber, wie er persönlich es hält mit dem Thema der Liebe zu mehreren. (Hier der vollständige Artikel (PDF, 147 K): Bindung, Sex und TantraBindung, Sex und Tantra)

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Saleem M. Riek

»Leben wir unsere Sexualität ausschließlich in einer festen Partnerschaft oder auch in offenen Beziehungen bzw. mit wechselnden Partnern? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Um Treue oder Freiheit wird oft mit harten Bandagen und auch mit der ideologischen Keule gestritten. Manche treiben sich bis in den Hass. Die Liebe kommt leicht unter die Räder. … Was sagt Tantra zum Thema Treue und Freiheit? Gibt es so etwas wie eine tantrische Beziehung oder ein tantrisches Liebesleben? … Viele Menschen gehen davon aus, Tantra propagiere die ›freie Liebe‹ und vertrage sich nicht mit sexueller Ausschließlichkeit. Andere behaupten hingegen, Tantra könne nur in einer langfristigen, vertrauensvollen Beziehung wirklich erfahren werden. Ich finde, weder das eine noch das andere hat essentiell mit Tantra zu tun, sondern mit persönlichem Bindungsstil. Und es scheint weit verbreitet zu sein, andere von dem eigenen Bindungsstil überzeugen zu wollen …

… Ich habe in meinem Beziehungsleben sehr unterschiedliche Phasen durchlebt. Es gab Zeiten, in denen es mir sehr wichtig war, sexuell frei zu sein und zu experimentieren. Dann suchte ich jedoch auch immer wieder Dauer und Verbindlichkeit. Immer wieder war ich auf der Suche danach, beides zu verbinden. Vor zwölf Jahren dachte ich, mit Gabrielle zusammen die goldene Formel gefunden zu haben, Freiheit und Bindung zusammenzubringen. Voller Euphorie taten wir dies der Welt kund. In einem sehr schmerzhaften Prozess musste ich erkennen, dass auch diese Formel ihre Tücken hat und versteckte Fallen mit eingebaut waren. Heute staune ich über meine damalige Naivität.

Seit drei Jahren lebe ich in einer neuen Beziehung und wundere mich, dass ich keine Ambitionen habe, mit anderen Frauen sexuell zusammen zu sein, obwohl ich immer dachte, das gehöre zu meinem Wesen. Ich finde andere Frauen durchaus attraktiv. Aber ich empfinde dieses monogame Verhalten überhaupt nicht als Einschränkung. Es würde meinem Ego sehr schmeicheln zu behaupten, ich sei jetzt reifer geworden. Aber weiß ich denn, was das Ende vom Lied ist? Ich bin vorsichtiger geworden, meinen eigenen Bindungsstil als Modell empfehlen zu wollen.
Was bleibt ist die Unsicherheit. Es gibt keine ›richtige‹ Beziehungsform, auch keine ›tantrisch korrekte‹. Wir werden darauf zurückgeworfen, unsere eigene Wahrheit zu finden, und die kann sich immer wieder ändern.« — Saleem M. Riek

4. Polyamorie und eine neue Ethik
von Franz Lang

Fragen über Fragen …

  • Ist Polyamorie schlichtweg eine Männerphantasie? Ähnlich wie Pornographie, Bordelle und Swingerclubs?
  • Versuchen wir uns innerlich in ein matriarchales Zeitalter zu versetzen. Würden in einer solchen Welt die Frauen sexuelle Freiheiten und auch mehrere Männer haben? Ist die Frage nach der Polyamorie eine politische? Eine Machtfrage? Wer hat die Macht, mehrere sexuelle Beziehungen zu pflegen oder promiske Sexualität zu leben?
  • Brauchen wir die sexuelle Treue zu einer Person lediglich, um unsere materielle Versorgung zu sichern und so überschaubar wie möglich zu halten? Denn die instinktiv-sexuelle Anziehung besteht zu einem großen Anteil aus Sicherheitsbedürfnis, materiell oder seelisch.
  • Ist Polyamorie ein Synonym dafür, dass ein Mensch sich nicht an eine einzige Person binden kann und will? Dass er unfähig ist dazu, was dann von der Mitwelt als moralische Schwäche empfunden wird?
  • Ist es ein Zeichen von Potenz oder charakterlicher Befähigung, polyamorisch zu leben? Und den Menschen, die diesen Lebensstil aufgrund ihrer Kraft durchführen können, sei es gestattet, den anderen nicht? Die anderen können es gar nicht!?
  • Zeigt Liebe als persönliche Liebe zu einem einzigen Menschen mehr Verantwortungsgefühl und mehr Bereitschaft, in die Tiefe zu gehen, als wenn man gleichzeitig mehrere Menschen sexuell liebt? In welche Tiefe?
  • Haben wir es bei der Polyamorie gar mit einer anderen Form von Liebe zu tun, mit etwas, was über die persönliche oder selbstsüchtige Liebe hinausgeht? Können wir ein positives Bild formulieren, das uns hilft, über Eifersucht, Untreue, Besitz ergreifende Liebe und Selbstsucht hinauszugehen? Brauchen wir eine neue Ethik?
  • Der Fragen sind viele. Wäre es nicht besser, wir würden genau hinschauen auf die Praxis der einzelnen Menschen und dann erst Theorien formulieren, statt vorher schon in einen ideologischen Kampf zwischen den Argumenten für eine monogame und Argumenten für eine polyamorische Beziehung einzutreten, der in der Regel sehr viel Trennendes für die Liebe hervorruft?

