Archiv: Liebe Lust und Tantra 04/08
Newsletter - Tantra-Newsletter
Polyamorie, 2. Teil
Berichte von Menschen, die mehr als Eine/n lieben
1. Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
wir setzen das Thema »Polyamorie« diesmal mit lebensnahen Berichten fort. Interessante Zuschriften haben wir erhalten und wollen sie hier gerne für euch veröffentlichen.
Spannend war für uns Redakteure nicht nur, ob Männer und Frauen sich wirklich freimütig äußern wollen – wir wurden positiv überrascht –, sondern spannend war auch unser »Betriebsausflug« nach Belzig bei Berlin, wo wir das tantrische Institut »Secret of Tantra« und die Lebensgemeinschaft um Silvio Wirth, Mara Fricke und Kalinka Villhauer besuchten. Unsere Wahrnehmungen darüber könnt ihr ebenfalls in diesem Newsletter lesen.
Da wir Menschen sehr unterschiedlich veranlagt sind, kann es nicht für alle »die« richtige Liebes- und Beziehungsform geben. Außerdem gehen wir durch verschiedene Lebensphasen. Wie kann es dann Normen geben für das Freieste, das wir genießen und gestalten können, für unser Liebesleben? Alle Liebenden finden ihre eigenen Umgangsformen, finden das, was ihnen gut tut. Das wird allerdings nicht ein Kompromiss sein, denn ein Kompromiss ist ein Kraftverlust. Die als richtig empfundene, passende Liebesform ist Steigerung der Kraft, ist Synergie, die Zusammenführung zweier oder mehrerer Energien in eine höhere Energieform. Wenn die Liebe das nicht ist, wie kann sie dann eine starke Liebe sein?
Auch wenn es sich oft ganz anders anfühlt und der kollektive »Singularismus« weiter zunimmt, auch wenn das Straßenbild in deutschen Großstädten durch die fast einheitlichen, depressiv stimmenden Kleiderfarben Schwarz und Dunkelblau nicht danach aussieht:
Im Grunde wollen wir doch in allem, was wir tun, nur die Grandiosität der Liebe erfahren. Wir wollen ein Liebesfeld aufbauen, ein Netzwerk von Liebe unter uns Menschen, die gleichen und guten Willens sind. Sobald auch nur »zwei« da sind, die sich lieben, entsteht ein Kraftfeld, eine Ausstrahlung, eine Ansteckung von Liebe.
Manche sehen dieses Netzwerk in der Familie, die sie gründen. Andere träumen von einer geistigen, spirituellen Familie. Wo auch immer du dich wiederfindest, liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass du mit deinem Interesse an diesen Fragen wahrscheinlich bereits an diesem erweiterten Liebesfeld mitwirkst.
Weil dieses Thema so anregend ist und auch so viele Fragen aufwirft, laden wir ein zum »Polyamorischen Frühling im Connection-Haus« am letzten April-Wochenende. Mehr dazu findet ihr unter den Veranstaltungshinweisen.
Wir wünschen euch eine anregende Lektüre, vielleicht auch freundschaftlich kontroverse Gespräche, auf jeden Fall aber ein Offen-Sein für die Anliegen eurer Liebsten!
— Franz Lang
Inhaltsverzeichnis
- Editorial
- »Wir wollen’s wissen«. Über den Besuch in einer tantrischen Gemeinschaft, von Pamela Behnke
- »Freischwebend zwischen Himmel und Erde« Bericht von Franz Lang
- Erfahrungen unserer Leserinnen und Leser mit der Liebe zu mehreren
- »Art of being«-Newsletter
- Impressum
2. Wir wollen’s wissen …
Besuch in der Hof- und Lebensgemeinschaft Lübnitz
Polyamorie ist das Thema, das uns nach Lübnitz bei Belzig (Brandenburg) fahren lässt. Wir besuchen die Lebensgemeinschaft um Silvio Wirth, Mara Fricke und Kalinka Villhauer, die auch den Kern des Teams von »Secret of Tantra« bilden. Wir sind sehr neugierig – bepackt mit vagen Vorstellungen über das Zusammenleben in einer polyamorischen Gemeinschaft.