Eine neue Ethik

Wir brauchen eine neue Ethik. Um die persönliche Liebe hin zu einer überpersönlichen Liebe zu entwickeln, müssen wir einen Bewusstseinsschritt machen. Dieser Schritt steht kollektiv für die Menschheit an. Deshalb haben wir heute die Diskussion über die Polyamorie. Sie ist unvermeidbar.

Die ethische Vision hat etwas mit Empathie, mit Mitgefühl zu tun. Auf der einen Seite steht das Mitleid, das Hineinfühlen-Können in das Leid des Mitmenschen. Bezogen auf ein Liebesverhältnis bedeutet dies, mich in die Lage meiner an mir und meiner – sagen wir – »sexuellen Verhaltensweise« leidenden Frau versetzen zu können. Dabei lerne ich, den Schmerz, die Verwirrung, die Eifersucht, die Angst, die Wut so zu erleben, wie sie sie erlebt. Als wäre sie meine. Das ist mitfühlende Liebe. Daraus erwächst eine Inspiration des Herzens, die mir zeigt, was zu tun ist: Was ich zu tun habe und was der Situation dienlich ist.

Auf der anderen Seite des Mitgefühls steht die Mitfreude. Sie ist die Fähigkeit, dem anderen Menschen eine Freude zu gönnen, auch wenn nicht ich der Anlass der Freude bin. Mit der Qualität der Mitfreude können wir ganz wesentlich die Eifersucht überwinden lernen. Mit ihr als starker, ethischer Kraft wird es möglich, die Liebeslust und Verliebtheit mitzuerleben und mitanzusehen, die meine Frau durch einen anderen Mann empfindet. Liebe will das Glück des Geliebten.

Ohne bereit zu sein, in das Mitleid einzutauchen, dem Leidenden beizustehen, ist jede Erwartung, meine Partnerin möge mir doch im Sinne der Mitfreude meine Liebesgenüsse mit anderen Frauen gönnen, ein eitles Unterfangen. Außerdem kann man Mitgefühl nicht fordern. Wir können es nur schenken.

Wenn wir also nach spiritueller Inspiration suchen, die wirklich die Kraft hat, unser Liebesleben zu erweitern, finden wir es im Mitgefühl. Wir finden diese Tugend schon im Buddhismus als Teil der »Vier göttlichen Wohnstätten« oder als »Brahmas Verweilen« (brahma vihara) beschrieben. Buddha nennt vier Qualitäten als den Ort der höchsten persönlichen Gottheit, Brahma, der in jedem einzelnen von uns als göttliches Ich wohnt:

Die erste Qualität ist Gütige Liebe,
die zweite Mitleid,
die dritte Mitfreude
und die vierte Gelassenheit.

Wie aus Monogamie das Bedürfnis nach Polyamorie erwachsen kann

Mit »Fremdgehen« bezeichnen wir hier eine heimliche Affäre oder sexuelle Begegnung. Wenn wir uns als »polyamorisch« bekennen, schließen wir Lügen und Heimlichkeiten bewusst aus.

Warum leben Menschen polyamorisch?

Weil sie sich die Frage nicht mehr stellen, ob ein Mensch sie jemals vollständig erfüllen kann. Sie spüren das Verlangen, mit mehreren Menschen das auszutauschen, was sie glücklich und erfüllt macht: zu lieben.

Wir spüren manchmal, wenn wir mit einem Menschen in tief-inniger Liebesverbindung sind, dass wir eine andere Seele oder einen anderen Körper mit hinzunehmen wollen. Es ist ähnlich wie jener Zustand, in dem wir ein Kind zeugen wollen. Dieser kreative Moment kann sich auch als Wunsch nach einer Liebesorgie äußern. So kann sich seltsamerweise aus der Tiefe der monogamen Liebe selbst das Bedürfnis nach Polyamorie entfalten.

Polyamorie kann eine beglückende Aussicht sein, endlich alles zu leben, was unser Herz begehrt. Unsere mächtigsten Phantasien wollen in Erfüllung gehen. In Liebe scheint auf einmal alles möglich. Und dennoch werden wir nur so weit kommen, wie wir auch bereit sind, die Ernüchterung, Langeweile, Enttäuschung und Verwundung, die wir mit uns herumtragen, anzunehmen und geduldig zu verwandeln.

Und selbstverständlich kann keine tiefe Liebe zu mehreren entstehen, wenn eine solche tiefe Liebe zu einem Einzelnen nicht möglich ist. Einen Menschen ganz anzunehmen, so dass er sich gesehen, geliebt, geborgen, erfasst und ausgehalten fühlen kann, das wird immer die Qualität einer tiefen Liebe ausmachen. Und wir werden uns als Liebende immer zu versichern bemüht sein, dass wir uns nicht verlassen.

Polyamorie kann eine beglückende Aussicht sein, endlich alles zu leben, was unser Herz begehrt. Unsere mächtigsten Phantasien wollen in Erfüllung gehen. In Liebe scheint auf einmal alles möglich. Und dennoch werden wir nur so weit kommen, wie wir auch bereit sind, die Ernüchterung, Langeweile, Enttäuschung und Verwundung, die wir mit uns herum tragen, anzunehmen und geduldig zu verwandeln.

Und selbstverständlich kann keine tiefe Liebe zu mehreren entstehen, wenn eine solche tiefe Liebe zu einem Einzelnen nicht möglich ist. Einen Menschen ganz anzunehmen, so dass er sich gesehen, geliebt, geborgen, erfasst und ausgehalten fühlen kann, das wird immer die Qualität einer tiefen Liebe ausmachen. Und wir werden uns als Liebende immer zu versichern bemüht sein, dass wir uns nicht verlassen.

Von Flügeln und Wurzeln

Kommt nicht der Drang zur Polyamorie auch aus einem elementaren Entgrenzungsbedürfnis des Menschen? Die Bewegung hin zur Vielfalt von Erfahrungen macht auch vor der sexuellen Wirklichkeit nicht halt. Manche Monogamisten mögen ja meinen, man dürfe überall die Vielfalt lieben, aber in der Sexualität müssten wir uns an einen einzigen Menschen halten. Das allein wäre Heilige Sexualität. Immerhin spricht der Papst so. Und er ist nicht allein mit seiner Einstellung.

Flügel und Wurzel:
  • ein Drang nach Entgrenzung
  • ein Wunsch nach orgiastischer Enthemmung
  • eine unstillbare Sehnsucht nach der kosmischen Weite
  • das Gefühl, sein Herz aufreißen zu wollen, sich ganz hinzugeben der Ekstase des Lebens:

Sie sind miteinander verwandt. Sie sind die starken Flügel der Seele.

Dem Bedürfnis nach Entgrenzung steht das Bedürfnis nach Sicherheit entgegen, das unserer menschlichen Natur gleichermaßen eingegeben ist: Verbindlichkeit, Treue, Regeln, Verinnerlichung, Verlangsamung. Das sind die Wurzeln.

So erleben auch Polyamoristen immer diese beiden Pole, Entgrenzung und Begrenzung, in ihrem Streben. Nie können wir unsere Ekstase ungehemmt ausleben. Am ehesten dürfen wir dies vielleicht in den klaren Grenzen einer schützenden Partnerschaft oder Gemeinschaft. Stets gibt es das Commitment an andere. Wir brauchen es, um fliegen zu können. Unsere Liebe braucht Flügel und Wurzeln.

Wo entgrenzen wir? Am meisten in der Phantasie! Da, wo's keiner sieht. In der Regel schämen wir uns für unser Entgrenzungsbedürfnis, weil es auch ein Enthemmungsbedürfnis ist. Was sich dabei zeigt, wollen wir nicht unbedingt so genau wissen.