Es kommt alles anders als wir denken…
Wir treffen also ganz normale Menschen, mit zwei Beinen auf dem Boden stehend, was das Ganze sehr angenehm macht. Keine vergeistigten Idealisten, sondern Menschen, die wissen, wovon sie reden, wenn es um Beziehung, Eifersucht, die Sehnsucht nach Bindung und Freiheit geht. Wir erleben die Anstrengungen mit, wenn ein kleines Kind da ist, das auch nachts die Aufmerksamkeit der Eltern fordert; wir spüren etwas von der Sehnsucht der frischgebackenen Mutter nach Geborgenheit und Sicherheit im Familiennest, genauso wie von dem Wunsch, mit der eigenen Lust und Liebe nach außen zu gehen und Erfahrungen und Liebesbeziehungen zu anderen Partnern zu leben.
Es gibt in dieser tantrischen Gemeinschaft diejenigen, die Polyamorie als wertvolle, gewinnbringende Lebensweise erleben, und andere, die mehr mit den diesbezüglichen »Nebenwirkungen« beschäftigt sind. Jeder weiß für sich selbst am Besten, was ihm gut tut, welche Form von Sicherheit notwendig ist, um dem Partner und sich selbst Freiheit zu gewähren und sich auch zu erlauben, Grenzen zu setzen. Es gibt Phasen der Zweisamkeit, Phasen der Öffnung nach außen.
Was ist nun anders als in anderen Beziehungen? Nichts und viel. Allem voran geht das Commitment.
Keine Freiheit ohne festen Boden unter den Füßen; und ein Wissen darüber, was man selber braucht…
Für die Eine gibt es Sicherheit, sich auf innere, vereinbarte Regeln zu verlassen, woraus Treue entsteht; dem Anderen gibt es Sicherheit, die Partner der eigenen Partnerin zu kennen, gut mit ihnen im Kontakt zu sein. Wer glaubt, durch Polyamorie den Themen, die in Zweierbeziehungen auftauchen, aus dem Weg gehen zu können, wird sicherlich recht schnell desillusioniert! Die Themen bringen wir mit, in Mono- oder Polyamorische Beziehungen.
Insgesamt hat mich wirklich beeindruckt, dass eine Intimität und Offenheit von Herz zu Herz spürbar war, von der sich so mancher eine Scheibe abschneiden könnte. Dies wird als wichtiges Gut auch gepflegt, mit regelmäßigen Meetings, die zum einen die Gemeinschaft betreffen, und zum anderen die Herzensangelegenheiten. Ich würde es so bezeichnen: Das Private wird »politisch", bleibt also nicht allein, braucht nicht versteckt werden, sondern bekommt den Raum und die Zeit, die es eben braucht, um sich gesehen, geachtet und geschätzt zu fühlen.
Ich habe bei diesem Besuch nicht bekommen, was ich dachte, nein, viel mehr:
Mal wieder die Bestätigung, dass ich meine Wahrheit in Bezug auf »Poly oder Mono?« nur in mir selber finde, indem ich meine Werte und Bedürfnisse betrachte, und eine Offenheit, mit meinem Partner diese Themen anzusprechen, zu leben und nicht aus der Beziehung auszuschließen.
Ich bin entspannt, als ich nach Hause fahre, berührt, belebt, neugierig, was das Leben mir noch bringen wird.
— Pamela
Pamela Behnke ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Kundaliniyoga-Lehrerin, ausgebildet in Tantramassage, Yoni/Lingammassage und weiteren alternativen Massageformen.
Sie leitet gemeinsam mit vier weiteren Partnern das Zentrum für Lebenslust & Sinnlichkeit »Taste of Touch« mit Angeboten aus dem Bereich Tantra, Massage und Beratung in Bayern und ist tätig in der daran angeschlossenen »Praxis für Ganzheitliche Sexualtherapie« in München.
3. Freischwebend zwischen Himmel und Erde
» … Es kommt alles anders als wir denken«, so beginnt Pamela ihren Bericht aus Lübnitz. Ja, dazu passt zu guter Letzt auch eine etwas unglückliche, peinliche Begebenheit: Unser schönes Interview, das wir an unserem Abreisetag auf Mini-Disc bannen wollten, war durch einen technischen Fehler gar nicht aufgenommen worden, was wir aber erst zu Hause entdeckten! So haben wir jetzt die nette Aufgabe, das, was uns als wesentlichste Aussagen der Befragten erschien und im Gedächtnis hängen blieb, so getreu wie möglich wiederzugeben. Ich will’s versuchen.
Wir, das sind Pamela, Rita und ich, wurden ja sehr freundlich und offen aufgenommen und durften ein Wochenende lang bleiben, um Eindrücke aus dem Gemeinschaftsleben zu sammeln. Wir erlebten den Alltag in der Küche genau so wie die aktuellen familiären Krisensituationen. Wir fragten, was zu fragen war und erhielten offene Antworten. So war eine Atmosphäre von Ehrlichkeit gegeben, die wir sehr schätzten. Dafür sagen wir den Gastgebern herzlichen Dank!
Am Interview waren beteiligt: Kalinka, Silvio, Mara, Pamela, Rita und ich.
Es begann damit, dass wir über den gegenwärtigen Stand der Liebesgemeinschaft sprachen. Kalinka lebt mit Max und ihren Kindern in einer eigenen »Familie« und Wohnung. Sie baut mit einem anderen Mann in der Gemeinschaft gerade auch eine Liebesbeziehung auf, und Max hat schon seit Jahren eine Liebschaft zu einer der Kommunardinnen. Silvio lebt mit Mara und ihren Kindern in einer eigenen Wohnung. Silvio ist Vater zweier Kinder, eines lebt bei Kalinka, eines bei Mara und ihm in der Wohnung. Diese zwei Wohnungen bilden eine Wohngemeinschaft. Die anderen Gemeinschaftsmitglieder leben in zwei verschiedenen Gebäuden des Hofguts. Von einer Frau in der Gemeinschaft wurde erzählt, dass sie glücklich und ohne festen Partner durchaus regelmäßig polyamorische Kontakte innerhalb (oder auch außerhalb) der Gemeinschaft pflegt.
Nicht alle Mitglieder sind mit einem tantrischen oder einem polyamorischen Lebensstil vertraut. Etwa ein Drittel von ihnen nimmt an regelmäßigen Tantraabenden teil. Innerhalb dieser Gruppe sei eine wachsende Offenheit zu spüren. Liebeserotische Rituale und Massagen finden darinnen Platz und in diesem vertraulichen Raum geschieht am ehesten das, was man einen polyamorischen Austausch nennen könnte. Mara gab zu verstehen, dass sie es schätzt, wenn ihre Verbindung mit Silvio gegenwärtig geschützt und monogam bleibt, während sie sich im geschlossenen Raum der Tantragruppe sehr wohl auf andere erotische Begegnungen einlassen kann. Silvio erlebten wir, ebenso wie Kalinka, mehr mit seiner vorwärts treibenden Kraft, die auch wieder an frühere Zeiten anknüpfen möchte, als der Lebensstil noch etwas wilder, jugendlicher und experimenteller war. Damals gab es noch das Noyana-Netzwerk
, eine Art Jugendbewegung innerhalb der Idee des ZEGG
(Belzig) und von Tamera
(Portugal). Obwohl Silvio augenzwinkernd von »Jugendsünden« spricht, die man sich damals noch leisten konnte, war ein Aufflackern von Begeisterung in den Antlitzen der Befragten unübersehbar. Was war es denn, was einen damals so befeuerte?