Wo Polyamorie bereits praktiziert wird

Polyamorie ist beinahe schon ein geschützter Begriff. Polyamoristen grenzen sich damit gegenüber promiskem Sexualverhalten ab. Besonders in den USA ist eine Bewegung entstanden, die auf hohem ethischen Niveau steht und sich tiefsinnig mit den Bedingungen von liebeserotischen Mehrfachbeziehungen beschäftigt. Unter www.polyamory.chwww.polyamory.ch findet man eine sehr gründlich ausgearbeitete Darstellung mit Aufsätzen, Kontaktadressen und Links, die sehr hilfreich sind, wenn man sich einen Überblick über die polyamorische Szene verschaffen will. Besonders empfehlenswert ist der Beitrag von Franklin Veaux, in dem er auf erfrischend provokativ gestellte Fragen Antworten gibt. »Polyamory? … « (What, like, two girlfriends?)»Polyamory? … « (What, like, two girlfriends?)

Ein kurzer Auszug daraus:

Poly ist also für diejenigen, die sich nicht festlegen wollen?

»Nein, das stimmt überhaupt nicht. Genau das Gegenteil trifft zu. Wenn sich jemand nicht zu einer Person bekennen will, dann schafft der- oder diejenige es auch ganz bestimmt nicht, sich zu zwei Personen zu bekennen!
Ich habe erlebt, dass Leute, die sich selbst als monogam bezeichnen, eine sogenannte »serielle Monogamie« betreiben, d.h. sie hüpfen einfach vom einen Lover zum nächsten und behaupten, sie wären in jeder dieser Affären oder Beziehungen monogam. Klar geht man normalerweise nicht davon aus, dass eine Beziehung auf ewig hält, doch die seriellen Monogamisten betrachten ihre Partner als ersetzbar oder behandeln sie schlimmstenfalls als Ware, die man wegwerfen kann, sobald was Besseres des Weges kommt. Daher finde ich, dass Polyamory immer noch wesentlich moralischer ist als serielle Monogamie, denn jemand, der poly ist, will seinen Lover nicht loswerden, nur weil eine neue interessante Person auftaucht. Diejenigen, die sich nicht festlegen oder zu jemandem bekennen wollen, zeichnen sich meiner Meinung nach durch serielle Monogamie aus, und nicht etwa durch Polyamory.«


Regeln des »Zusammenseins in Liebe« werden sich in jeder Beziehungsform ergeben. Es gibt kein klassisches Modell für alle. Jedes Paar, jede polyamorische Gemeinschaft muss sich die Regeln selber geben. Es gibt zwar Vorbilder. So hat Aba Aziz Makaja für seine spirituelle Bewegung Komaja ein »Polyamorisches Manifest«»Polyamorisches Manifest« verfasst, das dort einzusehen ist. Makaja gehört als tantrischer Meister zu den Pionieren der Polyamorie. Seine Erfahrungen sind bereits weit über das Stadium der Experimente hinaus gediehen und haben bleibenden Erfolg. Sich mit ihm und Komaja, seiner spirituellen Schule, auseinanderzusetzen, kann eine sprudelnde Inspirationsquelle sein. Sehr zu empfehlen ist sein Buch »Der erleuchtete Eros«, das hauptsächlich Zitate aus seinen tantrischen Seminaren enthält. Eine wertvolle Fundgrube spiritueller Gedanken und praktischer Hinweise zum Liebes- und Sexualleben! www.komaja.orgwww.komaja.org

Sehr lesenswert ist auch derArtikel von Iris Martina Kovac, die sich in connection spirit bereits einmal zu ihren Erfahrungen in der eheähnlichen Lebensgemeinschaft einer »Sajedna« geäußert hat. (Link) Die »Sajedna« ist eine Schöpfung Makajas, eine kleinere, engere Liebesgemeinschaft innerhalb der größeren Gemeinschaft der »Komaja«.

Um Samuel Widmer, den bekannten Schweizer Psychiater und Bewusstseinsforscher, hat sich eine Lebensgemeinschaft gebildet, die aus etwa 80 Erwachsenen und 60 Kindern besteht. Die Forschung zum Thema Gemeinschaftsbildung, die dort betrieben wird, wirkt sehr aufrichtig, lebensnah und hingebungsvoll. Liebe, Sexualität und Tantra sind auch da zentrales Lebensprojekt. Zweimal im Jahr wird ein Orientierungswochenende zum Kennenlernen der Gemeinschaft angeboten. Nächster Termin: 18. – 20.4.08. www.samuel-widmer.chwww.samuel-widmer.ch

Silvio Wirth, Tantralehrer, (»Secret of Tantra«) lebt mit zwei Frauen in einer tantrisch-polyamorischen Gemeinschaft, der noch andere Menschen angehören. Auf seiner Webseite www.secret-of-tantra.de finden wir eine Einladung zu einem Seminar über PolyamorieEinladung zu einem Seminar über Polyamorie (23. – 25.5.08), worin er sich mit uns austauschen will über die täglichen Erfahrungen mit dieser Lebensform.