Kalinka sprach freimütig von den Liebesorgien, die tatsächlich ein Feld von ekstatischer Verbundenheit erzeugten, einen großen und befreienden inneren Raum.
Silvio legte Wert darauf zu unterscheiden, was einerseits das Institut »Secret of Tantra« repräsentiert (darüber ist auf der Webseite www.secret-of-tantra
einiges zu finden) und was andererseits das aus seiner Sicht etwas periphere Leben der Hofgemeinschaft Lübnitz betrifft. Auch wäre die Vergangenheit von Noyana nicht unbedingt das, was heute in seinem tantrischen Institut gelebt und angeboten würde.
Wenn Mara erzählte, dass die Begegnung mit dem Tantrameister Makaja und die Teilnahme an seiner Tantragruppe in Kroatien für sie ein gutes Maß an Beruhigung und Vertrauen in den polyamorischen Lebensstil mit sich gebracht hätte, war zu erleben, dass die junge Gemeinschaft in Lübnitz sehr wohl ihre spirituellen Wurzeln hat. Die Verbundenheit mit Vorbildern, Meistern und spirituellen Schulen vermag durchaus ein Gefühl von »moralischem« Beistand zu erzeugen. Silvio spricht gern von seinen Begleitern und Wegbereitern Andro, Samuel Widmer, Makaja, Edgar Hofer oder vom Vajrayana-Buddhismus und von einer indischen Yogaschule. Das Erfrischende daran ist, dass er bei aller Bewunderung auch ein gesundes Maß an kritischer und humorvoller Distanz zu seinen Helfern und Wegbereitern wahren kann. Kalinka bezeichnet sich als Hexe und fühlt sich wohl auch stark von der schamanischen Spiritualität inspiriert. Bei Mara spüre ich die große Kraft ihrer Innerlichkeit, der Schulung durch die Meditation und ihr wunderbares künstlerisches Wesen.
Natürlich geht in der gegenwärtigen Phase der Liebesgemeinschaft viel Energie in die Kinderbetreuung, den »Familienzusammenhalt« und andere Aufgaben der Elternschaft und des praktischen Zusammenlebens. Man spürt aber bei allen Beteiligten bereits ein Sehnen nach dem Wieder-Freiwerden jener Kräfte, die vor kurzem noch nicht so gebunden waren (zwei der Kinder sind zwei Jahre alt!): Einerseits nach einer Öffnung zu mehr liebeserotischen und sexuellen Kontakten, andererseits auch nach einer Vertiefung des meditativen Lebens und der gewachsenen Zweierbeziehungen.
Zu meiner Überraschung entdeckte ich bei einem Spaziergang im Gelände ein Baumhaus, das mit Seilen befestigt zwischen einigen Bäumen frei in der Luft schwebt. Ob das wohl ein Liebesnest wäre, fragte ich. Und ich bekam die Einladung, doch mal selber für einige Tage oder eine Nacht dieses wild-romantische Bauwerk zu mieten. Ich überlege, diese Chance mal zu nutzen, zwischen Himmel und Erde schwebend Liebe zu machen. Keine schlechte Aussicht! Wenn es euch, liebe Leserinnen und Leser dieser Zeilen, auch anmacht, dann nehmt ruhig Kontakt auf zu Silvio, Mara oder Kalinka, und sie machen euch gewiss einen ganz besonderen Liebesurlaub möglich!
— Franz
Franz Lang ist Erziehungs- und Paarberater und Spiele-Leiter. Er leitete tantrische Jahresgruppen, schreibt an Büchern. Erhältlich über www.spiel-freunde.de
sind: »Liebe, Sex und die Wahrheit« und »Ein Enneagramm der Liebe – Die Königin, die Hure und der Krieger« Persönliche Rückmeldungen (E-Mail an Franz Lang)
4. Erfahrungen unserer Leserinnen und Leser mit der Liebe zu mehreren
Leider hat Bernd (wie wir ihn hier nennen wollen), kurz nachdem er uns seinen Brief zur Veröffentlichung freigegeben hatte, diesen wieder zurückgenommen. Schade, Bernd, aber wir können es verstehen: Allzu sehr musst du noch die Anfeindungen aus deiner Umgebung fürchten, oder die versteckten Vorurteile … Zwei Sätze allerdings wollen wir daraus nehmen. Sie sprechen für einen Wunsch, den viele haben, oder auch für eine eigene Erfahrung, die nur wenige kennen:
Frühstück zu dritt
… »Ein Frühstück zu dritt« wäre immer noch mein begehrtestes Ziel. Hin und wieder hat es sich ereignet, dass eine Freundin in unser Haus kam, mit mir die Nacht verbrachte und sich am Morgen beim Frühstück bei meiner Frau dafür bedankte. Alle diese Begegnungen waren angstfrei, machtfrei und eifersuchtsfrei. An Transparenz hat es nie gefehlt … — Bernd
Die Fähigkeit, mehrere Menschen lieben zu können, ist ein Geschenk
Schon seit ich denken kann, fühle ich »polyamorisch« oder wie man das nennen will. Ich habe immer viel zu viele Menschen wunderbar und liebenswert gefunden, als dass ich hätte sagen können: »Nur der ist es, der hat es / mich verdient …« – im Gegenteil, Monogamie kam mir irgendwie immer unnatürlich und auch ungerecht vor; wenn ich jetzt hier und heute jemandem etwas Liebevolles tun kann – und für viele Menschen ist das nun mal gerade auf der körperlichen – sexuellen Ebene der direkteste Zugang – warum soll ich es nicht tun? Daraus muss noch kein gemeinsames Wohnen oder Lebensplanung folgen …
Aber wichtig war mir immer, dass es eine wirkliche menschliche Ebene des Miteinander gibt – und oft auch eine Verlässlichkeit und Dauer. Wen ich liebe, den will ich eben auch nicht einfach wieder verlieren, ich möchte im Kontakt bleiben, seinen Entwicklungsweg mitbekommen, mich austauschen, ihn immer besser kennenlernen – eben alles das, was ein One-Night-Stand im klassischen Sinne nicht ist.
Ich muss Ihnen nicht sagen, dass daraus etliche Schwierigkeiten für mein Beziehungsleben folgten: Meine Schwierigkeit, mich auf einen einzigen Mann festzulegen, führte zu Unverständnis, Vorwürfen, üblen Eifersuchtsszenen, zu Beziehungsabbrüchen bzw. Trennungsversuchen des / der Partner, zu Schwierigkeiten, das Ganze nach außen hin zu vertreten (Wen bezeichne ich jetzt offiziell als »meinen Freund«?)
Gesellschaftlich verträglich ist es nicht; also verschweigt frau es lieber in der Öffentlichkeit. Irgendwann hatte ich auch das Gefühl, dass es pathologisch sein könnte – habe mehrere Therapien gemacht, die zwar viel Erhellendes brachten, aber kein grundsätzlich anderes Empfinden. Zeitlich und kräftemäßig kam ich allerdings an Grenzen, denn es ist schwer, wirklich mehreren Menschen im Alltag gerecht zu werden. Und ehrlicherweise muss ich auch hinzufügen: Trotz meiner Einstellung bin ich nicht frei von Eifersucht und Verlustangst …
Eine Zeitlang war ich mit einem Mann zusammen, der »freie Liebe« nicht prinzipiell verwerflich fand. Aber manchmal hatte ich das Gefühl, für ihn war es eine ganz gute Ausrede, seine Unfähigkeit, mir emotional näher zu sein, zu kompensieren …
Ich bin mit dem Thema noch nicht fertig. Ich denke noch immer: Prinzipiell ist die Fähigkeit, mehrere Menschen lieben zu können (und dabei geht es nicht in erster Linie um Sex) eine Gabe, ein Geschenk. Andererseits ist der Wunsch nach Ausschließlichkeit, Verlässlichkeit, Sicherheit auch sehr berechtigt. Nur Menschen, die sich wirklich vertrauen, können auf Dauer so etwas leben. Nur, die Realität ist eine andere: Geprägt von Konventionen, Misstrauen, Unverständnis, Angst, dass jeder jederzeit gehen kann.