Wir hoffen, im nächsten Newsletter ein Interview mit Männern und Frauen aus dieser Gemeinschaft in Lübnitz bei Belzig, Brandenburg, bringen zu können.

Auch dürfen wir an dieser Stelle einladen zu einem entsprechenden Seminar im Connection-Haus in Niedertaufkirchen, das wir, Pamela Behnke und Franz Lang, moderieren werden. Vom 25. – 27. April 2008 treffen wir uns zum Workshop »Wie Apfelblüten im Maienwind – Ein polyamorischer Frühling«, um unsere Erfahrungen, Wünsche, Erwartungen, Leiden und Freuden bezüglich einer offenen Liebesweise darzulegen. Natürlich werden wir die Gespräche ergänzen durch Rituale, spielerische Übungen, Herz-zu-Herz-Begegnungen und mehr. Mehr dazu findest du in den Veranstaltungshinweisen auf dieser Seite.

Der Tantralehrer Andro (»Diamond Lotus«) aus Berlin lebt in einer tantrischen Gemeinschaft. Man wird sie wohl als polyamorisch bezeichnen können. www.diamond-lotus.de. Eine sehr interessante und offenherzige Darstellung eines Maithuna-Vereinigungsrituals in Andros Liebesschule mit wechselnden Partnern beschreibt Felicitas Faber in unserer Newsletter-Ausgabe vom Juli 2007 – »Die Begegnung mit dem Fremden – Linkshändige Vereinigungspraxis«.

Fragen an euch, für den nächsten Newsletter

Ob die Polyamorie als Lebens- und Liebesform sich durchsetzen wird, scheint keine Frage mehr zu sein. Sie wird ihren Platz unter den vielfältigen Erscheinungen unserer liebeserotischen Beziehungsformen finden.

Ist es jedoch möglich, eine liebeserotische Beziehung zu mehreren Menschen zu pflegen, auch wenn man nicht im Schutz einer Gemeinschaft lebt? Ist es möglich, außerhalb des Schutzraumes einer tantrischen Gruppe einen polyamorischen Lebensstil aufrecht zu erhalten? Findet ein Liebespaar genügend Unterstützung durch andere oder ist es in sich gefestigt und stark genug, um den Anfeindungen aus der Umwelt standzuhalten? Können auch Singles für sich den Anspruch erheben, anderen Menschen ernsthafter Liebespartner zu sein, auch wenn die Begegnungen wechseln und einem promisken Sexualverhalten gleichen? Ist es möglich, polyamorisch zu leben ohne festen Partner oder ist es sogar leichter ohne Partner? Und was zeichnet dann die liebeserotische Begegnung aus, so dass sie sich von einem ausbeuterischen, oberflächlichen oder zumindest sinnfreien Sexkontakt unterscheidet?

Wer auf diese Fragen antworten will und dabei aus seiner Lebens- und Liebespraxis berichten kann, ist herzlich eingeladen, uns seinen/ihren Beitrag per E-Mail zu schicken. Wir freuen uns auf ein Spektrum von Erfahrungen, das wir gerne anderen weiterleiten. Dieser Newsletter sollte dafür ein geeignetes Medium sein. Das wünschen wir uns.

Photo Franz

Franz Lang ist Erziehungs- und Paarberater und Spiele-Leiter. Er leitete tantrische Jahresgruppen, schreibt an Büchern. Erhältlich über http://www.spiel-freunde.de sind: »Liebe, Sex und die Wahrheit« und »Ein Enneagramm der Liebe – Die Hure, die Königin und der Krieger« Persönliche Rückmeldungen (E-Mail)

10. Impressum

Copyright Webmagazin und Newsletter: © 2008 by connection Medien GmbH, D-84494 Niedertaufkirchen. Alle Rechte vorbehalten. V.i.S.d.P.: Wolf Schneider. Redaktion dieser Ausgabe: Wolf Schneider, Franz Lang und Pamela Behnke. Wir freuen uns über die Einsendung von Texten und Bildern, können diese aber leider nicht honorieren.

Dieser Tantra-Newsletter erschien erstmals im Februar 2008.

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