Was bleibt? In eine Kommune ziehen? Dazu fühle ich mich momentan (noch?) nicht berufen. Aber es ist in jedem Fall gut, von anderen Menschen zu hören, die ähnlich Erfahrungen machen, sich nicht ganz so allein zu fühlen mit diesem offenbar so ungewöhnlichen – oder unerlaubten – Empfinden …
Daher Danke, dass Sie das Thema aufgegriffen haben! — Cosima
Das Leben ist schon kompliziert genug
Polyamorie ist doch nur ein Konzept. Menschen, die von einer sexuellen Unruhe geplagt sind, halten Ausschau nach potenziellen Sexpartnern und nennen das Polyamorie. Ziemlich lächerlich. Würden sie einfach zugeben, dass sie ständig geil sind, käme das besser. Ich finde, dass die Romanze einer Zweierbeziehung unübertrefflich ist. Was kann schöner sein, als mit deinem Liebsten allein am Strand zu sitzen und den Sonnenuntergang zu sehen, oder im Kino im Dunkeln aneinander zu kuscheln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit jemand anderem als mit meinem Liebsten so was machen würde. Oder in Urlaub fahren. Ich kann mich nicht aufteilen auf zwei oder mehrere Geliebte. Was soll denn das Schöne daran sein? Welchen Gewinn hätte ich für meine Liebe? Es wird immer jemand leiden bei diesen Formen der unverbindlichen Liebe. Meinetwegen finden manche auch zu einer Art von Verbindlichkeit. Aber weh tun wird es immer. Und das will ich einfach vermeiden. Das Leben ist schon kompliziert genug. Ich möchte nicht auch noch mein Liebesleben unnötig kompliziert machen. — Tina.
Monogamie ist eine Qualitätsfrage - Poly ist besser als nichts
Für mich ist das Thema Polyamorie normal.
Ich habe drei Liebhaber, einen seit 7 Jahren, einen seit 6 Jahren, einen seit 5 Jahren. Alle haben feste Partnerinnen.
Der zweite und dritte waren single, als ich sie kennenlernte. Es war schnell klar, dass wir nichts zusammen aufbauen. Ich schätze sehr die langjährige Bekanntheit und das Wachstum zwischen uns, ebenso die Vertrautheit. Mit dem zweiten, Angelo, bin ich im intensivsten Austausch. Wir verbringen am meisten Zeit zusammen und tauschen viel aus.
Da diese Drei »nur« Liebhaber sind, suche ich immer wieder meinen nächsten FESTEN Lebenspartner. Wenn ich jemand kennenlerne, der’s sein könnte, dann warten die Drei, ob ich wiederkomme oder nicht. Die Drei wissen nichts voneinander, außer, dass ich ihnen nicht »treu« bin. Der zweite weiß etwas mehr über mein Liebesleben, fragt aber nicht und ich erzähle auch keine Details.
Vielleicht ist es nur eine Definitionsfrage, warum so wenige über Polyamorie schreiben wollen? Seitensprung, Geliebte, die 2. Frau, 3. Frau, Lover, Hausfreund … das sind doch víel familiärere Begriffe. Im Grunde ist doch Polyamorie die normale Liebesform von Leuten, die kommunikationsfähig sind, Sex wollen und brauchen, aber halt single sind. Hm, na ja, ich habe auch gehört, dass manche im Single-Leben nur One-Night-Stands bauen. Dafür habe ich keinen Sinn. Wie können die in einer Nacht auf Qualität kommen, sich gegenseitig Wünsche erfüllen, Spaß haben?
Ich mag Vertrautheit, Kennenlernen und Sich-Auseinandersetzen. Dafür tue ich auch einiges, reiß mich zusammen oder stelle mich den veränderten Situationen. Ich mag das: Mich innerlich verbunden fühlen mit meinen Liebhabern und ihre Leben miterleben und mich mit ihnen austauschen können. Meist ist für richtig gute Sinnlichkeit einige Male nötig, und dann kann es ja immer besser oder mal anders werden. Zwei meiner drei Liebhaber sind 6, 7 Jahre jünger, das regt mich an; die fordern mich.
Ich habe einen Liebling, Angelo. Da dieser zu wenig Sex will, brauche ich andere. Sonst wäre ich auch mit einem zufrieden. Ich schätze, dass es für mich besser ist, mehrere zu haben, damit ich offen bleibe, sonst würde ich ja gar nicht mehr nach dem RICHTIGEN Partner suchen. So fehlt mir doch immer sehr viel und ich habe genug Leidensdruck, um aktiv und interessiert zu bleiben. Ich lerne auch immer wieder jemand kennen. Es ist eben lebensnotwendig für mich, jemanden zu haben, der mein Leben »teilt« und mit dem ich über die Jahre verbunden bin und viel miterlebe. Außerdem brauche ich Sinnlichkeit und Sex und Spaß. Also bin ich eine glückliche Single und das ist schön. Außer dass ich eben nach wie vor allein bin. Ich habe ganz normale Sehnsucht nach einem richtigen Partner, bloß leide ich nicht oder werde unrealistisch oder komisch oder bitter! Ich lebe schon mal - so oder so. Angelo hat schon öfter gesagt, dass er eine andere Frau finden müsste, wenn er mich nicht hätte, und das sei wohl sehr schwer, da die meisten Frauen fordern, klammern und kämpfen und einfach viel zu kompliziert seien.
Ob meine drei Liebhaber Angst haben vor dem Moment, wenn ich den richtigen Partner finde, weil sie vielleicht dann das Ende unserer Liebesbeziehung erahnen?
Sie warten dann und wünschen mir alles Gute. Von Dezember 2005 bis Februar 2007 hatte ich jemanden. Das war ein herrliches Jahr! Mit ihm habe ich noch Kontakt (nichts Sinnliches mehr, er hat eine Neue). Angelo hatte eine harte Zeit und viel um mich geworben. Er hat gelitten, obwohl er eine Partnerin zu Hause hat! Dem Freund habe ich von Angelo erzählt, sonst hätte ich ihm nicht treu sein können.
Rene hat sich gefreut. Miguel riet mir ab.Ich bin bereit, monogam zu leben. Ich finde es viel besser, es ist für mich eine Qualitätsfrage, eine Entscheidung. Mir liegt viel an dieser Qualität. Mir sind die Täler es wert, um die Höhen gemeinsam zu erleben. Poly-dings ist nur seichtes Wassser dagegen! Aber viel besser als nichts, als kein Sex, keine Begleitung durchs Leben …
Um mit dem anderen Geschlecht langfristig glücklich zu sein, gehören viel viel viel Verzeihen und viel Entgegenkommen dazu. Viel ist zu lernen, um immer verantwortlich zu bleiben, für sich und seine Gefühle …
Wer weiß, was kommt. Vielleicht wird mein nächster Partner ein Kompromiss, ein Deal, eine Verhandlung. Dann ist Polyamorie nötig, weil es uns am Leben erhält, schlichtwegs. Aus Langeweile macht keiner so was, denke ich. Wir leben, überleben und stellen uns unseren Bedürfnissen. Wir sind für andere da UND genießen es.
Ich habe schon bald während meines polyamorischen Lebens begonnen, darüber (diskret) zu reden. Alle wissen, dass ich eine glückliche Single bin. Ich muss nicht bemitleidet werden und stelle keine Bedrohung für verheiratete Frauen dar. Ich habe ein Leben, das es wert ist, und ich kann friedlich auf einen Partner »warten«. Dadurch dass ich zu meinem Lebensstil stehe, was wirklich anfangs äußerst anstrengend war und eine heftige Überwindung, höre ich ähnliche Geschichten von anderen Frauen. Manche Männer machen mir daraufhin Angebote oder Aufforderungen. Denen sage ich das, wie ichs fühle. Es sind immerhin LIEB-Haber. Keine Sex-Dienste. Wir gehen auch wandern, schwimmen, essen, in die Sauna, ins Kino, schreiben uns die Finger wund am PC mit Mails, telefonieren und besuchen mal eine Veranstaltung gemeinsam und streiten uns auch. Wir reden über unsere Arbeit, was ich sehr wichtig finde und anregend. Ich frage auch um Rat.
Neulich hörte ich eine Moral-Predigt von meiner Schwester, die meinte, ob ich das den Frauen meiner Liebhaber antun könne. Das hat mich wieder mal erschüttert. Ich bin so immer wieder am Zweifeln. Allerdings kann ich gut mit der Offenheit umgehen und das Outen war und ist immer wieder sehr spannend. Mich hat keiner ausgestoßen oder endgültig verurteilt. Im Gegenteil, manchmal würden sie sich auch so was trauen wollen! Es wird offensichtlich Spaß und Unverfänglichkeit vermisst. — Laura
Ein Schauer grausamer Untreue
Ich liebe Birgit. Meine tiefe Zuneigung zu ihr, unsere lebendige Sexualität und unser inniges Gefühl von Verbundenheit sind so erfüllend, dass weder eine Vorstellung noch ein Wunsch in mir auftauchen, eine andere Frau sexuell zu lieben. Würde ich mich in eine solche Vorstellung mutwillig hinein fallen lassen, was ich einmal versucht habe, würde es mir einen Schauer von grausamer Untreue den Rücken hinunter jagen. Es erschiene mir außerdem völlig sinnlos. Ich würde das Wertvollste in meinem Leben, die Liebe zu Birgit, die mich vollkommen ausfüllt, leichtfertig aufs Spiel setzen. Ich bin glücklich mit ihr. Natürlich gehen wir manchmal auch schwerere Prozesse durch. Wir lösen unsere Konflikte, indem wir alles ansprechen. Einmal mussten wir uns auch professionelle Hilfe holen, aber das hat unsere Verbundenheit nur noch schöner und inniger gemacht. Wir gehen den Weg zusammen, da sind wir uns beide sicher. Bald wollen wir heiraten. Für mich klingt der Begriff Polyamorie wie ein Nichtzulassen oder ein Nichterkennen des Tiefsten im Leben, das ein Mensch erfahren kann: der einzigartigen Liebe von einem Mann und einer Frau. Ja, ich kenne die Argumente der Befürworter der Polyamorie. Sie scheinen mir alle wie verzweifelte Versuche, ihre Angst vor der Tiefe der Liebe zu verbergen. — Piet
5. Ein freundschaftlicher Hinweis
Unsere langjährige Verbundenheit mit der Tantraschule »Art of being« und ihrem Lehrer Saleem Matthias Rieck macht uns immer wieder neugierig, was es dort an Entwicklung gibt und an neuen Angeboten. Aus diesem Grund empfehlen wir euch, einen Blick auf die Webseite www.art-of-being.de
zu werfen oder auch in den Newsletter, den Saleem verschickt. Wer ihn einmal probelesen oder kostenlos abonnieren will, schreibt eine E-Mail an Art of Being.
Eine Ankündigung:
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6. Impressum
Copyright Webmagazin und Newsletter: © 2008 by Connection AG, D-84494 Niedertaufkirchen. Alle Rechte vorbehalten. V.i.S.d.P.: Wolf Schneider. Redaktion dieser Ausgabe: Wolf Schneider, Franz Lang und Pamela Behnke. Wir freuen uns über die Einsendung von Texten und Bildern, können diese aber leider nicht honorieren.






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